1. Lebenswege
16 Jahre waren seitdem vergangen. Angel war, nachdem sie von ihrem Vater unabsichtlich in der Menschenwelt alleine gelassen wurde, zuerst in einer Seitenstraße aufgetaucht. Es war Nacht gewesen und furchtbar kalt. Angel fror und hatte begonnen zu schreien. Wie es der Zufall so wollte, war ein Kinderheim mit einer Babystation in der Nähe, und die Mitarbeiterinnen hörten das Babygeschrei und eilten in die Nacht hinaus, um dem Geräusch nachzugehen.
Angel wurde gefunden und eiligst in die Obhut der dafür vorgesehenen Abteilung gebracht. Jeder von ihnen fragte sich, wie das arme Geschöpf dort wohl hingeraten war, und wer so etwas grauenhaftes tun konnte, ein kleines Mädchen einfach so bei Nacht und in der Kälte auszusetzen…
Angel wurde versorgt und zuerst wurde nach eventuellen Spuren gesucht, um die Eltern ausfindig zu machen, was natürlich erfolglos war.
Nach einiger Zeit wurde die Suche aufgegeben und da sich niemand bei dem Kinderheim, beziehungsweise in der Babystation meldete, wurde das Mädchen schließlich zur Adoption freigegeben. Die Frauen dort hatten sie “Angelina” getauft, da sie schon zu Beginn festgestellt hatten, dass die Kleine wie ein Engel aussah.
In dem Kinderheim gab es einmal im Monat einen Besuchstag, in dem sowohl die Kinderstation - die in verschiedene Altersgruppen ab einem Jahr unterteilt war - als auch die Babystation für Besucher geöffnet wurde.
Natürlich war die Babystation meistens überfüllt, während die Kinderstation, in der alle Kinder zwischen einem und 13 Jahren untergebracht waren, nicht ganz so viel Anklang fand.
Auch dieses Mal war dies so und es gab ein Pärchen, das ganz verzückt vor Angels - beziehungsweise Angelinas - Bett stand und ihre Augen gar nicht mehr von ihr lösen konnten.
Grace und John Harding hatten sich von einem Augenblick zum anderen in dieses Mädchen verliebt. Sie wussten selbst nicht wieso, und sie hatten es sich um einiges schwieriger vorgestellt, sich für ein Kind zu entscheiden. Vor allem Grace hatte es sich nicht leicht gemacht, sich überhaupt dazu zu entscheiden, ein Kind zu adoptieren. Sie hatten vor nicht allzu langer Zeit ihr eigenes verloren, und Grace konnte nicht mehr schwanger werden. Der Verlust war noch zu groß, und eigentlich wollte sie die Adoption zuerst überhaupt nicht, doch ihr Mann hatte sie schließlich dazu überredet, wenigstens einmal dieses Heim, von dem sie schon sehr viel Gutes gehört und gelesen hatten, zu besuchen und sich umzuschauen.
Schließlich hatte Grace sich dazu überreden lassen, und nun standen sie vor dem Bett, in dem dieses kleine, wunderschöne, süße Geschöpf lag und konnten sich beide nicht an ihr satt sehen. Sie wussten sofort, dass sie es sein sollte. Und mit dem Namen, den die Schwestern ihr gegeben hatten, waren sie auch vollständig einverstanden. Er passte zu ihr.
Langsam und behutsam nahm eines der Schwestern Angelina aus dem Bettchen und legte sie Grace Harding auf den Arm. Die anfängliche Skepsis war wie weggefegt und auch Angelina schien ihre neue Mutter zu akzeptieren, denn es kam ein wohliger Seufzer aus ihrem Mund. Die Adoption wurde besiegelt und so nahmen die nächsten Jahre ihren Lauf…
Die nächsten 16 Jahre vergingen, in denen Angel - alias Angelina - eine wunderschöne Zeit verlebte. Ihre Eltern zogen sie als ihre eigene Tochter auf und Angelina hatte keine Ahnung, dass sie nicht die Tochter der Hardings war, beziehungsweise eigentlich aus einer völlig anderen Welt kam. Nun ja, das mit der anderen Welt wussten ja nicht einmal ihre Eltern, aber sie ließen sie in dem Glauben, ihre Tochter zu sein, denn für sie gab es keinen Grund, ihr etwas anderes zu erzählen. Für sie war Angelina ihre Tochter und würde es immer bleiben. Dass bald etwas geschehen sollte, womit sich die Prophezeiung und damit Angels Schicksal erfüllen sollte, wusste keiner von ihnen - noch nicht…
Dann jährte sich Angelinas Geburtstag. Die Schwestern im Heim hatten den Tag genommen, an dem sie das Baby gefunden hatten; ohne genau zu wissen, dass dieser Tag tatsächlich der Tag ihrer Geburt gewesen war.
