33. Die Katakomben / Das Labyrinth Teil 1

Um sie herum war Schwärze. Es war die dunkelste Schwärze, die Angel jemals gekannt hatte. Panik überkam sie. Sie hatte es sich schlimm vorgestellt, schon alleine bei der Beschreibung ihrer Schwester und bei Anblick der Dunkelheit, als das Tor noch offen war. Aber DAS hier war furchtbarer als alles, was sie sich ausgemalt hatte. Sie bekam Panik. Die Schwärze legte sich auf ihr Herz, auf ihren ganzen Körper. Sie konnte nichts sehen, absolut nichts! So stellte sie sich den Tod vor, im Angesicht des Dunklen Herrschers. Vielleicht war er ja schon hier? Vielleicht lauerte er ja schon auf sie, hier in dieser Welt? Ein Würgelaut entfuhr ihr, sie war nahe dran, zu hyperventilieren. Bevor jemand etwas sagen konnte, war Ava bei ihr und drückte sie an sich. Die anderen waren stehen geblieben. Ava sah sich kurz um, noch war keine Gefahr in Sicht. Noch nicht, doch sie wusste, dass die Wesen nicht nur auf Geräusche, sondern auch auf Angst, insbesondere Panik, reagierten. "Sch..." sagte sie, ganz leise, kaum, bis nur für Angel, hörbar. Auch  Taliya drückte die Hand ihrer Freundin ganz fest. Sie sagte nichts, obwohl es auch ihr alles andere als wohl war, in dieser abartigen Dunkelheit. So etwas hatte keiner von ihnen jemals erlebt, selbst Yuna und Kida nicht, und Faelia musste sich ebenfalls zusammen reißen.
Als Wesen des Lichts fühlte sie sich natürlich hier völlig daplatziert. Dennoch war der Hass in ihr immer noch so groß, dass sie es am ehesten verkraften konnte. Sie wollte weiter, schließlich ging es um ihr Einhorn, und den Plan, den sie danach weiter auszuführen gedachte...

Schließlich beruhigte sich Angel ein wenig. Sie wusste, dass Ava sie sehen konnte - immerhin gehörte es ja zu ihren Fähigkeiten im Dunkeln sehen zu können - und nickte schließlich, als Zeichen, dass es wieder gehen würde. Ava hatte es registriert und ließ sie los. Dann nahm sie wieder ihre Hand und drückte sie; als Zeichen, dass es weiter ging. Sie setzte sich wieder in Bewegung, und alle miteinander liefen in die sagenumwobene Schwärze hinein. Schweigend, und mit jedem Schritt darauf bedacht, von jemandem, oder etwas, angegriffen zu werden, dessen Ankunft sie nicht sehen würden; beziehungsweise erst dann, wenn sie Ava gewarnt wurden, oder es zu spät sein würde, sollte Ava sie doch in die Falle geführt haben; was zumindest einige von ihnen immer noch nicht ganz ausgeschlossen hatten...

Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach, während sie lautlos hinter Ava her liefen. Diese war die einzige, die in dieser blinden Dunkelheit etwas sehen konnte, und diese Abhängigkeit gefiel den anderen natürlich überhaupt nicht. Abgesehen von Angel, die mittlerweile einfach nur einen Schritt vor den anderen setzte. Sie hatte die Augen geschlossen - denn es machte überhaupt keinen Unterschied, ob diese offen waren oder nicht - und die andere Hand in die ihrer Schwester verkeilt. Mit der anderen hielt sie Taliyas Hand fest. Noch war nichts geschehen. Sie liefen so lautlos wie es ihnen möglich war, einfach nur vorwärts, immer weiter, ohne zu wissen, wohin eigentlich.

Alle versuchten, so lautlos wie es ging zu atmen, doch ab und an hörten sie die leichten, stoßartigen Atemzüge der anderen. Jeder wusste, dass sie versuchten, ihre Panik zu unterdrücken. Abgesehen von Ava hatte keiner von ihnen jemals so eine Dunkelheit erlebt. Und keiner wusste, ob es sie beruhigen, oder eher beunruhigen sollte, dass dies so war. Sie hatten zwar mitbekommen, dass Ava sich durchaus zum Positiven verändert hatte, aber in ihnen allen waren durchaus noch Zweifel vorhanden. Natürlich abgesehen von Angel...
Dennoch nutzte es alles nichts, sie waren abhängig von ihr - und so ließ sogar Faelia sich von ihrer verhassten Feindin führen. Sie war auch noch die einzige, von ihnen, die ihr hundertprozentiges Misstrauen und ihren ganzen Hass mit sich herum schleppte.

