4. Angel: Die lebende Puppe

Es dauerte nicht lange, dann war Angel vor Taliyas Tür angelangt. Ihre Wohnung war nicht allzu weit von der Bibliothek entfernt und sie erreichte sie schnell.
Mit klopfendem Herzen klingelte sie und hoffte inständig, dass sie ihr öffnen würde. Ehrlich gesagt wusste sie nicht, was sie tun sollte, wenn ihre beste Freundin nicht zu Hause wäre. Sie war vollkommen konfus und brauchte dringend ihre Hilfe…

Doch ihre Sorge war unbegründet. Die Tür wurde geöffnet und Taliya schaute hinaus. “Angelina!” sagte sie mit einer Mischung aus Freude und Erstaunen. “Du hast ja gar nicht gesagt, dass du kommst. Alles okay?” Nach dem ersten Blick fiel ihr auf, dass sie ein wenig verstört aussah… “Was ist los? Du machst einen etwas kuriosen Eindruck. Ist wirklich alles in Ordnung?” Ihre Stimme klang besorgt. Angel antwortete nicht sofort, sondern blickte nur an ihr vorbei, ob sie Taliyas Eltern irgendwo sehen konnte. Noch war dies nicht der Fall. “Kann ich herein kommen?” fragte sie nur und Taliya nickte. “Klar, was für eine Frage; natürlich!” Sie öffnete ihr die Tür und Angel schlüpfte geradezu hindurch - direkt auf ihr Zimmer zu. Taliya wunderte sich gerade etwas über ihre Freundin, sagte aber nichts weiter, sondern folgte ihr nur.

Dann waren sie beide in ihrem Zimmer und Taliya sah Angel, die leicht gehetzt zur Tür blickte. “Sind deine Eltern hier?” Taliya verstand langsam gar nichts mehr. Dennoch antwortete sie: “Die sind beide ausgegangen. Ich hatte keine Lust mitzugehen, deswegen bin ich alleine hier geblieben. Angelina - kannst du mir jetzt mal sagen, was mit dir los ist? Irgendwas ist doch nicht in Ordnung, dass sehe ich dir doch an!” Angel atmete erleichtert auf. Es war schon schwer genug, Taliya jetzt alles zu erzählen, aber wenn sie sich vorstellte, dass deren Eltern ausgerechnet jetzt ins Zimmer platzen könnten… Und dann kam ja noch dazu, dass sie gerade ein Buch aus der Bücherei gestohlen hatte…

Langsam setzte sie sich auf Taliyas Bett und sah sie an. “Ich muss dir etwas erzählen. Etwas total Verrücktes! Aber ich schwöre dir, es ist wahr! Ich habe es gerade selbst erlebt. Du musst mir zuerst versprechen, es niemanden zu erzählen. Bitte!” Taliya blickte Angel skeptisch an. Sie wusste im Augenblick nicht, was sie von ihrer Freundin halten sollte. Eigentlich war sie diejenige, die diese mit verrückten Einfällen überhäufte, nicht andersrum… Aber schließlich ließ sie sich neben Angel auf das Bett fallen und sah sie erwartungsvoll an. “Klar, du kennst mich doch. Ich kann schweigen wie ein Grab!” Angel wusste, dass das nicht unbedingt so ganz der Wahrheit entsprach. Eigentlich war Taliya eher eine Plaudertasche… “Taliya, ich meine es Ernst! Bitte! Du musst das, was du jetzt hörst für dich behalten! Bitte!” Sie sagte es so eindringlich, dass Taliya beinahe ein wenig Angst bekam. Was war nur mit ihrer Freundin los? “Okay, ich meine es auch Ernst! Angelina, sag mir endlich…” Sie kam nicht weiter, denn Angel unterbrach sie: “Angel! Ich heiße Angel!” Jetzt stockte Taliya tatsächlich. Ab und an nannte sie ihre Freundin “Angel”, doch bis jetzt hatte diese noch nie so darauf bestanden, so genannt zu werden… “Okay, wenn du darauf bestehst… Von mir aus auch Angel…” Angel schüttelte den Kopf: “Nein, Taliya, nicht nur “von dir aus”, sondern wirklich! Mein richtiger Name ist Angel, und ich komme auch nicht von dieser Welt…”