Nun war es also soweit und Angelina freute sich darauf, denn ihr Geburtstag wurde im Hause Harding mehr als würdig gefeiert. Wie es der glückliche Zufall so wollte, fiel der Tag wunderbarer Weise auf einen Samstag und sie brauchte nicht zur Schule zu gehen. Nicht, dass sie ungern zur Schule ging; sie war eigentlich sehr gut und hatte in der Regel keine Schwierigkeiten, ohne ein “Streber” zu sein, aber es war doch schön, an ihrem Geburtstag frei zu haben.
Am Morgen konnte sie es kaum abwarten bis ihre Eltern ihr die Geschenke überreichten. Natürlich war Angelina bereits vor ihren Eltern wach und hätte am Liebsten wie früher, als sie noch klein war, bei ihnen vorm Bett gestanden und sie so lange angestarrt, bis diese ihr nicht mehr vorspielen konnten, noch zu schlafen und schließlich aufstehen mussten. Aber sie wusste, dass sie dazu zu alt war. Also musste sie sich gedulden, bis schließlich ihr Vater und ihre Mutter gemeinsam in ihr Zimmer kamen um ihr zu gratulieren.
Freudestrahlend sprang Angel aus dem Bett und sie umarmten sich; dann machte sie sich daran, die überreichten Geschenke auszupacken.
Es waren viele schöne Sachen dabei: Ein Bettelarmband voller Anhänger, das man noch vervollständigen konnte, Ein Album mit Bildern aus ihrer Kindheit und Jugend, das ihre Mutter zusammen gestellt hatte und noch einiges mehr.
Und schließlich packte Angelina ein Buch aus, das einen wunderschönen Einband besaß. Es war aus verschnörkeltem Leder, Angelina Finger fuhren darüber. Sie wusste nicht wieso, aber ein Schauer rieselte ihren Rücken herunter.
Aber es war ein angenehmes Gefühl und sie besah sich den Einband genauer: Das Leder war tief in das Buch eingraviert und teilweise versank es geradewegs im Buch. Es fühlte sich weich an, obwohl es Leder war, und Angelina war so vertieft darin, sich um den Einband zu kümmern, dass sie erst aus den Gedanken gerissen wurde, als sie die Stimme ihrer Mutter hörte, die ihr sagte: “Liebling, möchtest du es nicht einmal öffnen?” Angelina riss sich zusammen - sie wusste selbst nicht, weshalb dieses Lederband sie so faszinierte. Es war schön, ja, aber so schön, dass sie es nicht mehr los ließ… Nun ja, langsam öffnete sie das Buch und bemerkte, dass gar nichts drin stand, abgesehen von einer Gravur in der ersten Seite, ganz links, in der wunderschönen, verschnörkelten Schrift ihrer Mutter geschrieben: “Liebling, dies ist dein erstes richtiges Tagebuch. Ich hoffe, dort kommen nur wunderschöne Erlebnisse hinein, doch sollte es einmal anders sein, so möge es dir helfen, auch durch die Regentage zu schwimmen. Deine Eltern, die immer für dich da sein werden.”
Was Angelina jetzt erst auffiel war, dass das Buch einen Verschluss hatte und als nächstes gab ihre Mutter ihr einen kleinen Schlüssel. Angelina war überwältigt. Sie hatte nicht damit gerechnet ein eigenen Tagebuch zu erhalten und noch dazu so ein wunderschönes. Die meisten Tagebücher, die sie bereits gesehen hatte, waren eher langweilig und öde gewesen. Woher hatten ihre Eltern diesen Schatz?