Irgendwie konnte Ava spüren, dass zumindest eine von ihnen schlechte Schwingungen mitbrachte. Auch, wenn sie nicht genau wusste, wer. Yuna ging ihr durch den Kopf, doch dann fiel ihr auch wieder ein, dass diese ihr vor noch nicht allzu langer Zeit geholfen hatte; und sie hatte zumindest gezeigt, ihre eine Chance geben zu wollen. In Kida schien auch noch etwas Misstrauen - schon alleine angeborener, tierischer Art - zu sein, doch diese war ehrlich, auch das spürte Ava. Sie hatte ihr unmissverständlich zu verstehen gegeben, was sie mit ihr machen wollte, wenn Ava ihre Freunde und sie verraten sollte - ob ihr das gelingen würde, war eine andere Frage - aber da Ava das nicht vorhatte, würde von dem Löwenmenschen keie Gefahr ausgehen. Denn wenn Kida etwas nicht in sich trug, dann Falschheit! Angel fiel aus, die vertraute ihr blind, und Ava spürte bei ihrer Schwester nur Liebe; was sie beinahe erdrückte, denn sie hatte immer noch keine Ahnung, womit sie diese eigentlich verdient hatte...

Blieben also nur noch Taliya - Angels Freundin - und diese kuriose Fee... Taliya misstraute ihr natürlich ebenfalls noch, zudem ging diese ihr auch auf den Geist. Ava konnte sie nicht wirklich ausstehen, und dies beruhte sicherlich auf Gegenseitigkeit. Doch davon abgesehen, war Taliya eher harmlos. Zudem traute Ava dem Mädchen nicht zu, richtig zu hassen. Sie wusste nicht, weshalb sie das dachte, aber irgendwie ahnte sie, dass Taliya dazu gar nicht in der Lage war. Sie bekam vielleicht ab und an Wutanfälle, aber vermutlich verschwanden diese so schnell wieder, wie sie gekommen waren.. Nein, wenn überhaupt, dann, wie bei den anderen auch, unterschwelliges Misstrauen, aber kein abgrundtiefer Hass, wie das Gefühl, was sie tief in sich spürte. Blieb also nur noch diese Fee... Noch konnte sie ihr nichts nachweisen. Doch sie würde diese, wenn sie alle diese Mission hier überleben sollten, im Auge behalten! Schon alleine um ihr Leben willen..

Plötzlich stoppte Ava abrupt. Sie war, während sie ihren Gedanken nachgegangen war, beinahe schon unbewusst, einer der Wege gelaufen, die sie von früher kannte. Doch plötzlich hatte sich eine schwarze Wand aufgetan, die dort vorher definitiv nicht gewesen war. Zumindest kannte sie diese nicht. Woher kam sie? Aber ihr hätte klar sein müssen, dass dies passieren würde; es hieß ja nicht umsonst "das Labyrinth"...
Angel lief natürlich in sie hinein, und auch die anderen, die, abgesehen vielleicht von den Füßen ihrer Vorgängerin, nichts sehen sehen konnten, fielen ebenfalls auf den Vordermann, beziehungsweise Vorderfrau.. Ava hörte leises Fluchen und drehte sich gehetzt um: "Sch!!" zischte sie, um den anderen noch einmal klar zu machen, dass sie still zu sein hatten. Die anderen behielten ihre Erwiderungen für sich, und Ava spitzte ihre Ohren, um zu hören ob eventuell jetzt jemand - oder etwas - auf sie aufmerksam geworden war. Noch schien dies nicht der Fall zu sein.

Langsam ging Ava auf die Wand vor sich zu. Sie würde beide Hände brauchen, und so nahm sie Angsls Hand, die, die sie in der ihren hielt, und drückte sie gegen diese.
Angel verstand. Ihr Herz klopfte bis zum Hals. Es raste, und sie fragte sich, ob es nicht so laut war, dass sie alle dunklen Gestalten, die ihr ansässig waren, damit anlocken würde...
Von ihrem Herzschlag einmal abgesehen. Sie hatte tatsächlich das Gefühl, dass ihr schlecht war, vor Angst. Ava spürte die Panik ihrer Schwester; sie drückte deren Hand noch einmal, dann ließ sie diese los. Angel wollte schreien, nach ihrer Schwester rufen, doch diese packte ihren Arm - und drückte sie noch einmal an sich. 'Bleib hier!' hörte Angel ihre Stimme in ihrem Kopf. Ava wusste, dass wenn sie nichts tat, Angel sie alle verraten würde. Natürlich nicht wissentlich und mit Absicht, aber ihre Panik war schon ausreichend genug.

