22. Eigene Wege
Kurze Zeit später tauchten sie alle auf der Lichtung auf. Für die anderen drei war es ungewohnt; sie blieben erst einmal liegen wo sie waren; doch Taliya erkannte die Lichtung sofort. Sie hatte nicht mehr ganz das Schwindelgefühl, das sie beim ersten Mal überkam, und sie war froh darüber.
Dann blickte sie in Richtung des Waldes und die Feen tauchten auf. An ihrer Spitze Faelia, die sich vor sie stellte.
Angel blickte als erstes auf. Sie sah die Frauengestalten, die etwas merkwürdig aussahen; sie schienen beinahe durchsichtig zu schimmern und trugen grün- und bläuliche Gewänder… Auch die anderen hatten die Feen mittlerweile entdeckt. Yuna wusste sofort, wo sie sich befanden. “Die Feen-Lichtung”, sagte sie beinahe ehrfürchtig und verbeugte sich vor Faelia und den anderen.
Diese beantwortete den Gruß. “Ja, es gibt uns tatsächlich… Allerdings haben wir nicht wirklich daran geglaubt, dass uns jemand finden wird; aber deine Freundin hat uns eines besseren belehrt”… sagte sie und zeigte auf Taliya. Yuna lächelte. Ihr Blick fiel auf mit einem Mal auf den Wald, der um die Lichtung herum zu sehen war. Sie wusste nicht wieso, aber etwas zog sie magisch an…
Doch noch standen sie alle erst einmal auf und auch Kida sah sich näher um. Auch sie war beeindruckt von der Schönheit der Landschaft, die um sie herum blühte. Dann ließ sich Yuna vernehmen, die sagte: “Also ich würde wahnsinnig gerne etwas über die Heilkräuter erfahren, die ihr Taliya mitgegeben habt, um uns zu retten. Viel gesagt hat sie nicht darüber, aber ich nehme an, dass war so bestimmt”. Es war keine Frage, sondern es war ihr klar, dass dies so sein würde.
Faelia blickte sie an. “Wer sagt, dass es Heilkräuter waren?” fragte sie nur und Yuna blickte sie fragend an. Ehrlich gesagt hatte sie mit nichts anderem gerechnet. “Was soll es denn sonst gewesen sein? Immerhin hat es uns gerettet…” setzte sie gerade an, doch dann hörten sie Angel, die hart die Luft einzog.
Alle drehten sich zu ihr hin und Taliya wusste bereits, was Angel gesehen hatte. Sie hatte Recht: Vor ihnen, aus dem Schutz des Waldes, trat Una hervor.
Die anderen, die das Einhorn ebenfalls noch nie gesehen hatten, starrten es genauso an wie Angel und Taliya zuvor. Sie alle konnten ihre Blicke nicht von dem Tier abwenden. Momentan stand Una noch einige Schritte von ihnen entfernt - doch Angel trat langsam und vorsichtig immer weiter vor, nachdem sie sich aus der Erstarrung gelöst hatte.
Sie war einer inneren Eingebung gefolgt, und Una blieb genau dort stehen, wo sie war. Es sah beinahe so aus, als ob sie auf Angel wartete…
Dann war das Mädchen bei dem Einhorn. Angel konnte ihren Blick nicht von ihm abwenden. Es war so schön… So ein wunderschönes und vor allem reines Wesen hatte sie zuvor noch nie gesehen. Und was noch dazu kam war, dass sie als einzige von ihnen allen in der Lage war, nicht nur die äußere Schönheit des Tieres zu erkennen, sondern auch seine innere Reinheit. Sie sah seine Aura - und es war so ein helles, strahlendes Weiß, dass es ihr beinahe in den Augen weh tat. Ja, es war ein Weiß - kein buntes Flimmern oder Flackern, wie es bei ihren Freundinnen der Fall war; sondern ein Weiß, wie sie es in ihrer Welt noch niemals zuvor gesehen hatte - vielleicht höchstens vergleichbar mit der Waschmittelwerbung, in der ja immer ein wenig getrickst wurde. Doch nein, dieses Weiß übertrag selbst das… Angel konnte es nicht beschreiben. Sie musste kurz die Augen schließen, denn es tat ihr in der Tat in den Augen weh. Dann öffnete sie sie wieder und hatte das Gefühl, dass es ein wenig besser geworden war. Aber das Tier strahlte immer noch.
