14. Verrat

Sie wussten nicht, wie lange sie bereits durch die Dunkelheit gelaufen waren. Besonders Angel hatte sämtliches Gefühl für Zeit und Raum verloren. Sie fühlte sich innerlich genau so schwarz und verloren wie die Gegend auf sie wirkte, durch die sie gerade liefen. Wenn man sie hier alleine gelassen hätte, wäre sie hoffnungslos verloren gewesen - und sie zweifelte nicht daran, dass Ava sie alleine lassen würde, wenn sie die Chance dazu hätte.

Ihr einziger Trost, den sie in dieser beinahe teuflischen Schwärze bis jetzt gehabt hatte, war Taliya gewesen, auf die sie sich wirklich einhundertprozentig verlassen konnte. Doch diese war nun fort. Die Angst, sie eventuell für immer verloren zu haben, schnürte ihr die Kehle zu und ließ sie für einen Augenblick vergessen, dass sie nicht alleine war. Sie schluchzte leise und ihre Augen begannen, feucht zu werden. Sie wollte sich nicht so gehen lassen, und sie wusste, was Ava dazu sagen würde, doch sie konnte nichts dagegen tun. Die Tränen kamen einfach und sie versuchte nicht einmal sie aufzuhalten, während sie den anderen folgte, die vor ihr liefen und deren Umrisse sie in der Dunkelheit gerade noch erkennen konnte.
Plötzlich spürte sie eine Hand in ihrer, die recht klein zu sein schien und ihre leicht drückte. Angel sah nach rechts und bemerkte Yuna, die bis gerade noch hinter ihr gelaufen war. Da Yuna direkt neben ihr lief, konnte sie ihr Gesicht erkennen, und ihre Aura, die so bunt flimmerte, dass es beinahe in ihren Augen schmerzte, zumal sie auch durch die Tränen leicht gehandikapt war.

Yuna versuchte ihr Mut zu machen. Es war nicht das selbe wie bei Taliya, aber es berührte sie unglaublich, dass Yuna es zumindest versuchte. Gerade sie hatte sie bis jetzt auch nur kratzbürstig erlebt, und ihr so etwas nicht wirklich zugetraut.
Doch sie schien sich in Yuna getäuscht zu haben - so wahnsinnig lange kannte sie die kleine Menschengestalt ja noch gar nicht, die sich jahrelang als Taliyas Puppe hatte tarnen müssen. Jeder hatte eine Chance verdient und ihre Aura ließ darauf schließen, dass sie eine gute Persönlichkeit hatte - was Angel im Gegenzug wieder frösteln ließ, als sie an Ava und Moira dachte…

Yuna blickte sie an und sagte leise: “wir finden sie schon! Ganz bestimmt.” Angel nickte nur. Yuna hatte wohl ihr Schaudern bemerkt und dachte nun, es wäre wegen ihrer Angst um Taliya - was sicherlich auch nicht ganz verkehrt war - aber den wahren Grund wollte sie ihr jetzt nicht mitteilen. Erstens dachte Angel, dass es zu gefährlich sein könnte, da sowohl Moira als auch Ava sie eventuell hören könnten, und zweitens wollte ein kleiner Restfunken in Angels Herzen immer noch nicht daran glauben, dass ihre Seelen schwarz waren. Es musste einfach einen anderen Grund haben, weshalb sie bei den beiden kein buntes Flimmern sehen konnte…

Langsam beruhigte sich Angel wieder und lief mit Yuna zusammen hinter den anderen her. Diese hatten sich nicht umgedreht. Ava, weil sie die anderen in der Tat nicht interessierten. Sie war in ihre eigenen Gedanken versunken und diese waren alles andere als positiv. Auch Moira war darin enthalten und diese würde nicht “hören” wollen, was Ava gerade über sie dachte…
Moira war allerdings in ähnlicher Stimmung. Auch sie ärgerte sich über ihre Ziehtochter; darüber, dass diese nicht in der Lage war, sich anzupassen und sie geradewegs dazu gezwungen gewesen war, Härte zu zeigen. Auf der einen Seite tat es ihr zwar leid, dass sie zugeschlagen hatte, doch auf der anderen Seite gab sie Ava die Schuld daran. Sie hatte sie provoziert! Wenn sie noch nur ein wenig kooperativer wäre!