Angel konnte Taliyas Blicke auf sich spüren. Sie ahnte, was diese gerade dachte. ‘Wahrscheinlich denkt sie, ich hab nicht mehr alle Tassen im Schrank’… Doch jetzt konnte sie nicht mehr zurück. Gerade jetzt nicht. Langsam griff sie in ihre Tasche und holte das Buch heraus. Das, was sie gerade gestohlen hatte. Taliya starrte darauf. Sie wusste gerade nicht, was sie sagen sollte, und das war bei ihr, gelinde gesagt, ungewöhnlich. “Was ist das?” fragte sie schließlich, nur um irgendwas zu sagen und damit die Stille zu unterbrechen, die irgendwie bedrückend zwischen ihnen thronte. So hatte es sich noch nie angefühlt…

Angel schluckte. Sie wusste, dass es nur eine Möglichkeit gab, Taliya von dem zu überzeugen, was sie gerade selbst erst vor kurzer Zeit erfahren hatte. Sie atmete einmal kurz durch, dann sagte sie es: “Das hier ist meine Vergangenheit, Taliya. Mein wirkliches Leben und meine Geschichte - und wohl auch meine Zukunft.” Taliya verstand gar nichts. Sie wollte gerade fragen, was das ganze Gerede sollte, doch Angel ließ sie nicht. Sie fuhr fort: “Bitte, lass mich ausreden, sonst wird es noch schwerer für mich… Siehst du diesen Einband hier?” Sie zeigte Taliya zuerst das zugeschlagene Buch, auf dessen Einband das wunderschöne Alisaria zu sehen war, wie es einmal ausgesehen hatte. Wieder empfand Angel Glück, als sie ihn betrachtete. Dennoch war Wehmut dabei, denn sie wusste, dass es schon lange nicht mehr so aussah…

Taliya blickte auf das Buch und hob eine Augenbraue. Ja, er war sehr schön, vor allem sah es sehr antik aus. So etwas hatte auch sie in der Tat noch nie gesehen… Sie nickte schließlich; “ja, es ist ein schönes Buch, aber ich verstehe nicht…” Angel unterbrach sie erneut: “Taliya, dies ist meine Heimat. Von dort stamme ich; eine Welt, die einmal so wunderschön war, wie es hier aufgezeigt wird; doch ein dunkler Herrscher hat sie zerstört und meine Mutter getötet. Meine richtige Mutter.. Was mit meinem Vater geschehen ist weiß ich nicht; aber das finde ich eventuell auch noch heraus…” Sie ahnte bereits, dass das Buch es ihr vermutlich auch noch aufzeigen würde, wenn sie es erneut aufschlagen würde… Doch vorerst musste sie Taliya überzeugen. Tapfer fuhr sie fort: “Ich habe alles gesehen. Hier in diesem Buch.. Und vorher in meinem Tagebuch. Das, was mir meine Eltern - oder die, die ich für meine Eltern gehalten habe - mir gestern zum Geburtstag geschenkt hatten. Dort habe ich das erste Mal etwas von der Prophezeiung gelesen…”

Nun unterbrach sie Taliya doch, in dem sie plötzlich in schallendes Gelächter ausbrach. Angel sah sie verstört an. Was war an dem, was sie gerade erzählte, denn so witzig? Als Taliya fertig war, schlug sie ihr freundschaftlich auf die Schulter. “Man, da hättest du mich aber beinahe dran gekriegt mit dieser kuriosen Story; ehrlich! Wie bist du denn auf die Idee gekommen, dir so einen Quatsch einfallen zu lassen?? Ich wäre echt beinahe darauf herein gefallen; aber nur, weil ich so was von DIR nun wirklich nicht gewohnt bin…” Dann hielt sie inne, denn sie bemerkte, dass Angel angefangen hatte, zu weinen. Zumindest sah es so aus; Tränen rannen ihr aus den Augen und das passte nun wirklich nicht zu dem, was sie ihr gerade unterstellt hatte. Taliya war wirklich davon ausgegangen, dass Angel ihr hier einen sprichwörtlichen Bären aufband, doch dass sie nun anfing zu weinen, passte überhaupt nicht dazu…