Angel hatte verstanden. Sie nickte nur, und Ava ließ sie wieder los. Wieder durchfuhr Angel ein Stich und ein unbeschreibliches Panikgefühl, aber sie versuchte, sich zusammen zu reißen. Wenn tatsächlich Gefahr im Verzug wäre, würde Ava sie hier nicht alleine lassen! Davon war zumindest Angel überzeugt; ihre Freundinnen hatten da allerdings - mal wieder - gemischte Gefühle...
Sie hatten gar keine Ahnung, weshalb sie nun stehen blieben - auch, wenn die Wand direkt vor ihnen war, konnten sie diese nicht sehen - und Angel führte, nachdem sie sich einigermaßen beruhigt hatte, Taliyas Hand an diese. Nun verstand Taliya und tat dasselbe mit Yunas, diese mit Faelias, und schließlich legte, als letzte des kleinen Trupps, auch Kida ihre Hand an die Wand.

Als das war der Grund, weshalb sie hier stehen geblieben waren. Sie alle spürten den harten Untergrund unter ihren Händen. Es war unverkennbar grobes Gestein, den sie fühlten.
Sie wussten nicht, ob sie es sich einbildeten, aber bei allen machte sich ein leichtes Prickeln bemerkbar, als sie die Wand berührten, und ihr erster Impuls war, die Hände zurück zu ziehen. Doch dann ließen sie diese doch dran und warteten ab, was noch auf sie zukommen würde. War es nun soweit? Zumindest Yunas und Kidas Gedanken liefen in die selbe Richtung. Beide stellten sich still die Frage, ob Ava sie nun doch in die Irre geführt hatte, und gerade dabei war, sie zu verraten.
Faelia hatte ohnehin die ganze Zeit das Misstrauen in sich getragen. Nun stieg der Hass nur noch mehr an. Zudem war sie ungeduldig; sie wollte zu Una, um ihr Einhorn endlich aus diesem Grauen hier zu befreien. Und danach endlich das ausführen zu können, was sie eigentlich vorhatte...
Taliya wusste nicht, was sie denken sollte. Auch sie spürte erneutes Misstrauen gegen Ava, doch andererseits tat es ihr auch leid, wenn dies so wäre, würde es ihrer besten Freundin garantiert das Herz brechen. Zumal sie alle dann gezwungen wären, Ava zu töten. Kida hatte zuvor ja unmissverständlich klar gemacht, dass sie dies tun würde - und Taliya zweifelte nicht daran, dass diese es wahr machen würde. Vorausgesetzt, sie kamen jemals hier raus! Wohin war Ava verschwunden? Dass sie nicht mehr da war, konnte Taliya zwar nicht sehen, aber sie merkte, dass Angal stocksteif da stand und wohl beide Hände an der Wand hatte. Sie krallte sich beinahe daran fest, und das würde sie wohl kaum tun, wenn Ava noch neben ihr stehen würde. Also, wohin war ihre "Führerin" verschwunden? Auch Taliya spannte sich an, doch es blieb ihnen nichts anderes übrig, als abzuwarten. Entweder, Ava kam zurück, mit welchen Neuigkeiten auch immer, oder sie fielen nun bald ihren Feinden zum Opfer...

Währenddessen lief Ava immer weiter die Wand entlang. Sie bestand in der Tat aus dunkelstem Gestein. Ava ahnte, dass sie innerhalb weniger Minuten aus dem Boden gewachsen war, eventuell sogar, als sie alle auf dem Weg waren. Was bedeutete das? Sie wusste es nicht; im besten Fall war es einfach nur eine ganz normale Veränderung innerhalb des Labyrinths, doch im schlimmsten Fall könnte es bedeuten, dass Raoul etwas von ihrem Erscheinen mitbekommen hatte. Oder zumindest seine - und ihre - Wesen! Waren sie ihnen schon auf den Versen? Ava hochte, doch sie bemerkte - noch - nichts. Dennoch konnte sie es nicht ausschließen. 'Verdammt', dachte sie nur, und biss sich auf die Lippen. Ihr Plan, nach "getaner Arbeit" wieder zu dem Dunklen zurück zu kehren, war extrem gefährdet - und wie sie es schaffen sollte, ihn, wie sie es eigentlich vorhatte, von innen heraus zu schwächen, damit sie ihn dann eventuell doch gemeinsam besiegen konnten, wusste sie nun auch nicht mehr. 'Eins nach dem anderen!' beruhigte sie sich selbst und lief weiter.