Angel konnte nichts sagen. Sie war überwältigt von der Schönheit dieses Wesens; sie hatte sich immer schon beim Lesen von Phantasieromanen zu eben diesen Tieren hingezogen gefühlt - doch sie hatte niemals zu träumen gewagt, dass es diese tatsächlich geben könnte. Nun wurde sie eines besseren belehrt…
Una hatte sich keinen Zentimeter bewegt, während Angel immer näher an sie heran getreten war. Dann entstand so etwas wie ein Blickkontakt zwischen ihnen. Angel und Una schauten sich einige Minuten lang in die Augen - es kam Angel beinahe vor wie Stunden. Sie wusste in der Tat nicht, wie lange es dauerte, und plötzlich sah sie sich selbst. Sie spiegelte sich in den schwarzen Augen des Einhorns.
Einer plötzlichen Eingebung folgend hob Angel die Hand und berührte Una an den Nüstern. Das Einhorn ließ es geschehen. Sie rührte sich nicht einmal, und wehrte sich auch nicht, als Angel begann, sie sanft zu streicheln. “Du bist so wunderschön…” flüsterte sie, und ihre Hand fuhr beinahe wie automatisch von ihren Nüstern herauf zu ihrem Kopf - über ihren Hals und dann an ihre Seite. Una bewegte sich nicht. Sie stand einfach nur da und schloss die Augen - es machte beinahe den Eindruck als würde sie es genießen - und dann berührte sie mit ihrem Kopf Angels Körper.
Angel fühlte Schmerz. Es war als würde die ganze Last, die sie bis jetzt getragen und niemandem erzählt hatte, über ihr zusammen krachen. Sie umarmte Una und drückte ihren Körper an sich - und dann weinte sie. Tränen der Trauer, Wut, Enttäuschung und Hoffnung brachen aus ihr heraus und das Einhorn stand einfach nur da und ließ es geschehen. Es verging eine unendlich lange Zeit, in der sich keiner von ihnen aus dieser Situation befreite…
Die anderen standen einige Sekunden ebenfalls einfach nur da und beobachteten die Szene fassungslos. Schließlich war Taliya die erste, die zu Faelia blickte und sie fragte: “Was geschieht hier? Was macht das Einhorn mit Angel?”
Faelia sah sie an. Sie konnte ihren Freundinnen ansehen, dass alle das gleiche dachten. Schließlich antwortete sie, ohne Una und Angel aus den Augen zu lassen: “Das ist nicht Una - jedenfalls nicht sie alleine! Diese Macht geht von Angel aus! Dem Mädchen aus der Prophezeiung; sie muss es sein! Denn nur sie hat die Macht, Una dazu zu bringen, sich berühren zu lassen.” Dann wandte sie sich wieder Taliya zu: “Alleine, dass sie sich dir gezeigt hat, als du verletzt hier aufgetaucht bist, war das erste Zeichen. Doch du hättest sie nicht anfassen dürfen, denn dies hätte ihre Reinheit entweiht! Kein Wesen auf der Welt, das nicht die pure Reinheit besitzt, ist es gestattet, Una zu berühren. Nicht einmal uns!” fügte sie noch hinzu.