Moira seufzte, während sie weiter hinter Ava und vor den anderen her lief. So hatte sie sich das ganze auch nicht vorgestellt. Wie sollte das alles noch enden, wenn die Zwillingsmädchen nicht dazu in der Lage waren, sich zu vertragen und vor allem sich zu verbünden um den dunklen Herrscher besiegen zu können? So würde das niemals funktionieren! Moira machte sich extreme Sorgen, und die Gedanken, die noch in ihrem Kopf herum kreisten, waren alles andere als positiv…


Währenddessen hielt Taliya in ihrem Versteck aus und rührte sich keinen Zentimeter von der Stelle. Sie wusste immer noch nicht, wie sie überhaupt hierher gekommen war. Doch das war jetzt erst einmal zweitrangig. Sie musste alles darum geben, sich so unauffällig wie nur irgend möglich zu verhalten und sie hoffte inständig, dass die anderen sie suchten. Obwohl, das war eigentlich nicht das Problem, suchen würden sie sie eventuell schon, doch wussten sie auch, WO sie suchen mussten? Woher sollten sie denn wissen, dass sie hier war? Wenn sie doch noch nicht einmal genau wusste, wie sie hierher geraten war…

Taliyas Verzweiflung stieg von Minute zu Minute und auch sie sehnte sich nach ihrer besten Freundin. Bis jetzt war die Anwesenheit des jeweils anderen der einzige Trost, der sie beide hier aufrecht erhalten hatte. Doch sie durfte die Hoffnung nicht aufgeben! Wenn sie das tat, hatte sie ja schon direkt verloren… Nein, sie musste einfach hoffen, dass sie nicht entdeckt wurde und dann, wenn sich eine gute Gelegenheit bieten würde, musste sie fliehen! Sie musste hier weg, schon alleine des Tores wegen; das durfte auf keinen Fall von diesen Kerlen gefunden werden… Doch es stellte sich immer noch die Frage: Wohin? Es wäre am einfachsten, zu den anderen zurück zu kehren, von dort, woher sie gekommen war;
Doch war das wirklich klug? Was, wenn diese sie bereits suchten, es musste ihnen ja schon aufgefallen sein, dass sie verschwunden war..  Wenn sie sich nun auf den Weg gemacht hatten und hierher zurück kehrten? Aber dann fiel ihr mit Schrecken ein, dass dies ja noch schlimmer sein würde! Wenn es tatsächlich so war, dass sie vielleicht von alleine auf die Idee gekommen waren, dass sie hier sein könnte und sie nun auch hier suchten, dann könnten sie ihren Feinden ja genau in die Fänge laufen! “Fänge” im wahrsten Sinne des Wortes! Und dann? Dann waren sie alle verloren! Und das nur ihretwegen.. Nein, dass konnte sie nicht zulassen; sie musste sich hier irgendwie los reißen und den Rückweg antreten - BEVOR - die anderen hier waren und bevor diese Wesen sie fanden! Doch das war leichter gesagt als getan…
… dachte sie jedenfalls. Kaum hatte Taliya daran gedacht, bei ihren Freunden sein zu wollen, schon war sie von dem Fleck, an dem sie vorhin noch gestanden hatte, verschwunden, ohne es wirklich zu merken. Die Diener des dunklen Herrschers, die immer noch, bisher erfolglos, auf der Suche nach dem Tor waren, hatten nichts von ihr bemerkt.

Einige Sekunden später tauchte Taliya einige Meilen weiter auf - direkt vor Ava, die abrupt abbremste. Sie holte schon ihr Wurfmesser heraus, bereit es auf den potentiellen Angreifer zu werfen, als ihr auffiel, WER da vor ihr stand. “Taliya! Was in Dreiteufelsnamen machst du denn wieder hier? Da hätten wir dich ja gar nicht suchen brauchen! Macht es dir Spaß, uns so zum Narren zu halten, du verfluchtes Miststück??” Ava war geladen und auf einhundertachtzig. Bevor Taliya allerdings noch dazu kam darauf zu antworten, fühlte sie bereits, wie jemand anderes um ihren Hals fiel und sie an sich drückte. Dann hörte sie Angels beinahe schluchzende Stimme: “Taliya… Oh Gott, du bist wieder da! Ich bin so froh… Ich hab gedacht, ich seh’ dich nie wieder…”
Taliya war beinahe etwas peinlich berührt, doch sie erwiderte Angels Umarmung, dann hielt sie diese etwas von sich. “Schon gut. Mir geht’s gut.. Ich, ich weiß ehrlich gesagt überhaupt nicht was passiert ist.. Eben waren wir noch alle in unserem Versteck und plötzlich war ich anscheinend in der Nähe des Tors! Und jetzt bin ich plötzlich hier gelandet.. Ich kann mir das selbst nicht erklären…”

