32. Der Weg zu den Katakomben
Schweigend liefen sie los, mit Ava an der Spitze. Nach Ava folgte Angel, neben ihr lief Taliya, die beiden hielten sich an den Händen. Nichts war mehr von dem Streit zu spüren, der noch einige Zeit zuvor zwischen ihnen stattgefunden hatte; und Angel war froh darüber. Sie lächelte ihre Freundin an, obwohl sie sich nicht sicher sein konnte, dass diese es überhaupt sehen konnte, so dunkel wie es war.
Und Angel hatte in der Tat das Gefühl, dass es immer dusterer wurde, je weiter sie liefen. Wenn dies jetzt schon so war, wie würde es erst in diesen sogenannten "Katakomben" sein? Angel verspürte Angst. Sie spürte Taliyas Händedruck, denn ihre Gefühle schienen dieser nicht verborgen geblieben zu sein.
Angel drückte Taliyas Hände ebenfalls, und so liefen sie weiter.
Nach Angel lief Yuna, die mittlerweile gemischte Gefühle hatte. Einerseits spürte sie immer noch Misstrauen gegen Ava in sich, und sie hatte durchaus noch nicht alles vergessen, was diese ihr angetan hatte, aber auch das eben erlebte war nicht spurlos an ihr vorbei gegangen. Ava hatte ihnen das Leben gerettet! Sie hatte ihre Amme, die sie 16 Jahre aufgezogen und für sie gesorgt hatte - und dementsprechend beinahe wie eine Mutter für sie gewesen sein musste - in den Tod gestürzt. Auch, wenn Yuna sich immer noch nicht sicher war, ob das ganze zuvor nicht doch irgend ein Trick gewesen sein könnte; dennoch war Moira nun tot. Und das hatte Ava "erledigt".
Konnten sie ihr vielleicht doch trauen? Sollte es tatsächlich so sein, dass sie, wie diese "Prophezeiung" besagte, jetzt die Chance haben würden, gemeinsam mit der "dunklen Schwester", den Herrscher zu besiegen? Yuna wusste es nicht. Ava hatte gesagt, dass sie zu ihm zurück kehren würde, wenn sie das Einhorn befreit hatten - und dann war eventuell wieder alles offen...
Doch vorerst zwang sich Yuna, nicht an das zu denken, was später geschehen würde. Jetzt waren sie auf dem Weg zu diesen "Katakomben", und sie mussten es erst einmal schaffen, durch sie hindurch zu kommen. Und auch hier war es immer noch möglich, dass Ava einen durchtriebenen Plan ausführte, um sie alle doch noch an "ihn" auszuliefern. Sie mussten wachsam sein! Dennoch folgte auch sie dem Mädchen schweigend und mit nicht mehr ganz so schwarzen Gedanken...
Hinter Yuna ging Faelia. Ihre Gedanken und Gefühle waren alles andere als gut. Sie wollte natürlich ihr Einhorn zurück. Das war der einzige Grund, weshalb sie überhaupt mitkam, und sich nicht schon längst mit dieser Ava angelegt hatte. Dieses Mädchen hatte Una entführt - und nicht nur das! Sie hatte wesentlich schlimmeres getan. Dieses Stück schwarzen Drecks hatte es gewagt, ihr Land anzugreifen; mit Hilfe des schwarzen Lords hatte sie ihre Lieben ermordet - dass noch ein paar wenige überlebt hatten, sie inbegriffen, war reines Glück gewesen - und hatte ihr Heiligstes Wesen, das einzige, was es auf dieser Welt noch gab, entweiht. Sie musste dieses Mädchen töten! Wenn der richtige Zeitpunkt gekommen war, würde sie es tun! Doch zuerst musste sie die Füße still halten und vor den anderen so tun als ob sie ihnen einfach nur helfen wollte. Denn vor allem Angel, die naive Schwester des dunklen Mädchens mit der verlorenen Seele, würde kein Verständnis haben. Und einige ihrer Freundinnen eventuell auch nicht mehr. Faelia machte sich Sorgen, dass sie eventuell auch diese würde angreifen müssen; das wollte sie eigentlich nicht. Doch wenn es nötig war, würde sie auch zu härteren Mitteln greifen! Sie würde tun, was getan werden musste! Und so setzte auch Faelia ihren Weg schweigend fort und hing ihren eigenen, dusteren Gedanken nach...