Taliya sah sie verwundert an. “Aber, aber du hast sie doch berührt; ich meine, du hast doch ihr Blut benutzt um meine Freunde zu retten….” fing sie an und wurde direkt von Kida unterbrochen: “Was hat sie?…” fing sie an, doch Yuna begann, zu verstehen: “Das Heilmittel… Es waren keine Kräuter, oder? Es war das Blut des Einhorns?” fragte sie beinahe ungläubig. Faelia nickte. “Ja, das war es! Und das ist es, was niemand wissen darf! Ich sagte es Taliya schon: Unas Blut heilt alles und jeden. Dies ist ebenfalls eines der Gründe, weswegen wir sie schützen müssen. Ihr Blut, in Verbindung mit dem reinen Wasser des Berges, aus dem es stammt, ist das ultimative Heilmittel.. Und was deine Frage angeht, Taliya: Nein, ich habe Una nicht “berührt”, jedenfalls nicht so, wie deine Freundin es gerade tut..” Sie alle konnten immer noch fasziniert zuschauen, wie Angel mittlerweile dazu übergegangen war, Una die Seiten zu streicheln. Sie schien völlig hin und weg zu sein. Beinahe wie in anderen Sphären…
“Dies ist niemanden von uns jemals möglich gewesen.. Ja, Una entscheidet sich von Zeit zu Zeit, ihr Blut zur Verfügung zu stellen und selbst das ist mehr oder weniger selten. Doch was nun geschieht, ist bereits seit mehr als einem Jahrhundert nicht mehr vorgekommen…” Faelia schien selbst überwältigt zu sein. Dann riss sie sich zusammen und fuhr fort: “Sie ist die Auserwählte und das ist der Grund, weswegen Una sie als einzige ihr Fell berühren lässt. Denn ihre Seele ist so rein, dass die ihre dadurch nicht befleckt wird… Das ist wirklich selten - denn es gibt eigentlich keine reinere Seele als die eines Einhorns!” Ihre Stimme war leise geworden.
Auch die anderen waren still. Es war unglaublich. Sie hatten ja schon einiges von Angel gehört; und besonders Taliya hatte es beeindruckt, aber das jetzt? Angel hatte die selbe reine Seele wie die eines Einhorns? Auch Taliya kannte die Sagen rund um diese Fabelwesen - wie sie zumindest früher gedacht hatte - und dort stand ebenfalls geschrieben, dass es nichts reineres gab als eben diese Wesen. Yuna und Kida wussten es in der Tat genauso. Für sie waren Einhörner tatsächlich real, allerdings waren sie bis jetzt in dem Glauben aufgewachsen, dass es kein einziges Exemplar mehr geben würde, da der dunkle Herrscher alle vernichtet hatte. Doch eines war wohl noch da, und die alle verstanden langsam, dass die Feen dazu bestimmt waren, dieses zu schützen. “Also das ist das Geheimnis eurer Welt”, sagte Yuna bedächtig. Faelia nickte. “Ja, das ist es. Wir sind die Beschützer des letzten Einhorns dieser Welt”. Dann blickte sie allen dreien genau in die Augen: “Ihr müsst euch über eines im Klaren sein: Wenn es dem dunklen Lord gelingen sollte, Una in die Fänge zu bekommen, ist es vorbei. Er hat jetzt schon genug Macht und Zerstörung über unser Land gebracht. Aber mit Unas Tod wird Alisarias Rettung unmöglich sein!” Sie sah mit gerunzelter Stirn zu Angel hinüber, die sich immer noch nicht von Una losreißen konnte. Es schien in der Tat eine Art Bann zwischen ihnen zu liegen…
Ja, Angel fühlte tatsächlich eine Tiefe Verbundenheit zu diesem Tier. Es fühlte sich so weich an, so zart… Mit jedem Strich, den sie mit ihrer Hand über Unas Fell fuhr, fühlte sie eine Wärme durch ihren Körper fahren, die sie sich nicht erklären konnte - doch es tat ihr gut. Sie fühlte sich wohl und irgendwie ahnte sie, dass es das Einhorn war, was dies bewerkstelligte. Die Berührung seines Fells, die Nähe zu ihm…
“Du bist so wunderschön… Ich liebe dich!” flüsterte Angel - und Una schubste sie sanft mit der Schnauze an, als wollte sie Angel dazu animieren, weiter zu machen. Und das tat diese auch…
Angels Freundinnen waren berührt. Selbst Taliya hatte Angel so noch nie gesehen und sie ahnte, dass sie sie in Ruhe lassen musste. Was auch immer sie dort gerade erlebte, es tat ihr gut, dass spürte sie.
