3. Ava: Quelle der Weisheit
Ava und Moira waren bereits eine ganze Weile weiter gezogen. Beide schwiegen. Moira, weil sie nicht wusste, was sie sagen sollte, und Ava, weil sie nicht reden wollte. Ihr schwirrten zu viele Gedanken im Kopf herum. Alleine der Gedanke, irgendwo eine Schwester zu haben, war ihr nicht geheuer. Im Grunde hoffte sie, dass das alles Unsinn war, den ihr Moira erzählt hatte und die Quelle der Weisheit ihr etwas anderes erzählen möge. Doch gleichzeitig fragte sie sich, weshalb Moira ihr so etwas erzählen sollte, wenn es nicht der Wahrheit entsprach.
Unwillkürlich lief sie schneller. Sie konnte es nicht erwarten, endlich diese Quellen zu erreichen. Moira ermahnte sie, langsamer und vorsichtiger zu sein: “Warte”, flüsterte sie, “wir müssen vorsichtig sein! Wir könnten IHNEN über den Weg laufen!” Ava sah sie wütend an. Das war ihr durchaus auch klar. Mit “IHNEN” waren die schwarzen Wesen gemeint; alle möglichen bösartigen Wesen, die hier in der Schattenwelt herum liefen und nur auf ihre Opfer lauerten.
Plötzlich meinte Ava, etwas zu hören. Sie lauschte, und gebot Moira stehen zu bleiben. Hier war etwas in der Nähe… Doch in der Gegend, in der sie sich gerade aufhielten, war es stockduster, so dunkel, dass man die eigene Hand nicht mehr vor Augen sehen konnte. Ava und Moira hockten sich hin und holten ihre Waffen aus den Taschen. Ava hatte ein riesiges Wurfmesser, an das sie ein Seil gebunden hatte. Moira einen, aus einem Baumast gefertigten gespitzten Dolch. Sie machten sich bereit, auf ihre Angreifer zu stoßen und sie zu bekämpfen, doch sie konnten - noch - niemanden erkennen. Dennoch wussten beide, dass sie in der Nähe waren - ganz in der Nähe…
Plötzlich begann sich etwas in Avas Wahrnehmung zu verändern. Es kam ihr so vor, als ob es in ihrer Umgebung heller würde… Eigentlich war das unmöglich; hier wurde es nicht hell, niemals… Aber dennoch konnte Ava mehr sehen als zuvor. Und sie bemerkte noch etwas: als sie sich umdrehte, huschten plötzlich Schatten hinter ihr und Moira hervor. Ava konnte sie erkennen, obwohl sie vorher niemals etwas in dieser Hinsicht bemerkt hatte. Was waren das für Gestalten? Doch sie hatte keine Zeit länger darüber nachzudenken; ohne groß darüber nachzudenken hob sie ihr Wurfmesser und holte aus. Sie hörte Moiras Aufschrei, als diese sie fragen wollte, was in drei Teufels Namen sie da tat, aber das interessierte sie nicht weiter. Ava warf das Messer in die Richtung, in der sie einen der Schatten hatte laufen sehen - er stand direkt hinter Moira - und bevor diese noch etwas sagen konnte, hörten sie beide ein schauderhaftes Stöhnen. Ava konnte sehen, wie der Schatten, der wohl nur für sie sichtbar war, sich auflöste. Die anderen Schatten wichen zurück. Sie hatten wohl nicht damit gerechnet, dass jemand in der Lage war, sie zu sehen…
Moira hatte ihren Dolch hervorgeholt, doch sie konnte nichts, beziehungsweise niemanden erkennen… Stattdessen sah sie Ava, wie diese wild rotierend auf irgendjemanden zielte, der für Moira nicht auszumachen war. Ihr wurde es ein wenig unheimlich. Was war das hier? Das jemand dort gewesen war und direkt hinter ihr gestanden hatte, wusste sie mittlerweile. Aber wer? Oder was? Sie selbst konnte nichts und niemanden sehen… Also war sie darauf angewiesen, dass sie von Ava beschützt wurde, was ihr irgendwie überhaupt nicht behagte… Sie wusste selbst nicht warum; dennoch wartete sie ab. Nach einigen Sekunden schien es so, als wäre die Gefahr vorüber, denn Ava steckte ihr Messer wieder in ihre Tasche. “Sie sind fort!” sagte sie nur, dann lief sie schweigend weiter. Moira schwieg ebenfalls und so gingen beide wieder ihrem eigentlichen Ziel entgegen…