Hinter allen anderen, am Schluss des kleinen "Trupps", lief Kida. Sie hielt auf der einen Seite sowohl die anderen im Auge, als auch den Weg hinter ihr, falls dort etwas, oder jemand auftauchen sollte. Sie war in ihrer menschlichen Gestalt unterwegs, doch wenn es nötig war, würde sie sich verwandeln. Auch sie machte sich Gedanken. In erster Linie galt ihre Sorge ebenfalls Ava. Auch, wenn sie es ebenfalls positiv bewertete, dass diese sich gegen Moira gestellt, und sie alle vor ihr gerettet hatte, und sie ihr hauptsächlich deswegen eine Chance gab, so missfiel es ihr dennoch, vollkommen von ihr abhängig zu sein. Ihr Misstrauen war nicht mehr ganz so ausgeprägt wie Yunas, zumal sie Angels wegen, wirklich an eine Veränderung in Ava glauben wollte.
Dennoch konnte sie sich einfach nicht des Gefühls erwehren, das in ihr steckte. Vielleicht war es auch ihr angeborener, tierischer Instinkt, beziehungsweise ihre Vorsicht? Sie wusste es nicht. Doch sie nahm sich vor, nicht nur den Weg hinter sich im Auge behalten, sondern auch Ava.
Und so liefen sie alle zusammen schweigend den Weg weiter, den Ava ihnen vorgab. Keiner wusste wohin sie liefen, und was sie schließlich in diesen "Katakomben", auf die es nun zuging, erwartete. Doch sie alle waren auf das Schrecklichste vorbereitet, dachten sie jedenfalls..
Ava lief dem Trupp vorneweg. Sie spürte das immer noch schwelende Misstrauen ihr gegenüber, das, abgesehen von ihrer Schwester, von allen hier ausging. Doch sie bemühte sich, es zu ignorieren. Ihr war klar, dass sie sich das Vertrauen hart verdienen musste, und dass es nicht ausreichte, was sie bisher getan hatte.
Besonders Faelia und vermutlich auch Yuna hatten allen Grund dazu, die Sache mit Moira vielleicht als gestellt anzusehen. Doch es war sicherlich keine Absicht von ihr gewesen, ihre frühere Amme in den Tod zu stürzen. Trotz allem, was Moira getan hatte, verspürte Ava einen tiefen Schmerz, als sie an diese dachte. Sie hatte für sie gesorgt, sechszehn jange Jahre lang, und auch, wenn sie keine wirkliche Liebe von ihr empfangen hatte, so war sie dennoch ihre Ziehmutter gewesen. Dass sie es sein musste, die sie tötete, schmerzte sie tatsächlich. Doch Ava wusste, dass sie keine andere Wahl gehabt hatte. Es war Moira gewesen, die sie angegriffen hatte. Ihr war nichts anderes übrig geblieben. Und so lief sie weiter, immer ihrem Ziel entgegen: Die schwarzen Katakomben, tief unter der Erde!
