23. Yuna im Wald

Yuna war in den Wald eingetreten und hatte sofort das Gefühl, dort heimisch zu sein. Sie fühlte sich wohl. Es schien gar nicht mehr so dunkel zu sein, sie bildete sich sogar ein, einen Lichtstrahl durch die dichten Bäume schimmern zu sehen - obwohl das eigentlich ziemlich unmöglich war, selbst hier, an diesem Ort, an dem sie sich doch trotz allem recht wohl fühlte.

Zuerst wusste Yuna nicht wirklich, wo sie anfangen sollte zu suchen. Sie musste Kräuter suchen. Heilkräuter, um genau zu sein. Doch war sie wirklich in der Lage, diese hier zu finden? Sie blickte sich um. Auf dem Boden gab es viele verschiedene Arten von Kräutern, Gräsern und andere Natur; doch daraus die richtigen Kräuter zu erkennen, die für sie wichtig waren, würde sehr, sehr schwer werden; dass spürte Yuna direkt.
Seufzend bewegte sie sich weiter und streifte durch den Wald.

Sie sah mit wachsender Begeisterung zu den riesigen Bäumen hinauf, deren Stämme so dick waren, dass Yuna nur erahnen konnte, wie alt die Bäume in Wirklichkeit waren. Es mussten mehrere hundert Jahre sein. Es war traumhaft. So wunderschöne Bäume - Baumriesen um genau zu sein - hatte sie noch nie gesehen. Aber das lag wohl auch mit daran, dass sie nun einige Jahre - über ein Menschenjahrzehnt, um genau zu sein - nicht mehr in dieser Welt verbracht hatte. Wieder verdrängte Yuna diese Gedanken nach hinten. Sie genoss einige Minuten die Schönheit und Ruhe des Waldes. Beinahe lief sie Gefahr, sich in ihr zu verlieren.

Sie musste sich tatsächlich zusammen reißen, um sich wieder ihrer eigentlichen Aufgabe zu widmen: Kräuter sammeln! Für sich und die anderen; für den Fall, dass sie erneut in Bedrängnis kamen und verletzt wurden. Dieses Mal musste sie gewappnet sein, und in der Lage, sich und die anderen heilen zu können.
Denn Faelia hatte sich unmissverständlich ausgedrückt: Das Einhorn - Una, wie Yuna sich erinnerte - würde nicht noch einmal für sie zur Verfügung stehen. Also lief Yuna weiter und blickte dabei gebannt nach unten. Irgendwo mussten doch Heilkräuter für sie zur Verfügung stehen! Doch der Wald war so groß - Yuna wurde beinahe schwindelig. Es war ihr vorab nicht so vorgekommen, als sie in ihn eingetreten war, aber nun hatte sie das Gefühl, dass sie sich in seiner Weite und Größe beinahe verlieren würde. Oder hatte sie sich etwa verlaufen?

In Yuna kam kurzfristig so etwas wie Panik hoch, und sie hatte den Impuls, auf die Lichtung zurück zu kehren. Doch sie konnte ihn gerade noch unterdrücken. Nein! Sie durfte nicht umkehren. Nicht, ohne ihr eigentliches Ziel aus den Augen zu verlieren. Sie konnte nicht ohne die Heilkräuter zu ihren Freundinnen und den Feen zurück kehren! Zudem kam noch so etwas wie Stolz in ihr hoch. Sie würde ihr Gesicht verlieren, wenn sie, als Kennerin ihres Fachs, es nicht schaffen würde, diese verdammten Kräuter zu finden!

Also ließ sie sich auf ihre Knie fallen und suchte in akribischer Kleinstarbeit den Boden ab. Jedes kleine Blatt wurde von ihr in die Hand genommen; jedes Gras genau begutachtet. Doch zuerst fand sie nur normale Gräser, normale kleine Blüten und Pilze, die auf dem Boden und direkt am Rand der Bäume wuchsen. Yuna bemerkte spätestens bei der Berührung, dass es keine magischen Kräuter oder ähnliches waren. Sie ließ von dem Ort ab, an dem sie sich gerade befand und kroch weiter den Weg hoch. Langsam, immer wieder auf alles achtend, was auf dem Boden wuchs. In ihr stieg das Verlangen danach, endlich Erfolg zu haben. Hier musste doch etwas sein; wenn dies nicht so wäre, hätte Faelia sie niemals hier herein geschickt! ’Oder doch? War dies eine Falle?’ fragte sie sich kurz und erschrak über diesen furchtbaren Gedanken.
Dann schalt sie sich selbst einen Narren. Nein, sie war sich einhundertprozentig sicher, dass sie der Fee vertrauen konnten und sie suchte weiter.