Doch das war nicht wichtig, wichtig war, dass sie es wunderschön fand und sicherlich auch gut gebrauchen konnte. Ja, sie würde garantiert genug Möglichkeiten finden, dort Sachen hinein zu schreiben. Angelina lächelte und umarmte ihre Eltern. Sie war dankbar so wunderbare Geschenke erhalten zu haben und das erste, was sie tat war, sich das Armband anzuziehen. Dann wollte sie sich fertigmachen, denn nach dem gemeinsamen, ausgiebigen Frühstück mit ihren Eltern wollten sie zusammen einen Ausflug machen.
Und später dann, am Abend würde sie zusammen mit ihren besten Freundinnen das erst Mal in eine Disko gehen. Jetzt konnte sie es, denn sie war 16!
Ja, sie freute sich darauf und der Tag wurde genauso schön, wie sie ihn sich vorgestellt hatte, doch weder sie noch ihre Eltern ahnten, dass es einer der letzten Tage sein würde, an denen sie zusammen sein würden - jedenfalls für eine sehr, sehr lange Zeit…
Angelina hatte ihr Tagebuch in ihrem Zimmer auf ihre Kommode verstaut und war, zusammen mit ihren Eltern, aus dem Haus gegangen. Schließlich war der wunderschöne Tag vorbei. Sie hatte zuerst einen grandiosen Ausflug mit ihren Eltern gemacht und danach war es in eine Diskothek gegangen, ganz in ihrer Nähe. Sie hatte ihren Eltern versprochen nicht allzu spät wieder zu kommen und sie hielt sich an ihr Versprechen. Kurz nach 12 Uhr Nachts war sie wieder zu Hause und obwohl es ihr sehr leid tat, die Diskothek zu verlassen, dachte sie nicht mal daran, ihre Eltern zu enttäuschen. Nein, sie war zuverlässig, was das anging, und ihre Eltern vertrauten ihr.
Am nächsten Tag nahm sie als erstes das Tagebuch in die Hand. Sie hatte es nicht verschlossen, denn sie vertraute ihren Eltern ebenfalls, und war davon überzeugt, dass diese sich niemals daran vergreifen würden. Für den Notfall hielt sie sich die Option offen, es zu verschließen, aber momentan brauchte sie dies noch nicht.
Angelina hatte vor, als ersten Eintrag ihre Erlebnisse des gestrigen Tages und der Nacht einzutragen. Doch zuerst blieb sie wieder an dem Einband hängen und ihr Finger fuhr erneut die Einkerbungen herab. Was faszinierte sie nur so sehr daran? Sie wusste es nicht, und dennoch schien dieses Leder irgend eine Anziehungskraft auf sie auszuüben…
Dann riss sie sich zusammen und öffnete erneut die erste Seite. Sie las noch einmal den Eintrag ihrer Mutter und lächelte, dann nahm sie einen Stift und wollte gerade anfangen zu schreiben, als sie plötzlich erstarrte.
Sie wusste nicht, wie ihr geschah: Vor ihr auf dem leeren Blatt, auf dem sie gerade beginnen wollte zu schreiben, bildeten sich wie von Geisterhand und ganz von alleine Wörter. Angelina presste die Augen zusammen. Das war Einbildung! Das konnte nicht sein! Was zum Teufel geschah hier? Dann öffnete sie die Augen langsam wieder, doch entgegen ihrer Erwartung, hatte sich nichts geändert. Die Worte waren nicht verschwunden, im Gegenteil, es hatten sich ganze Sätze gebildet!
Angelina starrte fassungslos darauf und begann dann zu lesen, was dort geschrieben stand: “Angel, du bist das Kind der alten Prophezeiung, geboren um Alisaria zu retten! Begib dich auf die Reise um deine Schwester zu treffen und mit ihr zusammen die alte Ordnung wieder herzustellen. Es ist deine Bestimmung und die deiner Schwester. Möge das Schicksal mit euch sein”
Entgeistert starrte Angelina immer noch auf die Worte, die ihr entgegen blinkten. Sie las, was dort geschrieben stand, aber sie registrierte es zuerst nicht. Langsam drangen die Worte in ihr Gehirn, doch sie verstand einfach nicht, was das sollte. Was meinte dieses Buch damit? Wie kam es überhaupt dazu, dass einfach so Wörter entstanden? Sie hatte das nicht geschrieben, wie kamen diese Wörter dort hinein?