Ein wahres Schreckenslabyrinth, und sie fragte sich, ob alle ihre "Mitstreiter", sofern sie es denn tatsächlich waren, dies überstehen würden. Bei ihrer Schwester war sie sich wirklich nicht sicher. Sie wusste mittlerweile, dass Angel nicht schwach war. Ihre früheren Gedanken, ihr gegenüber, waren fort. Es war wirklich erstaunlich, was dieses Einhorn bei ihr angerichtet hatte. Beziehungsweise die "Seele", die sie, dank eben dieses Wesens, wieder erlangt hatte. Sie war in der Lage gewesen, ihre Mutter zu sehen, und dafür war sie ihm auf ewig dankbar. Dennoch spürte sie nun eine gewisse Skepsis - vollkommen wertfrei - gegenüber Angel, ob diese es schaffen würde, die Dunkelheit der Katakomben auszuhalten. Sie war das genaue Gegenteil von ihr. Dass sie beide Geschwister, noch dazu Zwillinge waren, war in der Tat beinahe ein Witz. Sie waren so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Im Grunde waren sie das auch: Sie war die Nacht, Angel der Tag. Und sie beide sollten zusammen die absolute Dunkelheit besiegen? Tief in sich bezweifelte Ava dies immer noch. Zumal sie nicht wusste, was sie danach tun sollte, sollten sie es schaffen, das Einhorn zu befreien.
Sie konnte sich nicht gegen ihn stellen, noch nicht. Es war noch zu früh, dass wusste sie einfach. Doch wie sollte sie es schaffen, ihm etwas vorzumachen? Ihm zu verschweigen, was sie vorhatten? Er konnte in ihr lesen wie in einem offenen Buch! Es machte ihr tatsächlich Sorgen, doch noch konnte sie nicht weiter denken, Schön eins nach dem anderen!
Keiner hatte eine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war, sie alle hingen ihren eigenen Gedanken nach und schwiegen, während sie Ava hinterher liefen.
Doch dann blieb diese plötzlich stehen. Sie befanden sich vor einem riesigen Felsen, dies war trotz der Dunkelheit, noch zu erkennen. "Ist es hier?" fragte Angel leise, die ahnte, dass sie den Eingang erreicht hatten. "Ja", antwortete Ava knapp, und lief langsam zu dem Felsen hin, an dem - erst einmal - nichts wirklich auffälliges zu erkennen war. Doch als sie schließlich alle vor ihm standen, konnten auch die anderen sehen, dass das, was sie zuerst für einen einfachen, riesigen Felsbrocken gehalten hatten, mehr war als das: es war eine Art Tor, das nur zu erkennen war, wenn man wirklich direkt davor stand, so wie sie jetzt.
Ava sah die anderen an. Ihre Stimme war hart, dennoch klang es beinahe etwas bemüht: "So, nun sind wir an unserem Bestimmungsort angekommen. Ab hier wird es wirklich ungemütlich! Ich sage es euch nur einmal: Ihr bleibt dicht hinter mir! Jeder von euch geht dicht hinter dem anderen! Keiner trödelt oder weicht vom Weg ab - und das Wichtigste: Ihr hört auf das, was ich sage..."
Weiter kam sie nicht. Yuna stellte sich vor sie - was bei ihrer Größe beinahe witzig wirkte, es definitiv aber nicht sein sollte - und funkelte Ava an. Trotz der Dunkelheit, die bereits hier um sie herum waberte, konnte Ava ihr Funkeln und ihren Gesichtsausdruck erkennen. Zumal sie ja auch ihre besonderen Fähigkeiten anwandte.
Schließlich kam es aus Yuna heraus: "Ach, da ist sie ja wieder, die alles beherrschende Ava? Wie kommst du darauf, uns Vorschriften zu machen, und uns zu sagen, dass wir uns nur nach dir zu richten haben? Dieser Befehlston gefällt mit nicht!..."
