6. Das Portal Teil 2
Ava und Moira waren von der Quelle zum Bach zurück gelaufen und standen nun wieder an dem Berghang, der zum See hinunter führte. Vor ihnen prasselte der große Wasserfall, es war ein ohrenbetäubender Lärm, doch beide mussten ihn überhören. Die beiden hatten nicht mehr miteinander geredet, seit die Quellen der Weisheit Ava die Wahrheit gezeigt hatten. In Ava wirbelten so viele verschiedene Gedanken umher, dass sie noch nicht in der Lage war, diese zu ordnen. Schließlich sprangen beide von der Öffnung herunter in den See, der Druck des Wasserfalls vor ihnen war extrem stark und beide mussten aufpassen, dass sie von den Wassermassen nicht herunter gedrückt wurden.
Doch schließlich schafften sie es. Sie mussten gegen die Wassermassen ankämpfen und wieder wurde Ava zuerst vom Strom herunter gedrückt, konnte sich jedoch, wie zuvor auch, vom Grund aufdrücken und so einige Meter unterhalb des Stromes schwimmen, bis sie keine Strömung mehr spürte.
Schließlich war es geschafft. Sie waren endlich wieder am anderen Ende des Ufers angelangt. Ava sah Moira finster an und fragte nur: “Und wohin gehen wir jetzt? Du kennst die Richtung!” Moira nickte. Sie schwieg und lief vorneweg, Ava folgte ihr, ebenfalls schweigend. Ihr Plan war, wieder zurück zu dem Ort zu gehen, an dem die Geburt der Zwillinge stattgefunden, und alle, bis auf sie und das Mädchen - Ava - umgebracht worden waren. Moira fröstelte, als sie daran dachte, nun wieder dorthin zurück kehren zu müssen. Es waren 16 Jahre seitdem vergangen, sie hatte die Hoffnung, dass der Ort in Vergessenheit geraten war, zumal sie ja auch nur etwas von einem Kind gewusst hatten. Aber war dies wirklich so? Oder wurde dieser Ort trotzdem noch überwacht? Moira wusste nicht wieso, aber sie hatte ein merkwürdiges Gefühl in der Magengegend…
Doch es war vollkommen egal was sie dachte. Sie mussten an den Ort zurück um von dort heraus bekommen zu können, wohin Shaluar geflohen war. Moira hatte ebenfalls gesehen, wie er gelaufen war, und ihr war schon klar, dass nach 16 Jahren keine Spuren mehr von ihm da sein konnten, aber sie hatte trotzdem die Hoffnung, dort irgend etwas zu erkennen, was sie auf seine Fährte führte. Sie mussten einfach etwas finden!
Und so lief sie schließlich los, Ava folgte ihr schweigend, ohne überhaupt nur einen einzigen Ton zu sagen. Was sie dachte, war für Moira schwer zu ergründen. Sie wurde ohnehin aus dem Mädchen nicht schlau, die Jahre der Flucht und das Leben in Dunkelheit hatten sie schwer gezeichnet.
Währenddessen hatte Kida, die Gestaltwandlerin, die sich entweder in eine Löwin oder in einen Menschen verwandeln konnte, weiterhin in ihrem Versteck ausgeharrt. Sie war leicht nervös geworden, je länger es dauerte, denn die Vorstellung, doch noch in den See springen und ihnen hinterher hasten zu müssen um sie zu suchen, behagte ihr gar nicht.
Doch als sie die Frau und das Mädchen nach einiger Zeit wieder aus dem Berg und dann aus dem See hinaus treten sah, war die Erleichterung groß. ‘Hab ich es doch gewusst!’ sagte sie selbstzufrieden zu sich und leckte sich noch einmal das Fell, bevor sie langsam aufstand und den beiden in einem großen Sicherheitsabstand folgte. Sie wusste, dass sie extrem leise sein musste. Sie fiel auf mit ihrem hellen, ja beinahe weißen Fell. Natürlich hätte sie sich auch in ihre Menschengestalt verwandeln können, allerdings waren ihre Menschenhaare ebenfalls hell gewesen, und außerdem machte sie als Löwe weniger Lärm. Und sie fühlte sich auch in dieser Gestalt einfach wohler.