Und dann besah sie sich den Inhalt noch einmal genauer: Was sollte das bedeuten, eine Prophezeiung? Was war das für ein Schwachsinn? Und dann die Schreibweise ihres Namens.. “Angel” - sie hieß Angelina! Gut, ihre beste Freundin nannte sie ab und an “Angel”, aber das war ein Spitzname, beziehungsweise eine Abkürzung.. Woher kannte dieses Buch das? War das ein Joke? Aber das Buch hatten ihre Eltern ihr geschenkt, die machten solche Witze nicht…
Angelina hatte einmal kurz darüber nachgedacht, ob ihre beste Freundin Taliya, die natürlich in der Schule auch neben ihr saß und gestern bei ihrem Geburtstag dabei gewesen war, ihr Geschenk eventuell gesehen haben könnte und dann etwas mit unsichtbarer Tinte geschrieben haben könnte um sie herein zu legen. Sie wusste, dass Taliya durchaus zu solchen “Jokes” fähig sein könnte, dennoch wusste sie aber auch, dass sie sich niemals an ihrem Tagebuch vergreifen würde. Nein, Angelina wusste instinktiv, dass Taliya in diesem Fall unschuldig war…
Doch wer war es dann - und was sollten diese Worte bedeuten? “Prophezeiung”, die Schreibweise ihres Namens, dann “Alisaria” - was oder wer war Alisaria und wieso musste sie es oder ihn retten??
Und dann entdeckte sie noch etwas: Das Buch schrieb etwas über eine Schwester? Sie hatte keine Schwester. Sie war ein Einzelkind, schon immer gewesen. Wie kam dieses Buch darauf, ihr eine Schwester anzuhängen??
Nach einigen Minuten, in denen sie nur noch auf die Buchstaben vor sich gestarrt hatte, schloss Angelina das Buch schließlich. Es war verrückt! Sie war verrückt. Wieso glaubte sie so einen Unsinn! Nach einigen Sekunden, in denen sie hin- und herüberlegte, öffnete sie dennoch erneut den Buchdeckel - doch die Wörter waren nicht verschwunden. Sie konnte sie immer noch lesen. Erneut klappte Angelina das Buch zu und warf es in eine Ecke. Sie hatte sich so über das Geschenk gefreut, doch nun wusste sie nicht mehr, ob sie sich noch freuen sollte. Etwas war daran nicht in Ordnung. Etwas stimmte hier nicht und sie wusste nicht, was sie als nächstes tun sollte. Sollte sie mit ihren Eltern darüber reden?
Eigentlich war ihr klar, was diese dann denken würden. Vermutlich, dass sie das selbst geschrieben hatte und sich etwas zurecht gedacht hatte. Sie hatte schon immer einen recht ausgeprägten Sinn für Phantasie gehabt und in der Regel tolerierten ihre Eltern das, aber in diesem Fall ahnte Angelina, dass dies zu viel für sie sein würde…
Nein, sie würde ihnen die Eintragung nicht zeigen; aber trotzdem gingen ihr einfach nicht die Worte aus dem Kopf; auch, wenn sie das Buch nicht mehr vor sich hatte; dennoch, sie hatte keine Schwester! Wie kam dieses Buch dazu, ihr etwas von einer Schwester zu erzählen?? Auf der einen Seite hielt sie die Eintragung für Schwachsinn, auf der anderen Seite gingen ihr die Gedanken und Fragen einfach nicht mehr aus dem Kopf. Was oder wer war Alisaria, von was handelte diese Prophezeiung? Und wieso nannte das Buch sie “Angel”?
Je länger Angelina darüber nachgrübelte, desto nervöser und ungeduldiger wurde sie. Schließlich kam sie zu einer Entscheidung: Sie überlegte, wo man am besten etwas über alte Mythen, Fabeln und gegebenenfalls auch Prophezeiungen lesen konnte? Jawohl, in einer Bücherei.