Dieses Mal kam sie nicht weiter. Ava unterbrach sie, in dem sie sich zu ihr herunter beugte und sie ihrerseits mit stechendem Blick anstarrte. Selbst der toughen Yuna wurde es ein wenig klamm ums Herz. Dann stellte sich Ava wieder auf und blickte in die Runde, bevor sie antwortete: "Okay, jetzt sage ich auch mal etwas: Ich weiß, dass ich mich in der Vergangenheit nicht gerade mit Ruhm bekleckert habe. Das ist mir durchaus bewusst. Dennoch habt ihr euch entschieden, mir eine Chance zu geben, was ich euch wirklich danke - und genau deswegen ist es für uns alle - vor allem für euch - lebensnotwendig, dass ihr mir folgt und auf mich hört!" Sie sah die anderen direkt an und fuhr fort: "Ihr denkt, das hier draußen ist dunkel? Dann habt ihr die wahre Dunkelheit noch nicht kennen gelernt. Da drinnen" - sie zeigte auf den Felsen, in den sie im Begriff waren, einzudringen - "ist die wahre Finsternis zu Hause. Die Finsternis des Dunklen Lords, mit all seinen Geschöpfen. Und außer mir ist niemand von euch in der Lage, sie zu sehen! Hören vielleicht - aber glaubt mir, wenn IHR sie hört, wird es schon zu spät sein! Also wenn ihr wollt, könnt ihr es gerne alleine versuchen; wenn euer Misstrauen mir gegenüber immer noch so groß ist, dass ihr meinen Worten nicht folgen könnt, oder besser gesagt wollt, dann bitte, geht. Ich zeige euch noch, wie ihr da rein kommt, und dann versucht es eben alleine. Aber ich sage euch jetzt schon, dass ihr in dieser Dunkelheit keine fünf Schritte weit kommt, ohne entdeckt und zerfleischt zu werden! Diese Monster dort, habe noch nicht einmal ich vollständig zu Gesicht bekommen, und ich habe schon viele Wesen des Dunklen Lords gesehen und besiegt, bevor er mich in seine Fänge bekommen hat!"
Die anderen konnten sehen, dass Ava schauderte, und das war es schließlich, was auch sie überzeugte, dass diese sie nicht anlog: "Schon gut..." lenkte Yuna schließlich ein. Angel trat zu ihrer Schwester und nahm deren Hand in ihre. Ava wollte zuerst einem Impuls folgen, diese fort zu ziehen, doch etwas hielt sie davon ab. Sie blickte zu ihrer Schwester, und in deren Augen war ein Ausdruck zu erkennen, den Ava noch niemals bei jemandem so gesehen hatte, es dennoch als das erkannte was es war: Liebe. Ein Stich durchfuhr sie. Sie erinnerte sich kurz daran, denselben Ausdruck doch einmal gesehen zu haben: Bei ihrer Mutter, als sie diese "gesehen" hatte, kurz nach der Zeichnung des Einhorns, das sie nun im Begriff waren zu befreien. Ja, ihre Schwester liebte sie, und Ava hatte keine Ahnung, womit sie das eigentlich verdient hatte. Zudem war es ihr leicht unangenehm und schließlich zog sie doch die Hand zurück. Angel merkte es, doch sie sagte nichts.
Schließlich ließ sich doch Taliya vernehmen, die bereits seit einiger Zeit über etwas nachgedacht hatte. Weshalb war sie nicht schon früher darauf gekommen? Sie hatte keine Ahnung, doch jetzt war es auch egal. Und so räusperte sie sich und fragte Ava: "Sag mal, weshalb machen wir es uns eigentlich nicht einfach; ich meine, ich könnte uns doch zum Einhorn hin teleportieren, oder zumindest bis zum Ende dieser Katakomben. Dann würden wir uns den gefährlichen Weg dorthin ersparen!" Die anderen sahen Taliya an und zumindest Yuna und Angel sahen so aus als würden sie die Idee gar nicht so übel bis extrem gut finden. Nur Ava sah aus, als würde sie Taliya gleich durch die sprichwörtliche Mangel drehen wollen. Doch was auch immer sie zuerst hatte sagen wollen, sie schluckte es herunter und antwortete, so gemäßigt sie nur konnte: "Weißt du, dort drin fällt jeder unserer Aktivitäten sofort auf! Deswegen müssen wir uns auch extrem vorsichtig und so unauffällig wie nur irgend möglich