13.

Taliya hatte keine Ahnung, was eigentlich geschehen war. Gerade war sie noch bei ihrer besten Freundin gewesen und sie hatten sich mit ihr und Yuna über Angels neue Fähigkeit unterhalten, als sie plötzlich ohne einen ihr erklärbaren Grund in einer völlig anderen Gegend aufgetaucht war! Was war passiert? Sie wusste es nicht. Sie wusste nicht einmal wirklich, wo sie war; alles um sie herum war pechschwarz und sie konnte nicht einmal die eigene Hand vor den Augen erkennen, geschweige denn, dass sie erklären konnte, wie sie hierher gekommen war…

Sie wollte sich trotzdem gerade nach den anderen umsehen, als sie Stimmen hörte, die sie erschaudern ließ. Sie klangen hohl, dunkel und grollend, und Taliya versuchte, sich so klein wie nur möglich zu machen und versteckte sich an einer Felsspalte, die sie im Dunkeln gerade noch so ausmachen konnte.
Sie konnte nur hoffen, dass das Versteck so uneinsichtig war, dass die Feinde, was auch immer es für Wesen waren, die da auf sie zukamen, sie nicht fanden.
Zudem wagte sie nicht einmal zu atmen, während sie einfach nur da stand und darauf wartete, dass diese an ihr vorbei ziehen würden.

Taliya konnte sie hören, als sie schließlich immer näher kamen. Was sie sagten, ließ ihr den Atem gefrieren: “Der dunkle Herrscher hat also gesagt, dass es die Zwillingsmädchen noch gibt? Aber ich dachte, das wäre nur ein Mythos! Alle Mädchen sind doch schon vor 16 Jahren ausgelöscht worden!” knurrte der eine. Der andere antwortete mit ebenso einer dunklen, knarrenden Stimme: “Anscheinend nicht. Er war sehr erbost darüber, dass wohl doch ein Pärchen gerettet wurde. Er will diese Mädchen! Und er will diejenigen, die dafür verantwortlich sind! Aber nun Ruhe; suchen wir weiter; wir brauchen eine Spur, bevor uns der dunkle Herrscher selber in die Welt der Untoten befördert - du weißt, was das bedeutet!” “Natürlich” antwortete der andere nur und so liefen sie an Taliya vorbei und bemerkten sie tatsächlich nicht.

Diese war auf der einen Seite erleichtert, auf der anderen Seite musste sie schlucken. Was suchten die beiden hier? Die Zwillingsmädchen? Das konnten doch nur Angel und Ava sein! Also wusste dieser dunkle Herrscher, dass sie sich gefunden hatten und dass nun beide hier in der Schattenwelt waren? Das war gar nicht gut - um nicht zu sagen, das war ganz, ganz übel… Sie musste zurück und die anderen warnen, doch solange sie nicht mal wusste, wo sie hier überhaupt war und wie sie hierher gekommen war, war es ihr auch unmöglich, wieder dahin zurück zu kehren, von wo sie gekommen war, denn auch den Weg würde sie nicht mehr zurück finden…

Doch plötzlich hörte sie etwas, was sie stutzig werden ließ: Einer der Diener dieses dunklen Herrschers sagte: “Wenn wir nur wüssten, wo hier dieses verdammte Tor ist, dann wären wir schon einen Schritt weiter! Dieses Mädchen kann doch nur durch das Tor gekommen sein, wenn sie vorab in der Menschenwelt war, wie dieser komische Bibliothekar unserem Herrscher mitgeteilt hat…”

Taliya war verwirrt. Bibliothekar? Tor? War sie hier etwa wieder in der Nähe der Stelle, wo sie, Angel und Yuna durch das Tor gekommen waren? Dann wäre sie nicht allzu weit vom Tor entfernt… Doch das wäre eine Katastrophe, denn diese Wesen durften weder sie, noch das Tor finden; sie konnte nur inständig hoffen, dass es nicht dazu kam und sich erst einmal nur ganz still und ruhig verhalten. Noch machte es nicht den Eindruck, als würden die beiden Späher etwas von ihr bemerken…


Währenddessen hatten die anderen sich überlegt, was sie tun sollten. Angel war die pure Verzweiflung ins Gesicht geschrieben und sowohl Yuna als auch Kida versuchten ihr bestes, um ihr beizustehen. Ava hielt sich aus allem heraus, sie war nicht einmal dazu zu bewegen, sich auch nur an einem Plan zu beteiligen, wie sie Taliya wieder finden sollten. Sie hatte definitiv die Nase gestrichen voll von diesen Dilettanten, von denen eine - leider unverkennbar - ihre Zwillingsschwester war.
Nein, sie sollten mal machen. Außerdem, wie sollten sie denn heraus finden, wohin es diese Idiotin verschlagen hatte? Ohne Waffen, hier in dieser Welt, einfach so zu verschwinden! Die hatte sie doch nicht mehr alle! Ava war in der Tat wütend. Wütend auf sich selbst, sich der Hoffnung hingegeben zu haben, dass solche Leute ihre “Verbündeten” sein könnten - und sie mit ihnen den dunklen Herrscher besiegen konnten…