Und es gab in der Nähe eine, die auch Sonntags geöffnet hatte. Also machte sich Angelina auf den Weg dorthin, ohne eigentlich genau zu wissen, wonach sie suchte. Dennoch schien es beinahe so, als ob sie etwas dorthin ziehen würde…
Zur gleichen Zeit in der Schattenwelt: Natürlich hatte auch Ava am gleichen Tag Geburtstag. Doch bei ihr wurde der Tag nicht gefeiert. Es gab nichts zu feiern. Die letzten 16 Jahre waren hart gewesen, kaum zu ertragen. Sie und ihre Ziehmutter, Moira, waren von einem Ort zum anderen geflohen, immer auf der Flucht vor den Häschern des dunklen Herrschers. Moira hatte Ava von klein auf klargemacht, dass sie nicht ihre leibliche Mutter war, und Ava spürte es an ihren Gefühlen für sie. Es gab nicht wirklich viele.
Moira tat ihre Pflicht. Die letzten 16 Jahre hatte sie für das Kind gesorgt, das nicht ihr eigenes war und lebte mit diesem in ständiger Furcht vor Endeckung. Wenn sie nicht so pflichtbewusst gewesen wäre und das ständige Gefühl in sich gehabt hätte, dies Arlea und ihrem Mann schuldig zu sein, hätte sie das Kind vielleicht schon längst bei den Häschern abgegeben… Zudem kam noch dazu, dass sie Angst um ihr eigenes Wohl hatte. Sie wusste, was sie getan hatte, um mit dem Kind zu fliehen, und sie wusste auch, was das für Konsequenzen haben würde. Es gab einige Tage und besonders Nächte, in denen sie darüber nachgedacht hatte, ob es ihr helfen würde, wenn sie das Kind abgeben würde und es damit dem Tode überließe. Doch noch war sie nicht bereit dazu.
Und so kümmerte sie sich wohl oder übel mehr oder weniger aus Schuldgefühlen heraus um Ava, ohne wirklich etwas für sie zu fühlen, und auch, wenn es ihr leid tat, sie konnte es nicht ändern.
Dennoch wusste sie, dass Ava dies fühlen konnte, und das, was aus Ava geworden war, war sicherlich auch dieser Tatsache zu verdanken. Dennoch konnte sie ihre Gefühle nicht einfach ein- und ausstellen oder sich verstellen. Es war eben so wie es war und sie musste einfach so weiter machen. Solange, bis das Schicksal, und damit die Prophezeiung, sich erfüllte, oder sie gefangen und getötet wurden - wenn nicht noch schlimmeres zuvor mit ihnen geschah…
Moira blickte zu Ava hinüber. Sie hatten gerade wieder ihren Standort gewechselt und waren von ihrem vorigen Versteck geflohen. Es war Moira zu unsicher gewesen. Sie saßen an einem kleinen Feuer um sich aufzuwärmen und beide hatten sich vorab davon überzeugt, dass keine gefährlichen Wesen, von denen es hier im Wald und der Umgebung durchaus genug gab, in der Nähe waren. Sie hatten gelernt zu kämpfen, zumindest gegen die meisten der Biester, die ihnen hier begegneten; und jagen mussten sie auch um nicht zu verhungern. Dennoch wussten beide, dass sie, wenn sie an die falschen gerieten - die Jäger des Herrschers - es nicht überleben würden. Dazu waren sie beide zu schwach. Also verbrachten sie die meiste Zeit damit, zu fliehen und sich andere Verstecke zu suchen. Ein Leben auf der Flucht…
Moira seufzte. Das alles hatte sie dieser einen, verfluchten Nacht zu verdanken. Die eine Nacht, in der sie alles verloren hatte, was sie geliebt hatte. Und was war mit Ava? Das Mädchen wusste nicht einmal, was sie wirklich verloren hatte… Und wozu sie - angeblich - bestimmt war, laut irgend einer Prophezeiung, die irgendwann vor nicht mehr bestimmbarer Zeit verlautet wurde.
Moira kämpfte mit sich, ob sie ihr etwas davon erzählen sollte. Auf der einen Seite musste sie dies tun, denn langsam wurde es Zeit. Sie spürte es irgendwie. Das Mädchen war nun 16 und in dem Alter, in dem sie die Prophezeiung erfüllen sollte.