Moira hatte sich das Schauspiel bis jetzt ruhig angesehen, nun griff sie ein. Sie waren alle sehr weit gekommen und auch nicht allzu weit vom Tor entfernt. Etwas weiter von der Stelle, an der anscheinend Taliya bis jetzt gestanden hatte, aber dennoch weiterhin in der Gefahrenzone. “Lasst uns erst einmal eine Stelle finden, in der wir uns verstecken können. Na los!” Einige Sekunden später fanden sie einen kleinen Felsvorsprung, der dem ähnelte, an dem sich Taliya bis gerade eben noch versteckt hatte. “So, und nun noch einmal von vorne. Taliya, sag uns jetzt bitte, was das letzte war, woran du gedacht hast, bevor es dich an die Stelle vor dem Tor verschlagen hat! Woran hast du gedacht?”

Taliya sah sie irritiert an. “Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht mehr.. Wir hatten uns über …” Sie stockte einen Moment und sah dann zu Angel und den anderen herüber, denn sie wusste ja noch nicht, dass auch Moira und Ava über ihre Fähigkeiten bescheid wussten. Diese nickten nur und Kida, die sich gerade wieder in ihre menschliche Gestalt verwandelt hatte, sagte: “sie wissen es! Du kannst frei sprechen.” “Also gut, wir haben uns über Angels Fähigkeit unterhalten, sie kann ja anscheinend unsere Aura erkennen..” Dann fiel auch Taliya ein, was Angel über Avas und Moiras Aura gesagt hatte, und sie wusste nicht, ob die anderen auch darüber etwas gesagt hatten. Angel sah sie an und in ihren Augen erkannte Taliya die Wahrheit. Sie schluckte den Rest herunter und fuhr fort: “Ich weiß nicht, was dann geschehen ist. Wirklich! Ich kann nicht mehr sagen, woran ich gedacht hab, plötzlich war ich hier… Mir ist nur irgendwie alles über den Kopf gewachsen, die Spannung zwischen uns, die Situation an sich.. Vielleicht wollte ich eine kleine Sekunde einfach nur nach Hause…”

Moira ahnte plötzlich, was geschehen war. Dadurch, dass Taliya sich nach Hause gesehnt hatte - was in ihrem Fall die Menschenwelt gewesen wäre - doch ihre Fähigkeit anscheinend noch nicht stark genug ausgeprägt war, dass sie diese tatsächlich nach Hause gebracht hatte, war sie vor dem Tor gelandet! Moira fröstelte. Taliya hätte die Chance, nach Hause zurück zu kehren, doch dafür musste sie erst einmal die Kraft unter Kontrolle bringen… Sie war in der Tat eine Gefahr, doch Moira wusste nicht mehr, ob dies für den Herrscher galt, oder für sie! Doch nun waren sie so weit vorgedrungen, sie mussten weiter machen.

Moira schluckte und fuhr in ihrer Erklärung fort: “So wie es aussieht, bist du noch nicht Herr über deine Fähigkeit. Du musst eines wissen, Taliya: Mit dieser Kraft ist nicht zu spaßen! Sie ist äußerst gefährlich, besonders, wenn man sie nicht im Griff hat. Du kannst theoretisch überall landen, auch in den Fängen des Feindes. Und der Feind kann dich zu seinen Zwecken missbrauchen. Ich weiß selbst nicht wie, aber der dunkle Herrscher ist dazu in der Lage, die Kräfte seiner Opfer zu assimilieren!” Weiter kam sie nicht, denn Ava mischte sich mal wieder ein: “Dann sollten wir hier schnellstmöglich wieder verschwinden! Und zwar sofort. Jetzt, wo wir unseren “Ausflügler” wieder gefunden haben, können wir wieder dahin zurück kehren, von wo wir gekommen sind, oder? Was hält uns hier noch? Wir begeben uns nur unnötig in Gefahr!”