Moira dachte zwar ähnlich, sagte aber nichts dergleichen. Sie seufzte still, als sie Ava sah, die sich, ohne sich an der Diskussion auch nur im Entferntesten zu beteiligen, einfach so an die Seite setzte und sich von ihnen abwandte. Nein, es machte nicht den Eindruck, als wäre sie an einer Zusammenarbeit interessiert… Wie sollte da ein Bund entstehen? Es war schon schwer genug, den Halt zwischen den beiden Schwestern zu organisieren, wenn es nicht gar unmöglich war. Aber was die anderen beiden anging: Yuna und Kida waren Wesen aus dieser Welt und nicht einmal mit den beiden versuchte sich Ava zusammen zu schließen. Moira wusste nicht, was sie tun sollte, doch das war jetzt erst einmal zweitrangig. Sie hatten sich zuerst um dieses Mädchen zu kümmern, das anscheinend eine neue Kraft entdeckt hatte, ohne in der Lage zu sein, diese zu steuern. Vermutlich kannte sie diese nicht einmal. Wer wusste, woran sie als letztes gedacht hatte, bevor sie verschwunden war?

Doch es gab nur diesen einen Anhaltspunkt und dem mussten sie nachgehen! Schließlich fragte sie in die Runde hinein, die sich um sie versammelt hatte: “Also wenn ich euch richtig verstanden habe, dann habt ihr euch über Angels neue Fähigkeit unterhalten, als Taliya verschwunden ist? Und keiner von euch hat eine Ahnung, woran sie in diesem Augenblick gedacht hat? Hat sie irgend etwas zu euch gesagt?” Yuna schüttelte den Kopf: “Ich sagte doch schon, wir wissen es nicht.. Wir waren gerade noch dabei, uns über Angel auszulassen, und was das bedeutet, was sie kann - und dann war Taliya verschwunden! Den Rest kennst du!”
Moira schüttelte den Kopf. Das konnte doch nicht alles sein! So kamen sie nicht weiter. Dies sagte sie dann auch: “Bei der Kraft der Teleportation kommt es darauf an, woran man denkt, bevor es geschieht. Auch, wenn sie nicht wusste, dass sie diese Kraft in sich trägt, muss sie an irgend etwas gedacht haben!” “Das kann ja sein, aber wenn sie es uns nun mal nicht mitgeteilt hat! Wir wissen es nicht! Ist das so schwer zu verstehen?” antwortete Yuna nun auch ein wenig lauter, als eigentlich geplant. Nun mischte sich Kida ein: “Nana, nun beruhigt euch, bitte! Das bringt keinem von uns etwas… Wir müssen eine andere Lösung finden um heraus zu finden, wohin sie verschwunden ist…” “Und was schlägst du vor?” grummelte Yuna - als sie plötzlich innehielt und zu Angel herüber sah. “Einen Moment mal, mir fällt da gerade etwas ein… Angel, sag mal, hast du da nicht so ein Buch mitgebracht, das du bei Taliya gelesen hast? Vielleicht hilft uns das ja weiter?”

Angel war zusammen gezuckt, als sie Yuna gehört hatte. Auch sie hatte bereits an das Buch gedacht, aber etwas hatte sie bisher davon abgehalten, es heraus zu holen. War es die Aura von Moira und Ava, auch, wenn sie bisher nicht an das Schlechte in ihnen glauben wollte? Sie wusste es nicht. Dennoch hatte sie es nicht erwähnen wollen - noch nicht.
Doch nun hatte es Yuna getan, und Angel blieb nichts anderes übrig, als in ihren Rucksack zu greifen, zumal Moira mit schmalen Augen zu ihr trat und sie fragte: “Von was für einem Buch redet sie?” Auch Ava hatte von ihrem Platz in ihre Ecke gestarrt, und in ihren Augen blitzte etwas auf, das noch niemandem aufgefallen war. Es war das erste Mal, dass sie sich scheinbar für das, was die anderen taten, interessierte…
Auch Kida kam zu Angel und so blieb dieser nichts anderes übrig, als das Buch aus dem Rucksack heraus zu holen..