verhalten! Wenn es nicht anders geht, müssen wir uns natürlich verteidigen, und spätestens dann, wird unsere Tarnung auffliegen. Zumindest, was die Biester da drin angeht. Ob auch der Dunkle etwas merkt, weiß ich nicht, das liegt wohl daran, wohin seine Aufmerksamkeit gerade gerichtet ist. Aber wenn du da deine Kunststückchen anwendest, und uns dorthin teleportierst - dann dann sind wir direkt geliefert, sobald wir da ankommen! Du hättest uns vielleicht gerade noch bis hierher bringen können - doch auch das hätte eventuell schon Feinde angezogen. So hat uns - noch - niemand bemerkt. Ich sage es noch einmal: Vermutlich werden wir es nicht unbemerkt hindurch schaffen! Die Katakomben sind pure Dunkelheit - und eine Art Labyrinth. Es wird hart werden, anders kann ich es leider nicht sagen. Aber jede Art der Magieanwendung wird uns verraten! Und das, bevor wir überhaupt eine Chance haben, das zu schaffen, was wir wollen. Glaubt es mir, oder nicht, wir schaffen es erst einmal nur, wenn wir so unauffällig bleiben, wie es nur irgend geht. Und die einzige, die dort ihre Fähigkeiten unbemerkt einsetzen kann, bin ich! Nur ich kann im Dunkeln sehen. Ich kann euch führen, und das werde ich auch! Folgt mir und hört auf mich - nur dann haben wir eine Chance, es durch das Labyrinth, durch die Katakomben, zu schaffen."
So lange hatten die anderen Ava noch nie reden gehört. Es war ihnen beinahe ein wenig unwohl zumute. Schließlich war es Kida, die noch eine Frage stellte: "Du sagst andauernd etwas von einem Labyrinth... Kennst du dich dort aus? Weißt du, welchen Weg wir nehmen müssen, um ans Ziel zu kommen? Warst du schon einmal hier?"
Vor dieser Frage hatte sich Ava insgeheim gefürchtet. Ja, sie war bereits hier gewesen. Natürlich war sie das. Der Lord hatte sie, als es noch "ihr" Lord gewesen war, dort eingeführt; doch sie kannte trotzdem bei Weitem nicht alle Gänge des Schreckenslabyrinths, einige waren selbst ihr noch verborgen.
Auch die Wesen der Finsternis kannten sie - und das war ein Vorteil, den sie bis jetzt verschwiegen hatte. Wenn sie dabei war, könnten diese sie eventuell nicht sofort angreifen, weil sie diese als eine der ihrigen ansehen könnten. Sie wusste es nicht, dennoch war es eine Chance, die sie ergreifen musste.
Kida sah sie an. Avas Schweigen dauerte ihr ein wenig zu lange. Ava merkte es und antwortete: "Ja, ich war schon einmal hier. Sonst würde ich den Weg ja nicht kennen, und euch nicht führen können..." Mehr war aus ihr nicht heraus zu bekommen.
Wieder spürte sie erhöhtes Misstrauen, besonders von Yuna und Faelia, der Fee. Diese hatte sich den ganzen Weg über nicht zu Wort gemeldet, und etwas war an ihr, was Ava extrem unwohl werden ließ. Sie traute dieser Fee nicht, doch sie konnte ihr nichts nachweisen - und wirklich übel nehmen konnte sie es ihr auch nicht. Nicht, nachdem was sie ihr angetan hatte. Dennoch nahm sie sich vor, sie ihm Auge zu behalten, die ganze Zeit, während sie sich nun auf den Weg machten - und auch danach! Sie spürte, dass sie Fee mehr vorhatte, als "nur" ihr Einhorn zu befreien, doch sie hatte keine Ahnung, was...
Und schließlich meldete sich noch einmal Angel zu Wort. Ihre Stimme war brüchig und leise, aber dennoch kamen ihre Worte ohne Zögern aus ihr heraus: "Was auch immer passiert, ich folge dir, Ava! Wir sind Schwestern! Dasselbe Blut fließt durch unsere Adern, und was in der Vergangenheit auch geschehen ist, es ist nicht deine Schuld, dass du auf den falschen Weg geraten bist! Du hast dich verändert, das merken wir alle, und ich am Meisten. Führe uns und ich folge dir - WIR folgen dir, nicht wahr?" fügte sie noch hinzu und blickte die anderen beinahe flehentlich an.