Langsam stand sie auf und setzte sich neben Ava. Sie hatte sich entschieden. Sie würde es ihr erzählen und sie darauf vorbereiten. Doch etwas ließ sie noch zögern. Wenn sie ihr davon erzählte, musste sie ihr auch davon berichten, dass sie eine Schwester hatte. Moira hatte schon etwas Angst. Was würde Ava dazu sagen? Zumal sie nicht einmal wusste, ob das andere Kind es überlebt hatte. Moira wusste mittlerweile, dass auch der Vater getötet worden war und dass man kein Kind bei ihm gefunden hatte. Doch was mit dem Baby geschehen war, wusste sie nicht. Es gab Spione hier, mit denen sie sich ab und an traf, und die ihr einiges “zuflüsterten”. Dennoch konnte sie nicht sagen, wo das andere Mädchen sich nun aufhielt und ob es überhaupt noch lebte…
Also kämpfte sie noch mit sich, ob sie es Ava tatsächlich erzählen sollte. Doch schließlich hatte sie sich entschieden. Sie musste! Es lag an ihr, sie auf ihr Schicksal vorzubereiten. Schließlich sah sie Ava an und begann zu reden: “Ava, es gibt etwas, was du wissen musst. Lange, bevor du geboren wurdest, ward eine Prophezeiung ausgesprochen, die besagt, dass zwei Mädchen geboren werden, die den dunklen Herrscher besiegen. Es sind Mädchen gleicher Art, von der selben Mutter und dem selben Vater, zur selben Zeit geboren. Diese Mädchen haben die Kraft und die Stärke zusammen gegen den dunklen Herrscher anzutreten und ihn zu besiegen…” Weiter kam sie nicht, denn Ava unterbrach sie: “Wozu erzählst du mir das? Ich brauche keine Gute-Nacht-Geschichte mehr!” Ihre Stimme klang rau und abweisend. Im Grunde war das ohnehin unnötig zu erwähnen, Moira hatte ihr nie Gute-Nacht-Geschichten erzählt. Zumal die Nächte hier nie “gut” waren…
Moira sah sie an. “Unterbrich mich nicht! Es ist nicht nur eine “Gute-Nacht-Geschichte”, Ava! Sie ist wahr. Und es hat dich zu interessieren, denn DU bist eines der Mädchen, die dort erwähnt werden!”
Nun war es heraus. Ava sagte zuerst nichts, mehr sondern starrte Moira nur an. Nach einigen Sekunden der Ruhe, in denen keiner von beiden etwas sagte, begann Ava schließlich mit ebenfalls unnatürlich rauer Stimme zu sprechen: “Was redest du da für einen Schwachsinn? Ich bin eines der Mädchen der Prophezeiung? Was soll das denn heißen? Wie kann das sein? Ich habe kein Schwester, wie du weißt! Oder siehst du hier noch jemanden außer uns beiden? Ich nicht! Also rede nicht so, nur um mir den Tag zu “versüßen”…”
Weiter kam sie nicht. Moira schüttelte den Kopf. “Ava, hör mir weiter zu! Ich habe dir nie etwas über deinen Tag der Geburt erzählt, weil er zu schmerzhaft für mich war… Der Jahrestag deiner Geburt war gestern. Du bist nun 16 Jahre alt und es wird Zeit, dir die Wahrheit darüber zu erzählen. Unterbrich mit nicht!” Ihre Stimme wurde strenger und sie fuhr fort: “Deine Mutter hat in dieser Nacht zwei Kinder geboren. Dich und noch ein weiteres Mädchen. Doch die Häscher waren schon auf dem Weg zu uns und deine Mutter hat es gewusst. Vermutlich hat sie auch gemerkt, dass ihr beide die Kinder der Prophezeiung seid, denn sie hat deine Schwester an ihren Mann - deinen Vater - gegeben und dieser ist geflohen. Er ist nie wieder gekehrt und wie ich mittlerweile von unseren Spionen erfahren habe, ist er getötet worden, genau wie deine Mutter. Ich war dabei, als die Häscher sie richteten…” Moira atmete einmal tief durch, dann fuhr sie fort: “Ava, kurz zuvor gab deine Mutter dich in meine Obhut und nahm mir das Versprechen ab, mich um dich zu kümmern. Dann musste ich fliehen und meine beste Freundin schützte mich, in dem sie sich opferte und ihr Leben für mich gab.