Sie tastete mit beiden Händen weiterhin die Wand ab, spürte Erhebungen und Vertiefungen im Gestein. Löcher, Hohlräume und Erhöhungen, doch so wirklich konnte sie mit nichts etwas anfangen. Dann lief ein Zucken durch ihren Körper. Sie hielt genau dort an, wo sie gerade stand, und horchte angespannt. Gleichzeitig presste sie ihren Körper an die Wand. Etwas war dahinter! Sie spürte es! Und dann wusste sie auch, was es war: Das Einhorn! Una war dahinter gefangen. Es war zu einfach, um tatsächlich wahr zu sein.
Vermutlich war das auch der Grund, weshalb sich die Mauer hier aufgetan hatte; Ava konnte sich nun auch denken, dass der Dunkle deswegen dafür gesorgt hatte, dass sie aufgetacht war.

Sie wusste, dass sie diejenige gewesen war, die Una in ihre Zelle gebracht hatte, schwer verletzt und von ihr gezeichnet. Aber sie hatte einen anderen Weg benutzt und sie wusste auch, dass damals keine Wand vorhanden gewesen war. Waren die Zellen nicht auch ganz woanders gewesen?
Sie war sich nicht mehr sicher. Wenn auch sie schon die Orientierung verloren hatte, was sollten da die anderen sagen? Vor allem musste sie es ihnen gegenüber verbergen! Vielleicht waren es auch dieselben Zellen; da sie aus einer anderen Richtung kam, war dies durchaus möglich. Doch die Wand machte Ava Sorgen; wieso hatte der Dunkle sie hier aufgebaut, beziehungsweise aufbauen lassen? Ahnte er etwas? Spürte er ihre Anwesenheit? Der Gedanke ließ sie kurz Schaudern, doch dann riss sie sich wieder zusammen.

Ava hatte keine Ahnung. Fakt war, jedenfalls, dass sie die Anwesenheit des Tieres spürte - und zumindest ahnte, dass dieses sie auch spüren konnte. 'Wir kommen, um dich zu befreien! Halte durch!' sprach sie in Gedanken und konnte nur hoffen, dass Una sie "hören" konnte. Wenige Sekunden später hatte sie die Antwort, denn sie durchströmte eine Wärme, die gleiche Wärme, die sie gepürt hatte, als Una ihr ihre Seele zurück gegeben hatte.

Ava schloss kurz die Augen und entfernte die Hand von der Gesteinswand. Das Gefühl, das sie durchströmt hatte, verschwand und sie machte sich daran, zu den anderen zurück zu kehren. Sie wusste, dass sie diese lang genug alleine gelassen hatte, besonders ihre Schwester.
Sie blickte sich noch einmal um. Was sie sehen konnte, war ein Gang ins buchstäbliche Nirwana. Ins Nichts. Und sie spürte es mehr, als sie es sehen konnte, dass sie dort nicht zu Una komen würden. Sie mussten in die andere Richtung gehen! Das war zwar erst einmal frustrierend und unzureichend, da es sie von dem Tier entfernte, aber sie hatten keine andere Wahl! 'Es wäre auch zu einfach gewesen... Heißt ja nicht umsonst "Labyrinth", nicht wahr?' dachte sie für sich und stapfte genervt zu den anderen zurück.

Sie sah sie, noch bevor sie schließlich wieder bei ihnen ankam. Alle hatten sich an die Wand gepresst, und harrten der Dinge still aus. Ava konnte sich denken, dass sie befürchteten, sie würden nun angegriffen, weil sie ihnen den Feind auf den Hals hetzen würde. Alle, bis auf Angel natürlich...
Doch sie versuchte, sich ihre Gedanken und Gefühle nicht anmerken zu lassen - sie konnte noch keine Gefahr erkennen, die gegebenenfalls auf sie zukam. Noch nicht...

Dann war sie bei den anderen angekommen, die direkt vor ihr standen. Sie standen dicht an die Wand gepresst, atmeten so flach wie es nur ging, und Ava konnte ihre Angst geradezu riechen. Sie wusste, wie sie früher darauf reagiert hätte. Vermutlich wäre sie zutiefst angewidert gewesen, besonders von der panischen Angst ihrer Schwester, aber auch der anderen. Dann hätte es ihr besonderen Spaß gemacht, diese noch auszureizen. Sie wusste ja, dass die anderen absolut nichts sehen konnten. Doch diese Zeiten waren vorbei. Sie schämte sich beinahe dafür, als sie daran dachte; doch dann verscheuchte sie erneut sämtliche Gedanken und Gefühle aus ihrem Kopf: Sie musste auf Jetzt und Hier konzentrieren!