Ava selbst wusste ebenfalls nicht, was da gerade geschehen war. Sie war immer noch in der Lage, die Gegend besser zu sehen, als jemals zuvor. Sie hatte beinahe das Gefühl, bei Tageslicht zu wandern, aber das war natürlich Schwachsinn. Dennoch war es nicht von der Hand zu weisen, dass sie die Wege besser sehen konnte und so auch ihr Ziel besser vor Augen hatte. Sie hätte auch so gewusst, wohin sie laufen mussten, denn Moira hatte es ihr erklärt; dennoch war es ihr so um einiges lieber. Und Moira selbst? Nun, sie schien noch an dem eben erlebten zu knabbern, denn sie schwieg seit dem Angriff; allerdings machte Ava das nicht wirklich etwas aus. Im Gegenteil, ihr war die Stille sogar ganz recht.
Sie hatten noch eine ganze Strecke zurück zu legen und Ava ahnte, dass es nicht bei dem einzigen Angriff bleiben würde - sie hatte Recht. Einige Zeit später merkte sie erneut, dass sie verfolgt wurde, und dieses Mal wusste auch Moira, was es dieses Mal für Wesen waren, die ihnen auf den Fersen waren: Werwölfe. Sie konnte diese Biester regelrecht spüren! Sowohl Ava als auch Moira spannten sich an. Sie mussten den geeigneten Augenblick abwarten - bis dahin war es immer auch ein Risiko gewesen; doch dieses Mal spürte Ava es nicht nur - sie sah ihn auch. Sie sah den Werwolf - einen mindestens zwei Meter großen Wolf mit funkelnden, roten Augen, wie er auf sie zusprang; und sie reagierte, in dem sie das Messer in seinen Bauch rammte und sich auf die Seite rollte. Ein dunkles Heulen erfasste den gesamten Wald, und weitere Heuler erklangen, als Antwort.
Moira war entsetzt. Mit so vielen Angreifern hatte sie nicht gerechnet. Was war hier los in drei Teufels Namen? Es war ja beinahe so, als wären sämtliche Dämonen aus dem Untergrund aufgetaucht.. Hatte man sie bereits im Visier? War ER auf der Jagd? Doch woher wusste er, wo er suchen sollte? Wie auch immer, sie mussten kämpfen und konnten nicht länger darüber nachdenken. Auch sie zog erneut ihren Dolch, dieses Mal wusste sie wenigstens, wo und wer ihre Feinde waren, dann stieß sie ohne weiter darüber nachzudenken in so viele Wolfsleiber, wie sie nur zu fassen bekam. Ava erging es genauso, nur, dass sie ganz präzise sehen konnte, wo sie waren und so schon vorher auf sie zu stob. Nach einigen Minuten war es geschafft. Sämtliche Werwölfe lagen vor ihnen und sie mussten sich erst einmal erschöpft auf den Boden setzen. “Was ist hier los? Es scheint beinahe, als ob diese verdammten Biester wüssten, wonach wir suchen..” flüsterte Moira. “Ich hab keine Ahnung, aber ich lasse mich von denen bestimmt nicht davon abbringen!” antwortete Ava mit zusammen gepressten Zähnen. Moira nickte und so standen sie schließlich wieder auf und liefen weiter. Langsam und vorsichtig, und dennoch war Ava weit im Vorteil. Mittlerweile war alles um sie herum beinahe taghell! Sie konnte es selbst kaum glauben, doch sie schwieg. Weshalb sollte sie ihr Erlebnis mit Moira teilen? Nein, sie behielt es für sich. Zuerst wollte sie diese Quellen finden und dort nach der Wahrheit suchen. Der Wahrheit, die Moira ihr die ganzen Jahre verschwiegen hatte…