Yuna wusste nicht, wie lange sie bereits auf den Knien den Boden herum gekrochen war, als ihr plötzlich etwas auffiel: Etwas weiter vor ihr war ein Kreis von dunkleren Gräsern, die sich von dem anderen Gras, das sie bis jetzt gesehen hatte, unterschied. Und in Yuna wuchs ein Gefühl, das sie zuerst nicht wirklich erklären konnte, das sie aber eindeutig an diesen Platz zog. Also zögerte sie nicht lange und lief dorthin.
Als sie an den Platz kam sah sie, dass es eine etwas breitere Ansammlung von verschiedenen Gräsern war, die alle möglichen Blüten trugen. Yuna wusste sofort, dass sie den Ort gefunden hatte, den sie suchte. Das waren keine Gräser, wie sie zuerst gedacht hatte, es waren Kräuter - Heilkräuter! Doch sie sahen nicht annähernd so aus wie die Heilkräuter, die sie kannte. Solche Kräuter hatte sie noch nie gesehen.

Langsam kniete sie sich erneut hinab und berührte eines davon mit ihren Fingern - und eine Art kleiner elektrischer Schlag durchfuhr ihren Körper. Yuna schauderte. Sie wusste sofort, gegen welche Art von Krankheit dieses Kraut helfen würde und was sie tun musste, sollte eines ihrer Freundinnen jemals davon betroffen werden. Yuna zögerte nicht lange, sondern pflückte es und tat es in ihren Beutel. Dann sammelte sie weiter. Bei jedem weiteren Kraut, das sie berührte, formte sich ein Bild vor ihrem Auge, das ihr zeigte, was sie mit eben diesem Kraut anstellen konnte. Sie lächelte. Plötzlich sah sie, dass auch Pilze an dem Ort zu finden waren; direkt an einem riesigen Baum. Zuerst fragte sie sich, was das zu bedeuten hatte, sie würde keine Pilze brauchen; die meisten die sie kannte waren ungenießbar und noch dazu giftig! Trotzdem folgte sie einer inneren Eingebung und griff nach einem - um festzustellen, dass sich auch bei diesem ein Bild vor ihrem Auge formierte. Diese Pilze waren ebenfalls Heilpilze. Sie spürte ihre Macht und sie spürte sogar, dass es die stärkste von allen war! Also überlegte sie nicht lange, sondern riss ebenfalls so viele von ihnen heraus, wie sie nur konnte. Selbst, wenn sie einige von ihnen nicht für die Heilung verwenden konnte; vielleicht würden sie ihnen ja gut schmecken?

Wie auch immer, Yuna sammelte weiter. Je weiter die Zeit verrann, desto stärker wurde Yunas Fähigkeit, zu erkennen, welche Kräuter sie brauchte und sie wusste jedes Mal instinktiv, wofür diese angewendet werden konnten. Wenn sie denn jemals in eine dementsprechende Situation geraten würden…
Doch plötzlich, Yuna hatte gar nicht mehr richtig hingeschaut, sondern griff einfach nur wahllos neben sich, scheinbar in blinder Verzückung und Erwartung ihrer neuen Fähigkeit, als sie einen Schlag bekam, der sie zurück schleuderte. Das Bild was sie nun sah, ließ sie erschaudern. Sie sah überall Körper, die zuckten, mit Leibern, die aussahen, als wären sie verfault - die Körper kaum noch zu erkennen. Schaum hatte sich vor den Mündern gesammelt und Yuna konnte geradezu spüren, wie das letzte bisschen Leben aus diesen heraus gezogen wurde…