Also folgte sie Moira und Ava in sicherem Abstand und fragte sich, was die Quellen der Weisheit Ava wohl alles verraten hatten. Dass sie ihr die Vergangenheit gezeigt hatten, konnte sie sich denken; aber war da noch mehr? Manchen zeigten sie auch die Zukunft.. So hieß es jedenfalls. Sie selbst hatte es noch nie ausprobiert, denn sie kannte keinen anderen Weg zu den Quellen, und ins Wasser bekamen sie keine zehn Pferde!
Während sie noch so vor sich hinsinnierte, hörte sie plötzlich Moira flüstern: “Wir müssen gleich hier entlang!” Moira zeigte nach links. Aber etwas ließ sie zögern. Was sahen sie denn da? Kida kniff ihre Augen zusammen und starrte in die Dunkelheit. Für sie war keine Gefahr in greifbarer Nähe, jedenfalls noch nicht… Aber dennoch schien dort irgend etwas zu sein, was sie zwang, stehen zu bleiben. Auch Ava fragte: “Was ist los, hier ist niemand. Jedenfalls kann ich niemanden sehen!” Sie hatte Moira immer noch nicht erzählt, dass sie seit einiger Zeit in der Lage war, im Dunkel um sie herum besser zu sehen. Die Fähigkeit war nicht verschwunden. Es war tatsächlich beinahe taghell. Aber wozu sollte sie es mit jemanden teilen? Irgend etwas sagte ihr, dass es vielleicht sogar besser sein könnte, wenn sie es auch gegenüber Moira für sich behielt.
Diese zeigte ihr, dass sie still sein sollte und kniete sich auf den Boden. “Nein, hier ist keiner, aber wir sind hier ganz in der Nähe von dem Ort deiner Geburt. Eurer Geburt, meine ich..” Leicht in sich versunken, drehte sich Moira nach links um und flüsterte: “Ich kann es mir auch nicht erklären, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass hier noch die Geister der Vergangenheit ihr Unwesen treiben.. Ich fühle etwas. Auch, wenn ich es nicht sehe, aber hier ist etwas…”
Weiter kam sie nicht. Im gleichen Moment flog etwas großes, zuerst Undefinierbares über ihre Körper. Doch es war eindeutig feindlicher Natur. Und es war nicht allein. Noch mehr dieser merkwürdigen Gestalten, die weder Moira noch Ava jemals zuvor gesehen hatten, kamen aus ihren Verstecken. Selbst Ava hatte sie zuvor nicht bemerkt.
Sowohl Moira als auch Ava hatten gerade noch Zeit, ihren Dolch, beziehungsweise ihr Messer herauszuholen und einfach nur zu zustechen, doch es waren einfach zu viele. Selbst für die beiden. Und die Viecher waren riesig!
Plötzlich bekamen sie Hilfe von völlig unerwartete Seite; ein großer heller Löwe sprang aus dem Hintergrund hervor, weder Ava noch Moira wussten, woher das Tier kam, beziehungsweise hatten jemals so etwas gesehen. Für einen normalen Löwen war er viel zu hell. Eigentlich war seine Fellfarbe hier in der Dunkelheit extrem auffallend.. Dennoch schien es ihm gelungen zu sein, sich bis jetzt unauffällig irgendwo verkrochen zu haben.
Der Löwe sprang eines der Kreaturen an und zerfetzte es in der Luft. Als beide auf dem Boden aufschlugen, war klar, dass die Kreatur tot war. Doch es waren noch mehr als genug übrig, um die sich alle zu kümmern hatten. Moira und Ava hatten erst mal keine Zeit um weiter über den mysteriösen Löwen nachzudenken, sie mussten kämpfen. Die Bestien waren hartnäckig. Diejenigen, die von Moira oder Ava erstochen worden waren, standen wenige Sekunden später wieder auf. Nur der eine, den der Löwe erledigt hatte, war liegen geblieben, denn dieser hatte anscheinend die Kehle durchgebissen.
Plötzlich hörten Moira und Ava eine Stimme neben sich: “Ihr müsst ihnen in die Kehlen stechen, nur so habt ihr eine Chance sie zu erledigen!” Keiner von beiden wusste, woher die Stimme kam, aber das war jetzt auch erst einmal unwichtig. Sowohl Ava als auch Moira nahmen den Rat an und versuchten, so nah an die Kreaturen zu kommen, dass sie ihre Kehlen treffen konnten. Doch es war nicht so einfach. Natürlich war auch den Kreaturen klar, dass sie auf diese Art getötet werden konnten, einer ihrer Art lag ja schon tot da, und so machten sie es ihnen so schwer wie nur irgend möglich.
