35. Rache
Sie fanden sich alle auf der Lichtung wieder. Sie war dunkel, bedrohlich, dennoch war es still und nach einigen Sekunden der Orientierungslosigkeit bemerkte Faelia als erstes, dass keine weitere Gefahr drohte. Die Wesen hatten keine Ahnung, wohin sie verschwunden waren, dass hoffte sie jedenfalls.
Ava war ebenfalls wieder sie selbst, nach einigen Sekunden der Desorientierung. Sie ärgerte sich über die verdammte Situation, die dermaßen schief gelaufen war.
So war das von ihr nicht geplant gewesen! Zuerst hatte sie vorgehabt, wie sie es bereits ihrer Schwester und den anderen gesagt hatte, noch vor der Befreiung des Einhorns wieder zurück zu gehen, um bei Raoul kein Misstrauen ihr gegenüber zu erzeugen.
Dann hatte sie sich dazu entschieden, das Einhorn mitzubefreien und wollte dann, wenn sie Angel und ihren Freundinnen den Weg zurück gezeigt hatte, veschwinden.
Das Einhorn hatten sie befreit, doch dann waren sie angegriffen worden und in eine so vertrackte Lage gekommen, dass ihr nichts anderes übrig geblieben war, als ebenfalls zu fliehen. Wenn Raoul spätestens jetzt nicht merkte, dass sie die Seiten gewechselt hatte, dann wusste sie es auch nicht...
Während Ava sich über sich selbst und über die vertrackte Situation ärgerte, und darüber nachdachte, was nun zu tun war, hatte sich Faelia zu Una begeben und strich über das blutende Fell des Einhorns. Ja, sie waren nun in der Lage, Una anzufassen, was wohl daran lag, dass dieses verletzt war. "Es ist nicht mehr rein..." flüsterte die Fee, und in ihrer Stimme lag eine tiefe Traurigkeit, die so noch niemand gehört hatte.
Dann riss sie sich wieder zusammen. Ihr Hass auf eine bestimmte Person war stetig angewachsen, auch, wenn diese ihnen geholfen hatte, Una zu befreien. Dennoch hatte Faelia nicht vergessen, was Ava ihnen angetan hatte. Und dies würde sie auch niemals vergessen! Und so reifte ein neuer Plan in ihr, was sie als nächstes zu tun gedachte. Sie hatte schon länger darüber nachgedacht, wie sie es anstellen sollte, ihren Plan in die Tat umzusetzen, denn leicht würde es nicht werden, die Brut des Teufels, in der Gestalt dieses Mädchens, auszuschalten. Doch nun hatte sie einen konkreten Plan, und zudem musste sie vorab noch etwas erledigen, was ihr half, diesen auszuführen.
Una hatte sich hingelegt - sie war zu schwach, um zu stehen - und sah sie an. In ihrem Blick lag etwas, was Faelia kurz einhalten ließ, doch dann riss sie sich wieder zusammen. Nichts und niemand würde sie von dem abhalten, was sie vorhatte zu tun!
Dann wandte sie sich an die anderen und sagte: "Ich muss im Wald ein paar ausgesuchte Kräuter sammeln, und zu der Quelle, Wasser sammeln, damit wir Unas Wunden wieder heilen können. Ich kann nur hoffen, dass es wirklich hilft, und sie wieder so wird, wie zuvor."
Angel hoffte, dass sie sich irrte, aber es hörte sich beinahe so an, als hätte die Fee Zweifel daran...
Yuna ließ sich vernehmen, die bisher stillschweigend neben ihr gestanden hatte: "Ich würde gerne mitgehen. Wir beide können zusammen die Kräuter sammeln, es ginge bestimmt schneller. Und Una braucht sofort jede Hilfe, so schnell es nur geht!"
Faelia war Yunas Hilfsangebot überhaupt nicht recht, doch sie wusste, dass sie es nicht ausschlagen konnte. Dennoch wusste sie auch, dass Yuna nicht in ihrer Nähe sein durfte, für das, was sie noch vorhatte. Es würde ihr Misstrauen hervorrufen, und das durfte bis zum Schluss nicht geschehen. Und so antwortete sie schließlich, vielleicht ein wenig zu langsam: "In Ordnung. Die Heilkräuter werde ich sammeln, denn diese sind bei Una ganz besonderer Art. Von daher geht dies schneller, wenn ich sie einsammle - du kannst zu der Quelle gehen, und in der Zeit das Wasser in den Becher füllen. Das spart Zeit. Dann treffen wir uns wieder hier." Ihr Ton ließ keine Widerrede zu und Yuna nickte nur, nahm so schnell sie konnte ein großes Gefäß und lief auf den Bach zu, in dem die reine Quelle war. Sie hatte vor, sich zu beeilen, damit Una so schnell wie nur möglich geholfen werden konnte.
Dies hatte natürlich auch Faelia im Sinn, und so nahm sie schließlich auch einen Beutel, in den sie die Kräuter einsammeln wollte, und lief ebenfalls in Richtung des Waldes. Von dem, was sie noch tun würde, ahnte niemand etwas.
Dennoch hatte sie das Gefühl, dass sie beobachtet wurde. und ihr ging auch nicht Unas Blick aus dem Sinn, als diese sie kurze Zeit zuvor angesehen hatte. Ahnte das Einhorn etwas? Wenn ja, dann konnte sie nur hoffen, dass es keine Gelegenheit haben würde, sie davon abzuhalten. Niemand würde sie von ihrem Vorhaben abbringen - nicht einmal Una!