Auch in ihr kam so etwas wie ein warmes Gefühl hoch und sie freute sich für ihre Freundin, dass sie endlich mal ein wenig Glück erlebte, in so einer dunklen, gefährlichen Zeit…
Während Angel mit Una beschäftigt war, und Taliya diese dabei beobachtete, wandte sich Faelia direkt an Yuna. “Du kennst dich mit der Kunst der Heilung aus, nicht wahr?” sprach sie diese direkt an und Yuna blickte erstaunt nach oben. “Ja, das stimmt.. Woher?” “Ich bin ein Teil der Natur, als Fee des Waldes und des Lichts… Siehst du den Wald dort?” fragte Faelia ohne Umschweife und Yuna zog eine Augenbraue hoch. Natürlich sah sie den Wald, sie war ja nicht blind! Immerhin war er direkt um sie herum. “Sicher”, antwortete sie dann, etwas abgemildert, sie wollte die Fee schließlich nicht verärgern. Diese achtete aber gar nicht weiter auf sie, selbst, wenn sie ihre Stimmung merken sollte, sondern antwortete: “Du wirst in ihn eintreten und Kräuter sammeln. Es gibt in dem Wald genug von ihnen, die du auf eurem weiteren Weg brauchen wirst. Du und die anderen”, fügte sie hinzu. “Una wird nicht noch einmal für euch zur Verfügung stehen, und wenn es das nächste Mal etwas zu heilen gibt, müsst ihr selbst dafür Sorge tragen.” Sie blickte ihr erneut in die Augen. “Geh in den Wald und suche nach den Kräutern die du brauchst. Du wirst merken, welche die Richtigen sind; und noch so vieles mehr...” fügte sie noch geheimnisvoll hinzu.
Yuna blickte sie erstaunt an. Sie wollte noch fragen, was das letzte genau zu bedeuten hatte, und welche Art von Kräutern sie nun suchen sollte, doch an der ausdruckslosen Miene der Fee merkte sie, dass sie keine Antwort mehr erhalten würde. Langsam stand sie auf und ging auf den Wald, der nun vor ihr lag zu. Was auch immer dort auf sie wartete, sie musste es wohl alleine heraus finden, denn ihre Freundinnen waren gerade nicht wirklich anwesend.
Angel war immer noch bei Una, Und Taliya und Kida saßen in einer Art Kreis und es sah beinahe so aus, als wären auch sie einem Bann gefangen - denn sie starrten nur zu ihrer Freundin und dem Einhorn herüber. Yuna dachte zwar im ersten Augenblick daran, zurück zu kehren und die beiden zu fragen, ob alles in Ordnung war, doch dann besann sie sich eines besseren. Sie spürte, dass die Feen nicht schlecht waren, und wenn Una ihnen vertraute, dann konnten sie das ja wohl auch. Und außerdem zog dieser Wald immer mehr an ihr, so dass sie seinem “Ruf”, oder was es auch immer war, nicht mehr lange widerstehen konnte. Yuna setzte sich erneut in Bewegung und trat schließlich in den Wald ein…
Währenddessen war Faelia zurück zu den Mädchen gekehrt und setzte sich direkt neben Taliya. Diese hatte in der Tat zuerst wie im Bann Angel und Una angestarrt, und ihren Blick kaum von ihnen lassen können, doch jetzt, als die Fee zurück gekehrt war und sie diese registriert hatte, sah sie zu ihr hin. Taliya lächelte. Faelia sah sie an und fragte plötzlich, ohne scheinbaren Zusammenhang: “Du weißt, dass du eine sehr, sehr starke Kraft in dir hast, nicht wahr, Taliya?” Taliya schluckte, wie kam die Fee denn jetzt darauf? Doch dann nickte sie. Bedächtig ihre Worte suchend, sagte sie schließlich: “Ja, ich denke schon… Es ist eine starke Kraft, und ich habe endlich gelernt, sie zu kontrollieren!” Sie war wirklich froh darüber. Wieder blickte die Fee sie merkwürdig an, dass es Taliya beinahe eine Gänsehaut über den Rücken trieb; dann sprach diese erneut: “Ja, das hast du wohl… Doch hast du einmal darüber nachgedacht, was dies tatsächlich bedeutet?” und sie blickte ihr genau in die Augen.
