20. Die Feen-Lichtung und ihr Geheimnis
Was von den Mädchen nicht bemerkt wurde war, dass sie einen “Zuhörer” hatten. Es war einer der Gefangenen, der bereits die ganze Zeit, soweit es ihm möglich war, mitgehört hatte. Er wusste, wer sie waren. Die Zeichen standen einfach zu gut! Es mussten die Mädchen der Prophezeiung sein, und er hatte die beiden Zwillingsmädchen ebenfalls gesehen, von der eine anscheinend nun auf die Seite des Lords gewechselt war. Wie auch immer dies geschehen konnte, wusste er nicht, dennoch ahnte er, dass es schwierig werden würde, aufgrund dessen die Prophezeiung zu erfüllen. Dennoch durfte er die Hoffnung nicht aufgeben! Er hatte sich die ganze Zeit seiner Gefangenschaft an diese eine Hoffnung geklammert - und nun schien zumindest ein Teil davon wahr zu werden.
Dennoch gab es nun ein Problem. Eines der Mädchen war es gelungen, sich tatsächlich aus dieser Hölle zu befreien - sie hatte Fähigkeiten, dass hatte er mitbekommen, und sie war anscheinend in der Lage, diese einzusetzen…
Auch er verfügte über magische Fähigkeiten, wenn auch nicht so wahnsinnig große. Bis jetzt konnte er nicht wirklich viel damit anfangen, von ein wenig Schabernack vielleicht einmal abgesehen. Doch jetzt wäre er in der Lage, seine Kräfte für etwas Gutes einzusetzen! Er würde den Mädchen helfen. Eventuell half es ihm hier sogar heraus? Doch er ahnte, dass es ihm auch den Tod bringen konnte, wenn der Herrscher heraus fand, dass er dahinter steckte. Dennoch musste er es tun! Das Mädchen war fort - sie hatte sich fort teleportiert. ‘Wenn sie wollte, könnte sie fliehen’, dachte er, dass war ihm durchaus bewusst. Doch etwas in ihm sagte ihm, dass sie das nicht vorhatte. Dieses andere Mädchen - ca. so klein wie eine Puppe - hatte ihr quasi vorgeschrieben, was sie tun sollte. Sie schien sehr klug zu sein…
Also ging er davon aus, dass dieses Mädchen es auch so erledigen würde, und ihm war durchaus klar, dass wenn dem dunklen Lord ihr Fehlen auffallen würde, tatsächlich alles vorbei sein würde. Wo das andere Mädchen war, von dem die beiden gesprochen hatten, wusste er nicht, doch er hatte gesehen, wie der Lord und seine Helfer diese vor einiger Zeit mit sich genommen hatten - also ob sie noch lebte, konnte er beim besten Willen nicht sagen…
Und so beschloss er nun etwas zu tun, dass ihn durchaus das Leben kosten könnte; aber alles war besser als hier auf den Tod zu warten, der ohnehin kommen würde. Davon war er überzeugt. ER würde ihn früher oder später doch töten. Also sollte er doch einen Grund haben! Er würde wenigstens nicht untergehen, ohne etwas Gutes getan zu haben, in der Hoffnung, den Mädchen damit zu helfen, damit diese ihre Aufgabe erfüllen konnten.