Auch Angel hatte ein merkwürdiges Gefühl im Magen, als sie der Fee hinterher schaute. Im Gegensatz zu ihren Freundinnen und ihrer Schwester konnte sie bei der Fee keine wirkliche Aura erkennen. Hatte sie jemals eine gehabt? SIe konnte sich nicht mehr daran erinnern...
Die Fee war ohnehin filigran und von Natur aus mit den Farben der Natur ausgestattet, und nun wurde sie immer schwerer zu erkennen, je weiter sie sich von ihnen entfernte. Trotzdem war irgend etwas an ihr, das Angel schaudern ließ. Sie konnte es sich nicht erklären, immerhin stand sie doch auf ihrer Seite und hatte ihnen geholfen, Una zu befreien..
Schließlich versuchte sie sich abzulenken und kniete sich zu Una herab. Diese sah sie ebenfalls an und etwas sehr trauriges lag in ihrem Blick. Angel konnte diesen nicht wirklich deuten, dennoch wurde ihr ein wenig anders. "Alles in Ordnung, Kleines. Sie kommen bald zurück und dann helfen sie dir!" flüsterte sie dem Einhorn zu und streichelte dessen Nüstern und ihren Hals. Zumindest die Stellen, die nicht gezeichnet und blutverschmiert waren.
Ava schaute beinahe fasziniert zu und stellte sich einige Schritte hinter ihre Schwester. Sie sah nun richtig, was sie getan hatte. Das Einhorn war zwar befreit, aber es war schwer verwundet. Dass es überhaupt bis jetzt überlebt hatte, war vermutlich entweder ein Wunder - oder dessen extrem starker Willenskraft zu verdanken.
Sie hoffte inständig, dass es sowohl Faelia als auch Yuna, rechtzeitig schafften, die Kräuter und das Wasser der Heilquelle zu bringen. Und ja, sie schämte sich für das, was sie getan hatte. Was auch immer die Zukunft jetzt für sie bringen würde - an der Seite des Dunklen würde sie nie mehr stehen. So oder so...
Während Angel sich um Una kümmerte, und die anderen um sie herum standen, und sich umsahen, ob eventuell doch Feinde auf sie lauern könnten - besonders Kida und Ava hatten ihre Sinne gestärkt - war Yuna auf dem Weg zu der Quelle und hatte diese relativ schnell gefunden. Sie hielt sich nicht lange mit Kräuter suchen auf - sie hatte ohnehin keine Ahnung, welche genau sie für das Einhorn brauchen würde, laut der Fee waren diese ja wohl von besonderer Art - sondern lief direkt darauf zu und füllte ihr Behältnis bis oben hin mit dem frischen Wasser. Dann war sie fertig und lief schnellsten Schrittes zurück. Eigentlich in der Annahme, dass Faelia vor ihr wieder auf der Lichtung sein würde...
Diese war jedoch noch nicht soweit. Sie wusste wo sie suchen musste, um die Kräuter zu finden, die sie für Unas Heilung, sollte es dafür nicht doch schon zu spät sein, brauchen würde. Zusammen mit dem Wasser, das von Yuna geholt wurde, waren sie fähig, das Einhorn wieder zu dem zu machen, was es vorher gewesen war.
Dennoch machte sie sich nicht sofort auf den Rückweg, als sie alle Kräuter zusammen hatte, sondern suchte noch nach etwas anderem. Etwas, womit sie ihren zweiten Plan in die Tat umsetzen wollte. Es musste schnell gehen, denn Faelia ahnte, dass Una Bescheid wusste. Der Blick, mit dem sie ihr in die Augen gesehen hatte...
Ja, sie wusste es, doch sie durfte keine Gelegenheit bekommen, sie davon abzuhalten!
Doch noch machte sie sich darüber keine weiteren Gedanken, sondern lief zu einem bestimmten Ort, wo sie wusste, dass sie bekommen würde, was sie noch brauchte. Und da war es: Schattenkraut! Überall auf einem Fleck überwucherte das tödliche Gewächs alles andere, was zuvor dort gewachsen war. Wie Yuna zuvor wusste auch Faelia, dass das Kraut noch aus der Zeit vor dem Dunklen stammte, dennoch hatte auch dieses sich ausgebreitet, seit es den Zerstörer gab. So viel von diesem todbringenden Kraut hatte es zuvor in ihrem Wald nie gegeben. Auf der einen Seite machte es sie unendlich traurig, auf der anderen Seite war es ihr in diesem Fall sogar sehr recht. Für ihre weiteren Pläne brauchte sie das Zeug!
Zuerst nahm sie einen kleinen Ast und begann, diesen zu spitzen. Nach wenigen Minuten sah er aus wie eine Art Speer. Dann begann sie, die Spitze in das Kraut zu tunken. Immer und immer wieder - sie selbst durfte das Kraut nicht anfassen - und merkte langsam, dass diese sich dunkelgrün verfärbte. Faelia ahnte, wann es genug war. Es würde reichen, um Ava zu töten; dennoch war es wenig genug, um es langsam und qualvoll werden zu lassen. Ja, sie wollte Ava leiden sehen, der Tod sollte nicht schnell kommen, dafür war ihr Hass zu groß, der sich in ihr Herz gefressen hatte.
Und so machte sie sich schließlich auch auf den Weg zurück. Sie hatte den vergifteten Pfeil in ihr Gewand gesteckt, so, dass ihr selbst die Spitze nicht gefährlich werden konnte, und nichts davon zu sehen war.