Keuchend ließ sie das “Ding“, nach dem sie nun gegriffen hatte und was noch in ihrer Hand lag, los und im gleichen Augenblick verschwand das Trugbild. Yuna ging es schlagartig besser, doch sie keuchte noch; denn die Erinnerung an das schreckliche Bild war noch in ihr. Was war das nur gewesen? Sie blickte auf das scheinbare Heilkraut, nach dem sie einfach nur blind gegriffen hatte - und dann wusste sie, was geschehen war: Es war Schattenkraut! Sie hatte tatsächlich Schattenkraut gefunden - hier in diesem Wald! Yuna fröstelte es. Schattenkraut war das gefährlichste, giftigste Kraut, was es jemals in diesem Land gegeben hatte.
Und es war schon auf dieser Welt, bevor es den dunklen Herrscher gab. Doch es schien sich auszuweiten. Und dass es selbst hier zu finden war, war höchst beunruhigend. Yuna nahm sich vor, den Feen darüber zu berichten und zu schauen, was diese dazu sagten. Wusste Faelia dies vielleicht schon, als sie sie hierher geschickt hatte? Wie auch immer, Yuna nahm sich jedenfalls nun vor, vorsichtiger zu sein. Vielleicht war dies eine Art Warnung gewesen, nicht allzu unvorsichtig mit ihrer Kraft umzugehen? Erneut langsam besah sie sich jedes einzelne Kraut und jeden Pilz um diesen dann, nachdem sie sich sicher war, dass er definitiv nicht tödlich war, in die Hand zu nehmen, um sich von seiner Heilkraft zu überzeugen. Schließlich, Yuna hatte keine Ahnung, wie viel Zeit eigentlich vergangen war, war ihr Beutel voll und sie konnte nicht mehr einsammeln. Dies musste reichen!

Yuna wollte zurück. Sie stand auf und sah sich noch einmal um - es gab noch genug Kräuter und Pilze, die sie hätte einsammeln können - und ging zurück. Doch irgendwie hatte sie plötzlich keine Ahnung mehr, ob sie wirklich in die richtige Richtung lief… War das wirklich der Weg, den sie gekommen war? Der Weg, der sie zurück auf die Lichtung führte? Sie wusste es nicht mehr. Der Wald war dicht. So dicht, dass sie trotz der Helligkeit, die hier noch vorhanden war, nicht wirklich viel erkennen konnte. Neben den riesigen Bäumen und den Gräsern, Kräutern und Pilzen, auf die sie sich bis jetzt konzentriert hatte, gab es hier noch Büsche, die größer waren als sie selbst!

Yuna wurde langsam unwohl. Bis jetzt hatte sie sich ja wohl gefühlt, in diesem Wald, es war beinahe ihr Reich gewesen, doch jetzt bekam sie etwas Angst. Nun, vielleicht war Angst das falsche Wort; sie hatte bis jetzt noch nie wirklich Angst verspürt; abgesehen vielleicht von dem Erlebten in der Gefangenschaft des Dunklen Lords, aber dies war nun vorbei. Nein, Angst war in der Tat das falsche Wort; aber irgendwie bedrückte sie plötzlich die Enge der Bäume und der Natur um sie herum… Yuna blieb stehen. Sie drehte sich einmal um die eigene Achse - und musste sich in der Tat eingestehen, dass sie nicht mehr wusste, wo sie war…

Verzweiflung machte sich in ihr breit. Was sollte sie nun tun? Wer wusste, wo sie sich hier befand? Und wie weit die Lichtung mit den Feen und ihren Freundinnen von ihrem Standpunkt entfernt war? Doch sie biss die Zähne zusammen. Sie musste etwas tun! Sie konnte nicht hier bleiben und sich der Verzweiflung hingeben; das war absolut tödlich und noch dazu ihrer unwürdig!

Während sie das noch dachte, klangen plötzlich alle möglichen Geräusche an ihr Ohr, auf die sie vorher nicht geachtet hatte. Vogelgezwitscher, das sie bis jetzt nicht gehört hatte; das Rauschen des Windes, der ihr, scheinbar plötzlich, um die Ohren pfiff… Zuerst wusste Yuna nicht, ob sie das eventuell zuvor vielleicht auch schon gehört, aber durch die Konzentration auf das Sammeln der Kräuter nicht wirklich bemerkt hatte, oder ob es wirklich erst jetzt begonnen hatte. Doch sie begann, sich auf die Geräusche zu konzentrieren. Sie wusste nicht, wieso; aber etwas an dem Vogelgezwitscher faszinierte sie. Es war ja nicht so, dass sie noch nie Vögel singen gehört hätte; aber so schön wie jetzt war es ihr in der Tat noch nie vorgekommen. Sie lauschte mehr als angestrengt und folgte ihrem Gesang. Auch das Rauschen des Windes schien irgendwie… anders zu sein…

Und plötzlich wusste Yuna, was daran “anders” war: Sie konnte ein Rauschen daraus erkennen. Es klang zuerst in der Tat wie ein Rauschen, doch dann wurde ein Wispern daraus; ein Flüstern; und sie dachte zuerst daran, dass die Feen vielleicht in der Nähe sein könnten. Doch das waren nicht die Feen. Sie wusste es, auch, wenn sie nicht wusste, wieso. Doch was war es dann? Yuna hatte keine Ahnung, und dennoch folgte sie dem Flüstern. Sie spitzte die Ohren, konzentrierte sich auf die Geräusche um sich herum. Und dann verstand sie, was sie zuvor als undefinierbar empfunden hatte: Der Wind erzählte ihr von Freiheit. Von den Himmelsrichtungen, aus dem er wehte und der Ferne, in die er verschwinden würde… Sie musste immer weiter nach Norden gehen, dann würde sie zurück zur Lichtung kommen; dass wusste sie plötzlich!