Taliya blinzelte. Was meinte die Fee nur? Was sollten diese Blicke, diese Fragen?… Doch sie riss sich zusammen und dachte darüber nach. “Hm, also es heißt doch in erster Linie, dass ich kontrollieren kann, wo ich hin will und mich - beziehungsweise uns - überall hin teleportieren kann, wo auch immer und wann auch immer; dass ist doch gut, oder?” fragte sie und blickte nun ihrerseits der Fee ins Gesicht. Diese antwortete nicht. Es war einige Sekunden still, bevor sie schließlich doch etwas sagte: “Dass musst du dir selbst beantworten, Taliya.. Ist es wirklich gut? Du kannst in der Tat überall hin, wo auch immer du willst…” - Und sie betonte dabei extrem das Wort “überall”…
Zuerst verstand Taliya sie nicht. Doch nach einigen Sekunden des Überlegens hatte sie plötzlich eine Idee, und die Farbe wich ihr für einige Sekunden aus dem Gesicht. Sie hatte verstanden, was Faelia ihr da gerade gesagt hatte. Sie konnte sich überall hin teleportieren… Also wäre es vielleicht auch möglich, sich nach Hause… Also in IHR zu Hause, in die Menschenwelt zu teleportieren? Wenn sie es wirklich wollte, könnte sie es, dass wusste sie plötzlich. Ob dies allerdings ohne die Hilfe des Tores ging, wusste sie nicht; vielleicht brauchten sie das Tor dazu, als Übergang; aber sie konnte sich - wissentlich und nicht aus versehen - dorthin teleportieren, und wenn es ihr dann noch gelang es zu öffnen…
Sehnsucht überkam Taliya. Sie wusste, dass es vielleicht möglich war, und eventuell wäre sie, dank ihrer Fähigkeit, sogar tatsächlich in der Lage, direkt in ihrer Welt zu landen und brächte das Portal gar nicht mehr…
Der Gedanke war so verlockend, dass sie im ersten Augenblick tatsächlich nahe dran war, die Augen zu schließen und sich fort zu wünschen. Auch, wenn das hier ein schöner Ort war, jedenfalls dieser hier und momentan, so wusste sie, dass es bald wieder anders sein würde. Sie waren im Feindesland, in einer Welt die dunkel war und es vermutlich immer bleiben würde; die Schwestern der Prophezeiung gab es nicht, jedenfalls nicht so; und so würde diese sich niemals erfüllen!
Also, was hielt sie davon ab, sich von hier fortzuwünschen?
Dann wusste sie es! Angel! Sie schaute erneut zu ihrer besten Freundin herüber. Sie könnte sie mitnehmen! Wenn sie es tatsächlich tun würde, dann natürlich nur mit ihr zusammen! Immerhin war auch Angel aus ihrer Welt, auch, wenn sie hier vielleicht geboren worden war, doch aufgewachsen war sie in der Menschenwelt. Bei zwei wunderbaren Eltern, die sie liebten wie ihr eigenes Kind! Ja, Taliya war sich sicher, dass es so war. Also wenn sie gehen würde, dann nur mit Angel zusammen.
Doch plötzlich wurde ihr bewusst, dass Angel nicht gehen würde. Sie wusste nicht, woher die Gewissheit kam, doch sie wusste einfach, dass Angel diese Welt nicht einfach im Stich lassen würde und mit ihr fliehen würde. Und dann kamen die Gewissensbisse. War sie nicht feige? War es nicht verwerflich, so etwas überhaupt zu denken? Was war mit den anderen? Was war mit Kida, mit Yuna? Konnte sie die beiden und alle anderen Wesen, die hierher gehörten, einfach so im Stich lassen? Und dann wusste sie die Antwort: Nein! Auch, wenn sie in der Lage war, es zu tun; oder gerade WEIL sie in der Lage dazu war, konnte sie es nicht! Sie durfte nicht fliehen; und im Grunde wollte sie das auch nicht. Das wurde ihr jetzt klar, je länger sie darüber nachdachte. Sie war nicht feige. Denn das wäre es, wenn sie sich jetzt einfach so aus dem Staub machen würde… Sie würde bleiben und solange an der Seite der anderen für die Freiheit Alisarias kämpfen, bis sie entweder gewonnen hatten, oder… Nun ja, an die Alternative wollte sie jetzt nicht denken.
Taliya sah zu Faelia herüber, um ihr zu antworten, doch diese war bereits aufgestanden und blickte noch einmal zu ihr zurück. Sie lächelte und in ihren Augen stand das Wissen. Sie kannte Taliyas Antwort, woher auch immer.