Als sie schließlich ankam, sah sie direkt, dass Yuna bereits wieder zurück gekehrt war, und nun alle auf sie warteten. Jedenfalls sahen alle zum Wald hinüber, aus dem Faelia nun hervortrat. Sie atmete einmal tief durch, zwang sich, ruhig zu bleiben und lief schnellen Schrittes auf das Einhorn zu: "Hast du Wasser? fragte sie Yuna, und diese antwortete: "Natürlich, sonst wäre ich wohl kaum wieder hier! Allerdings hatte ich gedacht, dass du ein wenig schneller wärst - immerhin geht es um Una!"
Die anderen sahen Faelia ebenfalls an, und besonders aus Angels Blick konnte diese ebenfalls etwas erkennen, was ihr nicht gefiel. Das Mädchen konnte etwas an ihnen erkennen, was sonst niemand sah, und auch, wenn es vielleicht nicht mit der Weisheit Unas zu vergleichen war, so kam es dennoch nahe an sie heran. Dennoch versuchte Faelia ihre Gedanken abzuschütteln. Zuerst ging es jetzt und hier um Una - und dann war der zweite Schritt dran.
Faelia begann mit der Prozedur, in dem sie die Heilkräuter, die von ihr ihr gesammelt worden waren, mit dem Wasser der Quelle vermischte, dieses in die richtige Zusammensetzung brachte, und den daraus entstandenen Brei auf Unas Wunden schmierte. Schließlich war sie fertig. Sie sah zufrieden, wie sich einige kleinere Wunden bereits begannen zu schließen, doch sie wusste, dass es, besonders beiden großen Wunden und den von Ava eingeritzten Runen, noch etwas länger dauern würde, bis diese vollständig verheilt waren. Doch sie würden verheilen, das war ihr bewusst. Und so wurde es nun Zeit, für ihren nächsten Plan. Und zwar jetzt! Bevor Una wieder ganz zu Kräften kam, um sie davon abzuhalten!
Und so holte sie den zu einem Pfeil umgearbeiteten Ast hervor, an dessen Spitze das Giftkraut klebte, und stieß unter zusammen gebissenen Zähnen hervor: "Und nun werde ich mich für alles das rächen, was du Bestie mir und meinem Volk angetan hast! Ich habe lange genug auf diesen Augenblick gewartet: Kind der Hölle! Jetzt bist du tot und der Dunkle hat keine Stellvertreterin mehr, die an seiner Statt das Dunkel über uns zieht! Für Una, für uns alle!"
Und mit diesen Worten stob sie auf Ava zu, die nicht so schnell begriff, was hier gerade geschah, und stieß den Pfeil in sie - zumindest dachte sie dies. Doch was nun geschah, hatte selbst sie nicht einmal im Entferntesten in Betracht gezogen, geschweige denn für möglich gehalten.
Angel hatte neben ihrer Schwester gestanden, und bereits die ganze Zeit die Fee im Auge behalten, schon, als diese aus dem Wald zurück kam - in dem sie, ihrer Meinung nach, ein wenig zu lange geblieben war - und dann, als sie begonnen hatte, Una zu versorgen. Außerlich fiel ihr nichts an ihr auf, dennoch war ihr bei ihrem Anblick merkwürdig zu mute. Aber sie konnte es sich nicht erklären und nur aufgrund eines Gefühls die anderen aufzuscheuchen, war ihr einfach zu wenig. Vielleicht irrte sie sich ja auch? Sie hoffte es, dennoch nahm sie sich vor, Faelia weiterhin zu beobachten.
Und dann nahm das Schicksal seinen Lauf, in dem sie sah, wie Faelia aufstand, und etwas an deren Gesichtsausdruck behagte Angel überhaupt nicht. Was sie dann hörte, ließ diese erschaudern. Der Ton, mit dem die Fee sprach, klang überhaupt nicht mehr nach ihr! So voller Hass - und was sagte sie da? Sie wollte sich an der "Stellvertreterin des Dunklen" rächen, dem "Kind der Hölle"? Damit konnte sie ja nur Ava meinen! Und was hatte sie da in der Hand?
Bevor irgend jemand etwas tun konnte, die anderen hatten Faelias Worte nicht mal richtig begriffen, stürzte Angel nach vorne - und stellte sich vor Ava. Genau in diesem Augenblick stach Faelia zu. Der Giftpfeil bohrte sich in ihr Fleisch. Kreischend sank Angel zu Boden und Una wieherte. Es hörte sich an wie ein Schreien...
Die Mädchen starrten in den ersten Sekunden entsetzt auf die am Boden liegende Angel. Keine von ihnen hatte eine Ahnung, was gerade geschehen war.
Taliya schnappte nach Luft und war die erste, die sich zu Angel herab kniete: "Angel? Angel.. Sag doch was! ANGEL!!" brüllte sie, und auch Kida und Yuna lösten sich aus ihrer Schockstarre, in die sie zuerst gefallen waren. Yuna beugte sich zu Angel herunter - und als sie diese berührte, fühlte sie sofort, um was für ein Kraut es sich handelte, sie erkannte es wieder: "Schattenkraut".. flüsterte sie entsetzt. Dann drehte sie sich langsam zu der Fee um, die hinter ihnen stand.
Diese war in der Tat einige Schritte zurück gewichen, als ihr bewusst wurde dass sie nicht Ava getroffen hatte, sondern deren Schwester. Dieses dumme Mädchen hatte sich allen ernstes vor ihre Schwester gestellt, um sie zu retten! Das konnte doch nicht wahr sein! So war das nicht geplant gewesen, verdammt! Dann hörte sie Yuna sprechen: "Schattenkraut? Du hast versucht, Ava mit Schattenkraut zu töten? Wieso?..."