Auch der Löwe kämpfte um alles. Er hatte schon einigen der schwarzen Bestien die Kehle durchgebissen. Und doch hatten sie das Gefühl, dass es nicht weniger wurden. Dieses Mal war es ein schwieriger Kampf. Schwerer als die, die bereits hinter sich hatten.
Doch schließlich war auch dieser vorbei. Moira, Ava - und der weiße Löwe - hatten endlich alle Feinde erledigt. Ava ließ sich erschöpft auf den Boden fallen und auch Moira tat es ihr gleich.
“Mein Gott, was waren das für Geschöpfe?” fragte Ava entgeistert. Moira sah sie an. “Keine Ahnung, ich habe so was noch nie gesehen… Aber ich denke mir, dass es etwas mit diesem Ort hier zu tun hat… Anscheinend wird er doch noch bewacht.. Nach so vielen Jahren… Der dunkle Herrscher hat wohl doch eine Ahnung, dass hier in der Gegend die beiden Schwestern aus der Prophezeiung geboren sind..”
Weiter kam sie nicht, denn sie hörten ein Geräusch neben sich, beide fuhren auf und holten erneut ihre Waffen hervor, doch es war nur der weiße Löwe, der auf sie zukam. Misstrauisch sah Ava auf das Tier; es hatte ihnen zwar gerade geholfen, aber wirklich wusste sie nicht, was sie von ihm halten sollte…
Doch das, was als nächstes geschah, erstaunte Ava noch mehr: Der Löwe leckte sich kurz durch das Fell, anscheinend hatte er eine kleine Wunde, die aber wohl nicht so schwer war, dann stellte er sich vor sie - und verwandelte sich vor ihren Augen in ein Mädchen von ungefähr 19 Jahren. Sie blickte sie aus beinahe stechenden Augen an und sagte schließlich, bevor Moira oder Ava etwas sagen konnten: “Es freut mich, euch endlich gefunden zu haben. Ich suche schon so lange nach den Schwestern der Prophezeiung. Eine von ihnen habe ich wohl nun gefunden…” Weiter kam sie allerdings nicht, denn Ava war aufgestanden und hielt dem Gestaltwandler, um den es sich hier anscheinend handelte, ihr Messer an den Hals. “Hast du uns die ganze Zeit verfolgt?” fragte sie mit einem mehr als grollenden Unterton. Die Situation war alles andere als gut… Moira stand erst einmal nur daneben und sagte nichts. Sie schien nur zu beobachten, was weiter geschah.
Das Mädchen, das vor einigen Sekunden noch in ihrer Gestalt las Löwin gewesen war, blickte nur kurz auf das Messer, das an ihrem Hals klebte, herab und dann zurück genau in Avas Augen: “Habe ich euch nicht gerade geholfen? Reicht das nicht, um meine Absichten zu erkennen? Um deine Frage zu beantworten: Ja, ich habe euch verfolgt. Aber nur, um mich zu vergewissern, dass du auch wirklich das Mädchen aus der Prophezeiung bist. Als ihr an den Quellen der Weisheit angelangt seid, wusste ich es. Und dann habe ich gewartet, bis ihr zurück gekehrt seid um euch weiter zu begleiten. Eigentlich hatte ich auch weiterhin vor, mich im Hintergrund zu halten, aber nun brauchtet ihr meine Hilfe. Gegen die neuen Geschöpfe des Herrn ist hier beinahe jeder machtlos - wenn man keine Hilfe hat…”
Sie kam nicht weiter, dieses Mal schaltete sich Moira ein: “Du kennst diese Geschöpfe? Kannst du uns etwas über sie erzählen?” Das Mädchen nickte. “Ja, kann ich; aber zuerst möchte ich dich bitten, das Messer wegzulegen - und übrigens, bevor ich es vergesse: Mein Name ist Kida. Und normalerweise fühlte ich mich wohler in meiner Gestalt als Löwin. Deswegen werde ich mich auch gleich wieder in diese verwandeln. Wenn es mir gestattet ist.” Wieder blickte sie in Avas Augen und schließlich ließ diese ihr Messer sinken. Doch das Misstrauen war ihr immer noch anzumerken. “Und, wie sieht es nun aus mit diesen Bestien hier?” fragte Ava und zeigte auf die Kadaver, die überall vor ihnen verstreut lagen.
