24. Erneute Dunkelheit
Moira saß in der Zwischenzeit alleine auf ihrem Bett und grübelte vor sich hin. Sie war sauer, wütend und sie hoffte insgeheim, dass endlich etwas geschehen würde, was ihre Trostlosigkeit wenigstens ein bisschen aufheben sollte.
Schließlich kam tatsächlich jemand in ihr Zimmer. Es war ein Diener Raouls, der ihr rau zuraunzte, dass sie mit ihm kommen sollte. Der Lord wollte sie sprechen. Moira ließ sich nicht lange bitten, sondern lief hinter ihm her. Dann stand sie vor ihm und bückte ihr Haupt. “Ihr wünscht, Herr?” Raoul sah sie an. Kurze Zeit zuvor hatte er sich dazu entschieden, die Mädchen endgültig zu vernichten. Er brauchte sie nicht mehr. Besonders die Freundinnen der Zwillingsmädchen sollten bald sterben. Die Gestaltwandlerin war ihm ohnehin ein Gräuel, und auch, wenn er nicht der Meinung war, dass sie ihm wirklich gefährlich werden könnte, wollte er sie trotzdem jetzt und hier los werden. Und die anderen… Nun, diese kleine “Puppe”, die lediglich über Heilkräfte verfügte, die ihr hier und jetzt ohnehin nichts mehr nützen würden, “dank” der von Ava geritzten Runen auf ihrer Haut, und ihr Wissen der Natur, die ihr ebenfalls wenig helfen würden, nütze ihm absolut gar nichts. Auf sie konnte er absolut verzichten.
Die einzige, über deren Überleben er durchaus zuerst nachgedacht hatte, war das Mädchen, das über die Kunst der Teleportation verfügte; allerdings war er mittlerweile zu der Erkenntnis gekommen, dass diese ihm ebenfalls gefährlich werden könnte und, sollte sie die Kraft wirklich nutzen können, ihm auch durchaus entkommen könnte…
Zuerst hatte er überlegt, es selbst in die Hand zu nehmen, doch dann hatte er sich anders entschieden. Bis jetzt hatte er Moira keine allzu großen Aufgaben übertragen, und er merkte wohl, wie ihr dies missfiel.
Nicht, dass ihm dies etwas ausgemacht hätte, aber dennoch hatte er doch nun etwas, was dies sicherlich wieder gut machen würde. Als er sie sah, nickte er dem Diener zu, und dieser verschwand so schnell er konnte wieder. “Moira, ich habe eine Aufgabe für dich! Ich habe mich entschieden, die Mädchen zu töten. Und da du deine erste Aufgabe bereits sehr gut bestanden hast, kannst du gerne damit weiter machen! Geh zurück in die Kerker und töte die Mädchen! Du kannst vorab mit ihnen machen was und solange du willst; doch dann will ich sie tot sehen - verstanden?” fügte er noch hinzu.
Moira hatte ihn zuerst ungläubig angestarrt. Hatte sie es jetzt richtig verstanden? Er gab ihr den Freibrief, die Mädchen bis zum Tode zu foltern? In ihr brach Wärme aus, als sie daran dachte. Doch dann fiel ihr kurz die Kinnlade herunter und so etwas wie Panik durchfuhr sie, als sie an etwas, beziehungsweise jemand anderen dachte: “Was ist mit Ava”.. fragte sie, doch Raoul schüttelte den Kopf: “Sie bleibt bei mir! Niemand rührt sie an, verstanden?” Moira nickte und es durchfuhr sie so etwas wie Erleichterung, auch, wenn sie sich das kaum erklären konnte. Immerhin hatte sie auch Ava gefoltert, doch sie sah dies noch als einmalig an und als dringende Notwendigkeit. Und es hatte ja auch zum Erfolg geführt! Moira war froh, und dann kehrte sie Raoul den Rücken um ihre Aufgabe auszuführen…
Sie lief zu den Kerkern und stieß die Tür auf. Sie umwehte der Schweiß der Opfer und so etwas wie ein Gefühl der Gehässigkeit stieg in ihr hoch. Ja, es tat ihr gut, dies zu fühlen. Dann wandte sie sich den Mädchen zu. Sie nahm ihren Dolch heraus, mit dem sie nun anfangen wollte, und ihr war egal, welche von ihnen sie zuerst traktierte. Zuerst ging sie auf Taliya zu, die immer noch blutüberströmt, wie die anderen auch, an ihren Fesseln hing. Sie schien noch bewusstlos zu sein, doch das machte Moira nichts aus.