Sie war zum Schluss immer lauter geworden und hatte beinahe boshaft in Taliyas und Angels Richtung geblickt.
Taliya hatte ihren Blick bemerkt und fragte sich, was das sollte. Ihre Abneigung Angels Schwester gegenüber verstärkte sich immer mehr. Dennoch schluckte sie ihren Groll ihr zuliebe herunter. Angel stand immer noch neben ihr und hielt ihre Hand fest. Taliya hatte das Gefühl, sie wollte diese nie wieder los lassen.
Die anderen hatten erst einmal nichts gesagt, sondern das “Schauspiel” nur stillschweigend beobachtet. Doch auch sie waren froh, dass Taliya wieder unter ihnen war, wenn sie auch nicht ganz verstanden, wie das genau funktioniert hatte.. Schließlich war es Yuna, die dann die Frage dennoch stellte: “Sag mal, wie bist du denn jetzt hierher gekommen? Hatte das einen Grund? Ich meine, weißt du da wenigstens genauer, woran du vorher gedacht hast?” Taliya sah Yuna an und nickte langsam: “Ja, vor einigen Sekunden war ich ja noch in dem Versteck, irgendwo in der Nähe des Tors.. Und dann hab ich irgendwie daran gedacht, dass ich gerne bei euch wäre - also ich hab an euch gedacht - und dann war ich anscheinend hier.. Allerdings habe ich auch vorher schon einmal an euch gedacht, eigentlich seit meinem Verschwinden ständig - und vorher hat es nicht geklappt… Komisch.”

Das einzige, was von Ava zu hören war, war ein grummelndes “Dilettantin”, dann schwieg sie wieder. Taliya sah nur wütend zu ihr hinüber, doch sie schluckte ihren Unmut erneut herunter. Noch war ihre Freude, ihre Freunde wieder gefunden zu haben größer als der Wunsch, der verhassten Kröte, die dummerweise Angels Schwester war, an die Gurgel zu gehen. Doch sie wusste nicht, wie lange das noch dauerte, bis sich daran etwas ändern würde…

Moira sagte ebenfalls nichts dazu, auch, wenn sich an ihrem Mundwinkel zeigte, was sie davon hielt. Doch sie hielt sich zurück. Noch einmal wollte sie nicht so ausflippen, wie sie es bereits einmal getan hatte.
Doch nun wandte sie sich erneut Taliya zu und sagte: “Du musst extrem aufpassen, solange du mit deiner Kraft nicht umzugehen weißt! Versuche, am besten in der nächsten Zeit an keine anderen Orte mehr zu denken. Noch ist die Fähigkeit anscheinend so schwach, dass die Teleportation nicht richtig zu funktionieren scheint und du Gefahr läufst, irgend wo anders hin transportiert zu werden. Das können wir uns nicht erlauben, verstanden?” Dann wandte sie sich an die anderen und fuhr fort: “Und was uns angeht. Wir werden nun den Rückzug antreten. Es ist zu gefährlich hier, zumal wir schon, beziehungsweise wieder, extrem nahe an dem Tor sind, das es zu beschützen gilt…”

Weiter kam sie nicht, denn Taliya fiel nun siedend heiß ein, dass sie ja noch gar nicht erwähnt hatte, dass die Feinde und Diener des Herrschers bereits am Tor waren - beziehungsweise eventuell sogar hier in ihrer Gegend? Sie sagte es geradeheraus. Moira sah sie erschrocken an und aus Ava, die bis jetzt wieder still gewesen war, bellte sie geradewegs an: “Und das sagst du erst jetzt?? Na großartig! Dann haben wir ja eventuell schon eine Kavallerie auf den Fersen! Verdammt noch mal!”

Jetzt riss Taliya tatsächlich der Geduldsfaden. Bis jetzt hatte sie stillschweigend alles ertragen, was diese Kröte da von sich gegeben hatte, aber jetzt reichte es: “Kannst du endlich mal die Klappe halten oder mal was nettes von dir geben? Bist du immer so gemein und negativ?? Meine Güte, dass kann doch nicht wahr sein? Was muss in deinem Leben wohl schief gelaufen sein, dass du so ein Miststück geworden bist?”… Weiter kam sie nicht, denn nun war es Kida, die eingriff: “Ruhe jetzt! Alle beide! Meine Güte, wir sollten eine Einheit sein! Wir alle! Bis jetzt habe ich nur erlebt, dass wir uns gegenseitig an die Gurgel gingen. Und gerade ihr” - sie sah zu den Schwestern - “solltet besonders zueinander stehen. Ihr seid Schwestern, verdammt noch mal!”

Es war das erste Mal, dass Kida so aus sich heraus gegangen war, und selbst Yuna war erstaunt darüber. Das Löwen- /Menschwesen war sonst eher eine stille Natur und mischte sich höchst ungern in Streitigkeiten ein - höchstens um sie zu schlichten. Doch nun schien auch bei ihr der Geduldsfaden gerissen zu sein. Jedenfalls war sie um einiges lauter als gewöhnlich. Yuna grinste. Sie gefiel ihr in der Tat immer mehr.