Er schloss die Augen und konzentrierte sich. Solange er hier war hatte er die Fähigkeit nicht mehr angewandt, und ehrlich gesagt konnte er sich kaum noch daran erinnern, wie lange er eigentlich schon hier war… Zuerst geschah nichts, doch dann erschien plötzlich ein Bild vor seinem geistigen Auge. Es war zwar dunkel in dem Raum, doch als es kurzfristig einmal hell gewesen war, hatte er die Mädchen gesehen. Auch das, was nun verschwunden war - und er stellte es sich so leibhaftig vor, als wäre es tatsächlich noch da - an der selben Stelle wie zuvor, gefesselt und verletzt. Und wenige Sekunden später erschien an der Stelle, an der Taliya zuvor noch gewesen war, ein Abbild von ihr. So real, als wäre sie es wirklich und nur von einem Könner seiner Kunst vom der echten Taliya zu unterscheiden. Solange er sich konzentrierte und das Bild aufrecht erhielt, solange würde sie ebenfalls dort verweilen. Er durfte nur nicht ohnmächtig werden, und es so lange wie möglich versuchen. Nur der dunkle Lord würde seine Truglist durchschauen, das hatte er zuvor auch schon getan - und dann war alles vorbei! ‘Denk nicht daran!’ schalt er sich, und konzentrierte sich weiter. Nicht nur sein Leben hing davon ab…
Kurze Zeit zuvor hatte Raoul sich dazu entschlossen, Angel zurück bringen zu lassen. Er hatte genug von ihr, sie war ohnehin nicht mehr nötig und zudem auch bewusstlos geworden. Angewidert und amüsiert zugleich schaute er auf sie herab und fragte sich, wie so eine Mimose die alte Welt wieder herstellen wollte. Das Orakel, das diese Prophezeiung erschaffen hatte, war wohl nicht wirklich reif gewesen… Wenn jemand die Macht und die Kraft hätte, dies zu bewerkstelligen, dann wäre es die Schwester gewesen - doch diese Gefahr war nun gebannt. Ava war auf seiner Seite, er hatte sie in seiner Gewalt! Er lachte böse und dann rief er einen seiner Diener zu sich, der Angel nahm und sie wieder in die Folterkammer bringen sollte. Was er später noch mit ihr anstellen würde, darüber würde er sich dann Gedanken machen…
Der Diener verbeugte sich und trug Angel, die immer noch bewusstlos war, mit sich hinaus. Als er schließlich in der Kammer angekommen war, hing er sie genau dorthin, wo sie vorher war. Er schaute sich kurz einmal um, ob noch alles in Ordnung war und bemerkte nichts ungewöhnliches. Alle Gefangenen waren noch an ihrer Stelle, die Mädchen, die an der Seite der Zwillinge gewesen waren, standen, beziehungsweise lagen, noch immer dort, wo sie hingehörten - dachte er jedenfalls. Ihm fiel nicht auf, dass Taliya nur eine, von einem der Gefangenen, hervorgerufene Halluzination war. Und so überließ er Angel und die anderen schließlich ihrem Schicksal und ging hinaus. Der Gefangene, der die ganze Zeit das Trugbild aufrecht erhielt, keuchte. Einerseits war es anstrengender als er sich vorgestellt hatte, und dann hatte er schon Angst bekommen, als die Tür aufging. Im ersten Augenblick dachte er an IHN, doch dann war er einigermaßen erleichtert, als er bemerkte, dass es ein niedriger Untergebener des Lords zu sein schien, der noch dazu nicht besonders ausgeprägte Sinne zu haben schien. Es war ihm nicht aufgefallen, dass er hereingelegt wurde. Und so bemühte er sich weiterhin, den Schein zu wahren, solange, bis ihn seine Kräfte verlassen oder ihn das Schicksal einholen würde…
Währenddessen hatte Taliya kurzfristig die Orientierung verloren. Sie war einige Sekunden zuvor noch in der Folterkammer gewesen und hatte immer wieder daran gedacht, zu dieser Feen-Lichtung zu gelangen. Und dann bemerkte sie, dass etwas um sie herum anders war. Sie konnte es zuerst nicht wirklich einordnen, doch das erste was sie spürte war Luft. Frische, klare Luft um sich herum und sie hörte Vogelgezwitscher.. Doch bildete sie sich das nur ein oder war es Wirklichkeit?
Sie wusste es nicht, dennoch hob sie langsam den Kopf, was sie beinahe im selben Augenblick bereute. Sie spürte den Schmerz überall, und wusste, dass dies keine Einbildung war. Yuna hatte die Wahrheit gesagt: Wenn sie sich zu ihr teleportiert hätte und dort versucht hätte, sie zu befreien, wäre sie nicht weit gekommen. Die Schmerzen hätten sie vermutlich erledigt!