Und so begann sie, nach Norden zu laufen; der Wind flüsterte ihr zu, wo Norden war. Doch nicht nur dies erfuhr sie, während ihres Rückwegs. Sie hörte den Stimmen der Vögel zu, deren Singsang sie bereits zuvor gelauscht hatte. Es waren die Werbegesänge der Dornenvögelmännchen, die wunderschön waren und die eigentlich schon als vom Herrscher vernichtet galten - doch hier schien es sie noch zu geben; genau wie das einzige Einhorn dieser Welt. Ja, dieser Wald war einmalig. Und was die Männchen ihren Liebsten alles “versprachen”, nur, damit diese sich mit ihnen einließen und sie sich paaren konnten - ja, das war auch einmalig… Yuna schmunzelte. Sie fühlte sich beinahe schuldig dabei, ihnen zuzuhören…

Und dann war es soweit. Nachdem sie weiterhin darauf geachtet hatte, welche Richtung ihr der Wind vorschrieb, sah sie schließlich die Lichtung wieder. Sie hatte es geschafft. Erleichtert verließ sie den Wald und betrat die Lichtung. Im gleichen Augenblick kam ihr Faelia entgegen. Sie lächelte. “Hast du alles bekommen, wonach du gesucht hast?” fragte sie Yuna. Diese blickte zurück und nickte. “Ja, das habe ich - und ich glaube, sogar noch mehr…” und auch sie lächelte. Die Fee blickte ihr in die Augen und nickte schließlich: “Ja, ich denke, du hast alles entdeckt, was es dort zu entdecken gab. Nun bist auch du reif für eure nächste Aufgabe - wohin auch immer sie euch bringen mag…”

Yuna schluckte und fragte Faelia: “Weißt du, was uns als nächstes bevorsteht?” Doch Faelia schüttelte den Kopf: “Nein, das weiß ich nicht. Eure nächsten Ziele sind euch selbst bestimmt. Ihr müsst entscheiden, was ihr als nächstes tun wollt und wohin euch eure Füße tragen. Geh zurück zu deinen Freundinnen und beratschlagt euch - ihr könnt solange dies dauert hier bleiben. Doch überlegt nicht zu lange! Ich fühle, dass Unheil naht; doch wann genau es kommt und in welcher Form weiß ich nicht…” Dann wandte sich Faelia ab und lief in den Wald, vermutlich zu den anderen Feen, die Yuna allerdings nicht sehen konnte.

Yuna sah ihr kurz hinterher - dann wandte sie sich wieder ihren Freundinnen zu. Sie bemerkte, dass alle, einschließlich Angel, zusammen saßen und anscheinend etwas aßen. Yuna merkte, dass sie ebenfalls Hunger hatte - sie hatte immer noch keine Ahnung, wie lange sie eigentlich fort gewesen war - und lief so schnell sie konnte zu ihnen. Angel war die erste, die sie bemerkte, und umarmte sie stürmisch: “Yuna, da bist du ja endlich! Du warst ziemlich lange weg… Aber Faelia sagte uns, dass wir uns keine Sorgen zu machen brauchen; setz dich und iss etwas; das Essen ist köstlich!”
Yuna lachte und folgte der Einladung. Angel hatte nicht zuviel versprochen: Das Essen, das Ähnlichkeit mit einer Pilzsuppe hatte, schmeckte in der Tat köstlich. Und es war seit Ewigkeiten das erste Mal, dass alle Mädchen beisammen saßen und für kurze Zeit die schrecklichen Geschehnisse der letzten Zeit vergaßen - und sich auch nicht das noch vor ihnen liegende Grauen in Erinnerung riefen. Sie genossen das Essen und die darauf folgenden Stunden - doch es sollte für lange Zeit das letzte Mal sein, dass sie so ungestört sein konnten. Die Dunkelheit zog sich erneut über ihnen zusammen…

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Christal, 31
Traumland