Taliya und Ava schwiegen, doch es war ihnen anzumerken, was sie von Kidas Eingriff in ihren Streit hielten. Angel hielt das alles beinahe nicht mehr aus. Sie wollte in der Tat einfach nur nach Hause und wünschte sich bereits mehr als einmal, dass das ganze sich als schrecklicher Alptraum entpuppte, aus dem sie jede Sekunde aufwachen würde. Doch dies war unrealistisch, dass wusste sie. Und auch, dass selbst, wenn Taliya eventuell die Macht hätte, sich selbst nach Hause zu teleportieren, dies nicht schaffen würde, da ihre Kräfte noch nicht ausgereift genug waren… Es schien alles hoffnungslos…


Es gab noch jemanden, dem ähnliche Gedanken durch den Kopf gingen: Moira. Sie hatte sich das “Schauspiel” langsam auch lange genug angesehen und wusste auch nicht mehr, was sie noch tun sollte. Die Mädchen würden niemals eine Einheit werden. Sie kannte die Worte der Prophezeiung, aber sie konnte es nicht nachvollziehen. Wie sollten die Schwestern, die so unterschiedlich im Wesen waren und von der mindestens eine die andere bis aufs Blut hasste, es schaffen, sich GEMEINSAM gegen den dunklen Herrscher dieser Welt zu stellen? Moira hatte keine Ahnung. Dennoch musste sie irgendwie für ihre Sicherheit sorgen und sie erst einmal, jetzt wo sie wieder alle beisammen waren, hier heraus schaffen. “In Ordnung, wir müssen hier fort. Am besten wir gehen wieder dorthin zurück, woher wir gekommen sind und sehen dann weiter”, sagte sie. “Hab ich doch schon gesagt!” grummelte Ava wütend. Moira sah sie nur an und Ava verstummte. Dann fuhr Moira fort, ohne weiter auf Ava einzugehen: “Ich werde mich einmal kurz hier in der Gegend umsehen, ob die Luft rein ist, ihr bleibt hier und rührt euch nicht von der Stelle - und du Taliya, bist äußerst vorsichtig in dem, woran du denkst, verstanden? Ich will nicht, dass wir dich wieder irgendwo suchen müssen!” Taliya nickte nur. Sie hatte doch auch vorher nichts extra getan, um den anderen Ärger zu bereiten.. Das war bestimmt nicht ihre Absicht gewesen. Sie konnte nur hoffen, dass es nicht noch einmal passierte, und sie dann irgendwo in der Walachei landete, wo sie garantiert niemand mehr raus holen konnte.. - noch während sie das dachte, hielt sie plötzlich erschrocken inne, denn sie bekam panische Angst, dass es wirklich so geschehen könnte, nur weil sie daran gedacht hatte. Doch nichts geschah und Taliya bemerkte mit Erleichterung, dass sie immer noch an der selben Stelle stand. Jetzt versuchte sie in der Tat an nichts mehr zu denken, nur daran, wie froh sie war, endlich wieder bei Angel zu sein. Sie war die einzige Freundin, die sie hier hatte und diese half ihr, die dunklen Gefühle, die auch sie in sich hatte, zu verdrängen. Beide standen Arm in Arm nebeneinander und gaben sich gegenseitig Trost.

Währenddessen war Moira einige Schritte fort gegangen, tatsächlich zuerst in der Absicht, die Gegend nach potentiellen Feinden abzusuchen. Bis jetzt hatte sie keine gefunden.
Sie war noch nicht allzu weit von dem Versteck entfernt, in dem sich die Mädchen aufhielten, als sie Stimmen hörte. Moira suchte eine Spalte, etwas, wohinter sie sich verstecken konnte, und fand im letzten Augenblick etwas. Dann sah sie zwei riesige Werwölfe auf sich zukommen. Es waren zwei der neuen Art, die der dunkle Herrscher vor noch nicht allzu langer Zeit erschaffen hatte. Es fröstelte sie. Sie erinnerte sich an den Moment vor 16 Jahren, als sie mit dem Baby im Arm -  Ava - hatte fliehen müssen. Auch, wenn die Werwölfe damals anders gewesen waren, gefror ihr dennoch das Blut in den Adern. Die Erinnerung überflutete sie wie eine Riesenwelle und diese Werwölfe übertrafen alles an Grausamkeit, was selbst sie jemals gesehen hatte. Es kam ihr beinahe so vor, als wären es noch einmal neue genetische Wunderwaffen…