Doch wie weit würde sie hier kommen, wo auch immer “hier” überhaupt war? Taliya sah sich nach einigen Sekunden doch noch einmal näher um. Sie sah Bäume. Überall und nirgends Bäume um sich herum. Wie es schien befand sie sich tatsächlich in einem Wald - und auf einer kleinen Lichtung. Zuerst war Taliya wirklich froh darüber, doch dann kamen die Zweifel auf: Dies hier war eine Lichtung, doch war es auch wirklich DIE Lichtung? Sie hatte noch keine Feen hier bemerkt, und es hatte sich ihr auch noch niemand genähert… Was, wenn dies hier die falsche war? Taliyas Herz begann wie wild zu schlagen und sie atmete schneller. Die Stille um sie herum erdrückte sie und machte sie beinahe panisch - doch dann hörte sie plötzlich Stimmen in ihrer Nähe - weibliche Stimmen. Doch sie konnte nicht richtig verstehen, was sie sagten, es hörte sich beinahe an, wie ein leises Flüstern das kaum von dem Rauschen des Windes zu unterscheiden war…
“Wer ist das?” “Wo kommt sie her?” flüsterte es um sie herum, doch so viel und ausgiebig sich Taliya auch umdrehte, sie konnte niemanden und nichts erkennen… Die Schmerzen waren kaum noch erträglich und einer inneren Eingebung folgend sprach sie ins “Nichts” hinein: “Bitte, bitte helft mir, ich bin verletzt…” Wieder hörte sie nur durch das Flüstern des Windes: “Sie muss zurück! Sie gehört nicht hierher…”
Taliya gab die Hoffnung beinahe auf. Wo auch immer sie hier gelandet war, die Wesen schienen nicht wirklich hilfsbereit zu sein. Sie zeigten sich ihr nicht und von Hilfe war erst gar nicht zu reden.
Dennoch spürte sie aber auch keinen Angriff von Seiten dieser Wesen, mit dem sie schon beinahe gerechnet hatte. Taliya war beinahe drauf und dran, erneut ihr Bewusstsein zu verlieren, als sie etwas bemerkte, was sie erneut den Kopf heben ließ.
Was sie dann sah, ließ sie erstarren. Das konnte wirklich nicht sein. Nun hatte sie vollständig den Verstand verloren, oder sie war bereits tot und hatte es nicht bemerkt - wenn man das denn überhaupt bemerken konnte… Das, was sie nun sah, konnte es nicht geben! Das war völlig unmöglich! So ein Wesen gab es nicht - oder doch? Immerhin war sie in einer anderen Welt - in einer Welt voller Mythen, Geheimnisse, dunkler Magie - alles, was sie vorab niemals für real gehalten hatte. Also wäre auch alles möglich; aber DAS? Sie wusste es nicht, aber wenn es ein Trugbild sein sollte, dann war es das schönste, was sie jemals gesehen hatte. Und es machte ihr auch nichts aus, wenn sie danach sterben würde. Dieses Wesen dort einmal gesehen zu haben, seine Schönheit genossen zu haben, das war alles wert, was noch kommen sollte…
Taliya merkte, wie sie erneut in die Welt der Dunkelheit hinab glitt. Sie bemerkte nicht mehr, wie das Wesen, was zuvor noch etwas weiter weg gestanden hatte, sich in Bewegung setzte und zu ihr lief. Es war ein Einhorn. Ein reines, weißes, wunderschönes Einhorn, das nun sein Horn auf Taliyas Rücken legte und in weniger als einer Sekunde schlossen sich alle ihre Wunden. Dann lief das Tier einige Schritte zurück und sah in die Wälder hinein. Es brauchte nichts weiter zu tun, denn kurze Zeit später kamen Gestalten aus ihnen hinaus. Gestalten, die aussahen wie Frauen; nur filigran und in blauen und grünen Gewändern. Sie stellten sich neben Taliya und eine von ihnen kniete sich neben sie und wartete, bis diese einige Minuten später aufwachte…
Schließlich war es soweit. Taliya wachte auf. Sie hatte im ersten Augenblick keine Orientierung, doch dann fiel es ihr wieder ein. Und was ihr noch auffiel war, dass sie keine Schmerzen mehr hatte! Erschrocken sah sie sich um. Sie bemerkte die etwas merkwürdig aussehenden Frauen um sich herum und die, die neben ihr kniete. Sie sahen deswegen “merkwürdig” aus, weil sie beinahe durchsichtig zu sein schienen, ihre Haut war etwas fahl. Und ihre Kleidung war bläulich- beziehungsweise grün; ‘die Farben des Waldes und des Wassers‘, dachte Taliya, und wusste zuerst gar nicht, woher der Gedanke überhaupt kam.. Dann sah sie das Einhorn!