Langsam wurde sie wieder Ernst. “Angeli.. Angel”, verbesserte sie sich und beugte sich zu ihr herüber. “Was ist denn nur los mit dir? Ich dachte, du machst hier einen Spaß mit mir! Du glaubst du doch nicht allen Ernstes den Quatsch, den du mir da gerade erzählst??” Wirkliche Sorge um ihre Freundin schwang aus ihren Worten mit. Angel verzweifelte beinahe. Wenn sie gedacht hatte, dass ihr jemand glauben würde, dann war das Taliya gewesen. Sie sah sie an. Die Tränen rannen ihr immer noch die Wangen herunter: “Doch! Taliya, es ist die Wahrheit! Bitte, sieh dir das Buch näher an! Es hat mir alles aufgezeigt. Sogar der genaue Wortlaut der Prophezeiung, von dem mein “Tagebuch”, oder was das auch immer ist, mir zuerst erzählt hat, steht dort drin - und wie meine Mutter gestorben ist…” Sie schauderte, als sie daran dachte und dass sie es nun vermutlich noch einmal ansehen musste.. Und wer weiß was das Buch ihr noch zeigen würde…

Skeptisch blickte Taliya ihr ins Gesicht und Angel konnte echte Sorge daran erkennen. Dennoch nickte sie schließlich. “Okay”.. sagte sie dann leicht gedehnt. “Zeig es mir!” Der Einband war schon mal sehr schön, doch noch konnte Taliya dort nichts ungewöhnliches daran erkennen. Außer, dass auch sie die Einkerbungen gesehen hatte, die den Fluss und die Landschaft schon sehr realistisch hatten wirken lassen… Schließlich sah sie Angel über die Schulter, als diese die erste Seite aufschlug - und war von Beginn an ebenfalls in seinem Bann. Sie sah genau das, was Angel zuvor in der Bibliothek gesehen hatte. Und auch vor ihren Augen wurden die Zeichnungen real. Sie starrte darauf - und konnte sich bis zum Schluss nicht mehr davon abwenden. Es war wirklich wie ein Bann, der sie gefangen hielt. Auch sie sah schließlich den Wortlaut der Prophezeiung - und dann waren sie bei der Szene angelangt, an der Angels Mutter die Schwestern gebar - und ihr Leben verlor… Angel musste erneut schlucken und weinte noch mehr, als sie es erneut ertragen musste.

Dann schien der Bann vorerst gebrochen, denn langsam sah Taliya Angel an. In ihren Augen stand Erschrecken. Fassungslosigkeit; dennoch konnte Angel spüren, dass sie ihr glaubte. Ja, jetzt schien sie ihr zu glauben. Denn auch Taliya hatte die Namen gehört, die die Frau den beiden Mädchen gegeben hatte; zumindest schien es ihr so, als hätte sie zwei Namen in ihrem Kopf vernommen: “Angel, Ava?” flüsterte sie, und Angel nickte. “Ava ist meine Schwester. Sie ist dort, in der Schattenwelt. Ich muss sie finden! Wir beide sind auserkoren, die Welt zu retten… Du glaubst mir doch? Du MUSST mir glauben, bitte! Ich kann das nicht alleine; ich brauche Hilfe. Du bist meine beste Freundin…”

Taliya war immer noch fassungs- und sprachlos.. Das war bei ihr durchaus nicht oft der Fall… Schließlich nickte sie. Auch, wenn das beinahe unglaublich war, aber nachdem was sie JETZT gesehen hatte - mit ihren eigenen Augen - musste sie es glauben… Und irgendwie fühlte sie schließlich auch, dass es tatsächlich so war. “Ich glaube dir.. Und was machen wir jetzt?” “Ich möchte wissen, was mit meinem Vater geschehen ist - wieso er mich alleine in eine fremde Welt geschickt hat.” Sie schluckte. “Weiter als bis hierher habe ich auch nicht gelesen.. Es reichte mir, als ich den Mord an meiner Mutter gesehen habe - aber ich fürchte, dass ich nun noch heraus finden muss, was mit meinem Vater geschehen ist…”
Taliya nickte und so schaute sie erneut über Angels Schulter, als diese nun die nächste Seite aufschlug - die auch für sie neu war…

