15. In der Hölle
Schweigend liefen sie durch die Dunkelheit. Es gab keine Chance zu entkommen: Die Werwölfe waren vor und neben ihnen und selbst, wenn sie eine Gelegenheit gefunden hätten, ein Schlupfloch, das sie hätten nutzen können, wären diese einfach zu schnell gewesen. Zudem hatten sie ihre besten und stärksten Kämpfer verloren: Ava und Kida waren verletzt und lagen bewegungslos auf dem Rücken der Wölfe - und Moira war auf die andere Seite gewechselt und überhaupt erst Schuld an ihrer Misere; die anderen drei waren keine Kämpfer. Zudem lief Moira ebenfalls schweigend hinter ihnen und sorgte ebenfalls dafür, dass niemand “aus der Reihe tanzte”. Ab und zu half sie auch etwas nach und schubste sie, damit sie schneller liefen. Die Lage war hoffnungslos…
Angel machte sich unsagbare Sorgen um Ava und Kida. Auch, wenn sie in dem unsagbaren Dunkel kaum etwas sehen konnte, so erkannte sie doch die vor und neben ihr laufenden Bestien und die funkelnde Aura, die Kida umhüllte. Bei Ava war es schwieriger, da sie ebenfalls duster war. Doch das war für Angel erst einmal zweitrangig. Sie hatte Angst um das Leben der beiden. Ava, weil sie trotz allem, was sie getan und gesagt hatte, ihre Schwester war und sie still in sich die Hoffnung hegte, dass deren Aggression und Abneigung ihr gegenüber irgendwann doch verschwinden könnte. Aber trotz allem blieb dennoch die Angst bestehen, dass es nicht so sein würde. Und wenn sich Ava auch noch auf die Seite des Feindes schlagen würde - was ihrer Aura nach zu urteilen, durchaus nicht unmöglich wäre - war tatsächlich vermutlich alles verloren…
Angels Hoffnung schwand von Sekunde zu Sekunde und sie war beinahe drauf und dran wieder in Tränen auszubrechen.
Taliya, die neben ihr lief, schien ihre Verzweiflung geradewegs zu spüren. Sie nahm ihre Hand in ihre und drückte sie still, ohne etwas zu sagen. Das war das nächste, was sie alle beinahe umbrachte: Sie erdrückende Stille, die sich über sie gelegt hatte. Das fuhr auch Taliya und Yuna durch alle Glieder. Die beiden machten sich ebenfalls Sorgen und hatten Angst, doch sie ließen es sich nicht allzu sehr anmerken, beziehungsweise sie versuchten es jedenfalls. Was auch immer jetzt mit ihnen geschah: Keine von ihnen wollte sich die Blöße geben, vor dem Herrscher zusammen zu brechen.
Doch vor allem Yuna verging vor Sorge um Kida. Sie wusste natürlich auch, dass sie verletzt auf dem Rücken eines der Bestien lag, auch, wenn sie diese nicht so gut erkennen konnte, wie Angel. Sie sah den Schatten des Wolfes vor und der Bestie neben sich, und sie sah Kidas Gestalt auf diesem. Doch sie rührte sich nicht, und Yuna wusste, dass der Wolfsbastard sie schwer erwischt hatte. Das Schlimmste daran war, dass sie ihr theoretisch hätte helfen können, sie konnte ja heilen; aber wie nur, wenn sie nicht an sie heran kam? Es war ihr definitiv nicht möglich, und das zermürbte sie beinahe. Yuna musste sich eingestehen, dass die Halblöwin ihr mittlerweile eine sehr gute Freundin geworden war, auch, wenn sie sich noch gar nicht so lange kannten. Sie würde es kaum ertragen können, wenn sie es nicht überlebte und sie machte sich den ganzen Weg mehr Sorgen um sie, als um sich selbst. Natürlich lagen ihr auch die anderen am Herzen, vor allem Angel und Taliya; was vor allem wohl daran lag, dass sie die beiden ja nun auch schon eine ganze Weile “kannte”, wenn auch unter anderen Bedingungen. Und natürlich machte sie sich auch Gedanken, was nun mit ihnen allen passieren sollte. Sie wollte es sich noch gar nicht wirklich vorstellen..
Die einzige, um die sie sich nicht sorgte, war Ava. Ihre Abneigung Angels Schwester gegenüber war in beinahe gleißenden Hass übergewechselt. Sie hatte nur noch Verachtung für diese übrig, und konnte sich nicht vorstellen, dass diese jemals eine Hilfe für sie sein könnte im Kampf gegen den Tyrannen. Nein, da musste sich die Prophezeiung irren!