Ohne Vorwarnung stieß sie zu. Eigentlich hatte sie vorgehabt, ihr ins Fleisch zu schneiden; fest und tief, doch sie fiel beinahe selbst in die Tiefe, als ihre Hand ins Nichts hinab glitt. Dort, wo eigentlich das Mädchen hängen sollte, hing nichts! Moira rappelte sich wieder hoch und starrte entgeistert auf das Bild vor ihr. Es war Taliya - und doch war sie es nicht! Moira bewegte nun ihre freie Hand und fuhr erneut durch den nicht vorhandenen Körper - es war keine Einbildung; der Körper war tatsächlich nur eine Illusion! Er war nicht vorhanden; Taliya war fort! Moiras Augen wurden groß. Entgeistert wandte sie sich nun auch an die anderen, und begriff schließlich, dass alle Mädchen verschwunden waren. Ihre Entgeisterung wurde zur Panik.
Die Mädchen waren geflohen! Was würde der Lord dazu sagen? Würde er sie töten, wenn sie ihm diese Nachricht überbrachte? Ihr wurde schlecht. Sie wusste, dass sie es ihm sagen musste, ihr blieb nichts anderes übrig… Doch das Gefühl der Panik schnürte ihr die Kehle zu. Und doch blieb ihr nichts anderes übrig. Schließlich steckte sie ihren Dolch wieder ein - zu Kida war sie erst gar nicht mehr gegangen, da sie sich sicher sein konnte, dass sie ebenfalls nur ein Trugbild war.. Doch von wem nur? Wer hatte diese Macht? Sie hatte zuvor nicht mitbekommen, dass es eine Illusion war, also musste dieser jemand eine sehr große Macht besitzen… Doch auch das musste der Lord heraus finden. Langsam machte sie sich auf den Weg und erreichte schließlich doch sein Zimmer…
Raoul merkte direkt bei Moiras Eintreten, dass etwas nicht stimmte. Er erkannte es an ihrem Gesicht, zudem er sich wunderte, dass sie schon zurück war. “Schon fertig?” fragte er auch, mit leicht erhobener Stimme. Moira schaute zu Boden. Es fiel ihr unheimlich schwer zu reden, doch es blieb ihr keine Wahl. Sie schloss die Augen, und dann sagte sie es: “Herr, ich muss Euch etwas furchtbares mitteilen: Die Mädchen sind geflohen! - An der Stelle ihrer Körper hängen nur noch Trugbilder; Illusionen… Ich weiß nicht, wer diese hervorgerufen hat, doch es scheint so….” Weiter kam sie nicht. Raoul starrte sie an. Im ersten Augenblick hatte er kaum begriffen, was sie ihm da gesagt hatte, doch dann kam es in seinem Gehirn an. Er brüllte. Sein Schrei war so laut, dass die Wände erbebten und Moira in die Knie zwang, als er sich vor ihr aufbaute. “DU…” sein Zorn war deutlich zu spüren. “Du wagst es, mir so eine Nachricht zu überbringen! Ich werde selbst nachsehen - und du solltest mir jetzt aus dem Weg gehen. Ich werde sehen, was ich mit dir anstelle…” Er vollführt eine Handbewegung und Moira flog an die gegenüberliegende Wand. Zuerst blieb sie regungslos liegen, doch sie hörte noch seine Worte, die leise und doch unmissverständlich an ihr Ohr drangen: “Wenn ich zurück bin, wird über dein Schicksal entschieden - und nun verlass meinen Raum! Ich will dich nicht mehr sehen!” Dann fiel die Tür ins Schloss. Moira zog sich langsam hoch, sie hatte Schmerzen im ganzen Körper - und bewegte sich langsam auf ihr Zimmer zu. Die Panik durchfuhr sie erneut. Was würde der Herrscher nun mit ihr anstellen? Sie konnte doch nichts dafür, dass die Mädchen geflohen waren, doch das würde ER anders sehen…
Raoul lief so schnell er konnte in die Kerker. Er spürte sofort, dass es stimmte, was Moira ihm gesagt hatte. Er brauchte den Test nicht, um zu merken, dass die Mädchen allesamt Trugbilder waren. Seine Wut stieg ins Unermessliche: Wer war dafür verantwortlich? Natürlich spürte auch er den “Duft” der Angst und des Leids der Gefangenen, und normalerweise hätte ihn das erfreut, doch nun nahm er es kaum wahr. Er musste den Schuldigen finden, der seinen Feinden zur Flucht verholfen hatte! Und vor allem musste er heraus finden, wohin sie geflohen waren und ob dieser jemand dies ebenfalls wusste.