Konnte das wirklich sein? Hatte der Herrscher noch einmal neue Kreaturen erschaffen, doch wenn ja, wie? Wie schaffte er das? Woher kam diese Macht? Moira fröstelte. Sie mussten hier fort! Wenn diese Wesen sie fanden, dann gab es keine Hoffnung mehr…

Kaum hatte Moira das gedacht, geschah etwas, womit sie in ihren kühnsten Alpträumen nicht gerechnet hatte. Eine der beiden Werwolfshybriden, um die es sich anscheinend handelte, hob die Nase und schnüffelte. Es wehte kaum ein Lüftchen, und dennoch schien er etwas zu riechen… “Warte, Lymier… Hier ist jemand; ein Mensch!” Auch der andere begann zu schnüffeln und dann leckte er sich die Lefzen: “Ja, du hast recht…” antwortete er mit knarrender Stimme. “Da ist doch jemand…” und sie liefen genau auf Moiras Versteck zu. Diese wusste, dass sie in der Falle saß. Die Biester hatten sie entdeckt. Noch hatten sie sie nicht gesehen, doch sie hatten bereits die Fährte aufgenommen und  Moira wusste, dass sie nicht schnell genug sein würde, um vor ihnen fliehen zu können. Es war zu spät. Und dann kamen die Gedanken durch ihren Kopf. Gedanken, die ihr bereits vor einigen Jahren durch den Kopf gegangen waren und die sie immer wieder verdrängt hatte: Sie war die ganzen Jahre für Ava da gewesen, obwohl diese nicht ihr eigenes Kind war, und obwohl ihre Gefühle für sie langsam abebbten. Sie wusste, es hörte sich grausam an, aber es war so. Sie fühlte nichts mehr für Ava…
Dazu kam noch, dass sie langsam der Meinung war, ihrer Pflicht genüge getan zu haben und sogar mehr als das. Um es auszusprechen: Ihr Pflichtgefühl war verraucht. Langsam wurde ein anderes Gefühl in ihr immer stärker: Angst. Die Angst, für das bestraft zu werden, was sie getan hatte. Und sie wusste, was den Verrätern des dunklen Herrschers drohte: unerträgliche Folter. Der Tod würde dagegen eine Erlösung sein, für das, was sie getan hatte, war die Hinrichtung alleine eine zu humane Strafe. Nein, er würde sie foltern lassen bis aufs Blut, alleine, um heraus zu finden, ob sie etwas über die Zwillingsmädchen wusste. Und eventuell brauchte er das gar nicht? Wahrscheinlich hatten seine neuen Höllenhunde noch die Möglichkeit, direkt zu erkennen, dass sie Kontakt mit den Mädchen gehabt hatte? Sie wusste es nicht, doch im Grunde war das auch egal: Der Folter würde sie nicht entkommen. Sie hatte ihre Entscheidung getroffen: Moira wusste, dass es für sie kein Entrinnen mehr gab und so würde sie sich freiwillig stellen. Sie würde den Werwölfen entgegen treten und ihnen mitteilen, wo sich die Mädchen aufhielten - wenn diese ihr im Gegenzug versprachen, sie gehen zu lassen. Ja, Moira hatte sich dazu entschlossen, die Mädchen zu verraten.

Und so tat sie es schließlich. Moira trat aus ihrem Versteck hervor und hob die Arme in eindeutiger Pose. “Wartet“! rief sie den Wölfen entgegen, die bereits zum Sprung angesetzt hatten, als sie ihr potentielles Opfer entdeckt hatten. “Ich werde euch sagen, wo ihr die Zwillingsmädchen findet! Ich kenne ihr Versteck. Und das ihrer treuen Verbündeten. Sie sind alle zusammen, ganz in der Nähe - alles, was ich von euch will ist, dass ihr mich gehen lasst!”