Sie hatte sich also nicht getäuscht. Es war tatsächlich da! Und es stand immer noch in ihrer Nähe und schaute sie so merkwürdig an.. Was ging hier vor um Himmels Willen??
Taliya schluckte. “Bin ich tot?” fragte sie, um überhaupt etwas zu sagen, doch irgendwie kam es ihr bereits beim Aussprechen unheimlich dämlich vor.. Doch was sollte sie sonst sagen? Sie wusste es nicht. Sie rechnete beinahe damit, dass die Frauen, wer oder was sie auch immer sein mochten, sie auslachten oder sonst wie verspotteten, doch nichts dergleichen geschah. Die eine, die neben ihr kniete, sah sie nur so merkwürdig an, dass es Taliya schon ein wenig bange wurde. Dann sagte sie: “Du musst etwas besonderes sein.. Una hat sich dir gezeigt. Und nicht nur das, sie hat dich gerettet. Deine Wunden geheilt. Dies geschieht nicht mit jedem, noch dazu jemandem, der ohne unser Wissen und unser Einverständnis diesen heiligen Boden betritt.. Normalerweise hätten wir dich aus diesem Reich vertreiben müssen, doch Una hat ein Zeichen gesetzt. Du bist willkommen. Wer oder was bist du? Wie heißt du und woher kommst du?”
Taliya hatte geschockt zugehört und gar nichts verstanden. Una hatte sie gerettet? Wer war Una? Schließlich fragte sie es und bekam zur Antwort: “Du hast sie doch gesehen als sie sich dir zu erkennen gegeben hat…”
Jetzt verstand Taliya. Sie blickte zum Einhorn hin, das immer noch auf der selben Stelle stand und die Frau neben ihr nickte. “Ja, genau. Das Einhorn. Es heißt Una, die einzige. Es ist das einzige seiner Art, das noch übrig ist, alle anderen wurden vom dunklen Herrscher getötet. Deswegen lebt es hier versteckt und es ist unsere Aufgabe, es zu beschützen.
Wir geben niemandem die Möglichkeit, es zu finden und halten jeden Fremden und Eindringling von hier fern - doch wenn es sich von selber zeigt, dann bedeutet das, dass es keine Angst vor dir hat. Du stellst keine Gefahr dar und es hat dich sogar gerettet. Du bist etwas Besonderes, willst du uns nicht sagen, wer du bist und was du hier willst?”
Taliya hatte erstaunt zugehört. Also war nichts von dem, was sie zuvor erlebt hatte, Einbildung gewesen. Sie hatte die Stimmen tatsächlich gehört - vermutlich waren es die Frauen gewesen, die gesprochen, aber sich nicht gezeigt hatten, und dann das Einhorn - Una. Sie war beeindruckt. Dann kam ihr eine weitere Eingebung als sie erneut die Frau ansah und fragte: “Seid ihr die Feen? Ist dies die Feen-Lichtung?”