Auch die anderen blickten langsam von der am Boden liegenden Angel zu Faelia herüber. "Schattenkraut?" flüsterte Taliya. "Was ist das?" Yuna sah sie an: "Das tödlichste Kraut, das es hier gibt. Es ist früher schon an einigen Plätzen gewachsen, doch seit der Macht des Dunklen Herrschers hat sich auch das Giftkraut vermehrt..." Weiter kam sie nicht. Taliya unterbrach sie erneut: "Gift? Aber, aber es gibt doch sicherlich eine Möglichkeit, das zu neutralisieren. Für jedes Gift gibt es ein Gegenmittel"...
"Nein, nicht für dieses! Es ist absolut tödlich - und es gibt kein Gegenmittel! Kein Kraut dieser Welt kann Schattenkraut neutralisieren. Das hast du gewusst, Fee! Wann hast du das geplant, beziehungsweise ausgeführt? Jetzt, gerade? Als du im Wald warst und nach den Heilkräutern für Una gesucht hast? Hast du da deine Waffe zusammen gebaut?"
Alle blickten auf Ava, die sich bis jetzt still verhalten hatte. Ihr Blick stand starr auf Faelia gerichtet, die ebenfalls still da stand. Ihr Giftpfeil war ihr aus der Hand geglitten, und Ava ging langsam zu ihr und hob ihn auf.
Kida, der ebenfalls der Schock ins Gesicht geschrieben stand, kam langsam auf Faelia zu und stellte sich neben Ava: "Ava, gib mir den Pfeil!" sagte sie leise und bedächtig und hielt ihr eine Hand hin. Ava sah sie nicht an, ihr Blick klebte immer noch an der Fee, die wie steif vor ihr stand und sich nicht rührte. Doch sie folgte der stillen Aufforderung der Gestaltwandlerin und legte ihr den Pfeil in die Hand, darauf bedacht, die Spitze von ihr fern zu halten. Kida nahm ihn und ging einige weite Schritte von ihnen fort - und schmiss ihn ins Gras. Dort, wo die Spitze aufschlug, verwandelte sich alles Grün in trostloses Grau. Die Stelle war tot. Es war also noch genug Gift in der Spitze... Kida schauderte. Dann ging sie zurück. Sie stellte sich in die Mitte, so dass sie einerseits Taliya und Yuna im Auge hatte, die sich um Angel sorgten, und gleichzeitig aber auch Ava beobachten konnte, die sich um die Fee "kümmerte"...
Taliya und Yuna knieten beide neben Angel. Taliya konnte es nicht glauben. "Aber, es muss doch eine Möglichkeit geben.. Sie kann doch nicht sterben..." sagte Taliya und blickte Yuna beinahe flehend an: "Du hast doch Heilkräfte. Bitte!"
Diese konnte Taliya ja verstehen. Doch sie hatte keine Möglichkeit. Sie blickte Taliya ebenfalls an und an ihrem Blick konnte diese die Wahrheit erkennen. "Es gibt keine Chance! Angel wird sterben. Und es wird ein qualvoller Tod sein.. Es tut mir leid.. Wir können nur bei ihr sein und ihr beistehen.." "Nein.. Oh Angel.." Taliya begann, bitterlich zu weinen. Angel hatte sich bisher nicht einmal bewegt, es war unklar, ob diese sie überhaupt hören konnte, oder etwas davon mitbekam, was um sie herum geschah...
Währenddessen hatte sich Kida neben Ava gestellt, die weiterhin vor Faelia stand und sie anstarrte. Ihr Blick war unergründlich. Auch in Kida regte sich langsam extreme Wut. Sie sah der Fee ebenfalls ins Geesicht und sagte langsam, mit einem grollendem Unterton in der Stimme: "Was war das gerade? Hast du die ganze Zeit so getan als würdest du uns helfen wollen? Wir haben dir vertraut! Wir haben geglaubt, dass du gute Absichten hast, die dazu führen, dsa Einhorn - DEIN Einhorn - zu befreien und zu retten! Doch abgesehen davon hast du die ganze Zeit diesen Plan gehabt? Sag mir - sag uns - jetzt wenigstens die Wahrheit!"
Faelia blickte sie an. In ihren Augen stand ein bisschen Bedauern, doch das verschwand ziemlich schnell wieder. Stattdessen klang ihre Stimme eher schroff, trotzig und beherrscht, als sie schließlich antwortete: "Ihr solltet mir dankbar sein! Keiner von euch hat die Dunkelheit in diesem Biest hier erkannt!" Sie zeigte auf Ava. "Glaubt ihr wirklich an das Märchen, dass sie sich verändert hat? Dass sie "gut" geworden ist, und uns helfen will? Mein Gott, seid ihr alle so naiv wie dieses Kind.." Weiter kam sie nicht, denn Ava stürzte sich auf die Fee und presste sie gegen einen Baum. Es war gut, dass Kida ihr den Speer abgenommen hatte, sie hätte ihn benutzt, wenn sie ihn noch gehabt hätte.