Die Wolfshybriden fletschten die Zähne. Sie hatten bis jetzt noch nicht erlebt, dass jemand sich ihnen freiwillig vor die Zähne warf… Es wäre ihnen ein leichtes gewesen, die Frau vor ihnen zu zerfleischen, doch etwas sagte ihnen, dass dies ein Fehler sein würde. Vielleicht konnte ihr Herr etwas mit ihr anfangen? Wenn sie wirklich wusste, wo die Mädchen sich aufhielten, dann wusste sie vielleicht sogar noch mehr, als sie ihnen jetzt gesagt hatte? Und noch etwas, was dem Herrscher dienlich war? “Wir werden dich nicht gehen lassen, Weib!” knurrte der zweite der Riesenwölfe. “Doch du hast Glück, wir werden dich auch nicht zerfleischen, jedenfalls nicht direkt.. Du wirst uns sagen, wo die Mädchen sind, dann wirst du mit uns kommen, der Herrscher wird mit dir reden wollen. Was danach mit dir geschieht, wird Er entscheiden! Nun komm! Und keinen Widerstand, sonst wird es dir schlecht ergehen!”

Moira nickte ergeben. Sie wusste, sie hatte keine andere Wahl. Wenn sie tat was die Wölfe ihr sagten, würde sie eventuell in Ruhe mit dem Herrscher reden können und einen Handel mit ihm ausmachen können. Es gab noch Hoffnung für sie, doch noch heil aus der Sache heraus zu kommen, trotz allem, was sie getan hatte. Sie musste nur ehrlich sein, und um Vergebung bitten. Doch war der Herrscher dazu bereit? Sie wusste es nicht, doch sie würde alles tun, was er von ihr verlangte…


Die Mädchen warteten immer noch an der Stelle, an der Moira sie alleine gelassen hatte. Eine unheimliche Stille hatte sich über ihnen ausgebreitet und keiner wagte auch nur ein Wort zu sagen. Sie standen einfach nur beieinander, bis sie plötzlich Stimmen hörten - und alle wussten mit einem Mal, dass es kein gutes Zeichen war. Sie verstecken sich an ihrem Platz und wagten es, kaum zu atmen. Einzig Ava hatte bereits ihr Wurfmesser aus der Tasche geholt und war in Kampfstellung gegangen. Kida war noch in ihrer menschlichen Gestalt, doch auch sie war in Alarmbereitschaft. Etwas stimmte hier nicht. Die männlichen Stimmen die sie hörten kamen immer näher und sie wussten irgendwie bedrohlich gut, wo genau sie lang laufen mussten….

Und dann wussten sie auch, weshalb: Sie hörten eine Stimme, die ihnen bekannt vorkam, und ihnen allen klingelten die Ohren. Sie konnten nicht fassen, was sie nun hörten; allen voran Ava. Sie glaubte ihren Ohren nicht zu trauen, als sie Moira sprechen hörte: “Sie sind dort vorne; in der Felsspalte. Seid vorsichtig, eines der Zwillingsmädchen ist mit einem scharfen Wurfmesser bewaffnet und weiß bestens, damit umzugehen. Ein anderes Mädchen kann sich in eine Löwin verwandeln.”

Die Werwölfe begannen zu knurren, und die Laute durchzogen die Landschaft wie ein Donnern der Luft. Taliya, Angel und Yuna waren kreideweiß geworden, als sie Moira gehört hatten und ihnen war beinahe die Luft weggeblieben. Kida hatte vorgehabt, den Überraschungsmoment für sich zu nutzen und in ihrer Löwengestalt anzugreifen, doch nun gab es keinen Überraschungsmoment mehr. Sie verwandelte sich trotzdem, doch auch ihr war klar, dass sie es gegen zwei Riesenwölfe zumindest schwer haben würde.

Auch Ava hatte ihren Schockmoment erlebt, doch langsam wurde sie wieder klarer. Sie wusste nicht, was in Moira gefahren war, weshalb sie das getan hatte, aber das war momentan zweitrangig. Ihr ging es auch nicht um das Leben der anderen, das war ihr in diesem Moment ziemlich egal, sondern mehr um ihr eigenes, das auf dem Spiel stand. Sie würde einfach gerne abhauen, aber das ging jetzt nicht mehr, da die Werwölfe ihnen den Weg versperrten. Sie musste einfach kämpfen. Ohne groß nachzudenken, musste sie sich in den Kampf stürzen und das tat sie nun. Sie schwang ihr Messer und stürzte sich auf die Wölfe vor ihr und in dem selben Augenblick sprang auch Kida aus dem Versteck hervor. Yuna, Angel und Taliya standen einfach nur da und sahen geschockt zu, wie die beiden versuchten, gegen die riesigen Wolfsmonster anzugehen.
Doch sie hatten keine Chance. Auch wenn es zwei zu zwei stand, die beiden Wölfe übernahmen die Kontrolle, was wohl auch daran lag, dass sie über die Fähigkeiten und Waffen der Gegner von Moira unterrichtet worden waren. Sie wichen Avas Wurfmesser geschickt aus, diese hatte keine Chance auch nur einem von ihnen eine kleinen Kratzer zuzufügen, und es dauerte nur wenige Sekunden, da lag Kida auf dem Boden und wurde von einem der Wölfe beinahe zerfetzt.