Die Vorstellungskraft fehlte ihr völlig, zumal sie erlebt hatte, wie abfällig und aggressiv sie Angel und ihnen allen gegenüber getreten war…
Nein, Ava war ihnen keine Hilfe und würde es vermutlich auch niemals sein. Und Moira? Yuna schauderte. Sie hatte sie ganz klar verraten. Hinterrücks und ohne auch nur mit der Wimper zu zucken! War das von Anfang an geplant gewesen? Hatte sie sie alle in die Falle gelockt - oder kam ihr die Idee erst später? Yuna wusste es nicht, und im Grunde war es ihr auch egal. Fakt war, DASS sie es getan hatte und es war auch irgendwie beinahe zu erwarten gewesen; Yuna dachte an Angels Kraft: Die Fähigkeit, ihre Auras erkennen zu können - und sowohl Moiras als auch Avas Aura waren dunkel gewesen. Also hätten sie sich eigentlich denken können, dass so etwas geschehen könnte. Doch irgendwie hatten sie alle an das Gute in ihnen geglaubt, allen voran Angel, die sich nicht eingestehen wollte, dass ihre Schwester auf der falschen Seite stand. Und Yuna musste sich selbst eingestehen, dass auch sie sich, zumindest kurzfristig, derselben Hoffnung hingegeben hatte. Hoffnung zu haben war immerhin das schönste Gefühl, solange es noch einen Grund dazu gab oder man sich einen suchen konnte. Solange, bis diese zerplatzte, wie eine Seifenblase…
So ähnlich dachte auch Taliya, während sie still neben Angel herlief und versuchte, dieser zumindest annähernd noch Trost zu schenken. Solange es noch möglich war… Auch sie machte sich Sorgen um Kida und daran, dass mit ihrem Ausfall ihre Chance schwand, hier heraus zu kommen. Zudem dachte sie an Angels Fähigkeit und daran, wie dumm sie alle gewesen waren, noch an das Gute in Ava und Moira zu glauben. Alleine die Tatsache, dass ihre jeweilige Aura dunkel war, hätte ihnen doch zu denken geben müssen, verdammt! Und wenn sie ehrlich war, hatte es das auch, doch auch sie hatte sich der Illusion hingegeben, dass es eine einfache und vor allem harmlose Erklärung dafür geben könnte…
Doch sie musste sich irgendwie zusammen reißen. Alleine Angel zuliebe, deren Hand sie hielt, solange es noch ging. Sie merkte, wie ihre Freundin zitterte und spürte, dass sie nahe dran war, erneut zusammen zu brechen. Doch Taliya wusste eines: Egal, was jetzt auf sie zukam, sie würde niemandem hier die Genugtuung geben, sich der Verzweiflung hinzugeben; und schon gar nicht ihrem ärgsten Feind! Nein, niemals - und sie alle sollten es ihr gleich tun!
Also drückte sie Angels Hand, um ihr zu zeigen, dass sie für sie da war und ihr Stärke zu vermitteln. Zu sprechen traute sie sich nicht, denn das würde in der grausamen Stille, die sich um sie herum gelegt hatte, definitiv auffallen, dennoch hoffte sie, dass Angel sie durch ihre langjährige Freundschaft auch so verstehen würde…
Plötzlich hielt der Wolf, der die Vorhut übernommen hatte, und Ava auf dem Rücken trug, plötzlich an und sagte, mit knarrender Stimme: “So, da wären wir; der Herrscher erwartet uns - tretet ein ins holde Heim”, seine Stimme veränderte den Klang und es hörte sich beinahe an wie ein heiseres Lachen.
Vor ihnen lag, in der Dunkelheit kaum zu erkennen, ein düsteres Gemäuer. In Angels Eingeweide rumorte es, als sie es sah. Ihr erster Impuls war es, zu fliehen, doch das war unmöglich, und sie wusste es auch. Den anderen war dies ebenfalls klar und schließlich setzten sie sich langsam wieder in Bewegung.
Dieses Mal liefen beide Wölfe hinter ihnen, direkt neben Moira, die sich die ganze Zeit nicht zu Wort gemeldet hatte. Auch sie machte sich Gedanken, aber es waren mehr Sorgen um sich selbst. Was würde der dunkle Herrscher wohl mit ihr anstellen? Solange sie noch auf dem Weg zu ihm waren, hatten sich ihre Gefühle und Gedanken noch in Grenzen gehalten, doch jetzt wurden sie von Sekunde zu Sekunde stärker. Doch sie konnte nichts mehr ändern, es war geschehen. Sie hatte die Entscheidung getroffen und sie konnte für sich nur das Beste hoffen!