In Raoul wuchs unbändige Wut. Er konnte es nicht fassen, dass es den Mädchen anscheinend zum einen tatsächlich gelungen war zu fliehen - er wusste tatsächlich nicht, wie das geschehen konnte, doch darum würde er sich später kümmern - und dass zum anderen irgendjemand hier die Todsünde begangen hatte, den Mädchen zu helfen. Nur so konnte er sich erklären, dass es bisher niemanden seiner Helfer und Diener aufgefallen war, dass die Mädchen geflohen waren!
Nun musste er erst einmal heraus finden, wie sie dies geschafft hatten und wer ihnen dabei geholfen hatte.
Mit wutverzerrter Miene drehte er sich um. Seine Augen waren verengt, als er sich einmal um die eigene Achse drehte und sich genau in seinem Gefängnis umsah. Irgendjemand musste hier sein, der ihm in irgend einer Weise auffiel. Und dann sah er zu einem der Gefangenen, dessen Angstschweiß er bis zu ihm hin riechen konnte. Und es war kein normaler Schweiß, wie er von Folteropfern immer wieder vergossen wurde - nein, da war noch etwas anderes. Und Raoul wusste, dass er denjenigen gefunden hatte, nach dem er gesucht hatte. Derjenige, der seinen Todfeinden bei der Flucht geholfen hatte. Langsam trat er auf ihn zu…
Marasi hatte die Augen geschlossen. Es war vorbei. Er wusste es bereits, als er den Dunklen Lord hatte eintreten sehen. Ihm war klar, dass es nicht sehr lange dauern würde, bis dieser bemerken würde, dass die Mädchen nicht real waren. Und so war es schließlich auch. Er wusste, dass der Lord ihn nun richten würde; und was er ihm vorab noch alles antun würde.
Doch er würde nichts verraten. Wie auch immer der dunkle Herrscher ihn nun foltern würde, was auch immer er ihm nun antat; er würde die Pläne der Mädchen, von denen er ja im Grunde auch nicht wirklich viel wusste, unter gar keinen Umständen preisgeben.
Und vor allem nicht die Existenz dieser Lichtung, was auch immer sich dort wirklich verbarg. Denn dass es dort noch ein Geheimnis der alten Welt gab, wusste er; doch er hatte keine Ahnung, was dies genau war und Taliya hatte nichts verraten. Dennoch würde er seinen Mund halten, egal, was nun geschah…
Raoul kam auf ihn zu. Seine Miene war bis zur Unkenntlichkeit verzerrt, man konnte durch seine Kapuze ohnehin nicht viel sehen, doch es war dennoch genug zu erahnen. Vor allem Hass und Verderben, und eine Kälte, die dieses Wesen ausstrahlte, die Marasi beinahe den Atem raubte und erfrieren ließ. Dann hörte er seine Stimme an seinem Ohr: “Du wagst es, mich zu verraten? Ist dir nicht klar, was hier mit Verrätern geschieht?” Zum Schluss war er lauter geworden. Eisige Stille hatte sich über sie gelegt; von den anderen Gefangenen, die die Szene wohl beobachteten, kam kein Laut und momentan war außer dem Herrscher niemand seiner Dienerschaft im Kerker. Marasi antwortete nicht. Natürlich war es ihm klar, was ihn nun erwartete, doch er wollte dem Herrscher seine Unterlegenheit nicht zeigen. “Ich habe keine Angst vor dir!” sagte er schließlich in verächtlichem Ton. “Wenn du mich töten willst, dann tu es!”
Raoul sah ihn an. Seine schwarzen Augen blitzten gefährlich, dann zog er seine Lippen hoch und zeigte seine Zähne. Es sah beinahe aus wie das Knurren eines Raubtieres.
“Denkst du wirklich, für das, was du getan hast, wirst du nur getötet? Nein, ich denke, du weißt, dass dich mehr erwartet.. Und du kannst dich freuen; ich werde es sogar selbst tun. Aber du hast eine Chance, dem noch zu entkommen! Sag mir, wo die Mädchen sind, dann werde ich Gnade vor Recht ergehen und dich am Leben lassen. Dennoch wirst du bestraft werden, dass ist klar!” sagte er kalt und ohne Regung im Gesicht oder in seiner Stimme.