Beziehungsweise eigentlich wollte sie dies gerade tun, doch etwas hielt sie davon ab, das Märchen- und Mythenbuch auszupacken. Als sie es tun wollte, glitt ihre Hand zuerst über das andere Buch, das sie beinahe vergessen hatte - ihr Tagebuch, das ihr von ihren “Eltern” geschenkt worden war - sie musste erneut schlucken, als sie an sie dachte, und daran, dass ihr ganzes voriges Leben eine einzige Lüge gewesen war. Doch dann riss sie sich zusammen. Was ihr auffiel war, dass von diesem Buch eine starke Anziehungskraft ausging, der sie einfach nachgehen musste! Langsam zog sie das Buch heraus und ließ das andere in ihrer Tasche. “Das ist aber nicht das Buch, was ich meinte…” sagte Yuna auch prompt, als sie neben ihr stand und ihr über die Schulter schaute - Angel hatte sich neben ihren Rucksack gesetzt.

Angel nickte. “Nein, das ist nicht das Buch, was ich Taliya gezeigt hatte.. Irgend etwas sagt mir, dass uns dieses Buch hier eher helfen wird.. Ich weiß ja auch nicht, aber ich fühle es irgendwie…” “Na, dann mach es auf!” grummelte Moira, die nun neben ihr stand und auf sie herunter sah. Was auch immer sie nun zu sehen bekamen, es musste etwas zu bedeuten haben, wenn das Mädchen etwas spürte. Anscheinend hatte sie zwei Bücher dabei, die eine magische Kraft in sich trugen. Das konnte durchaus noch hilfreich für sie sein.

So ähnlich dachte auch Ava, die sich immer noch im Abseits hielt, aber alles stillschweigend beobachtete. Sie konnte ja wunderbar sehen, was außer ihr niemand wusste… Und auch sie konnte spüren, dass dieses Buch, das Angel nun in den Händen hielt, etwas Besonderes war. Es trug eine Eigenschaft in sich, die sie sich nicht erklären konnte… Und ihre Schwester schien noch so ein Buch ihr eigen zu nennen..
In Ava reifte ein Plan heran; wenn es die Gelegenheit zuließ, würde sie beide Bücher in ihre Obhut bringen. Bei dieser Stümperin waren sie definitiv falsch aufgehoben, dass wusste sie!

Doch nun mussten sie erst einmal heraus finden, was dieses Buch ihnen über Taliya sagen würde. Und so öffnete Angel das als “Tagebuch” getarnte mythische Buch und erneut stand - abgesehen von der Inschrift ihrer Mutter auf der ersten Seite - absolut nichts dort. Angel versetzte es einen erneuten Stich, als sie die wunderschöne Schrift ihrer “Mutter” las und das, was sie ihr geschrieben hatte. Doch sie musste ihre Gefühle nun beiseite lassen. Zuerst wunderte sie sich darüber, dass die rechte Seite leer war; das, was ihr dort zuerst mitgeteilt worden war, dass sie das Kind der alten Prophezeiung war und geboren wäre, um zusammen mit ihrer Schwester Alisaria zu retten.. Ja, so stand es dort geschrieben, aber jetzt war davon nichts mehr zu lesen. Es schien, als ob es vollständig ausradiert worden wäre…

Angel war irritiert und auch die anderen sahen sie an: “Und? Was soll das? Das ist ein Tagebuch, wo ist das Buch, was du bei Taliya heraus geholt hast - das dir anscheinend deine ganze Vergangenheit gezeigt hat? DAS brauchen wir jetzt - und nicht ein Relikt aus alten Zeiten!” knurrte Yuna weiter. Doch Angel störte sich nicht daran. Sie wusste nicht, weshalb das Tagebuch die alte Inschrift gelöscht hatte, doch vielleicht brauchte sie diese jetzt nicht mehr. Immerhin hatte sie ihre Schwester ja gefunden. Auch, wenn sie nicht wusste, ob das ein gutes, oder ein schlechtes Omen war… Dennoch war dies schon mal erfüllt und nun konnte etwas neues kommen. Doch irgendwie verstand Angel in der Tat nicht, weshalb ihr das Gefühl vorhin dieses Buch nahe gebracht hatte und wollte gerade das andere aus der Tasche holen, als sich plötzlich etwas tat. Kida war diejenige, die sie darauf aufmerksam machte: “Seht doch, dort bilden sich Buchstaben! Es schreibt uns eine Mitteilung!” Und in der Tat begann das Buch, ihnen etwas mitzuteilen. Alle starrten wie gebannt auf die Buchstaben, die sich langsam zu Worten und dann zu Sätzen zusammen fügten. Schließlich bildete sich die Nachricht, die für sie alle gut sichtbar zu lesen war:

“Ein Mädchen der alten Prophezeiung, mächtig der Teleportation, ist an den Ort zurück gekehrt, an dem ihr bereits gewesen wart, vor noch nicht allzu langer Zeit… Eilt euch, die Zeit wird knapp, in der niemand etwas von eurem Geheimnis ahnt. ER weiß von eurer Existenz und er lässt nach euch suchen. Sie haben den Zugang zum Tor beinahe gefunden; die Macht der Teleportation muss gewahrt bleiben. Wird sie entdeckt, ist alles zu Ende…”

Damit war auch die Nachricht beendet. Entgeistert starrte Angel auf die Worte. Sie ergaben überhaupt keinen Sinn für sie… Auch die anderen schauten darauf und schließlich war Kida diejenige, die fragte: “Kann jemand etwas damit anfangen? Also ich nicht, ehrlich gesagt…” Moira war still gewesen. Sie war sich nicht sicher, aber sie ahnte etwas, und wenn es das war, was sie dachte, dann bekam sie ein ganz flaues Gefühl im Magen.. Schließlich antwortete sie: “Ich fürchte, ich ahne, was dies bedeuten soll. Anscheinend hat Taliya sich an den Ort zurück gebeamt, von wo wir kamen - dort, wo das Tor ist! Wie sie auf diese Idee kam, weiß wohl nur sie selbst, dummes Ding!” Ihre Stimme klang wütend, doch sie versuchte, sich zusammen zu reißen: “Und so wie es aussieht, hat der dunkle Herrscher heraus gefunden, dass ihr hier seid. Er weiß, dass ihr euch gefunden habt und er lässt euch bereits suchen und er sucht nach dem Tor! Ich kann nur hoffen, dass sich Taliya nicht allzu nah an diesem befindet, denn wenn er sie findet und sie am Tor ist, dann.. Ich wage es nicht auszusprechen… Wir müssen sie finden; dass ist es, was das Buch uns mitteilen will. Es darf ihnen auf keinen Fall gelingen, weder Taliya noch das Tor zu finden!”

Plötzlich ließ sich doch einmal Ava nach längerer Zeit wieder vernehmen. Sie sagte in einem leicht gehässigen Tonfall, der Angel einen Schauer über den Rücken laufen ließ: “Und wie wäre es, wenn wir es einfach geschehen lassen würden? Ich meine, das Tor kann sich schützen, dass hat es die letzten zig Jahre so gemacht. Bei Taliya ist es was anderes… Wenn sie sie finden? Na und? Dann finden sie sie eben und vielleicht lenkt sie das ja von dem Tor ab? Dann haben wir zwei Probleme mit einem Mal gelöst….”

Weiter kam sie nicht. Angel flippte aus. Obwohl es nicht ihre Art war, aggressiv zu werden, lagen in diesem Augenblick ihre Nerven blank. Sie stürzte sich auf ihre Schwester, die gerade aufgestanden war und drängte sie an den Stein, auf dem sie eben noch gesessen hatte. Sie hatte selbst keine Ahnung, dass sie so eine Kraft besaß: “Wie kannst du nur so gemein sein? Du hast keine Ahnung, was Freundschaft ist, oder? Taliya ist meine beste Freundin und ich werde alles tun, um sie zu retten! Du bist ein feiges Miststück und ich schäme mich dafür, deine Schwester zu sein!”…

Weiter kam sie nicht, denn sie wurde von zwei starken Armen nach hinten gerissen. Moira stand hinter ihr und ihre Augen sprühten Funken. “Was soll das? Bist du noch zu retten - wir haben wichtigeres zu tun, als uns gegenseitig an die Gurgel zu gehen! Und gerade ihr beide solltet zusammen halten! Kommt jetzt. Packt eure Sachen. Wir gehen zurück. Es ist gefährlich, denn nun ist es finstere Nacht. Passt besonders auf euch auf - und gebt aufeinander acht.”