Dann sprach sie: “Das ist eine weise Entscheidung, die du getroffen hast. Du bist ebenso reif für das, was vor dir liegt, wie deine Freunde. Du hast die Prüfung bestanden!” Damit ließ sie Taliya alleine. Diese schaute ihr irritiert hinterher und sah, wie sie sich neben Kida setzte, die ein wenig abseits von ihr neben einem Felsen hockte und noch zu Angel hinüber schaute. Doch dann hatte auch sie die Fee bemerkt und schaute zu ihr…
Kida blickte Faelia an, die sich neben sie gesetzt hatte. Dann blickte sie zurück zu Angel, die bei Una stand und diese immer noch streichelte. “Es scheint eine wahnsinnig tiefe Verbindung zwischen den beiden zu geben. Das ist Wahnsinn…” sagte sie und in ihrer Stimme klang Wehmut. Faelia nickte. “Ja, wie ich schon einmal sagte, dass hat es seit Jahrhunderten nicht mehr gegeben…” antwortete sie. Und dann blickte sie Kida in die Augen: “Was fühlst du, wenn du deine Freundinnen siehst?” fragte sie beiläufig, und ebenfalls, wie bei Yuna zuvor, scheinbar ohne Zusammenhang.
Auch Kida wunderte sich über die Frage und schaute kurz zur Fee und dann zurück zu Angel. Was fühlte sie? Nun, darüber hatte sie sich nie wirklich Gedanken gemacht… Als sie nun Angel sah, strömte ein Gefühl der Wärme durch ihren Körper. Sie wusste nicht, woher die Gedanken kamen, doch etwas in ihr sagte ihr, dass Angel so etwas wie eine Tochter für sie war. Ein Mädchen, das verloren war in dieser fremden Welt; alleine, wenn sie ihre Freunde nicht hätte; ausgewählt, gegen einen Feind zu kämpfen, der in den letzten Jahrzehnten beinahe unbesiegbar geworden war… Kida musste sich zusammen reißen. Ja, sie wusste, dass dieses Mädchen Schutz brauchte - ihren Schutz! Sie war die Löwin.
Dann sah sie sich auch zu den anderen um. Sie sah Taliya, ebenfalls ein Mädchen aus der Menschenwelt. Doch sie war ein wenig stärker als Angel.
Und doch empfand sie auch für sie so etwas wie Muttergefühle…
Als sie sich nach Yuna umsehen wollte, merkte sie, dass diese fort war. Sofort gingen sämtliche Alarmanlagen in ihr an. “Wo ist Yuna?” fragte sie, harscher als sie es eigentlich wollte. Yuna war zwar von allen - neben ihr - hier die tougheste, doch trotzdem fühlte sich eine Verantwortung auch ihr gegenüber. Die Fee blickte sie erneut an, dann lächelte sie: “Mach dir keine Sorgen, Yuna geht es gut. Sie hat ihre eigene Aufgabe erhalten, der sie nun nachgehen muss. Es ist nicht gefährlich, keine Sorge! Aber es ist etwas, was nur sie alleine erleben kann und durchleben muss. Etwas, zur Stärkung ihrer Kräfte!” Dann war sie erst einmal still. Doch nach einigen Sekunden fuhr sie fort: “Du spürst die Instinkte in dir, nicht wahr? Muttergefühle; ich merke es. Du wirst sie führen - sowohl im Licht, als auch in der Dunkelheit”, sagte sie knapp, dann stand sie auf und verließ auch Kida.
Diese blickte ihr nach. Was war das für eine merkwürdige Frau? Doch sie dachte nicht weiter darüber nach, sondern eher über ihre Worte. Ja, Faelia hatte Recht: Sie spürte es: Die Mädchen waren ihre Familie - und sie war die Mutter. Sie würde sie mit ihrem Leben verteidigen; ihre Kinder! Und zu ihnen gehörte die starke Yuna genauso, wie die - noch - schwache Angel. Und natürlich Taliya. Sie alle galt es zu beschützen. Erneut durchfuhr Wärme ihren Körper, und nun erkannte Kida es als das, was es war: Liebe. Und ein Grollen entfuhr ihrer Kehle, als sie daran dachte, dass sie ihre Kinder beschützen würde; egal, was es sie auch immer kostete. Das Grollen war das der Löwin in ihr…