Marasi schüttelte den Kopf: “Ich weiß es nicht.. Und selbst wenn ich es wüsste, würde ich es nicht sagen! Sie sind unsere Hoffnung! Unser aller Hoffnung, endlich befreit zu werden…” Weiter kam er nicht. Raoul hatte sich den Brennstab genommen, den vorab Moira bei Ava benutzt hatte und rammte ihn ohne Vorwarnung brutal in Marasis Brust. Marasi schrie auf. Ein weiterer Hieb folgte und ein ums andere Mal verbrannte Raoul Marasis Haut. Dieser brüllte seinen Schmerz hinaus, denn selbst er hatte so etwas noch nie erlebt. Als Raoul fertig war, legte er den Stab wieder weg und fragte: “Und? Hast du deine Meinung geändert? Kannst du mir jetzt etwas sagen? Darüber, wie es den Mädchen gelingen konnte, von hier zu fliehen und wo sie nun sind?” Doch Marasi schüttelte nur den Kopf.
Raoul war mehr als wütend. “Ich hätte niemals mit so einer Dummheit gerechnet.. Ich werde es auch so heraus finden; aber mit deiner Hilfe ginge es schneller - aber dein Leben scheint dir nicht wirklich viel zu bedeuten… Du weißt, dass du sterben wirst; aber weißt du auch, wie?” und etwas in seinen Augen und in der Art, wie er Marasi anstarrte, ließ diesen erschaudern. Dennoch würde er standhaft bleiben; egal, was nun mit ihm geschah. Die Antwort folgte auf dem Fuße. Raoul setzte noch einmal dazu an und fragte erneut: “Also gut, du hast noch eine letzte Chance: Rede! Sag mir, wo die Mädchen sind! Und ich werde dich nur deiner gerechten Strafe zuführen, doch wenn du jetzt nicht redest, ist es vorbei!”
Um sie herum schien es, als würden sämtliche Gefangenen den Atem anhalten. Die Stille war beinahe greifbar und Marasi schloss die Augen. Er konnte nicht. Das Opfer musste er bringen, für die Mädchen, für sich - und für Alisaria! Er schüttelte nur den Kopf. Das war das Urteil seines Todes. Raoul zögerte nicht lange. Er sagte nur: “Wie du willst. Anscheinend legst du nicht wirklich Wert auf deine Stimme… Und wer keine Stimme braucht, der braucht auch keine Zunge, nicht wahr?”… Bevor Marasi begriff was der Herrscher damit gemeint hatte, hatte dieser mit einer Handbewegung dafür gesorgt, dass er seinen Mund öffnete - es war wie ein innerer Zwang - und dann spürte er einen grauenhaften Schmerz, als ihm mit einem Ruck die Zunge abgetrennt wurde. Marasi brüllte auf. Blut spritzte aus seinem Mund - und die wenigen, restlichen Minuten seines Lebens waren die schlimmsten, die er jemals erlebt hatte. So hatte er sich den Tod nicht vorgestellt, und selbst, wenn er jetzt gewollt hätte, es war zu spät. ‘Bitte, rettet unser Land’ waren seine letzten Gedanken, bevor er schließlich am eigenen Blut erstickte…
Raoul hatte genug. Dieser Bastard war ihm keine Hilfe gewesen. Unter normalen Umständen hätte er sich an seinem qualvollen Tod ergötzt, aber jetzt hatte er andere Dinge im Kopf. Er musste heraus finden, wo seine Feinde waren; denn auch, wenn im Grunde nur von den Zwillingsmädchen eine wirkliche Gefahr ausging, und diese im Grunde durch Ava abgewendet war, waren die anderen Mädchen trotz allem auch nicht ungefährlich. Ihm ging durch den Kopf, dass es im Grunde nur Taliyas Macht gewesen sein konnte, die sie zur Flucht verholfen hatte; und dass er sie bisher doch anscheinend stark unterschätzt hatte. Sie war weiter, als er gedacht hatte und wenn sie gelernt hatte ihre Kräfte zu kontrollieren und zu stärken, dann war das bei den anderen auch der Fall. Er musste sie finden und töten! Es war an der Zeit!