Diese sahen sich an. Sie alle merkten, dass Angel Angst hatte. Ja, das hatte sie, und im Grunde hatten sie das alle - sie würden sich etwas vormachen, wenn sie sagen würden, dass es anders wäre. Doch bei Angel war es beinahe mystisch. Sie war bisher die ängstlichste von ihnen gewesen. Und noch vor einiger Zeit wäre es garantiert undenkbar gewesen, hier in dieser Dunkelheit zu sein, ohne durchzudrehen - was sie alle einmal kurz darüber nachdenken ließ, wie lange sie eigentlich schon in dieser schrecklichen Welt waren. Keiner von ihnen wusste es...
Doch sie schweiften ab. Ihre eigentlichen Gedanken gingen dahin, dass sie bemerkten, dass Angel immer mutiger zu werden schien. Und ihr Vertrauen gegenüber ihrer "dunklen" Schwester, immer stärker wurde. Und dieses Vertrauen, woher es auch immer kam, brachte zumindest Kida und Taliya schließlich dazu, ihrem Vorhaben endlich den Vorstoß zu geben: "Also gut, lasst uns dort hinein gehen! Wir werden dir folgen Ava - aber lass es uns nicht bereuen! Denn sonst werde ich dafür sorgen, dass du es bereust - und wenn es das letzte ist, was ich tue!" ließ sich schließlich Kida vernehmen. Jeder hörte den knurrenden Unterton der Löwin in ihr, und die unterschwellige Drohung, die sich dahinter verbarg, war ebenfalls unüberhörbar.
Ava seufzte leise. Noch war es lange nicht soweit, dass ihr die anderen - abgesehen von ihrer Schwester natürlich - über den Weg trauten. Doch das war nun nebensächlich. Nun war es soweit. Sie würden die Katakomben betreten; und Ava machte sich bereit, den Eingang dahin zu öffnen. Bevor sie es tat, sagte sie nur noch, an die anderen gewandt: "In Ordnung, ich werde jetzt das Tor öffnen, das in die Katakomben, beziehungsweise in das Labyrinth führt - nur noch eines: Wenn wir gleich dort drin sind, sagt keiner von euch auch nur einen einzigen Mucks! Wir dürfen nicht sprechen - solange, bis wir entweder am Ziel sind - oder vorab entdeckt werden. Dann heißt es laufen, oder kämpfen, je nach Lage. Doch auch dann bin ich diejenige, die ansagt, was die bessere Lösung ist! Und solange wir dort in den Katakomben sind, werden wir uns an den Händen halten müssen. Wie ich schon sagte wird dort, abgesehen von mir, keiner etwas sehen können. Es wird dunkelste Schwärze sein, die ganze Zeit über. Bist du wirklich sicher, dass du das aushältst, Angel?" Sie blickte noch einmal zu ihrer Schwester.
Diese war blass geworden. Ava konnte es sehen. Vermutlich war sie sich alles andere als sicher, dennoch antwortete sie: "Ja, ich bin mir sicher; ich muss es aushalten; was bleibt mir anderes übrig - außerdem bist du ja bei uns."
Die anderen sahen aus, als würde sie das alles andere als beruhigen, doch Ava schnürten die Worte ihrer Schwester die Kehle zu. Womit um alles in dieser höllischen Welt, hatte sie nur dieses Vertrauen verdient, das ihre Schwester ihr entgegen brachte? Sie wusste es nicht. Dennoch hatte sie es, und sie würde alles dafür geben, um es nicht mehr zu zerstören. Der Rest der "Gesellschaft" um sie herum, war ihr erst einmal ziemlich egal, doch ihre Schwester definitiv nicht mehr.