Sie sahen einen Mann, der ein Baby in den Armen hielt. Angel erkannte ihn sofort, es war ihr Vater. Und das Baby war sie selbst. Zuerst war das Bild, das wieder in Schwarz-Weiß gehalten war, nur eine Zeichnung, aber dann wurde sie wieder “lebendig” und die Mädchen konnten erkennen, wie er vor seinen Jägern davon lief. Und schließlich sahen sie beide die Szene vor sich, die vor ihnen bereits Ava in der Quelle der Weisheit gesehen hatte: Den Moment, in dem ihr Vater das Tor öffnete und sich gehetzt umsah. Sie ahnten ebenfalls, dass er keine andere Wahl hatte, als nur das Kind - Angel - durch das Portal zu schieben. Das Tor schloss sich kurzerhand wieder und die nächste Szene war erneut für Angel kaum zu ertragen. Die Häscher waren kurze Zeit darauf bei ihm und brachten auch ihn um. Jetzt wusste Angel es. Auch ihr Vater war getötet worden, und er hatte sich geopfert um das Geheimnis dieses Tors - oder was es auch immer sein mochte - zu bewahren. Schließlich waren auch diese Bilder wieder zur normalen Zeichnung geworden und Angel starrte nur noch darauf. Sie wollte nicht mehr sehen… Momentan überfluteten sie die selben Gefühle wie in dem Augenblick, als sie den Mord an ihrer Mutter hatte mit ansehen müssen. Doch jetzt war etwas anders: Sie spürte eine Umarmung. Taliya hatte sie in den Arm genommen. Und sie hörte ihre Stimme: “Schsch.. Alles wird gut… Es tut mir so leid…” Angel hörte echtes Mitleid aus ihrer Stimme und es war nichts mehr von dem Unglauben von vorhin übrig geblieben. Nein, Taliya glaubte ihr. Das Buch hatte auch sie überzeugt…

Auch sie legte ihre Arme um Taliya und wäre sicherlich noch einige Zeit in dieser Position verharrt, wenn nicht etwas geschehen wäre, was beide Mädchen völlig aus der Bahn warf: Sie hörten ein kurzes, aber kraftvolles Räuspern ganz in ihrer Nähe. Beide schreckten auf. Angel hatte schon die Befürchtung, dass Taliyas Eltern doch früher zurück gekommen waren und sie sich nun eine Erklärung für ihr merkwürdiges Verhalten einfallen lassen mussten; auch Taliya musste wohl ähnlich denken, denn beide starrten zuerst zur Tür.. Doch dort war niemand. Es war überhaupt außer ihnen niemand sonst im Zimmer; woher war dieses Räuspern gekommen? Sie hatten sich doch nicht verhört? Oder?

Doch bevor sie sich beide gegenseitig fragen konnten, ob sie jetzt völlig an Halluzinationen litten, hörten sie das Räuspern erneut - und dann fielen ihnen beiden beinahe die Augen aus den Höhlen, als sie eine etwa 70 cm große Puppe von einem der Schränke springen sahen. “Endlich bin ich erlöst!” sagte diese in einer für die Größe doch recht deutlichen und robusten Stimme. Angel und Taliya waren beide erstmal nicht in der Lage überhaupt etwas zu sagen. Taliya starrte das Wesen vor ihr an, das seit gefühlten ewigen Zeiten Mitglied ihrer Puppensammlung gewesen war. Ihre Eltern hatten sie ihr geschenkt, als sie 7 Jahre geworden war. Soweit sie wusste, hatten diese sie in einem Puppengeschäft gefunden - und waren von ihr von Anfang an begeistert gewesen, weil sie so einen unheimlich realistischen Eindruck gemacht hatte. Ihr Gesicht, ihr Körper - das alles sah so menschlich aus… Und die Körpergröße war in der Tat die eines ungefähr 5-jährigen Kindes. Also hatten sie nicht lange gezögert und sie ihr gekauft. Und Taliya war mehr als begeistert gewesen. Sie und ihre Freundinnen hatten über Jahre mit ihr gespielt. Besonders Taliya und Angel… Natürlich war sie jetzt mit ihren 17 Jahren zu alt für eine Puppe, dennoch hatte sie diese, zusammen mit einigen ehemaligen Plüschtieren, die noch eine besondere Bedeutung für sie hatten, in ihrem Zimmer behalten. Alles andere war in den Keller verbannt worden oder direkt im  Müll gelandet. Und jetzt stand diese “Puppe” direkt vor ihnen im Zimmer und sah sie an - und redete mit ihnen???