Etwas in den Augen der Fee, die neben ihr kniete, leuchtete. “Feen-Lichtung.. Nun, so hat diesen Ort schon lange niemand mehr genannt.. Schon seit der schwarze Lord unser Heiliges Land in ein schwarzes Loch umgegraben hat..” seufzte sie. “Aber ja, ich denke, das sind wir! Woher weißt du über uns bescheid?” Taliya beeilte sich zu antworten: “Tut mir leid, ich habe mich ja noch gar nicht vorgestellt: Mein Name ist Taliya - und ich bin zusammen mit meiner besten Freundin Angel hierher gekommen, weil diese meint, aus dieser Welt zu stammen und zusammen mit ihrer Zwillingsschwester - sie wusste bis vor kurzem nicht einmal, dass sie eine hat - hierher kommen muss, um die Welt zu retten. Eine Prophezeiung hat dies vorhergesagt! Und wir sind ihre Freundinnen und wollten ihr helfen, doch dann hat der dunkle Lord uns gefangen genommen und…”
Die Fee unterbrach sie. Ihre Stimme klang schneidend und sie starrte ihr genau in die Augen, als sie fragte: “Du warst die Gefangene des dunklen Lords? Wie bist du entkommen?” Entgegen ihrer vorigen Bekundung, dass sie ihr nun vertrauen würde, da Una sie ja anscheinend akzeptiert hatte - und nicht nur das, sie wurde von dem Einhorn gerettet! - klang erneut tiefes Misstrauen aus ihr heraus. Taliya schluckte. “Ich, ich kann gewisse Dinge.. Ich verfüge über die Kunst der Teleportation… Am Anfang habe ich Fehler gemacht; mich völlig falsch weg teleportiert - doch jetzt hat es geklappt. Yuna - eine unserer Freundinnen und Verbündete - hat mir Tipps gegeben, wie ich es richtig mache, und es hat funktioniert! Bitte, glaubt mir, ich will nichts böses - ich, ich muss ein Heilmittel mitbringen; eines, dass meine Freundinnen heilt. Sie sind schwer verletzt! So schwer wie ich, wenn nicht noch schwerer…” Taliya fröstelte es, als sie daran dachte, wie Yuna und auch Kida massakriert worden waren. “Ihr müsst mir helfen, bitte. Deswegen bin ich hier. Ich wollte euch bitten, mir ein Heilmittel zu geben. Für meine Freundinnen. Ich muss zurück und sie retten! Yuna verfügt über Heilkräfte”, fügte sie noch hinzu, “doch irgend etwas wurde ihr auf die Haut geritzt und sie kann sich nicht mehr heilen. Und befreien können sie sich auch nicht. Bitte, helft mir!”
Sie hatte so verzweifelt gesprochen, dass schließlich die Tränen aus ihr heraus kamen. Es war ihr peinlich, doch sie konnte nichts dagegen tun. Plötzlich spürte sie eine Wärme durch sich hindurch fließen und sah eine Gestalt an ihrer Seite. Sie blickte nach oben. Wieder stand das Einhorn - Una - an ihrer Seite und berührte sie mit dem Horn. Das Misstrauen aus dem Gesicht der Fee war fort. “Sie scheint dir zu glauben”, sagte sie. “Una spürt, ob jemand die Wahrheit sagt oder lügt. Und aus deinem Mund spricht die Wahrheit… Also gut. Du sagst, es waren Zwillingsmädchen? Sind beide Mädchen noch in Gefangenschaft?” Taliya blickte zu Boden. “Was ist los? Du verschweigst doch etwas? Was ist mit dem anderen Mädchen? Der Schwester?” fragte die Fee nach. Taliya seufzte. “Ihr Name ist Ava… Sie, sie ist in den Händen des dunklen Lords.. Sie dient ihm… Ich weiß nicht, ob wir überhaupt noch in der Lage sind, die Prophezeiung zu erfüllen; aber wir wollen es versuchen! Wirklich! Wir müssen es schaffen, auch ohne sie; doch wenn alle anderen sterben, dann werden wir es nie schaffen!”
Die Feen schienen sich zu beraten. Die Fee, die bis gerade noch vor ihr gekniet hatte, stand auf und ging zu ihnen. Nun “hörte” Taliya nur wieder das Flüstern des Windes und spürte eine leichte Brise. Sie sah zum Einhorn hinüber, das sich wieder ein wenig von ihr abgesondert hatte, aber immer noch in der Nähe stand. Was für ein wunderschönes Tier.. So etwas reines und schönes hatte Taliya noch nie gesehen. Sie lächelte.