Dann war es soweit. Weder Ava noch Moira wussten, wie lange sie eigentlich bereits gelaufen waren, doch dann packte Moira Ava am Arm und zeigte stumm auf einen Berg, der hinter einem großen See lag. Dort sahen sie einen Wasserfall, der den Berg herunter floss. Ava sah Moira an: “Dort ist es?” sie ahnte es bereits. Moira nickte. “Wir müssen dort hinein.” Ava starrte zuerst den See an, dann den Berg. “Heißt das, wir müssen durch den See den Berg hinein, oder hinauf? Wie?” Moira nickte nur, antwortete aber nicht, sondern begann, auf den See zuzulaufen. Sie trat in den See ein und Ava begriff langsam, dass es wohl so sein würde, wie sie befürchtet hatte: Sie mussten durch den See - in den Berg…
Langsam folgte sie Moira. ‘Wehe, ich finde dort nicht das, wonach ich suche’ knurrte sie in sich hinein, als sie merkte, wie das Wasser langsam immer tiefer wurde… Sie spürte plötzlich den Boden nicht mehr unter ihren Füßen und begann zu strampeln. Moira und sie hatten lange in keinem See mehr gebadet. Sie konnte nicht gut schwimmen; dennoch fand sie schließlich ihre Lage und begann, mit den Füßen und Armen so zu rudern, dass es glimpflich verlief. Sie schwamm auf den Eingang des Berges zu… Und wurde beinahe von dem Wasserfall, der von oben herunter prasselte, nieder gepresst. Einmal gelang es ihm, sie auf den Grund herunter zu drücken, doch Ava war stärker. Sie schaffte es, sich wieder hoch zu stemmen und schwamm durch ihn hindurch weiter auf den Eingang des Berges zu.
Endlich war sie da. Moira musste ebenfalls durch den Wasserfall geschwommen sein, dennoch hatte sie es bereits vor ihr geschafft und wartete dort auf sie. Schließlich zog sich auch Ava an dem Berg hoch. Moira sah ihr zu, doch sie half ihr nicht. Dennoch hatte es Ava nach einigen Minuten geschafft. Sie triefte vor Nässe; dennoch fuhr sie sich nur kurz über das Gesicht, nahm ihre langen, dunkelbraunen Haare und presste sie einmal kurz aus. “Und jetzt?” fragte sie Moira, die bereits dabei war, weiter zu gehen. “Wir müssen dem Bach hier folgen - immer weiter, bis wir zu seiner Quelle gelangen. Dort sind die Quellen der Weisheit”, antwortete Moira und Ava bemerkte den kleinen Bachlauf, der an dieser Stelle noch relativ breit war. Sie blickte kurz zurück und konnte sich denken, dass er zu dem großen Wasserfall wurde, der den Berg hinab fiel - in den See hinein.
Nun folgten sie also dem Bachlauf, der tatsächlich immer kleiner und schmaler wurde. Und schließlich, Ava konnte nicht sagen, wie lange es gedauert hatte, doch endlich waren sie an seiner Quelle angekommen. Ava blieb staunend stehen. So etwas wunderschönes hatte sie noch nie gesehen. Sie konnte es erst einmal kaum fassen. Um sie herum war eine Höhle. Groß wie ein ganzer Wald; Überall funkelte und glitzerte es - und schließlich sah sie an einer Wand eine Art runden Kessel, in der Wasser zu stehen schien. Es bewegte sich nicht.
Langsam trat Ava heran. Sie wusste instinktiv, dass es das war, wonach sie gesucht hatten: Die Quelle der Weisheit. Als sie vor dem Kessel stand, sah sie hinein - und betrachtete zuerst ihr eigenes Spiegelbild. Sie zuckte zurück. So genau hatte sie sich noch nie gesehen. Selbst gerade in dem See konnte sie sich nicht selbst betrachten, dafür war keine Zeit gewesen. Sie erblickte ein Mädchen mit blasser Haut, langen, nassen, aber dennoch sanften, glatten und dunklen Haaren -
unwillkürlich fuhr sie sich über Gesicht und Haare.