"Du.. Denkst du, DU wärst besser als ich? Du hast gerade "dieses Kind", wie du meine Schwester nennst, getötet! Ich weiß, dass du eigentlich mich erledigen wolltest, das ist mir schon klar! Aber Angel hat es wohl irgendwie durchschaut. Vielleicht hat sie deine Aura gelesen, oder sonst was gesehen. Ich weiß zwar nicht, warum sie nichts gesagt hat - vielleicht war sie erneut zu naiv, an das Böse in dir zu glauben, genauso wenig wie sie an das Böse in mir glauben wollte! Und dann gab es vermutlich keine Zeit mehr, uns zu warnen. Aber ich sage dir nur eins: Jeder kann sich ändern - sowohl zum Guten, als auch zum Schlechten. Ich habe mich zum Guten verändert, und ob du es mir glaubst oder nicht, ist mir ziemlich egal! Du dagegen bist zum Bösen übergewechselt. Der Hass in dir hat dich überwältigt! Ich weiß es aus Erfahrung: Wenn sich dieses Gefühl erst einmal in dir ausbreitet, ist es zu spät. Die Seele wird schwarz. Und deine ist es jetzt. Das habe ich bereits die ganze Zeit in mir gespürt; schon, als wir im Labyrinth waren. Ich habe es ebenfalls für mich behalten, was wohl ein Fehler war.. Aber ich denke, du wirst die gerechte Strafe dafür noch erhalten.."
Ava war sehr nahe an die Fee heran getreten und dieser konnte man ansehen, dass sie Angst bekam. Kida war auch nicht sehr wohl dabei, und sie trat noch näher an Ava heran: "Ava".. begann sie, doch diese trat einen Schritt zurück und blickte Kida an: "Schon gut, du brauchst keine Angst zu haben, ich werde dieses Ding da nicht töten. Obwohl sie es verdient hat! Aber ich denke, die Strafe, die auf sie wartet, wird größer sein, als der Tod. Und härter!" Und damit drehte sie sich um und lief schnellen Schrittes zu ihrer Schwester herüber.
Auch Kida tat es ihr gleich und würdigte Faelia keines Blickes mehr. Diese stand einfach nur da und rührte sich nicht mehr. Das Geschehene schockte auch sie, doch es war mehr der Tatsache zu verdanken, dass sie das falsche Mädchen hingerichtet hatte. Und auch sie wusste, dass Angel ein grausamer Tod bevor stand...
Das Gift wirkte langsam. Angel war in der Tat zuerst in einer Art Dämmerzustand, in dem sie nichts merkte und nichts mitbekam, doch langsam wurde sie klarer. Doch mit der Zunahme ihres Bewusstseins, wurde auch ihr Schmerzgefühl größer. Mit einem Schlag spürte sie das ganze Ausmaß der Zerstörung ihres Körpers, der von dem Gift langsam zersetzt wurde. Eine Schmerzwelle ungahnten Ausmaßes durchfuhr ihren Körper - schlimmer als in der Zeit ihrer Folterung durch Ava. Sie bäumte sich auf und schrie.
Und auch Ava krümmte sich. Sie spürte die Schmerzen ihrer Schwester. "Oh mein Gott..." stöhnte sie, Tränen traten ihr aus den Augen. Sie schnappte nach Luft. "Was, was ist mit Ava los?" fragte Taliya. Sie war völlig hysterisch. "Empathie! Die beiden sind empathisch verbunden." Kida wusste noch, dass Angel schon vorher Avas Schmerz gespürt hatte. Anscheinend war es nun nicht mehr nur einseitig. Ava konnte auch Angels Schmerzen spüren, doch das war schlecht. Es half ihnen nichts, sie brauchten Ava. Langsam lief Kida zu Angel hin und hab ihren Kopf zu sich: "Schsch... Atme tief durch, Ava! Angel braucht dich! Du musst stark sein, für sie! Bitte!"
Ava nickte. Sie atmete tief durch und versuchte, eine gewisse alte Härte wieder herzustellen. Es war ihr ein wenig peinlich, die Kontrolle verloren zu haben, doch die Schmerzen ihrer Schwester in dem gleichen Ausmaß zu fühlen, wie diese sie gerade in diesem Augenblick spürte, war für sie ein völlig neues Erlebnis. Doch langsam hatte sie sich wieder im Griff. "Schon gut", sagte sie nur, und dann kniete sie sich ebenfalls zu ihrer Schwester hin. Die anderen konnten nicht mehr erkennen, ob sie noch Schmerzen hatte oder nicht. Falls dies so sein sollte, hatte sie diese gut im Griff.
Dann strich sie Angel sanft über deren Gesicht und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Die anderen starrten beinahe wie hypnotisiert auf die Szene. Sie konnten es kaum glauben. So viel Zärtlichkeit und Mitgefühl, ausgerechnet von Ava? Der dunklen Ava? Aber langsam merkten sie alle, dass sich an dieser etwas geändert hatte. Sie war schon lange nicht mehr die "dunkle" Ava. Etwas hatte sich verändert. Angel hatte sie verändert...
Und nun lag Angel vor ihnen, tödlich verletzt von einer ihrer Mitstreiter. Einem Wesen, dem sie so etwas hinterhältiges niemals zugetraut hätten. Aber sie hatten sich auf dieser Reise mehr als einmal in ihren angeblichen Freunden und Verbündeten geirrt, angefangen mit Moira...
Alle versuchten sich um Angel zu kümmern, die sich immer noch vor Schmerzen krümmte. Plötzlich begann ihr Körper zu zucken, Angel riss ihre Augen auf, die blutrot geworden waren, und öffnete ihren Mund, aus dem weißer Schaum hervor trat. Taliya schrie auf und Yuna stöhnte. Sie wusste, was das bedeutete. Es würde nicht mehr allzu lange dauern, dann setzte die Körperfäule ein - und danach, unweigerlich der Tod... Auch Ava musste schlucken und umarmte ihre Schwester. "Es ist gut... Ich bin bei dir, Angel. Ich bin hier.." wiederholte sie immer wieder, ein ums andere Mal, doch sie hatte keine Ahnung, ob diese sie überhaupt hören konnte...