Ava konnte es nicht fassen. Einmal war sie noch vollkommen schockiert darüber, was ihre Missgeburt von Schwester gerade getan hatte, und dann konnte sie nicht glauben, dass Moira ihrem Drängen tatsächlich nachgeben wollte? Sie sollten sich in Gefahr begeben, wegen dieser Kröte? Nein, Ava würde nicht mitgehen. Sollten sie doch alle krepieren - sie würde hier bleiben! Sie waren doch nicht gerade von diesem Ort geflohen, nur um jetzt dorthin zurück kehren zu müssen. Nur weil dieses Kind nicht mit ihrer Kraft umzugehen wusste!
Die anderen waren schon vorgegangen, als Moira auffiel, dass Ava fehlte. Sie sah zurück und sah diese noch an der Stelle an dem Stein stehen. Sie sah ihnen nach, doch sie machte keine Anstalten, ihnen zu folgen. “Wartet!” rief Moira zu den anderen, und diese blieben kurz verwundert stehen. Moira lief zurück zu Ava und sagte: “Was ist los? Hast du mich nicht verstanden? Das was ich gesagt hatte, gilt auch für dich - also, los!” Ava schüttelte den Kopf: “Nein! Nachdem was dieses Miststück da gerade getan hat, glaubst du doch nicht im Ernst, dass ich auch nur einen einzigen Finger krümme um denen zu helfen! Von mir aus können die diese Taliya ruhig finden, und das Portal noch dazu! Soll der dunkle Herrscher doch das letzte Tor auch noch vernichten…”

Weiter kam sie nicht. Moira holte aus und schlug mit voller Wucht zu. Das hatte sie noch nie getan und zuerst war eine Stille zwischen ihnen in denen man nicht einmal ein Zischen oder einen Waldkauz heulen hörte. Ava spürte den Schmerz auf ihrer Wange, doch sie brauchte einige Sekunden um zu begreifen, was gerade geschehen war. Moira tat es zwar leid, dass sie sich kurzfristig vergessen hatte, doch es war der falsche Zeitpunkt um sich zu entschuldigen. Das hatte sie auch nicht vor. Stattdessen sah sie Ava an und sagte in hartem Ton: “Du wirst dich SOFORT mit uns auf den Weg machen. Wir brauchen sowohl dich, als auch deine Schwester. Ich kann verstehen, dass ihr euch noch nicht aneinander gewöhnt habt, doch das wird kommen - und es erfordert sowohl ihren, als auch deinen Willen. Von ihrer Seite habe ich diesen durchaus mehr als genug gespürt, doch von deiner Seite kam bisher nur Ablehnung! Es ist genug, Ava! Auch, wenn du es anscheinend noch nicht begriffen hast - unser aller Schicksal hängt von euch ab. Auch von uns, aber in erster Linie von euch! Und nur, wenn ihr euch zusammen fügt, kann das Gute gewinnen! Und das willst du doch hoffentlich auch, oder?” Sie sah sie prüfend an, wartete aber nicht weiter auf ihre Antwort, sondern fuhr fort: “Auch, wenn es dir nicht klar ist: Sollte Taliya gefunden werden, ist das eine Gefahr für uns alle! Das Mädchen verfügt über die Kraft der Teleportation. Der dunkle Herrscher wird einiges mit ihr anstellen können, wenn er sie in die Finger bekäme - und das kann durchaus auch unser Schaden sein. Und was das Tor angeht: Du weißt dass es nicht die einzige Option ist, dass er es zerstören will - er könnte sich auch die Menschenwelt zu Eigen machen! Und nun habe ich bereits zu viel Zeit mit Reden verbracht. Komm! Ich werde nicht länger warten…”

Nach dieser - bisher längsten - Rede, die Ava je von ihrer Ziehmutter gehört hatte, drehte sie sich erneut um und streckte die Hand nach vorne. Ava wusste, was das bedeutete. Schweigend setzte sie einen Fuß vor den nächsten und sah zu Boden. In ihren Augen sprühten Funken des Hasses. Hass auf ihre vermaledeite Schwester, die in ihren Augen Schuld an all dem hatte, was nun auf sie zugekommen war und noch zukommen sollte. Und Hass auf Moira, die noch nie so herzlos zu ihr gewesen war. Auf wessen Seite stand Moira? Sie hatte sie geschlagen! Das hatte sie zuvor noch nie getan. War das noch die Moira, die sie kannte? Ava wusste es nicht, und sie hatte keine Ahnung, wie sie sich aus dieser Lage befreien sollte. Doch ihr würde schon eine Lösung einfallen. Sie würde nicht mehr länger der Spielball dieser Brut hier sein, sie wollte sie alle loswerden! Ava ahnte nicht, wie bald sich ihr Schicksal zu ihren Gunsten wenden sollte…

Währenddessen folgte ihr Moira, bis sie schließlich wieder bei den anderen angekommen waren. Schweigend liefen sie hintereinander her und ein unangenehmes Gefühl breitete sich in allen aus. Das hier war alles andere als das, was sie sich unter “Verbündeten” vorgestellt hatten. Würden sie so eine Chance haben, den dunklen Herrscher zu besiegen, selbst wenn es ihnen gelingen sollte, Taliya zu finden?…

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Christal, 31
Traumland