Doch bevor er sie noch töten konnte, sagte der andere: “Warte! Unser Herr wird sie noch lebend brauchen - ich denke, er hat noch einiges mit ihnen vor!” Der Wolf ließ von ihr ab und Kida verwandelte sich im selben Augenblick zurück in ihre Menschengestalt. Sie konnte sich nicht mehr rühren. Blutend und stöhnend vor Schmerzen lag sie auf dem Boden direkt vor den Wolfsmonstern.. Diese zogen ihre Lefzen hoch.

Ava hatte in der Zeit weiterhin versucht, sie anzugreifen, doch der andere Wolf hatte plötzlich und selbst für Ava unerwartet eine Art Hechtsprung vollzogen und war über sie “geflogen” und auf ihrer anderen Seite gelandet. Ava konnte so schnell nicht reagieren. Sie wurde von ihm attackiert und auch sie bekam einen Biss in ihren Arm; fluchend ließ sie ihr Wurfmesser fallen. Sie hatte keine Gefühle mehr in dem Arm und es begann, stark zu bluten. “Gut, sie sind außer Gefecht gesetzt.” Er wandte sich an Moira: “DU; sag deinen “Freunden” dass sie mitkommen sollen - sofort! Und du kommst ebenfalls mit. Keine Sorge, du wirst deine Audienz beim Herrscher bekommen. Was er dann mit dir macht wird seine Sache sein. Pack die beiden Mädchen auf unsere Rücken - na los!”

Moira tat wie ihr geheißen wurde. Ihr war etwas unwohl dabei, doch die Hoffnung siegte über ihre Schuldgefühle. Sie hatte geholfen, die Mädchen aus der Prophezeiung zu finden und dem Herrscher zu übergeben - er MUSSTE ihr einfach helfen! Nachdem sie Ava und Kida auf die Rücken der Wölfe gewuchtet hatte, rief sie die anderen aus ihrem Versteck, die sie immer noch ungläubig anstarrten. “Wie konntest du nur?”.. Wollte Yuna anfangen, doch Angel und selbst Taliya schüttelten nur stumm die Köpfe. Was auch immer Moira dazu veranlasst hatte, sie war nicht mehr dieselbe. Wenn sie jemals auf ihrer Seite gewesen war? Sie erinnerten sich daran, was Angel gesagt hatte: Sowohl Moira als auch Ava hatten dunkle Auras.. Und als Angel nun zu Moira blickte, war diese von einer mehr als einem Zentimeter dicken schwarzen Schicht bedeckt; genauso wie die Wolfshybriden… Angel fröstelte. Moira war zur anderen Seite übergewechselt; es war eindeutig. Und was war mit Ava? Auf der einen Seite hatte sie wahnsinnige Angst um das Leben ihrer Schwester, denn diese war verletzt, doch auf der anderen Seite wollte sie sehen, wie deren Aura aussah. Langsam starrte sie zu ihr und sie konnte die graue Nebelwand um Ava erkennen, auch, wenn es immer noch dunkel um sie herum war. Doch irgendwie schien das Grau, das um sie herum wabbelte, noch nicht das vollständige Schwarz erreicht zu haben, das mittlerweile um Moira herum zu sehen war. Hatte das etwas zu bedeuten? War das vielleicht ein gutes Zeichen? Sie wusste es nicht, doch sie gab sich der Hoffnung hin, es war alles, was sie jetzt noch aufrecht hielt…

Moira hatte sich mittlerweile hinter sie begeben und schuppste sie einfach nur vorwärts ohne etwas zu sagen. Sie hatten keine Wahl. Die einzigen beiden, die kämpfen konnten, waren ausgeschaltet und keiner wusste, wie schwer ihre Verletzungen waren. Yuna hätte ihnen helfen können, denn sie war der Heilung fähig, doch wie hätte sie dies tun können? Die Lage war hoffnungslos und so liefen sie stumm ihrem größten Feind entgegen. Moira war die einzige, die sich der Hoffnung hingab, einigermaßen heil aus der Sache heraus zu kommen. Vielleicht würde ihr der Herrscher ihren Verrat der letzten Jahre vergeben?…

About Me

Christal, 31
Traumland