7. Schwerer Anfang

Die Stille, die über ihnen lag, war erdrückend. Besonders Angel hatte das Gefühl, von ihr geradewegs zerquetscht zu werden. Alle 6 starrten sich an und besonders die beiden Mädchen konnten ihre Gesichter nicht voneinander lösen.

Angel wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie fürchtete sich vor dem Löwen, und wusste nicht, was sie davon halten sollte, dass die Frau, die bei ihrer Schwester stand - um die es sich bei dem anderen Mädchen, die aussah wie sie, unschwer handelte - ebenfalls still war. Und die Dunkelheit um sie herum machte ihr generell Angst. Sie mochte die Dunkelheit nicht; schon zu Hause waren ihr das Frühjahr und der Sommer lieber als Herbst und Winter. Und nun stand sie hier in beinahe völliger Dunkelheit und konnte kaum etwas sehen, abgesehen von den Personen und Gestalten, die um sie herum standen… Sie wollte etwas sagen, um die gespenstische und für sie unangenehme Stille zu unterbrechen, doch die eisigen Augen und der verbissene Gesichtsausdruck ihrer “Schwester”, ließ sie zögern. Wie diese sie ansah… Angel hatte das Gefühl, dass sie ihr den  Tod wünschen würde, ihre Blicke stachen sich geradewegs in ihr Gesicht. Sie fand es ja auch merkwürdig, dass sie eine Schwester hatte, die ihr so ähnlich sah; sie konnte es ja auch kaum fassen, doch sie war neugierig. Am liebsten hätte sie sie gefragt, wie ihr Leben gewesen war, was sie bis jetzt hier getan hatte.. Doch etwas hielt sie davon ab. Ava, Angel erinnerte sich daran, dass sie Ava hieß, sah nicht so aus, als wäre sie an Fragen interessiert, und Angel wusste nicht, was sie nun tun sollte. Auch die Frau und besonders der Löwe machten ihr Angst. Sie war nur froh, dass ihre beste Freundin bei ihr war - und sogar Yuna hatte ihre Vorzüge. Immerhin kannte sie sie bereits…

Ava musterte die Neuankömmlinge scharf. Dank ihrer neu entdeckten Fähigkeit, war alles beinahe taghell um sie herum. Sie konnte erkennen, wie genau das andere Mädchen, das ihre Schwester sein sollte, aussah: sie glichen sich in der Tat wie ein Ei dem anderen. Ava hatte ihr Spiegelbild ja gerade erst in den Quellen der Weisheit gesehen. War das vielleicht mit ein Grund, weshalb die Quelle es ihr zu Beginn gezeigt hatte? Sie wusste es nicht, doch es war ihr auch egal. Dieses Mädchen würde keinen einzigen Tag hier in der Dunkelheit überstehen, dass merkte sie sofort. Verächtlich fiel ihr Blick einmal über den ganzen Körper. “Angel”, der Name passte zu ihr! Sie sah wirklich aus wie ein “Engel”, und so hatte sie vermutlich auch gelebt, eingeigelt in ihrer schönen Welt, beschützt und geliebt von Menschen, die sie liebte - ohne eine Ahnung von der Wirklichkeit… Nein, so eine brauchte sie hier nicht; auf die sie vermutlich auch noch aufzupassen hatte? Wie kam Moira und die Quelle nur darauf, dass diese ihr helfen konnten? Man musste sich dieses Mädchen doch nur mal genauer ansehen: Nun, natürlich sah sie im Grunde aus wie sie, doch ihre Haut war heller - und die Haare waren ebenfalls heller und kürzer. Ava konnte daraus schließen, dass sie in einer sonnenverwöhnten Gegend aufgewachsen war, denn sonst wären diese nicht so hell. Sie war keine Dunkelheit gewöhnt. Und wo keine Dunkelheit war, da war auch keine Gefahr. Sie konnte vermutlich nicht mal kämpfen - was also wollte sie hier? Womit würde sie ihnen helfen können?? Nein, Ava konnte sich nicht vorstellen, mit dieser Mädchen den dunklen Herrscher zu besiegen. Und dann ihre Begleiter… Dieses andere Mädchen war auch nicht viel besser und was stellte bitte dieses kleine Ding dar? Sie blickte kurz auf Yuna herab, die ihren Blick allerdings erwiderte und diesem stand hielt. Ava sagte nichts, sondern stellte sich mit verschränkten Armen ins Abseits. Die Quellen der Weisheit mussten sich irren! DAS waren sicherlich nicht die Retter ihrer Welt. Und sie würde dafür sorgen, dass diese ganz, ganz schnell wieder dort hinkamen, wo sie hergekommen waren…