Taliya hatte das Gefühl, dass langsam alles über ihr zusammen fiel. Was um Himmels Willen hatte das jetzt zu bedeuten? Oder träumte sie? Ja, das wäre noch eine Möglichkeit, dass sie eingeschlafen war und jetzt in einem Traum gefangen war… Das wäre zumindest eine vernünftige Erklärung… “Kannst du mich mal kneifen?” fragte sie Angel und diese sah sie ebenfalls an, als wäre sie gerade aus einer Art “Trance” aufgewacht. “Was soll ich?” fragte sie zurück. “Mich kneifen!!” antwortete Taliya etwas gereizt. Angel tat ihr den “Gefallen” und kniff sie in den Oberarm, wohl etwas zu fest, denn Taliya fauchte sie an: “Au! Sag mal, hast du sie noch alle?” “Wieso, du wolltest doch, dass ich dich kneife…” giftete Angel zurück. Im Moment lagen wohl bei beiden Mädchen die Nerven blank.. “Ja, aber nicht so feste…” knurrte Taliya. Nun wusste sie, dass es anscheinend kein Traum war…

Die Puppe hatte still dabei gestanden und sah die Mädchen an. “Seid ihr jetzt fertig?” fragte sie, in einem recht milden, beinahe mütterlichen Ton. “Ihr träumt nicht. Ich bin so wirklich, wie ihr beide es seid.. Und ich kann endlich wieder ich selbst sein.. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie grausam das Leben in den letzten 10 Erdenjahren war… Mein Gott.. 10 Jahre hier in dieser Puppengestalt dahin vegetiert… Über 6 davon als Spielball für Kinder und pubertierende Teenies - und die letzten 4 Jahre verstaube ich oben auf dem Schrank!” Sie blickte Taliya vorwurfsvoll an und klopfte sich tatsächlich Staub von den Kleidern. Taliya blickte sie beinahe entschuldigend an. Sie wusste einfach nichts darauf zu erwidern…

Schließlich war Angel die erste, die sich zu Wort meldete. So langsam glaubte sie an alles. Es gab wohl nichts, was es nicht gab… “Wer, ich meine was.. Was bist du?” fragte sie schließlich. Eine normale Puppe war dieses Wesen wohl anscheinend nicht. Diese nickte ihr bestätigend und wohlwollend zu und antwortete schließlich: “Mein Name ist Yuna. Und ich denke, dass es nun tatsächlich an der Zeit ist, euch auch meine Geschichte zu erzählen, da ich endlich das gefunden habe, wonach ich eigentlich gesucht hatte…” Sie setzte sich auf einen kleineren Stuhl, der in der anderen Ecke stand, und den sie sich vorgezogen hatte. Dann fuhr sie fort:
“Aber der Reihe nach: Ich stamme aus deiner Welt, Angel. Ja, ich weiß von dir und der Prophezeiung. Bei uns weiß beinahe jeder davon. Ich habe selbst mitbekommen, wie der dunkle Herrscher die Welt unterjocht hat, es war schrecklich. Aber darüber will ich jetzt gar nicht so viel erzählen, ich denke, du wirst schon genug an dem zu knabbern haben, was du bis jetzt gesehen hast, nicht wahr?” Sie ließ Angel gar nicht antworten, sondern fuhr unbeirrt fort: “Jedenfalls musste ich schnellstmöglich eine Möglichkeit finden, in die Welt der Menschen zu gelangen. Ich wusste, dass es noch ein Portal gibt, das nicht zerstört wurde. Unentdeckt vom dunklen Herrscher. Und so machte auch ich mich auf die Suche danach. Ich wollte dich zurück holen; In der Schattenwelt wurde es mir zu dunkel und auch zu gefährlich. Ich kann nicht wirklich gut kämpfen, leider, und ich hatte auch keine Ahnung, wie ich deine Schwester finden sollte; also versuchte ich es mit dieser Welt… Leider habe ich es mir wohl ein wenig zu leicht vorgestellt; denn als ich das Portal gefunden hatte und dieses aktivieren konnte, begannen die Probleme. Ein Wesen in meiner Gestalt und mit meinem Aussehen, das allerdings die Größe eines kleinen Kindes hat… Nun ja, was soll ich sagen; ich merkte schnell, dass ich etwas auffallen würde, wenn ich einfach so durch die Straßen marschiert wäre; und so ließ ich einfach mal das Schicksal entscheiden und ließ mich einfach starr in eine Ecke fallen. Ich ließ die Menschen glauben, ich wäre eine Puppe, und das half mir zumindest dahingehend, dass mich schließlich tatsächlich jemand fand, der anscheinend mit mir auch etwas anfangen konnte. Ich landete in einem Puppengeschäft… Und schließlich und endlich bei dir! Nun ja, den Rest kennst du ja..”