Allerdings war die Tatsache, dass die Wolfsbestien jetzt neben ihr liefen und es den Anschein hatte, als würden diese sie immer mehr im Auge behalten, für Moira etwas erdrückend und besorgniserregend. Dachten sie etwa, sie würde versuchen zu fliehen? Sie konnten sich doch denken, dass dies nicht der Fall sein würde, immerhin wollte sie die Absolution vom Herrscher! Und die bekam sie sicherlich nicht, wenn sie jetzt eine Dummheit beging…
Trotzdem war ihr flau im Magen. Würde sie diese überhaupt bekommen? Immerhin hatte sie über 16 Jahre lang die ärgste Feindin des Herrschers beschützt und versteckt gehalten. Ob es da ausreichen würde, dass sie ihm diese und ihre Verbündeten nun präsentierte? Moira wusste es nicht, doch es war ihre einzige Chance. Zur Flucht war es jetzt ohnehin zu spät und sie hatte es auch gar nicht vor! Mit erhobenem Kopf und einer versteinernden Miene lief sie weiterhin voraus und ließ einfach alles weitere auf sich zukommen…
Dann war es soweit. Sie standen vor einem schwarzen Kasten, der alleine schon von vorne nicht gerade einladend aussah, um es einmal vorsichtig zu beschreiben.
Den Mädchen fiel auf, dass der Kasten Gitterstäbe vor den Fenstern hatte, und Angels Frösteln, das sie vorab schon befallen hatte, wurde stärker. Die anderen fühlten ähnlich. Dann bemerkten sie, dass die Wölfe sie zu einem Tor hin trieben, das von zwei Menschen - oder zumindest menschenähnlichen Wesen - bewacht wurde. Diese hatten Stahlmasken auf, die ihre Gesichter verdeckten. Angel fröstelte immer mehr und auch bei den anderen wuchs die Angst. Was würde sie jetzt erwarten? Nichts Gutes, dass wussten sie alle.
Die Wachen stellten sich vor sie und so waren sie gezwungen, stehen zu bleiben. “Wir haben ein Geschenk für den Herrscher. Es wird ihm sehr gefallen: Das hier sind die Zwillinge der Prophezeiung und ihre Verbündeten. Lasst uns herein! Andernfalls könnte seine Lordschaft sehr, sehr ungnädig werden - und Ihr wisst, was das bedeutet!” knarrte einer der beiden Werwölfe und trat hervor. Es war derjenige, der Ava auf dem Rücken trug. Der andere blieb weiterhin hinter den Mädchen und neben Moira stehen.
Die Wachen starrten zuerst schweigend auf Ava, dann auf Angel, die ihre Blicke geradewegs auf sich spürte. Es fühlte sich an wie Nadelstiche.
Sie zitterte, doch sie versuchte sich zusammen zu reißen. Dann hörte man die dunkle und beinahe dröhnende Stimme einer der Wachen: “Und wieso ist dieses Mädchen hier nur verletzt? Wenn es eine der Mädchen der Prophezeiung ist? Soviel ich weiß, sollten sie getötet werden - beide! Und die anderen noch dazu!” Er trat bereits mit der Spitze seiner Waffe auf sie zu. Es war ein Eisenspeer…
Der Wolf, der Ava auf dem Rücken trug, stellte sich plötzlich auf die Hinterpfoten - was zur Folge hatte, das Ava abrutschte - und stürzte sich auf den Wachposten. Der andere wollte eingreifen, doch das Knurren des anderen ließ ihn verharren.
“Wage es ja nicht, dich in unsere Angelegenheiten zu mischen. Ich denke, dass es dem Herrscher wesentlich lieber sein wird, wenn er die beiden als seine Gefangenen behält.. Zudem kann er selbst entscheiden, ob er sie töten will und wenn ja, auf welche Art. Ich möchte ihm die Entscheidung nicht abnehmen - und nachher eine falsche treffen.. Was denkst du??” Das letzte hatte er mit drohendem Ton gesprochen und seine Lefzen hochgezogen. Es sah mehr als bedrohlich aus.