Taliya blickte von einem Mädchen zum anderen. Sie hatte sich relativ schnell an die Dunkelheit gewöhnt, nachdem sie im ersten Moment gar nichts mehr gesehen hatte. Angst verspürte sie nicht direkt, aber ein wenig unheimlich war es auch ihr, da sie es im Hellen durchaus um einiges schöner fand. Und diese drückende Stille zwischen ihnen machte es nicht wirklich einfacher. Sie hätte am liebsten etwas gesagt, um das ganze etwas aufzuheitern, aber etwas sagte ihr, dass sie es besser lassen sollte. Auch, wenn Feinfühligkeit nicht immer die stärkste Seite von ihr war, so konnte sie sich in diesem Moment denken, dass es besser wäre, mal nicht zu viel zu quasseln - am besten erst einmal gar nicht.. Ihr Blick fiel auf den hellen Löwen, der neben Angels Zwillingsschwester - was unschwer zu erkennen war, so ähnlich wie die beiden sich sahen - und der fremden Frau stand. Sie war zwar ebenfalls ein wenig misstrauisch, aber so ängstlich wie Angel war sie nicht. Und wirklich gefährlich sah das Tier irgendwie auch nicht aus; erstens alleine schon durch seine Farbe - dieses ungewöhnliche weiß - und zweitens hätte es sie alle bestimmt schon in seinem Magen, wenn es sie hätte angreifen wollen… Taliya haderte mit sich, ob sie zumindest mal in seine Nähe gehen sollte, doch bevor sie dazu kam, nahm ihr “der Löwe” die Entscheidung ab…

Kida hatte genug von dieser durchaus unangenehmen Situation, in der sie sich derzeit befanden. Sie entschied sich erneut dazu, sich zu verwandeln und vor ihnen stand erneut das etwa 19-jährige Mädchen. Sie blickte in die anderen Gesichter, von denen sie zumindest zwei extrem ungläubig anstarrten. Das etwas kleinere Wesen, das aussah, als wäre es im Kindesalter stehen geblieben, sah nicht ganz so verwundert drein, anscheinend wusste sie, was sie war, denn Kida hörte sie sagen: “Ah, eine Formwandlerin! Das ist angenehm, mal eines von diesen doch recht netten Charakteren zu Gesicht zu kriegen. Wie lange war ich schon nicht mehr hier…” Dann wurde ihr Stimme brüchig: “Was ist nur aus meiner schönen Heimat geworden…” sagte sie leise. Kida sah sie an. Eigentlich hatte sie zuerst die Mädchen ansprechen wollen, die immer noch schwiegen und die Situation beinahe unerträglich machten, aber jetzt war zuerst dieses Wesen dran: “Du kommst von hier, nehme ich an? Mein Name ist Kida und ja, ich bin ein Formwandler; wie ist dein Name?”
Das Mädchen in Puppengröße sah sie an und verbeugte sich leicht. “Ich heiße Yuna. Und ja, ich komme aus dieser Welt, doch ich musste die letzten 10 Jahre in der Menschenwelt dahin vegetieren, bis ich endlich die Auserwählte fand; Angel!” Sie zeigte stolz auf sie.
Ein kurzes Aufschnauben war zu hören, und Kida und Yuna sahen sich zu Ava um, von der es unschwer gekommen war. Diese saß auf dem Boden und blickte starr an ihnen vorbei.
Kida drehte den Kopf zurück und blickte erneut zu Yuna. So ganz hatte sie es zwar noch nicht verstanden, aber das würde noch kommen. Es war schon einmal gut, dass sie erste Kontakte geknüpft hatten, doch noch schien das Verhältnis zwischen ihnen nicht gerade vorteilhaft zu sein… Besonders zwischen den Mädchen fühlte sie extreme Spannung, die in erster Linie von Ava ausging. Und sie spürte noch etwas: Angst. Der Tierteil in ihr konnte Angst förmlich riechen, und diese ging von dem anderen Mädchen aus. Sie trat in ihrer Menschengestalt zu Angel, die ein wenig zurück wich, und blickte ihr in die Augen; sie waren beruhigend und taten ihre Wirkung, denn Angel blieb stehen und wich nicht weiter zurück: “Warte; du brauchst keine Angst zu haben… Ich tue dir nichts, weder als Mensch, noch als Löwin. Ich bin ein Gestaltwandler, wie Yuna richtig bemerkt hat, und ich bin hier, um euch bei eurer Mission zu helfen. Wie wir alle wohl auch…”