Während Angels Zustand immer schlimmer wurde, kam langsam ein Wesen auf sie zu, das längere Zeit nichts mehr von sich hatte hören oder sehen lassen. Una war nun vollständig genesen und lief langsam zu Angel hinüber. Taliya bemerkte es erst, als diese bei ihr war. Sie machte dem Einhorn Platz, und Una berührte Angel mit ihrem Horn. Es glühte kurz auf - und alle hatten schon die Hoffnung, dass Angel nun doch genesen würde; doch alles was geschah war, dass diese wieder ruhiger wurde, ihr Körper aufhörte zu zucken und der Schaum verschwand. Angel fiel wieder in sich zusammen. Anscheinend hatte Una dafür gesorgt, dass sie wieder eingeschlafen war.
"Mehr kann sie nicht tun.." flüsterte Ava, die Una angesehen hatte und die Wahrheit begriff. Diese beugte ihr Haupt, was wohl eine Art Nicken darstellen sollte. Sie konnte ebenfalls nicht heilen, nur den Zustand etwas lindern und so den unweigerlich folgenden Tod etwas heraus zögern. Dennoch war Angel geweiht, und der Schmerz darüber, ihre Schwester, die sie gerade erst kennen gelernt hatte, wieder zu verlieren, wurde immer größer...
Als Faelia sah, dass Una wieder vollständig genesen war, und es auch ihr nicht gelang, das Leben des tödlich verletzten Mädchens zu retten, wollte sie zu ihr. Natürlich zum einen weil es "ihr" Einhorn war, doch zum anderen erhoffte sie sich ein wenig so etwas wie eine Art "Absolution" von ihr. Sie hoffte wirklich, dass wenigstens Una verstehen würde, warum sie das getan hatte.
Doch als sie auf Una zuging, wich diese von ihr fort. Sie schnaufte, und blies ihre Nüstern auf - ein eindeutiges Abwehrzeichen. Faelia war geschockt. Una stob vor ihr davon und lief in den Wald zurück. Und als Faelia zu eben genau diesem Wald - ihrem Wald - herüber sah, merkte sie, wie dieser anfing, vor ihr zu verschwimmen.. Sie konnte ihn nicht mehr sehen. Faelia wusste, was das bedeutete: Una hatte sie aus ihrem Lebensraum, dem Wald, verbannt! Ihr blieb nur diese kleine Lichtung hier - oder ein völlig neuer Lebensraum, von dem sie nicht einmal wusste, wo dieser sein sollte. Der Wald würde für immer tabu für sie sein! Ihre Strafe, für das, was sie getan hatte. Und Faelia ahnte nun, dass es egal war, welche Schwester sie getroffen hätte. Una hätte genauso reagiert, wenn sie Ava ermordet hätte!
Soweit war es also gekommen. Sie war aus ihrem Reich verbannt worden und würde unweigerlich sterben. Denn hier, an diesem Ort konnte sie nicht ewig bleiben. Und sie hatte keine Ahnung, wohin sie sonsts gehen sollte, der Wald war ihre Heimat. Ihre, und die der anderen Feen, die noch übrig geblieben waren. Doch auch diese würden sie von nun an meiden...
Die Mädchen machten sich nichts aus Faelias Lage. Sie waren verzweifelt. Besonders Taliya weinte nur noch, und Kida versuchte, sie zu trösten. Früher wäre ihre Trauer Ava vermutlich auf die Nerven gegangen, aber nun trauerte sie ebenfalls, doch sie versuchte sich zusammen zu reißen. Sie musste! Für sich und für Angel! Irgend eine Möglichkeit musste es doch geben, verdammt! Das konnte nicht Angels Ende sein! Nicht so!
Plötzlich hörte sie die Stimme ihrer Schwester, die "Mutter..." flüsterte, kaum hörbar für die anderen; doch Ava registrierte es. Sie rief nach ihrer Mutter? Einem plötzlichen Instinkt folgend, drehte sie sich um - und erblickte hinter sich eine Gestalt, die langsam auf sie zukam. Auch die anderen drehten sich um, als sie Ava sahen, und konnten es zuerst kaum glauben. Sie sahen eine leicht durchsichtige Person, eine Frau, die nicht lief, sondern kurz über dem Boden zu schweben schien; und schließlich blieb sie vor ihnen stehen. "Mutter".. flüsterte nun auch Ava, die die Frau sofort erkannte. Diese nickte: "Ja, Ava.." Dann sah sie zu Angel herab, die vor ihr lag. Auch sie kniete sich vor ihre Tochter. "Bist du hier um sie abzuholen? Ihren Geist?" fragte Ava.
Die anderen waren zu erschrocken, um überhaupt etwas zu sagen. Was war das hier gerade? Eine Art Geistererscheinung? Soweit sie wussten, war Angels und Avas Mutter tot! Sie dürfte also gar nicht hier sein! Und selbst wenn, wieso konnten sie diese dann sehen? Arlea schien ihre Gedanken und Sorgen "gehört" oder gelesen zu haben, denn sie antwortete, ohne dass jemand etwas sagen musste: "Ihr könnt mich sehen, weil ihr Angels und Avas Verbündete seid. Ich gebe mich sonst niemandem zu erkennen, nur meinen geliebten Töchtern. Und denen, die mit ihnen sind.." "Dann dürfte dich diese Mörderin da hinten aber nicht sehen können", antwortete Yuna leicht gereizt und zeigte zu Faelia herüber, und erstarrte. Genau wie die anderen, die sehen konnten, was Yuna nun auch sah: Die Fee stand immer noch an dem Baum, zu dem sie zurück gekehrt war, und starrte wie gebannt scheinbar an ihnen vorbei. Sie rührte sich gar nicht mehr, nicht einmal ihre Augen zuckten. "Was ist mit ihr?" fragte Taliya, erstaunt bis beinahe besorgt, obwohl ihr das Wohlergehen dieser Person nun wirklich nicht mehr am Herzen liegen sollte.