Dann kam die Fee zurück. Sie schien so etwas wie das Oberhaupt zu sein, überlegte Taliya. Doch bevor sie fragen oder etwas sagen konnte, sprach diese erneut: “Also gut. Alle Zeichen deuten darauf, dass die Zeit gekommen ist, auf die wir so lange gewartet haben: Auf die Erfüllung der Prophezeiung. Una hat uns gezeigt, dass du eines der Auserwählten bist. Es scheint so zu sein. Wir werden dir nun ein Heilmittel geben, mit dem du deine Freundinnen und eines der Schwestern heilen kannst. Doch was ihr danach tut müsst ihr selbst entscheiden. Hierher zurück zu kehren, ist euch streng untersagt! Wir müssen in Deckung bleiben. Der Lord darf auf keinen Fall von uns erfahren…”
Weiter kam sie nicht. Una begann, herumzutänzeln. Es war ein nervöses “Tanzen” von einem Huf auf den anderen und sie schüttelte den Kopf. Es schien beinahe so, als ob sie einen Einwand gegen das Gesagte vorbringen wollte…
Und die Fee verstand es auch genau so! “Una scheint anderer Meinung zu sein… Nun, so wie es aussieht, möchte sie euch kennen lernen…” seufzte sie und es klang tatsächlich so, als würde sie dies bedauern. “Nun, so sei es. Also ich gebe dir nun das Heilmittel und du wirst so schnell wie es dir möglich ist, mit Hilfe deiner Fähigkeit, zurück kehren und deine Freunde retten. Befreie sie und kehre mit ihnen hierher zurück. Aber wehe, jemand anderes erfährt von euren Plänen oder von diesem Ort! Wage es ja nicht, jemandem davon zu erzählen.”
Taliya schüttelte den Kopf. Die Eindrücke waren zur Zeit so viel für sie, dass sie es kaum fassen konnte. Doch dann kamen ihr Fragen in den Sinn: “Warte - wie, wie kann ich denn die anderen befreien; ich meine, mit den Heilmitteln und Kräutern, die ihr mir nun gebt, werde ich sie wohl heilen können, aber befreien… Ich meine, ich konnte mich befreien, weil ich mich fortbewegt habe, durch meine Kräfte; aber sie…” Weiter kam sie nicht. Die Fee schaute sie an und sagte: “Wer hat etwas von Heilkräutern gesagt? Ich sagte, “Heilmittel”, das sind keine Kräuter! Und was die Befreiung deiner Freunde angeht: Eines nach dem Anderen; wenn du das Heilmittel hast, werde ich dir dazu noch etwas sagen. Geduld!”
Damit ging sie und ließ Taliya verwirrt alleine. Hatte Yuna nicht etwas von Heilkräutern gesagt, die sie mitbringen sollte? Sie meinte schon, aber im Grunde wusste sie zuwenig, eigentlich gar nichts, um dazu noch etwas sagen zu können. Und sie war von der Fee abhängig. Also sah sie gebannt zu, wie diese auf das Einhorn zuschritt. Dieses stand wieder ganz still und blieb ganz ruhig, als die Fee sich neben sie stellte.
Dann sah Taliya, wie diese etwas aus ihrem Kleid hervorholte. Taliya hielt den Atem an. Das war nicht möglich! Völlig geschockt sah sie, wie diese ein Messer hervorholte. Was hatte sie vor? Sie würde doch nicht etwa?? Taliya sprang beinahe auf und wollte zu Una und der Fee rennen, um diese von dem Unfassbaren abzubringen - doch es war beinahe, als wäre sie vor eine unsichtbare Mauer gelaufen. Sie wurde von etwas, das sie nicht sehen konnte, vom Weiterlaufen abgehalten. Dann versuchte sie es mit Schreien, doch es kam kein Ton über ihre Lippen. Sie musste hilflos mit ansehen, wie die Fee das Messer nahm und dieses in die Haut des Einhornes stach.
Zeitgleich war eine andere Fee anscheinend zu einem kleinen Bach gelaufen, der in der Nähe zu sein schien, und hatte Wasser geholt. Sie hielt der Fee, die das Einhorn gestochen hatte, einen Wassertrog entgegen. Diese nahm den Trog ungerührt und ohne Taliyas Bemühungen, sie davon abzuhalten, zu beachten, und hielt ihn unter die Wunde. Ein Bluttropfen landete in dem Wassertrog und vermischte sich mit dem Quell des reinen Wassers. Danach zog die Fee das Messer aus der Haut des Einhornes heraus und verbeugte sich vor ihm. Dieses verbeugte sich ebenfalls - und Taliya sah mit Erstaunen, dass sich die Wunde sofort danach wieder schloss und es aussah, als wäre dort nie etwas geschehen.