Schließlich war Raoul wieder in seinem Zimmer angekommen und holte die Bücher hervor. Er überlegte, welches ihm nun wohl eher nutzen würde, und entschied sich schließlich für das Mythenbuch. Es behagte ihm nicht so wirklich, der Einband erinnerte ihn an etwas, was nicht mehr sein durfte, doch er versuchte, dies zu ignorieren. ER war nun Herrscher über dieses Land, und das Land, was dort noch immer aufgezeichnet war, existierte nicht mehr!
Also schlug er es schließlich auf, auf die Seite, die Angel zuvor gelesen hatte und blätterte einmal um. Er sah eine Zeichnung, mit der er zuerst nicht wirklich viel anfangen konnte: Sie war hell, es sah aus wie eine Lichtung in der Mitte eines Waldes…
Raoul keuchte. Das konnte nicht sein! Das war nicht möglich! Es musste sich um etwas anderes handeln, und dennoch starrte er beinahe fassungs- und reglos auf die Seite, als sie begann, sich zu bewegen. Er konnte genau das “sehen”, was auch Angel gesehen hätte, wenn sie das Buch gelesen hätte: Der Wind bewegte die Blätter und Bäume des Waldes; und auf der Lichtung sah er eine Gruppe von Mädchen. Es waren DIE Mädchen, dass wusste er sofort. Sie saßen im Kreis eines Lagerfeuers und aßen. Zudem schienen sie Spaß zu haben, worüber sie redeten konnte er nicht verstehen, doch das brauchte er auch gar nicht… Und dann glitt sein Blick zum Wald hinüber, in dem er plötzlich ebenfalls “Stimmen” hörte, auch, wenn diese Stimmen eher klangen wie das Heulen und Wispern des Windes.. Doch er wusste, dass es nicht der Wind war. Und dann sah er sie: Die Feen. Es war die Feen-Lichtung, und wenn sie noch existierte, dann existierte auch…
Und dann riss er tatsächlich die Augen auf, als er SIE sah! Das Wesen, von dem er eigentlich gedacht hatte, dass keines mehr existierte; keines mehr existieren durfte! Es war eines seiner Todfeinde, ein Wesen, das als einziges in der Lage war, seine Macht zu brechen…
Raoul war entsetzt. Also dahin hatte es sie verschlagen. Woher sie wussten, dass es diese Wesen gab wusste er nicht, und vor allem dass es DAS EINE noch gab.. Es musste das Letzte seiner Art sein, denn Raoul wusste genau, dass er alle anderen hatte töten lassen. Und im ersten Augenblick überkam ihn der Drang, dieses ebenfalls mit diesem hier zu tun. Es musste erledigt werden und mit ihm die ganze Feen-Schar! Doch dann kam ihn ein anderer Gedanke: Was, wenn es ihm gelang, das Wesen einzufangen? In seiner Gefangenschaft würde es früher oder später ohnehin eingehen… Und dann würde er sich seines Hornes bedienen. Mit diesem Horn hätte er unbegrenzte Macht! Im Grunde hatte er die jetzt schon; dennoch gab es einen wunden Punkt; eine Möglichkeit auch ihn zu vernichten. Mit dem Horn des einzigen Einhornes der alten Welt, würde dies unmöglich sein… Und ohne sein Horn würde auch das Einhorn nicht existieren können…
Ja, Raoul hatte einen Plan und nun würde er Ava brauchen, um ihn zu realisieren. ‘Wo bleibt sie nur?’ fragte er sich, sie war ihm nun bereits zu lange fort! Im ersten Augenblick fragte er sich, ob er sie rufen sollte, doch dann hielt er inne: Nein, sie hatte sich eines Tests zu unterziehen und er durfte sie nicht daraus befreien. Trotzdem wurde er immer unruhiger. Sollte er ohne sie mit der Durchführung seines Plans beginnen? Er konnte nicht länger warten! Seine Ungeduld stieg ins Unermäßliche; doch dann fiel ihm ein, dass er noch nicht wusste, wo diese verdammte Lichtung überhaupt war, und wie er es schaffen sollte, dorthin zu gelangen… Die Kunst der