Angel und Taliya waren beinahe erschlagen von dem, was die “Puppe” ihnen erzählt hatte. “Und wieso hast du dich jetzt dazu entschlossen, dich zu offenbaren? Dass hättest du doch schon viel früher machen können..” fragte Taliya schließlich. Yuna lachte leise. Es ähnelte einer Tonleiter. Dann blickte sie Taliya ins Gesicht. “Und du hättest mir geglaubt, ja? Ich meine, als du noch ein Kind warst, wärst du wahrscheinlich schreiend zu deinen Eltern gelaufen und später.. Nun ja, vermutlich wäre ich da irgendwo im Hinterhof oder noch schlimmer im Müll gelandet.. Nein, ich musste ausharren. Ich habe schon öfters darüber nachgedacht von hier zu verschwinden, wenn ich gewusst hätte, wohin?.. Doch irgend etwas hat mich davon abgehalten.. Ich weiß selber nicht was. Ein unbestimmtes Gefühl, wahrscheinlich Intuition, eine Art Vorwarnung… Was auch immer. Ich hatte Recht! Und ich bin froh darüber, dass ich geblieben bin. Denn nun habe ich zumindest eine der beiden Mädchen gefunden, die dazu bestimmt sind, den Herrscher zu besiegen. Und nun, da wir uns gefunden haben, können wir das Land betreten und uns zum Kampf rüsten. Wir müssen nun nur noch zum Portal gehen und es öffnen und dann…”

Taliya unterbrach ihre ehemalige “Puppe”, die wohl nie eine gewesen war, in deren Redestrom und fragte: “Moment mal, also du meinst, dass wir JETZT dieses Portal finden sollen? Und was dann?” “Na was wohl? Dann werden wir uns gemeinsam auf die Suche nach Ava - Angels Schwester - machen und mit dieser zusammen den dunklen Herrscher besiegen.” Sie sagte das, als ob es das Einfachste der Welt wäre… Angel schluckte. “Aber, ich..” Yuna blickte zu ihr hin: “Was? Hast du es denn immer noch nicht verstanden? DU bist die Auserwählte, Angel! Und wie jede Auserwählte, die dazu bestimmt ist, gegen die Schwärze anzugehen, brauchst du Verbündete. Ich werde an deiner Seite stehen und dir helfen; wenn deine Freundin das auch tut, dann wären wir schon mal zu dritt..”

Weiter kam sie nicht, denn Taliya blickte sie skeptisch an. “Und wie bitte, kannst du ihr helfen? Ich meine, du bist nicht mal ein Meter groß.. Oder ändert sich dein Aussehen, wenn wir in der Schattenwelt, oder Alisaria, oder wie diese Welt auch immer heißt, sind?” Yuna schüttelte verärgert ihren Kopf. “Nein, abgesehen davon, dass ich nicht mehr wie eine Puppe aussehen werde - aber das ist jetzt glaube ich schon nicht mehr ganz so schlimm - ändert sich an meinem Aussehen und meiner Größe nichts, wenn du das meinst! Und ich sagte ja schon, dass ich nicht besonders gut kämpfen kann. Dennoch habe auch ich Fähigkeiten! Ich kann heilen. Und ich bin in der Lage, die Pflanzen des Waldes in meinen Bann zu ziehen. Alles weitere wird sich ergeben, wenn wir da sind und ich es anwenden muss! Vorher hat es wohl keinen Sinn, das weiter zu erklären - im Übrigen; jeder der Verbündeten wird früher oder später Kräfte erhalten, also auch du! Hast du noch nichts dergleichen bemerkt?”