Weiter kam sie nicht, denn plötzlich brach es aus Ava heraus, die bis jetzt ruhig auf dem Boden gesessen hatte: “Bei unserer Mission? Also ich sehe hier keine “Mission” mehr - nicht mit so einer an meiner Seite! Sie sieht vielleicht aus wie ich, doch sie ist nicht wie ich - nicht mal im Mindesten! Seht sie euch doch an, wie sie hier steht, voller Angst im Gesicht! Und so was will den dunklen Herrscher besiegen?” Aus ihren Worten sprach purer Hohn und Spott. Dann wand sie sich direkt an Angel und stieß hervor: “Du solltest lieber direkt wieder in dein sicheres Leben zurück kehren; dort, wo dir nichts passieren kann - in den Schoß deiner Familie!”

Die Worte trafen Angel bis ins Mark. Sie wusste nicht, was sie erwartet hatte, wenn sie hier auf ihre Schwester traf, die sie bis jetzt noch gar nicht kannte; aber auf so einen Hass, der ihr von dieser nun entgegen schlug, war sie nicht vorbereitet gewesen. Sie wollte zurück; auf der Stelle! Am liebsten hätte sie Yuna darum gebeten, auf dieser Seite das Tor wieder zu öffnen - doch bevor sie dazu kam, ließ sich jemand vernehmen, der bis jetzt noch gar nichts gesagt hatte, die Frau, die neben Ava und diesem Löwen/Menschen - wie war noch ihr Name? Ach ja, Kida - gestanden hatte. Diese stellte sich neben Ava und sah sie mit hochgezogenen Brauen an: “Ava! Ich möchte, dass du dich für das, was du da gerade gesagt hast, bei deiner Schwester entschuldigst! Sofort!”

Die Stille, die nun entstand, war beinahe noch erdrückender, als die davor. Angel konnte gerade so erkennen, dass Ava zu der Frau hochsah - und der Ausdruck in ihrem Gesicht immer undurchdringlicher wurde. Es war beinahe so, als könnte sie nicht fassen, was diese ihr da gerade “befohlen” hatte. “Was soll ich??” fragte sie schließlich doch, mit rauer Stimme. “Du hast mich schon verstanden. Es war nicht richtig, was du zu Angel gesagt hast! Sie kann nichts dafür, dass sie dort aufgewachsen ist, in der anderen Welt! Es hätte genau so gut dich treffen können, ich denke nicht, dass eure Mutter sie gewählt hat. Ihr wäre es liebsten gewesen, wenn ihr beide bei ihr geblieben wärt, doch so ist es nun mal nicht geschehen. Nun deiner Schwester die Schuld daran zu geben, dass sie ist, wie sie ist, kann ich nicht gut heißen. Steh auf und gebt euch die Hand… Ihr müsst zusammen finden!…”