Kida nickte und blickte sich ebenfalls um. Sie wusste in der Tat mehr als genug über diese Monster… “Es sind die neuen “Haushündchen” des Herrschers. Sie sind noch besser als die alten Werwölfe von früher. Sie können besser sehen, besser riechen - und finden auch Fährten schneller. Ich weiß nicht, wer sie erschaffen hat, aber es gibt sie schon eine ganze Weile, und sie treiben ihr Unwesen besonders in dieser Gegend..”
Sie sah Moira an. “Hier ist es gewesen, oder? Hier war ihre Geburt, das sagtest du doch?” “Hast du uns auch belauscht?” fragte Ava, immer noch grantig.
Kida seufzte. Mit diesem Mädchen würde sie wohl erst einmal keine Freundschaft schließen.. Doch sie hielt sich zurück. “Wie ich schon zugegeben habe, bin ich euch gefolgt, da habe ich natürlich auch gehört, was ihr gesagt habt! Aber keine Sorge, es ist bereits jetzt kein Geheimnis mehr. Der dunkle Herrscher scheint sich etwas zu denken, oder selbst eine Ahnung zu haben, sonst würde er seine “Hündchen” nicht hierher aussenden. Das macht er nur in besonderen Gegenden… Also wenn wir nun die Gegend finden wollen, in der das Portal steht, müssen wir uns beeilen, sonst bekommen wir nachher noch mal Besuch”..
Für Avas Geschmack wusste dieses Löwin/Mensch-Wesen ein bisschen zuviel, doch Moira schien dies nicht weiter zu sorgen. Im Gegenteil, diese fragte Kida voller Eifer: “Weißt du vielleicht, wo wir das Portal finden? Ich weiß nur, dass wir uns nun nach links halten müssen, um das Dorf zu finden, in dem es geschehen ist; aber das Portal habe ich noch nie gesehen. Kennst du es?” Hoffnung schwang in ihrer Frage mit. Doch Kida schüttelte den Kopf. “Nein, das Portal habe ich auch noch nie gesehen, aber ich kann mich anders nützlich machen; ich werde mich gleich wieder in meine Löwengestalt zurück verwandeln, und dann kann ich auf Spurensuche gehen. Als Löwe kann ich wesentlich mehr riechen und aufnehmen als in meiner Menschengestalt. Und mal schauen, vielleicht finde ich ja Spuren, die uns zu dem Tor führen?”
Moira nickte, doch Ava blieb skeptisch. “Du willst Spuren finden? Nach so vielen Jahren? Na, da bin ich mal gespannt…” Sie hatte mittlerweile ihr Messer wieder eingesteckt, doch an ihrem Ton konnte Kida erkennen, dass sie alles andere als begeistert von ihr war. Sie musste es fürs erste akzeptieren und schluckte einen Kommentar herunter. Dann verwandelte sie sich wieder in ihre Löwengestalt und begann, ähnlich wie ein Hund, auf dem Boden herum zu schnüffeln. Sie hatte ähnliche Fähigkeiten entwickelt, auch wenn sie beileibe kein Hund war, natürlich nicht! Aber sie war fähig, aus sämtlichen Gerüchen ihrer Umgebung alles für sie wichtige heraus zu filtern. Zuerst geschah allerdings gar nichts, und sie musste sich erneut konzentrieren, zumal sie gar nicht genau wusste, wonach sie eigentlich suchen sollte. Sie hatte keine Ahnung, wie das Portal roch, nach dem sie suchten…
Doch dann nahm sie auf einmal Gerüche wahr, die sich von den anderen abstachen. Alte, verloren gegangene Gerüche, die etwas altbacken auf sie wirkten. So, als wären sie schon längst nicht mehr da - nur noch für sie erkennbar… Und sie schienen sie in eine Richtung zu ziehen..
Langsam begann Kida, in diese Richtung zu laufen und Moira folgte ihr sofort, denn sie hatte begriffen, dass Kida eine Spur aufgenommen hatte. Ava folgte ebenfalls, wenn auch um einiges lustloser. Sie vertraute dieser neuen Weggefährtin nicht, auch, wenn diese ihnen vorhin geholfen hatte. Trotzdem, solange Moira nichts an ihr auszusetzen hatte, würde sie ihr auch erst einmal folgen. Später würden sie weiter sehen. Im Notfall hatte sie ja ihr Messer…
Kida hatte eine Spur und sie wusste, dass es die richtige war. Sie waren an dem Geburtsort der Mädchen vorbei gelaufen und nun folgte sie ihrer Eingebung - und einem Geruch, der alten Männerschuhen glich… Sie wusste einfach, dass sie richtig war!