Sie kann mich nicht sehen, da ihr Herz nicht mehr rein ist. Sie hat sich selbst ausgeschlossen, daher musste ich ihre Wahrnehmung ausschalten.." Dann widmete sie sich wieder ihrer Tochter. Angel...
Sie strich Angel sanft über das Gesicht, ihr Blick verriet ihre Liebe. "Nimmst du sie nun mit dir?" fragte Ava noch einmal, und ihr Tonfall verriet tatsächlich so etwas wie Angst und Trauer. Die anderen konnten sich auch täuschen, und doch... Arlea blickte sie an. In ihren Augen stand ebenfalls Trauer. "Nein, noch nicht.. Ich bin kein Todesengel, wenn du das meinst, und es liegt mir fern, ausgerechnet meine Tochter mitzunehmen.. Ich bin hier, um euch eine Möglichkeit zu nennen, ihr Leben zu retten.." "Aber es gibt keine Möglichkeit! Gegen dieses Kraut gibt es nichts, was heilen kann!" entgegnete Yuna. "Nein, hier nicht, da hast du recht! Aber in ihrer Welt, der Menschenwelt, gibt es etwas. Einen Stein, der Wunderkräfte in sich trägt, die größer sind, als alles andere hier! Dieser Stein heißt dort "Rosenquarz" und ist nicht mehr als ein wunderschöner Edelstein. Doch hier, mit der Kraft der Liebe einer Schwester, die sie endlich gefunden hat, und ihrer besten Freundin und ihren Verbündeten - gemeinsam könnt ihr die vernichtende Kraft des Krauts besiegen. Zusammen mit eben diesem Stein. "Und wo finden wir diesen Stein? Ich meine okay, Rosenquarze gibt es viele, aber wo sollen wir dort einen herbekommen? Einfach einen kaufen, oder wie?" "Nein", antwortete Arlea langsam und sah Taliya an, der etwas seltsam zumute wurde. "Es ist ein bestimmter Stein, den ich meine, der bereits die Kraft wahrer Liebe in sich trägt. Nicht so stark, dass er ihr jetzt schon helfen würde, aber stark genug, mit der Kraft eurer Liebe und Verbundenheit zusammen! Taliya und Ava, ihr müsst zusammen zu Angels früherer Heimat zurück gehen. Zusammen zu ihrem Haus. Dort, wo sie aufgezogen wurde, zu ihren "Eltern". Die, die sie als ihre Tochter angenommen und an meiner Statt haben heran wachsen sehen." Ihre Stimme wurde leiser, doch dann riss sie sich wieder zusammen und fuhr fort: "Es ist der Stein ihrer dortigen "Mutter". Sie hat ihn für sie aufbewahrt, um ihn ihr zu schenken, das weiß ich. Doch noch war es nicht so weit. Dieser Stein trägt bereits die Liebe dieser Frau in sich, die groß ist, dennoch für sich alleine wie ich bereits sagte, nicht stark genug, um Angel heilen zu können. Dennoch ist es unsere einzige Chance. Dieser Stein - gebündelt mit all unserer Liebe." Und sie blickte besonders Ava an.
Diese senkte das Haupt. Sie ahnte, worauf ihre Mutter anspielte. "Ja, ich liebe sie. Ich merke jetzt erst, wie sehr. Jetzt, wo es vielleicht zu spät ist..." flüsterte sie. Arlea sah sie an und stand auf. Sie ging auf Ava zu und strich ihr über das Gesicht, dann küsste sie sie auf die Wange und auf die Stirn. "Und ich liebe dich! So, wie ich auch Angel liebe. Ihr seid beide meine Kinder. Meine Töchter! Und nun, bitte ich euch zu gehen! Ihr habt nicht mehr viel Zeit. Auch, wenn das Einhorn etwas Zeit heraus geholt hat, so wird es nicht mehr lange dauern, und ihr Todeskampf wird einsetzen. Und ihr wisst, wie grausam dieser sein wird..." Die letzten Worte waren geflüstert. Ava schluckte. Ja, das wusste sie, und auch Yuna und Kida wussten es. Nur Taliya nicht, und diese blickte sowohl Ava als auch Yuna an und fragte: "Wie, was genau geschieht mit ihr?" "Das willst du nicht wissen..." begann Yuna, doch Taliya unterbrach sie: "Sag es mir!" Anstelle von Yuna antwortete ihr Ava: "Wenn du es wirklich wissen willst: Das, was du eben gesehen hast, war der Anfang. Schaum vor dem Mund, die Schmerzen werden schlimmer.." Sie schloss die Augen. "Dann beginnt der Körper zu faulen. Noch, während sie lebt. Und dann, dann stirbt sie, langsam und qualvoll..." Sie schluckte und musste sich erneut zusammen reißen, damit sie nicht wieder anfing, schwach zu werden. Trotzdem merkten es ihr alle an, wie es ihr zusetzte.