Schließlich atmete sie einmal tief durch, dann begann sie, zu dem Tor zu gehen, und legte ihre Hände auf den Felsen. "Kommt zu mir", sagte sie, und schließlich kam eine nach der anderen ihrer Aufforderung nach. Zuerst Angel, die ohne zu zögern ihre Hand auf Avas Schultern legte - diese zuckte leicht, doch sie ließ es zu. Dann folgte Taliya, die Angels andere Hand in ihre nahm, nach dieser tat Yuna es ihr gleich. Langsam und wesentlich zögerlicher trat schließlich Faelia vor, nachdem Kida ihr angezeigt hatte, dass sie vorgehen sollte, und nahm Yunas Hand in ihre - und zum Schluss trat Kida vor und mit ihr hatte die "Reihe" ihren Abschluss. Kida hatte sich entschlossen, am Ende der "Kette" zu gehen; selbst wenn es so dunkel sein sollte, wie Ava es angekündigt hatte, so hatte sie doch die Hoffnung, dass ihr angeborener, tierischer Instinkt ihr doch hilfreich sein könnte. Deswegen hatte sie sich entschlossen, am Ende zu laufen, um die Gefahren, die eventuell von hinten auf sie lauern könnten, als erstes zu erkennen.
Und so war es schließlich soweit. Was genau Ava für eine Formel sprach, konnte keiner wirklich sagen, doch plötzlich ging der Felsen vor ihnen auf und alle sahen - Nichts!
Eine unsagbare Schwärze lag vor ihnen, und vor allem Angel drückte es jetzt schon auf die Seele und die Kehle zu. Ava drehte sich noch einmal zu ihr um: "Bist du wirklich bereit? Wenn wir da drin sind, gibt es kein Zurück mehr!" Angel nickte nur. Sie konnte nichts mehr sagen. Wenn sie ehrlich zu sich selbst war, war sie alles andere als "bereit", doch sie hatte keine andere Wahl. Davon ging sie aus. Also nickte sie noch einmal, und dann ließ sich noch Yuna vernehmen, die gepresst antwortete: "Los, lasst uns endlich gehen, ich will diesen Mist hier endlich hinter mich bringen!"
Ava sah sie noch einmal mit hochgezogenen Augenbrauen an, doch sie antwortete nicht mehr. Im Grunde gab es nichts mehr zu sagen: Es war soweit. Ava wusste eines: Was nun folgen würde, würde auch für sie dunkler werden, als alles zuvor erlebte. Ja, sie war einmal hier drin gewesen, doch das war im Auftrag des Dunklen geschehen, jetzt kämpfte sie auf der anderen Seite. Und entgegen ihrer vorigen Meinung, konnte sie nicht wirklich sicher sein, dass er es nicht doch bemerken könnte. Sie würde vermutlich mit den anderen gegen die Wesen kämpfen müssen, die sie zuvor noch geschützt hatte - in SEINEM Auftrag! Und, vielleicht auch gegen ihre eigenen Wesen.. Ava schauderte, als sie daran dachte, dass auch sie dafür gesorgt hatte, dass neue Wesen diese Welt bevölkerten und zerstörten. Doch diese Gedanken musste sie jetzt ebenfalls abschütteln. Jetzt war es soweit. Sie war die Anführerin, und sie trug die Verantwortung! Das erste Mal in ihrem noch so jungen Leben...
Schließlich begann sie, loszugehen - und die "Karawane" folgte ihr. Sie spürte Angels Hand auf ihrer Schulter, die sich beinahe in ihr verkrampfte. Langsam nahm sie diese in ihre Hand und drückte sie. "Ganz ruhig", flüsterte sie, und blickte ihr in die Augen. Es war für lange Zeit das letzte Mal, dass Angel auch sie sehen konnte, und diesen Blick prägte sie sich ein. Den Blick ihrer Schwester, der eindeutig sanft und voller Sorge war. Dann drehte sich Ava wieder um, der Augenblick schien vorbei zu sein, und sie lief schweigend weiter. Die anderen folgten ihr, eine nach der anderen; und schließlich, als Kida als letzte das Tor passiert hatte, zog sich der Felsen hinter ihr zu...