Und dann war es soweit. Sie kamen an eine Art Lichtung; Kida konnte sich denken, dass es vor 16 Jahren dort eventuell anders ausgesehen hatte. Es schien beinahe so, als wären hier - vor noch nicht allzu langer Zeit - Bäume niedergerissen worden. Von Baumriesen vielleicht? Auch solche Kreaturen trieben sich hier herum, seit es den dunklen Herrscher gab… Und nun war dieser Platz benahe kahl und kalt. Doch etwas war an ihm, das ihn irgendwie mystisch wirken ließ… Sie alle wussten, dass hier das Portal stand. Wenn es denn nur noch funktionieren würde…
Moira und Ava fragten sich, ob der dunkle Herrscher dies ebenfalls wusste und ob er veranlasst hatte, das Portal zu suchen. Vielleicht wollte er es ebenfalls zerstören oder noch schlimmer - vielleicht wollte er es öffnen um selbst in die andere Welt zu gelangen?? Beide Varianten wären grausam, doch so wie es aussah, hatten keiner seiner Schergen bisher Erfolg gehabt. Sie konnten nur hoffen, dass dies auch so blieb.
Schließlich hatten sie genug nachgedacht und Moira wollte gerade dazu ansetzen, die magischen Worte zu sprechen, die ihr wieder eingefallen waren und die dazu dienen sollten, das Portal zu öffnen, als es sich plötzlich wie von alleine auftat. Sowohl Moira, als auch Ava und Kida starrten wie gebannt auf die leere Ebene vor sich, als plötzlich, scheinbar wie von Geisterhand eine Art Tor aufging. Es flackerte und flimmerte - und dann sprangen ihnen aus dem Nichts drei Gestalten entgegen…
Wenige Sekunden zuvor hatten Angel und Taliya sich aus ihrer Lethargie gerissen, in die sie zuerst versunken waren, da Yuna ihnen erneut zugerufen hatte, dass sie sich endlich beeilen sollten, und so waren sie schließlich ohne groß weiter darüber nachzudenken in dieses rotierende Etwas gesprungen. Vor allem Angel durfte nicht daran denken, dass es ein Portal in eine andere Welt war, auch, wenn diese Welt angeblich ihre Heimat war. Dennoch war es etwas Fremdes.. Aber wenn sie noch weiter darüber nachdachte, würde sie gar nicht mehr wollen, und so sprang sie schließlich; Taliya folgte ihr. Und als letztes stürzte sich Yuna in das Portal - das sich auf der Menschenseite sofort wieder schloss.
Es dauerte kaum eine Sekunde, da waren sie schon auf der anderen Seite angekommen - und nach einigen weiteren Sekunden, in denen sie sich ein wenig orientieren mussten, standen sie schließlich auf und sahen sich um - und erstarrten. Sie standen drei Personen gegenüber; nein, um genau zu sein standen sie zwei Personen und einem Löwen gegenüber… Angel erstarrte. Das Mädchen, das sie ebenfalls anstarrte, sah genauso aus wie sie! Vielleicht abgesehen von den Haaren, die etwas länger und dunkler waren als ihre; wobei man das bei der Finsternis die hier herrschte, auch nicht wirklich sagen konnte. Aber länger als ihre waren sie auf jeden Fall. Ansonsten waren sie tatsächlich wie aus einem Gesicht geschnitten… Und der Löwe, der hinter ihr und der Frau, die noch bei ihr war, stand, machte Angel Angst. Am liebsten wollte sie wieder zurück, doch als sie sich umdrehte, war das Portal auch von dieser Seite geschlossen. Sie schienen hier gestrandet zu sein, und selbst wenn sie Yuna dazu bekommen würde, es noch einmal zu öffnen, wusste sie nicht, ob sie tatsächlich hätte fliehen können. Laut der Prophezeiung hatte sie hier ja etwas zu erledigen… Dennoch konnte sich keiner von ihnen in den ersten Sekunden rühren, geschweige denn, etwas sagen. Es lag eine gespenstische Stille über ihnen, während sich alle gegenseitig anstarrten…