Auch Taliya war entgeistert. Nein, so durfte Angel nicht sterben! Sie durfte überhaupt nicht sterben - und dann sah sie Arlea an, die immer noch neben ihnen stand, oder schwebte, wie auch immer.. "Wie, wie sollen wir denn nach Hause kommen? Ich meine, selbst wenn ich uns teleportiere, müssen wir doch durch das Tor.. Und wenn sie uns erwischen?" Ava unterbrach sie:"Weshalb sollen wir denn durch das Tor? Du müsstest doch bestimmt mittlerweile stark genug sein, dich direkt in die Menschenwelt zu bringen. Uns, meine ich. Ich soll mit, sagst du, Mutter?" Arlea blickte sie an: "Ja! Nur so wird es leichter sein, Angels Eltern dort davon zu überzeugen, dass ihr die Wahrheit sagt. Denn dass es nicht leicht sein wird, könnt ihr euch denken, nicht wahr? Jemanden von unserer Welt zu erzählen, der keine Ahnung von anderen Welten hat, wird sehr, sehr schwer sein.. Deswegen will ich, dass du mitgehst. Und wir.." sie wandte sich an die anderen, die neben ihr standen, "wir werden weiterhin an Angels Seite stehen. Bei ihr sein, bis zum letzten Atemzug. Aber ich hoffe, dass es dazu nicht kommen wird..." Und wieder hörte sich ihre Stimme traurig an...
Ava und Taliya sahen sich an und schließlich nickte Ava. "Gut, ich bin bereit! Was auch immer dort auf mich warten wird, nichts kann schlimmer sein, als das hier! Also, auf ins Reich der Menschen!" Taliya blickte ihr ebenfalls ins Gesicht - und kam zu dem Schluss, dass nichts Falsches mehr in Angels ehemals böser Schwester lag. Abgesehen davon, dass die letzten Zweifel auch durch das Erscheinen von ihrer Mutter beseitigt worden waren. Taliya vertraute dem "Geist", auch, wenn sie nicht mal erklären konnte, woran das lag. "In Ordnung, dann lass es uns tun. Ich hoffe nur, dass es funktioniert..." "Wartet! Wisst ihr, wohin ihr euch teleporieren sollt?" ließ sich Kida vernehmen, die bisher ruhig daneben gestanden hatte.
Ava antwortete: "Nun, doch wohl am Besten direkt zu Angels zu Hause, oder? Dort, wo wir hin müssen, um diesen Edelstein zu kriegen!" "Nein! Ihr dürft doch nicht direkt vor dem Haus auftauchen! Wer weiß, was dort gerade für eine Tageszeit ist und wie hell es dort ist? Hier ist es immer gleich dunkel, aber dort müsste es jetzt Tag sein! Wenn euch da jemand sieht! Denkt doch mal nach!" ließ sich Yuna vernehmen. "Und was schlägst du vor, Fräulein Neunmalklug?" fragte Ava, etwas gereizt. Arlea blickte sie leicht tadelnd an und diese senkte den Kopf. "Entschuldige".. "Schon gut! Ich dachte daran, dass ihr euch, wenn das wirklich klappen sollte, dorthin teleportiert, von wo wir beide", sie sah Taliya an, "uns auf den Weg gemacht hatten. Direkt in der Seitengasse vor dem Tor. Da würdet ihr ohnehin auftauchen, falls es nicht klappen sollte, und ihr doch das Tor nehmen müsst. Vorausgesetzt ihr schafft es, nicht geschnappt zu werden. Und wenn es funktioniert, dann wäre die Seitengasse so wenig besucht, dass ihr eine große Chance hättet, dort hinein zu kommen ohne gesehen zu werden. Also größer, als vor Angels Haus." "Na toll, auch noch laufen... Wieso nicht gleich IN Angels Haus? Wenn wir uns wirklich überall hinteleportieren können..." "Na, weil es vielleicht für die Eltern ein zu großer Schock sein könnte, wenn ihr plötzlich ohne Vorwarnung vor ihnen im Wohnzimmer auftaucht! Ich hab gerade gesagt, du sollst mal nachdenken!" "Ist ja in Ordnung... Ich hab nur gedacht, wir sollten uns beeilen..."
Schließlich mischte sich noch einmal Kida ein, die beide tadelnd ansah: "Es reicht jetzt! Ava hat Recht, weil es wirklich eilt, Angel wird von Minute zu Minute schwächer! Und Yuna hat ebenfalls Recht, ihr könnt nicht einfach so schwups irgendwo im Wohnzimmer auftauchen oder in einer belebten Straße! Also es wird so gemacht, wie von Yuna vorgeschlagen; Taliya, du teleportierst Ava und dich dorthin von wo du und Yuna gekommen seid - vor dem Tor, in der ruhigen Seitengasse, und ich hoffe, dass es klappt und dort immer auch weiterhin ruhig ist und euch keiner sieht. Und dann lauft ihr so schnell es geht zu Angels Eltern. Versucht, sie von der Wahrheit zu überzeugen und holt diesen Edelstein. Wie auch immer! Und dann kommt zurück. Hinterher dürfte es schneller gehen, du kannst euch direkt von dort hierher zurück befördern! Dann sehen wir, ob es funktioniert. Aber jetzt, beeilt euch!"
Sie hatte so eindringlich gesprochen, dass Taliya und Ava sich zusammen stellten und sich umarmten. Taliya blickte noch einmal wehmütig zu den anderen und auch auch zu Angel zurück, doch Ava sagte: "Mach schon!" Und Taliya schloss die Augen. "Nach Hause, Menschenwelt - in die Seitengasse vor dem Tor!" sagte sie, so ruhig und präzise wie es ihr nur möglich war - und wenige Sekunden später waren sie beide verschwunden. Die anderen blickten auf die Stelle, wo sie vorab noch gestanden hatten, dann kümmerten sie sich alle um Angel, die immer noch von ihrer Mutter umsorgt wurde...