Moira war weiter zurück gewichen. Sie wusste, dass das, was Ava sehen würde, nur für sie bestimmt war. Anscheinend zeigten ihr die Quellen erst einmal sich selbst.. Nun, sie würden wissen, wozu es gut war… Dennoch musste ja bald etwas passieren, und Moira stellte sich ins Abseits um genau beobachten zu können, was weiter geschah.
Sie musste nicht lange warten. Nachdem Ava sich eine Weile im Wasser betrachtet hatte, veränderte sich dieses plötzlich. Es wurde rau und seine Oberfläche begann, sich zu kräuseln. Ava starrte wie gebannt auf sie, nicht fähig, sich zu rühren. Und dann begannen, sich Bilder zu formen: Bilder, wie sie auch Angel gesehen hatte: Ava starrte auf das Wasser, wie es sich veränderte: Zuerst sah Ava ein wunderschönes Land, grün und blühend, mit Wäldern, bunten Blüten, Vögeln und anderen Tieren, die ihr unbekannt waren… Sie wollte gerade fragen, was das sollte, als in dem Wasser ein Name auftauchte: “Alisaria”… Ava meinte, es auch in ihrem Kopf flüstern hören zu können.. Das sollte Alisaria sein? Anscheinend, wie es früher einmal gewesen war…
Ava schluckte und musste weiter zuschauen, wie sich das Bild weiter veränderte. Nun flohen dunkle Gestalten um sie herum; das Bild veränderte und verdunkelte sich… Dann wurde es beinahe schwarz.
Ava dachte schon, dass es das wäre; aber als nächstes veränderte sich das Wasser erneut und es bildeten sich Buchstaben. “Die Prophezeiung”, las Ava, und sie erinnerte sich an das, was Moira ihr erzählt hatte. Nun las auch sie den genauen Wortlaut der Prophezeiung, in der sie und ihre Schwester - deren Namen sie immer noch nicht kannte - angeblich vorkommen sollten:
“Nacht ist es um Alisaria. Die alte Welt zerfällt in Schatten; doch es wird einen Tag geben, an dem das Schicksal sich erfüllen wird - aus der Hand zweier Kinder, die gleichen Ursprungs sind. Diese Mädchen werden sich treffen um gemeinsam den Herrscher zu bekämpfen. Sie sind gleichen Blutes, doch sie sind einander unbekannt. Das Schicksal wird sie zusammen führen; und nur, wenn es ihnen gelingt, zusammen gleich zu sein, wird das Licht über die Schatten siegen. Wenn nicht, wird Alisaria für immer im Schatten untergehen. Es werden Kräfte freigesetzt, die sie für den Kampf nutzen können - oder dafür, die Welt im Chaos versinken zu lassen.. Es liegt an ihnen, ihre Kraft zum Guten zu verwenden. Wofür auch immer sie, und ihre Verbündeten, sich entscheiden, es richtet unsere Zukunft…””
Und wieder änderte sich das Bild, ohne das Ava eine Chance hatte, etwas zu sagen oder zu fragen: Auch sie sah schließlich das, was vor ihr Angel gezeigt bekommen hatte: Den Tag ihrer Geburt. Moira hatte es ihr bereits erzählt, doch nun, wo sie selbst sehen konnte, was geschehen war, und sozusagen Zeuge der Ermordung ihrer Mutter wurde, wurde ihr ganz anders. Doch zuvor hörte auch sie die “Stimme” ihrer Mutter in ihrem Kopf, die die Namen der kleinen Mädchen nannte, die wohl sie und ihre Schwester darstellen sollten: “Ava” “Angel”.. flüsterte es in ihr.. Ava schaute kurz zu Moira hinüber. Es war ihr beinahe, als wäre eine Art Bann von ihr gewichen. “Angel? Meine Schwester heißt Angel??” fragte sie und ein verächtliches Lachen entrang ihrer Kehle.