Nun, soweit habe ich das Versprechen eingelöst, ich habe mich um dich gekümmert. Doch nun bist du in dem Alter, in dem du und deine Schwester sich finden müssen um eure Aufgabe zu erfüllen. Wie kann ich dir nicht sagen; den genauen Wortlaut der Prophezeiung kenne ich nicht.”
Moira machte eine kleine Pause und sah Ava an, die sie mit offenen Augen einfach nur anstarrte. Sie hatte ja gewusst, dass ihre Eltern bei ihrer Geburt gestorben waren, aber genaueres hatte Moira ihr nie erzählt und sie hatte auch nie gefragt. Sie mussten fliehen, und waren auf der Flucht und Ava ging davon aus, dass dies auch ewig so bleiben würde. Doch was sie nun zu hören bekommen hatte, war unvorstellbar. Sie sollte eine Schwester haben? Und zusammen mit dieser waren sie auserwählt, den Herrscher zu besiegen? Es war sozusagen vorbestimmt?
Schließlich fing sie sich wieder und stand vom Feuer auf. Ava ging einige Schritte zurück und fragte schließlich: “Wo ist diese Schwester, die meine sein soll? Wo hat mein Vater sie hingebracht, weißt du das?” Moira schüttelte den Kopf: “Nein, Ava, das weiß ich nicht. Wie ich schon sagte, ist dein Vater getötet worden; doch man fand kein Kind bei ihm… Er wird es irgendwo versteckt haben, doch wo kann ich dir nicht sagen… Ich weiß nicht einmal, wie genau das Kind aussieht, doch da ihr gleiche Schwestern seid, wird sie dir wohl ähneln. Zumindest saht ihr gleich aus, als ihr geboren wurdet…
Ava, es wird deine Bestimmung sein, sie zu finden. Wo auch immer sie ist, sie und du, ihr gehört zusammen. Und wenn du willst, dann helfe ich dir dabei…”
Ava war noch weiter von Moira zurück gewichen. Sie konnte nicht fassen, was Moira ihr da gerade gesagt hatte, und ehrlich gesagt hatte sie alles andere als Lust dazu, nach einer “Schwester” zu suchen, die sie nicht kannte. Was hatte sie damit zu tun? Woher wusste Moira, dass sie tatsächlich die Mädchen waren, von der die Prophezeiung sprach? Und wie genau lautete die Prophezeiung überhaupt? “Wie ist der genaue Wortlaut der Prophezeiung?” fragte Ava schließlich, um überhaupt etwas zu sagen. Moira schüttelte den Kopf: “Das weiß ich nicht, niemand kennt ihn mehr genau, mein Kind;
Nur der Sinn ist übrig geblieben. Doch es gibt einen Ort, an dem die Worte geschrieben stehen. Eine Quelle, am Rande des Gebirges. Doch es ist weit bis dahin und gefährlich. Du musst entscheiden, was du als nächstes tun willst. Willst du nach deiner Schwester suchen - oder den geschriebenen Worten folgen?”
Ava zögerte eine Sekunde, dann sah sie Moira an: “Ich werde zu den Quellen gehen. Ich muss diese Prophezeiung mit eigenen Augen lesen um sie zu glauben. Und vielleicht wird mir dort ein wenig mehr klar. Außerdem kann ich nach keiner Schwester suchen, von der ich nicht einmal weiß ob sie überhaupt existiert, beziehungsweise wo sie sich aufhält! Sie könnte überall sein. Ich habe keine Angst, zu den Quellen zu gehen, wenn du keine hast. Wirst du mich begleiten? Wenn nicht, dann sag mir wenigstens, wo ich diese Quellen finde!”
Moira stand ebenfalls auf und war bereits dabei, das Feuer zu löschen. “Ich begleite dich! Nimm das nötigste mit, so wie immer und komm!” Und so begannen sie, den schwierigen und gefährlichen Weg zu den Quellen der Weisheit zu gehen. Es würde noch einige Zeit dauern, bis sie dort ankommen sollten - wenn sie es denn überhaupt schaffen würden…