Langsam trat sie auf Angel zu, die ihr am nächsten stand, und nahm ihre Hand in ihre. Angel zuckte zusammen und versteifte sich, doch Ava drückte ihre Hand - es war ihr zu gefährlich, etwas zu sagen, auch telepathisch - und hoffte, dass sie spüren konnte, dass sie es war. Und so war es auch. Angel spürte die Anwesenheit ihrer Schwester, auch, wenn sie zuerst tatsächlich beinahe in Panik ausgebrochen wäre. Doch langsam legte sich ihr rasender Puls und sie lächelte. Auch, wenn sie nichts sehen konnte - selbst Ava zu ihrer Linken, und Taliya zu ihrer rechten Seite nicht - so konnte sie beide spüren. Taliya ohnehin, da sie die ganze Zeit ihre Hand nicht losgelassen hatte, und nun auch Ava. Die Verbindung zu ihrer Schwester war stärker geworden. Sie liebte Ava, und sie wusste instinktiv, dass diese sie ebenfalls liebte, auch, wenn sie es immer noch nicht so gut zeigen konnte. Doch Angel war sich sicher, dass sich auch dies noch ändern würde. Ava würde Zeit brauchen, und sie würde ihr diese geben.

Doch nun war keine Zeit mehr, für weitere Gedanken. Ava zog Angels Hand von der Wand und zog diese langsam mit sich. Angel drückte Taliyas Hand, als Zeichen dafür, dass sie weiter gehen würden, und zog diese ebenfalls mit sich. Und so ging die "Karawane" weiter, die anderen ließen die Wand ebenfalls los; alle waren bis zum Zerreißen gespannt, was weiter geschehen würde. Sie hatten auch weiterhin zwiespältige Gefühle in sich: Wie Ava es sich schon gedacht hatte, vertraute ihr, bis auf Angel, immer noch niemand wirklich zu Hundert Prozent. Taliya hoffte inständig, dass sie sich täuschte, alleine Angels wegen, wollte sie Ava noch eine Chance geben. Yunas Misstrauen war noch ein wenig stärker, doch sie behielt stetig in Erinnerung, was Ava am Steilhang für sie getan hatte. Sie hatte sie vor Moira, ihrer früheren Amme, die seit ihrer frühesten Kindheit für sie gesorgt hatte, gerettet und diese im Kampf getötet. Auch, wenn es Notwehr gewesen war, so hätte sie dies niemals getan, wenn es eine Falle gewesen wäre. Und an diesem Gedanken versuchte sie sich festzuhalten, als sie alle zusammen weiter gingen.

Nach Yuna lief Faelia. Ihre Gedanken waren an tiefsten. Sie spürte keinerlei positiven Gefühle in sich. Ihre Gedanken und Gefühle waren schwarz - und wurden zum größten Teil reflektiert. Ava spürte es, doch sie konnte diese immer noch nicht wirklich zuordnen. Sie dachte zwar, dass es eigentlich nur von Yuna oder eben der Fee stammen konnte, doch wirklich sicher war sie sich nicht. Abgesehen davon konnte sie ohnehin nichts tun, hier war es nicht möglich, die anderen auf ihre "Entdeckung" anzusprechen. Und ob eine von ihnen dies zugeben würde, war auch noch die Frage...
Also ignorierte Ava dies vollständig, schaltete ihre Sinne diesbezüglich ab, denn sie wollte jetzt nicht abgelenkt werden, und konzentrierte sich einfach nur auf das, was vor ihr lag.

Ganz zum Schluss lief Kida, die von allen am neutralsten eingestellt war. Sie vertraute ihrer - selbsternannten - Führerein im Grunde genauso wenig wie alle anderen, dennoch gab sie ihr, alleine Angels Wegen, ebenfalls noch eine Chance. Auch ihr ging die Erinnerung an den Augenblick nicht aus dem Kopf, an dem diese sie vor der Amme gerettet hatte, die versucht hatte, sie zu ermorden.
Kida versuchte ebenfalls, alle ihre Gedanken aus dem Kopf zu bekommen und sich auf das zu konzentrieren, was hinter ihr lag, Auch, wenn sie nichts sehen konnte, so hoffte sie auf ihren tierischen Instinkt. Da sie die letzte war, könnte es sein, dass sie als erste merken würde, wenn sie verfolgt wurden - vielleicht noch bevor Ava es sah, wenn die Gefahr von hinten kam? Kida spitzte weiter die Ohren und sie alle liefen so lautlos sie nur konnten weiter ins Nichts hinein...

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Christal, 31
Traumland