Teleportation hatte er sich noch nicht angeeignet, dazu wäre eventuell noch Zeit gewesen, wenn er sich näher mit Taliya beschäftigt hätte, anstatt dieser Kröte von Amme den Befehl zu geben, sie zu töten. Doch jetzt war keine Zeit über Vergangenes nachzudenken. Erneut widmete er sich dem Buch und knurrte: “Zeig mir, wo diese verdammte Lichtung ist; ich will Koordinaten; zeig mir den Weg!” und nach einigen Sekunden sah er, wie auf der gegenüberliegenden Seite des Bildes Wörter entstanden. Eine Wegbeschreibung, wie er bemerkte. Die genaue Beschreibung, wie sie auf dem schnellsten Weg zu der Lichtung kommen konnten - und wie sie zu erkennen war. Das Buch gab das Geheimnis preis, denn er hatte die Macht darüber…
Jetzt wurde es aber langsam Zeit. Raoul knurrte. Er wollte sie! Er wollte die Lichtung zerstören, die Feen töten und das Einhorn gefangen nehmen, bevor er sich dessen Macht aneignen und das Einhorn selbst ebenfalls töten würde. Und die Mädchen sowieso. Doch Ava sollte dabei sein! Raoul war sich bewusst, dass ihr Blutrausch und ihre Machtgier dadurch nur noch gestärkt werden könnte. Und das war gut für ihn! Solange, wie er sie brauchte. Doch dafür musste sie endlich aus dieser Tür hervortreten! Wie lange brauchte sie noch für diesen verdammten Test. Im Grunde hatte sie ihn doch schon bestanden, dass hatte er doch schon gefühlt! Er wütete immer mehr und seine Ungeduld stieg, je länger er warten musste…
Währenddessen bekam Ava ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Etwas war geschehen, dass spürte sie. Etwas, was ihren Herrscher erzürnt hatte. Sie hatte noch mehr Wesen nach ihrer Vorstellung erschaffen und nun war nur noch das Wesen vor ihr, das sie als einziges wunderschön hatte aussehen lassen und dessen schwarze Seele man nicht sofort erkennen konnte. Vielleicht wäre ihre Schwester die einzige gewesen, die ihre Aura als solche erkannt hätte, doch die Kräfte ihrer Schwester waren nicht mehr relevant, sollten sie es jemals gewesen sein. Ava hatte sich ohnehin schon gefragt, was es für die Rettung Alisarias zu bedeuten hatte, die Aura anderer Wesen zu erkennen… Nun ja, nun war es bedeutungslos und so war sie gerade dabei, sich eine Aufgabe für eben dieses Wesen auszudenken und sie auf die “Reise” zu schicken, als sie eine Art “innerer” Ruf von ihrem Herrn erhielt.
Ava machte ein Zeichen, dass das Wesen dort warten sollte und begab sich dem Ausgang entgegen, der nun wieder deutlich vor ihr zu sehen war. Als sie die Tür öffnete, sah sie den Raum, in dem Raoul bereits auf sie zu warten schien und Ava konnte erkennen, dass er mehr als zornig war: “Herr? Was ist geschehen? War ich Eurer unwürdig? Ich habe alles getan, was Ihr von mir erwartet habt…” Weiter kam sie nicht, Raoul unterbrach sie: “Schweig! Es hat nichts mit dir zu tun; die Brut, die du mitgebracht hast, in Form deiner Schwester und ihrer Anhängerschar ist geflohen!” Ava starrte ihn an. Angel und die anderen waren fort? “Wie?…” begann sie, doch der eiserne Blick, mit dem Raoul sie bedachte, ließ sie schweigen. Sie senkte den Kopf. “Tut mir leid, Herr.. Womit kann ich Euch helfen, sie wieder zu finden? Oder wisst Ihr, wohin sie geflohen sind?” Raoul nickte und winkte sie zu sich heran: “Sieh hier hinein!” befahl er, und Ava blickte in das Buch, das noch offen auf dem Tisch lag. Sie erkannte es sofort, und dann sah sie erstaunt auf die Zeichnung, die anscheinend bei ihrem Herrn nun ebenfalls funktioniert hatte, obwohl Angel nicht bei ihnen war.