Taliya schüttelte den Kopf. Nein, das hatte sie nicht. Sie hatte keine Kräfte, also wovon redete Yuna da? “Dann wird das wohl noch kommen”, erwiderte diese nur, ohne weiter darauf einzugehen. “Und was dich angeht”, sie sah zu Angel hinüber, “auch du wirst etwas merken; eigentlich müsste das mal bald soweit sein… Alleine die Tatsache, dass die Bilder sich in dem Buch bewegt haben und die alles in dir gespürt hast, könnte schon eines deiner Kräfte sein. Das Buch hat jedenfalls eine Verbindung zu dir aufgebaut.” “Aber ich habe das doch auch gesehen!” sagte Taliya leicht zweifelnd. “Ja”, antwortete Yuna mit einer Stimme, als rede sie mit einem kleinen Kind: “Das liegt daran, dass du mit Angel zusammen in das Buch geschaut hast. So ist die Kraft auf dich übergegangen. Zudem bist du ihre Freundin und ihre Verbündete - wenn du es willst!” “Natürlich will ich, was für eine Frage!” antwortete Taliya beinahe entrüstet und legte Angel eine Hand auf die Schulter: “Was auch immer geschieht! Wir halten zusammen! Also, lasst uns dieses Tor suchen. Wenn es sein muss, dann jetzt!”

Angel schluckte. Jetzt wo es soweit war, war sie sich zuerst nicht mehr wirklich sicher. Doch dann riss sie sich zusammen. Sie hatte zu viel gelesen und wusste zu viel, als dass sie jetzt noch zurück konnte. Und mit der Hilfe ihrer besten Freundin würde sie es schaffen. Und dann kam noch diese Puppe dazu - Yuna, wie sie sich in Erinnerung rufen musste - die ihnen den Weg zeigen würde. Ja, sie würden es schaffen! Doch erst einmal schön eines nach dem anderen. Ihr fiel ein, dass sie vorher noch etwas erledigen musste: “Ich muss noch einmal nach Hause..” Angel wurde traurig, denn ihr fiel wieder ein, dass das was sie bis jetzt als ihr “zu Hause” gekannt hatte, nicht ihr zu Hause war. Dennoch konnte sie es sich immer noch nicht ganz abgewöhnen es so zu nennen.
“Du kommst doch bald erst nach Hause”, antwortete Yuna, doch Taliya winkte ab: “Sie meint ihr ehemaliges.. Was willst du denn da?” fragte sie dann, direkt an Angel gewandt. “Ich brauche das Tagebuch, von dem ich dir erzählt habe. Ich habe dort das erste Mal von der Prophezeiung gelesen und irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich noch mehr Informationen von ihm bekomme - vielleicht noch mehr als hier in diesem Buch stehen. Oder andere.”

Yuna nickte. Sie stand schon an der Tür und stellte sich auf die Zehenspitzen um an die Klinke zu gelangen. “Dann lasst uns mal gehen. Je schneller wir…” Weiter kam sie nicht, denn Taliya stand bereits neben ihr und knallte die Tür wieder zu: “Du glaubst jetzt nicht im Ernst, dass ich dich SO mitnehme? Ich kann dich weder auf meinen Armen tragen, noch kannst du an unserer Seite herum laufen, so wie du aussiehst.. Nee, das machen wir anders.” Und sie nahm einen Rucksack hoch und packte sich Yuna, die sich zu Beginn noch versuchte zu wehren: “Du hast sie ja wohl nicht mehr alle!” fauchte sie. “Du glaubst jetzt nicht im Ernst, dass du mich in das Ding da rein kriegst??” “Doch, dass muss sein! Du läufst jedenfalls nicht in der Gestalt hier rum. Wenn wir in der Schattenwelt sind, lass ich dich raus, versprochen!” Angel mischte sich in den Streit ein, in dem sie Yuna bittend ansah: “Komm schon, Taliya hat Recht. Wir fallen sonst zu sehr auf… Es ist auch erst einmal nur solange, bis wir zu mir gelangt sind und ich das geholt habe, was ich brauche. Und dann brauchen wir dich eh, denn du musst uns zu dem Portal führen. Also? Deal?”

Yuna knirschte mit den Zähnen und stieg notgedrungen in den Rucksack ein. Dann war es soweit. Taliyas Eltern waren noch nicht wieder zurück gekommen und so war es nicht schwierig, aus dem Haus zu entkommen. Nun würden sie also erst einmal zu Angel zurück kehren, und diese hoffte, dass sie genauso ein Glück haben würde und so schnell wie möglich an ihr Tagebuch heran kam. Ehrlich gesagt hatte sie keine Lust, den beiden Menschen zu begegnen, die sie bis jetzt für ihre Eltern gehalten hatte… Doch leider hatte sie nicht so viel Glück wie sie gehofft hatte…

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Christal, 31
Traumland