Wie hatte ihrer Mutter ihrer Schwester solch einen Namen geben können? Moira antwortete nicht, sondern nickte still zum Wasser hin.
Ava riss sich erneut zusammen und blickte wieder in die Quelle hinein, die kurzzeitig still geworden war. Sie hatte ihr bis jetzt das gezeigt, was sie bereits durch Moira wusste; nämlich, dass ihre Mutter getötet wurde, und auch die Szene mit Moiras Freundin wurde ihr nicht verschwiegen. Ava musste zwar kurz die Zähne zusammen beißen, als sie sah, wie ihre Mutter ermordet wurde, und auch wie die Wölfe die Frau zerrissen, aber dann fühlte sie nichts weiter. Sie hatte gelernt, ihre Gefühle ganz tief in sich zu verbergen. Außerdem war sie schlimmeres gewohnt; es war nicht das erste Mal, dass sie gesehen hatte, wie Wölfe und anderes Getier sich ihre Opfer holten…
Dann änderte sich das Bild erneut. Das Wasser kräuselte sich neu und Ava sah einen Mann, wie er mit einem Baby im Arm durch den Wald rannte. Sie erkannte ihn: Es war ihr Vater. Also musste das andere Baby ihre Schwester gewesen sein, denn Moira war ja mit ihr geflüchtet… Angestrengt beobachtete Ava den Mann, sie sah, dass er verfolgt wurde, von einer Meute Häscher des dunklen Herrschers. Und dann blieb er plötzlich stehen - Ava hatte keine Ahnung, was er da tat - doch plötzlich öffnete sich eine Art Portal?? Ava glaubte, ihren Augen nicht zu trauen. Und auch Moira, die bis dahin still weiter hinter ihr gestanden hatte, war plötzlich neben sie getreten und starrte ebenfalls auf das Bild. “Nein, das ist nicht möglich!” flüsterte sie, und doch ahnte sie, dass es nur so gewesen sein konnte! Nun ergab es Sinn. Doch wie? Und wo?
Ava wollte gerade dazu ansetzen, sie zu fragen, was das hier sollte, doch Moira hob die Hand und gebot ihr, zu schweigen. Sie sollte weiterhin zuschauen, was noch geschah: Der Mann schob das Mädchen in das Portal und sah sich gehetzt um. Anscheinend wusste er, dass er keine Chance mehr haben würde, hinterher zu gehen, denn die Häscher waren schon zu nahe. Sie hätten ihn oder das Portal bemerkt, und so blieb er stehen wo er war und ließ sich von ihnen töten. Das Portal hatte sich gerade noch rechtzeitig geschlossen…
Dann wurde das Wasser wieder glatt und es zeigte erneut Avas und Moiras Spiegelbild. “Also das hat er getan…” flüsterte Moira nach einigen Minuten der Stille. “WAS? Was war das für eine Tür? Oder Portal, oder sonst was? Rede endlich!” forderte Ava sie auf, denn sie ahnte, dass Moira mehr wusste, als sie ihr hier eigentlich verraten wollte. Moira seufzte. “Ava, glaube mir, ich wusste selber nicht, dass es diese Portale noch gibt… Es gab einmal sehr viele davon, als Alisaria noch existierte - du hast ja nun gesehen, wie schön es einmal war..” Sie lief Gefahr, sich in Erinnerungen zu verlieren, also riss sie sich zusammen und fuhr fort: “Diese Portale waren ein Übergang in die Menschenwelt. Doch als der dunkle Herrscher unser Land überfiel und es unterjochte, da ließ er alle Portale zerstören - zumindest glaubten wir das.. Aber anscheinend ist zumindest eines davon noch übrig geblieben - und in Takt! Es funktioniert noch und dein Vater hat es gewusst! Er hat Angel in die Welt der Menschen teleportiert…”