Sie wollte etwas fragen, doch sie beherrschte sich. Dafür war jetzt keine Zeit, dass spürte sie. Dann sah sie auch, was Raoul vor ihr gesehen hatte, doch sie begriff es nicht: “Was ist das?” fragte sie, und der Herrscher antwortete: “Dies ist das Versteck des letzten Einhornes der alten Welt. Das einzige Wesen, das mächtig genug ist, mir die Stirn zu bieten!” Dass es in der Tat auch mächtig genug wäre, ihn zu vernichten, verschwieg er. Dann fuhr er fort: “Ich habe beschlossen, es gefangen nehmen zu lassen. Wenn wir es in unserer Obhut haben, kann ich mich seines Hornes bedienen. Mit dessen Hilfe werde ICH unbesiegbar sein! Und das letzte Einhorn wird ebenfalls von dieser Welt verschwinden…”
Ava war fasziniert und verwirrt zugleich. Auch sie hatte zwar von diesen Wesen gehört, aber dass es sie auch tatsächlich gab und noch dazu solch eine Macht hatte - das hatte sie nicht gewusst. Und auch Moira hatte nie mit ihr über so etwas gesprochen.. Wieder regte sich Unmut bis Groll gegen ihre Ziehmutter, doch sie hielt sich zurück. Es würde noch eine Gelegenheit geben, es ihr heimzuzahlen.. Und dann fragte sie: “Was habt Ihr jetzt vor, Herr?”
Auf diese Frage hatte Raoul gewartet. Er sah Ava an und antwortete: “Ich brauche dieses Wesen! Ich werde meine Kreaturen aussenden und sie werden dort alles in Schutt und Asche legen… Und dann werde ich in Erscheinung treten und auch du kannst mitkommen, als meine stärkste Waffe!” Ava fühlte sich geehrt. Sie war die stärkste Waffe des Dunklen Lords? Stolz durchströmte ihren Körper, als sie bereits nicken und diesem zustimmen wollte, als ihr etwas einfiel: “Wartet! Wisst Ihr, wo sich diese Lichtung befindet?” Raoul nickte und zeigte auf die nächste Seite, auf der die Wegbeschreibung stand, die Ava noch gar nicht gesehen hatte, so fasziniert wie sie von der Zeichnung gewesen war… Dann sah sie erneut vom Buch zu Raoul und fuhr fort: “Meint Ihr nicht, es wäre besser, jemand, oder etwas, zu schicken, der nicht direkt Misstrauen erweckt? Der durchaus dazu in der Lage wäre, das Vertrauen der Feen zu erschleichen, bevor wir sie angreifen und alle töten? Ich wüsste da jemanden…”
Der Lord sah sie an. “Zeig ihn mir!” forderte er Ava auf und diese ließ es sich nicht zweimal sagen. Sie rief ihre Kreatur herbei, die noch als einzige im Raum gewesen war und auf sie gewartet hatte. Irgendwie hatte sie gefühlt, dass ihre Aufgabe noch kommen würde. Und dann stand sie da: eine der wunderschönsten Frauen, die es in dieser Zeit jemals gegeben hatte, und deren Schönheit den Dunklen Lord erst einmal blendete. Doch er konnte ihre dunkle Seele erkennen.
Ein Lachen entfuhr seiner Kehle. Ja, darauf konnte nur ein Mädchen wie Ava kommen, so etwas schönes und doch grauenhaftes zu erschaffen; Schließlich nickte er. “Gut, gib ihr die Koordinaten! Sag ihr, was zu tun ist und wie, und dann lassen wir ihr eine gewisse Vorlaufzeit in der sie ihre Aufgabe erfüllen kann. Wenn diese abgelaufen ist, werden meine und deine weiteren Kreaturen eingreifen und den Rest erledigen - sie werden alles zerfleischen, was ihnen in die Fänge gelangt; nur nicht das Einhorn! Sag das auch deinen Kreaturen! Ich will es lebend. Zumindest zu Beginn! Bis seine Stunde geschlagen hat! Und nun fang an!!” Und dann lachte er; sein Lachen überzog die ganze Ebene.
Ava tat wie er ihr befohlen hatte und teilte der Kreatur in Gestalt einer wunderschönen Elfe mit, was sie zu tun hatte. Und Ava war sich über eines im Klaren: Sie musste vorsichtig sein: Die Feen würden sich eventuell von ihr täuschen lassen, aber bei dem Einhorn war sie sich nicht sicher.. Und bei ihrer Schwester ebenfalls nicht; vor ihr musste die Kreatur sich in Acht nehmen. Doch diese nickte nur und zeigte damit an, dass sie verstanden hatte. Dann machte sie sich auf den Weg. Bei ihr würde es etwas länger dauern, denn sie verfügte nicht über die Kunst der Teleportation - doch sie wusste “dank” der Magie des Herrschers, wie sie am schnellsten zur Lichtung gelangen konnte. Die Tage der Feen und des Einhorns waren gezählt…