Im gleichen Augenblick verschwand auch die unsichtbare Blockade vor Taliya und diese stürzte beinahe auf die Erde. “Was, was war das…” wollte sie gerade ansetzen, doch sie wurde von der Fee unterbrochen: “Es war sehr mutig von dir, was du tun wolltest. Ich habe wohl bemerkt, dass du versucht hast, mich von etwas abzuhalten, von dem du dachtest, ich würde es tun.. Doch nicht alles ist so, wie das Auge es denkt zu sehen… Ich habe nicht versucht, Una zu schaden. Das Heilmittel, was du brauchst um deine Freunde zu retten, liegt in ihrem Blut! SIE ist das Heilmittel und wenn sie jemanden für würdig hält, dann bietet sie ihm dies an. Von sich aus. Sie gibt die Zeichen und wir Hüterinnen sind fähig, diese zu lesen. Also: Nun höre gut zu! Ich sage es nur einmal: Nimm dies und gebe deinen Freunden jeweils einen Schluck davon zu trinken - nur einen Schluck, nicht mehr!
Und dann zu deiner Frage, wie du die anderen befreien kannst: Wenn sich noch genug von dem Heilmittel in dem Trog befindet, kannst du auf jede der Fesseln jeweils einen Tropfen aufbringen. Damit löst du die Fesseln. Und dann musst du dich beeilen! Niemand darf von uns erfahren. Dies bleibt immer noch so. Wir sind die Hoffnung und der Untergang, sollte der Lord etwas von Una erfahren. Da Una euch aber anscheinend alle kennen lernen will, wirst du sie alle hierher zurück bringen müssen..” Das hatte Taliya vorhin schon nicht verstanden: “Wie soll ich das machen? Ich, ich bin schon froh, dass ich es alleine hierher geschafft habe..” Weiter kam sie nicht. “Du wirst schon wissen, was du zu tun hast, und wie! Eile dich nun. Ich spüre, dass nicht ewig Zeit ist! Geh zurück und rette die anderen. Dann kehrt hierher zurück. Was wir danach tun, werden wir dann entscheiden. Die Zeit ist gekommen. Der Krieg beginnt; auch für uns…” setzte sie noch leise hinzu, und es klang beinahe, als würde sie es bereuen. Anscheinend war dies der Zeitpunkt, vor dem sie Angst gehabt hatte, doch sie konnte nichts mehr dagegen tun. Es war ihr Schicksal…
Taliya sah sie an und nickte, dann fragte sie: “Warte, noch eines: Darf ich fragen, wie du heißt? Ich meine, jeder hat doch einen Namen, oder?” Die Fee lächelte und nickte. “Unsere wahren Namen würdest du nicht verstehen; sie hören sich an wie der Wind. Doch in eurer Sprache nennt man mich “Faelia“. Wir alle haben Namen, doch das würde jetzt zu lange dauern. Wenn ihr wieder hier seid, werden wir sie euch nennen. Und jetzt eile dich! Für deine Freunde, und um zu verhindern, dass der Lord etwas bemerkt!” Faelia schien wirklich Angst zu haben, doch auch Taliya wusste, dass sie Recht hatte. Und so machte sie sich wieder auf den Rückweg. Sie hatte was sie brauchte, auch, wenn es nicht das war, was Yuna ihr gesagt hatte, und Taliya ahnte, dass selbst Yuna nicht mit so etwas rechnen würde. Doch nun dachte sie nicht mehr lange nach, sondern konzentrierte sich wieder auf den Kerker, in dem ihre Freundinnen gefangen waren - und sie bald wieder sein würde. ‘Hoffentlich erwischt mich der dunkle Lord nicht, bitte!’ flehte sie - und dann war sie erneut verschwunden…