Sie schwieg. Ava wusste nicht, was sie davon halten sollte. Schließlich drehte sie sich erneut zu Moira - der Spiegel hatte keine weiteren Informationen preis gegeben - und fragte: “was bedeutet das nun? Ist das ein gutes oder ein schlechtes Omen für uns? Dass sie in der Welt der Menschen ist?” Moira schüttelte den Kopf. “Ich weiß es nicht, Ava. Ehrlich gesagt weiß ich nicht viel über die Menschen. Ich war nie dort… Allerdings schätze ich, dass sie nicht viel, wenn nicht sogar gar nichts über diese Welt und ihre Herkunft weiß… Das allerdings wäre ein Problem…”
“Dann müssen wir sie eben finden und sie aus der Menschenwelt hierher holen! Immerhin ist dies ihre Welt! Wir müssen den Übergang in ihre Welt finden, also dieses Portal und uns dann auf die Suche nach ihr begeben.” “Meinst du das ernst?” fragte Moira sie, mit einem sichtlich zweifelnden Gesichtsausdruck. “Natürlich meine ich das Ernst!” antwortete Ava. Sie wusste es ehrlich gesagt selber nicht, ob sie das Mädchen, das ihr so fremd war, wirklich finden wollte. Dennoch schien es ihre Aufgabe zu sein. Immerhin hatte sie die Prophezeiung nun auch gelesen. “Ich muss sie finden, schließlich ist sie meine Schwester, nicht wahr?” Aus ihrer Stimme konnte Moira erkennen, dass es ihr alles andere als lieb war..
Sie seufzte. “Ja, das ist es wohl. Nun müssen wir nur noch heraus finden, wo das Portal genau ist. Vielleicht gibt uns der Spiegel dort hingehend noch eine Antwort?” Doch der Spiegel schwieg. Schließlich gaben es die beiden auf und kamen zu einer Entscheidung: Moira war aufgefallen, dass Shaluar nicht weit gelaufen war. Also konnte das Portal nicht weit von dem Ort entfernt sein, an dem sie damals ihre Hütte gehabt hatten… Doch der Gedanke dorthin zurück zu kehren, machte Moira wirklich Angst. Was, wenn dort die Häscher bereits auf sie warteten? Ava schüttelte den Kopf: “Es sind 16 Jahre vergangen! Meinst du, die kommen jedes Jahr dorthin zurück oder überprüfen den Wald? Sie werden davon ausgegangen sein, dass sie den falschen ermordet hatten, da kein Kind bei ihm war; also werden sie den Wald nicht weiter durchsuchen. Das einzige, was uns dort begegnen kann - und vermutlich wird - sind die Bestien, die ohnehin dort heimisch geworden sind!” Und so drehte sie sich um und lief zurück - dieses Mal dem Bachlauf folgend, der von der Quelle abwärts immer breiter wurde, bis sie erneut an den Ausgang des Berges gelangten. Nun mussten sie den Berg hinab steigen, erneut durch das Wasser - und den Wasserfall schwimmen - und zurück ans andere Ufer gelangen…
Was beide nicht wussten; sie waren verfolgt worden. Dieses Wesen hat nicht einmal Ava gesehen, trotz ihrer besseren Wahrnehmung… Ihr Gang war so leise, dass niemand sie hörte, wenn sie lief. Ihre Tatzen berührten den Waldboden kaum, und sie lief selbst so vorsichtig, dass wirklich niemand Notiz von ihr nahm. Selbst die Feinde nicht, die Ava und ihrer Begleiterin auf dem Weg entgegen kamen. Die Löwin hatte sie in der Tat ebenfalls gesehen, doch sie wollte nicht eingreifen - noch nicht! Wenn es wirklich so war, wie sie es sich dachte, dann würde das Mädchen mit ihnen fertig werden…
Kida hatte schon lange das Gefühl, dass sich endlich etwas tat in der Schattenwelt. Die Prophezeiung; es musste doch endlich war werden! Und dann war sie ihrem Gefühl nachgegangen und hatte dieses Mädchen entdeckt. Auch, wenn sie zuerst ein eher dunkles Gefühl bei ihr hatte, dennoch wusste sie, dass dieses Mädchen eines der beiden aus besagter Prophezeiung war. Sie wusste es einfach! Und nun machte sie sich daran, ihnen zu folgen. Das andere Mädchen musste noch gefunden werden, und solange dies nicht geschehen war, würde sie sich - erstmal - im Hintergrund halten.