Doch sie kam nicht weiter. “Niemals!” hörte Angel die Stimme des anderen Mädchens zurück, und dann stand sie auf und setzte sich einige Schritte von ihnen entfernt auf einen Stein. Angel war kaum noch in der Lage, sie zu sehen. Nur noch ihre Silhouette war in der Dunkelheit zu erkennen…

“AVA!” rief die Frau, doch Angel schüttelte den Kopf. “Lassen Sie sie… Sie braucht sich nicht bei mir zu entschuldigen…” Mehr konnte sie nicht sagen, die Situation war einfach zu furchtbar für sie. Die Frau kam auf sie zu und blieb kurz vor ihr stehen. Sie musterte sie und schließlich entfuhr auch ihr ein Seufzer: “Ja, du siehst ihr wirklich bis aufs kleinste Detail ähnlich.. Abgesehen von euren Haaren… Doch ich fürchte, das Äußerliche ist auch alles, was gleich an euch ist. Du bist es nicht gewohnt zu kämpfen, mein Kind, oder?” Angel schüttelte verwirrt den Kopf. Nein, sie hatte noch nie gekämpft, wie kam sie denn jetzt darauf.. “Nun, das werden du und deine Freunde in der nächsten Zeit lernen müssen, und auch, wenn Ava wohl nicht glaubt, dass ihr - besonders du, mein Kind - es lernen könnt, dann werde ich sie wohl vom Gegenteil überzeugen müssen! Doch bevor wir zu den Übungen übergehen, werden wir nun etwas pausieren und essen. Habt ihr Hunger?” Angel sah zu Taliya herüber, die ihnen zugehört hatte und bereits herüber kam und freudig grinste. An ihrem Gesichtsausdruck konnte Angel erkennen, dass sie Hunger hatte, und auch ihr Magen knurrte. Die Frau nickte, so als hätte sie die Antwort bereits geahnt und sagte dann: “Gut, also dann könnt ihr euch schon einmal nützlich machen: So wie es aussieht, sind hier keine dunklen Gestalten, ich spüre keine und Kida auch nicht. Wir können also Feuer machen. Darin werdet ihr euch jetzt einmal üben und Ava, Kida und ich werden uns etwas zum Braten suchen. Ach ja, bevor ich es vergesse: Mein Name ist Moira und ich bin deine Amme!”

Bevor Angel etwas erwidern konnte, war sie schon verschwunden und rief zu Ava und Kida herüber, dass sie mit ihr kommen sollten. Kida hatte sich wieder in ihre Löwengestalt verwandelt und Ava, die zuerst nicht wollte, wurde erneut von Moira angesprochen. Angel konnte hören, dass die Stimme der Frau dieses Mal durchdringender und strenger war. Dieses Mal stand sie auf und stapfte missmutig mit. Angel seufzte. So hatte sie sich das erste Treffen mit ihrer Schwester nicht vorgestellt… Wie sollte es weiter gehen? Das Mädchen verachtete sie und das würde sich garantiert auch so schnell nicht ändern… Plötzlich kamen ihr noch die Worte der Frau in den Sinn, bevor diese verschwunden war, wohl um etwas zu essen zu suchen: Sie war ihre Amme??  
Doch bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, mussten sie es erst einmal schaffen, ein Feuer anzuzünden; und keiner von ihnen hatte eine Feuerzeug oder ähnliches dabei; Taliya und Angel blickten auf Yuna herab, die sie zuckersüß lächelnd anblickte und sagte: “Jetzt zeigt euch die “Kleine” mal, wie man ein Feuer anmacht!”…

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Christal, 31
Traumland