Kida war zwar eine Gestaltwandlerin und meistens in ihrer Gestalt als Löwin unterwegs, doch wirklich eine Kämpferin war sie nicht. Sie hielt sich damit zurück, wenn es nicht wirklich nötig war. Nur, wenn sie wirklich kämpfen musste, um zu überleben, tat sie es natürlich - und wie es einer Löwin würdig war, hatte sie bereits einige Feinde zur Strecke gebracht. Doch bei den Kämpfen, die sie nun beobachten konnte, hielt sie sich zurück. Sie sah mit Schaudern, dass Ava anscheinend gegen Wesen kämpfte, die für normale Augen unsichtbar war… Die Worte der Prophezeiung fielen ihr ein, denn auch sie kannte sie: “Es werden Kräfte freigesetzt, die sie für den Kampf nutzen können - oder dafür, die Welt im Chaos versinken zu lassen..”
Kida schauderte es. Sie konnte nur hoffen, dass die Mädchen ihre Kräfte für das richtige nutzten - und was sie hier gesehen hatte, war schon mal ein guter Anfang. Anscheinend sah dieses Mädchen Dinge, die für andere unsichtbar waren… Und sie kämpfte… Das war zumindest erst einmal ein gutes Omen.
Kida war ihnen weiter gefolgt und hatte auch den zweiten Kampf mit den Werwölfen in einem guten Abstand und gut versteckt beobachtet. Theoretisch hätte sie eingreifen und ihnen helfen können, aber wie gesagt, wenn es sich verhindern ließ, tat sie es und in diesem Fall machten die beiden eine sehr gute Figur… Dann war auch dieser Kampf vorüber gegangen und sie folgte ihnen weiter - bis sie an einen Berg gekommen waren, an dessen Fuß sich ein See befand.
Kida stoppte und fauchte ihn an, obwohl das völliger Unsinn war. Sie hasste Wasser! Selbst in ihrer Menschengestalt würde sie dieses Teufelszeug nicht freiwillig betreten… Und nun musste sie mit ansehen, wie die beiden dort hinein stiegen und sogar durch einen Wasserfall schwammen? Ihr wurde übel. Sie wusste, was sich dahinter verbarg: Hinter dem Berg waren die Quellen der Weisheit. Jetzt war ihr auch klar, was die Frau dem Mädchen zeigen wollte… Doch sie konnte ihnen dorthinein nicht folgen. Kida blieb nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass beide den Weg wieder zurück finden würden und sie ihnen erneut durch den Wald ins Unbekannte folgen konnte. Wenn sie von dort weiter laufen würden, würde es schwierig werden… Kida hatte nicht vor, durch das Wasser zu schwimmen, um zu ihnen zu gelangen, doch sie ahnte, dass sie keine andere Wahl hatte, wenn die beiden tatsächlich nicht mehr zurück kamen.. Wie lange sollte sie nur warten, bevor sie sich, im Notfall, in ihre menschliche Gestalt verwandeln und hinterher schwimmen musste? Sie wusste es nicht, aber einige Zeit würde es wohl noch dauern; noch war sie nicht bereit dazu. Und so legte sie sich an den Rand des Ufers, an dem der See begann, dennoch etwas versteckt um nicht allzu sehr aufzufallen; ihr Fell war hell, beinahe weiß, daher war es hier eher ungünstig. Sie musste die Gegend im Auge behalten. Noch fühlte und sah sie keine Feinde in ihrer Nähe. Und so wartete sie, in der Hoffnung, beide wieder unbeschadet und schnellstmöglich aus dem Berg heraus kommen zu sehen…