Die Wache nickte. “Schon gut! Geht! Ihr wisst wohin - und was ist mit ihr?” Er nickte zu Moira herüber, die immer noch versuchte, sich ihre Angst, die auch sie überkam, nicht anmerken zu lassen. “Die wird direkt zum Herrscher geführt. Ich denke, sie hat einiges mit ihm zu bereden… Und dann wird auch er darüber entscheiden, wie es mit ihr weiter geht…” Und wieder sah Moira, wie der Wolf die Lefzen hochzog und fragte sich schaudernd, wie das wohl zu verstehen war…
Die Wachen fügten sich und ließen schließlich die Wölfe und ihre Gefangenen durch. Diese ließen sich nicht lange bitten und stießen unter drohenden Lauten die Mädchen an, damit sich diese wieder in Bewegung setzten. Was diese auch schließlich taten. Ava war zuvor von einer der Wachen wieder auf den Rücken des Wolfes gesetzt worden.
Moira wurde indes von zwei anderen Wachen übernommen und diese griffen hart zu, als sie ihre Gefangene schließlich in eine andere Richtung zerrten. Moira wusste nicht, was das zu bedeuten hatte. Die Wölfe hatten ihr schließlich versprochen, dass sie ihre Chance bekommen würde, und nun wurde sie ebenfalls wie eine Gefangene behandelt. Irgendwie gefiel ihr das gerade überhaupt nicht, dennoch hatte sie keine andere Wahl, als abzuwarten, was nun geschehen würde. Sich zu wehren würde keinen Sinn machen und wahrscheinlich sogar alles noch verschlimmern.
Indes wurden Angel, Taliya, Yuna, Kida und Ava von den Wolfsbestien in das Gebäude gebracht, das beim Näher kommen immer bedrohlicher wirkte. Besonders auf Angel, die sich einbildete, auch um das Gebäude herum so etwas wie eine beinahe schwarze Wand erkennen zu können… Hatten Gebäude ebenfalls Auras? Sie wusste es nicht, aber es wirkte definitiv gespenstisch und machte ihr Angst.
Doch auch die Beklemmung der anderen wurde immer stärker, je näher sie diesem Gebäude kamen, auch wenn von ihnen keiner die schwarze Wand erkennen konnte. Dennoch spürten auch sie die Bedrohung, die von dem Gebäude ausging und sie alle fühlten die Gewissheit, dass etwas ganz furchtbares auf sie zukam.
Dann war es soweit. Auch vor dem Tor, das sie in das Gebäude herein führen würde, standen Wachen, die mindestens genauso grausam wirkten, wie die vor dem Eingangstor vorne - wenn nicht sogar noch bedrohlicher. Die dunkle Aura, die um diese herum waberte, erstickte Angel beinahe. Sie versuchte, die Augen zu schließen, doch auch dies half nichts. Das Gefühl der Enge wollte nicht verschwinden…
Dann standen sie direkt vor den Wachen und diese hatten bereits gehört, dass sie “Besuch” bekommen hatten, und welcher Art dieser war. Sie sagten nichts weiter, denn sie wollten den Stress mit den Wolfshybriden vermeiden und öffneten die Tür - es war eine schwere Stahltür, wie Yuna erkannte. Dann übernahmen die Wachen die Mädchen und fassten sie grob an den Armen und stießen sie in den Raum.
Ava und Kida wurden von den Rücken der Wölfe herunter gerissen und Angel konnte noch hören, wie einer der Wachen zu ihnen sagte: “Geht zum dunklen Herrscher, er will sicher mit euch sprechen!” Die Wölfe knurrten nur, sagten aber nichts und verschwanden. Mit einem Male schienen sie es sehr eilig zu haben…
Die Mädchen wurden grob von den Wachen in den Raum befördert - und Angel blieb beinahe die Luft weg. Nicht nur im sprichwörtlichen Sinne; der Raum war stickig und man konnte tatsächlich kaum darin atmen. Er war duster und erdrückte sie beinahe, und zuerst konnte keiner von ihnen wirklich etwas erkennen. Doch was sie hören konnten, war dagegen wesentlich schlimmer. Sie hörten von überall um sich herum Stöhnen, Keuchen und Weinen, und zuerst wussten sie nicht, ob sie sich das nur einbildeten oder ob es tatsächlich da war. Aber dann wussten sie, dass es real war, was sie hörten und ihnen allen wurde ganz anders.
Als nächstes spürte jede von ihnen, wie sie grob am Arm gepackt wurde und durch den Raum gestoßen wurde - bis sie an eine Wand gepresst wurden. Die Arme wurden hochgerissen und sie spürten, wie sie anscheinend an die Decke gefesselt wurden - mit magischen Fesseln! Angel stöhnte auf, denn sie fühlte Schmerz durch ihren Arm zucken. Die Wache lachte derbe auf, als er sie hörte: “Wenn du DAVON bereits genug hast, dann glaube mir, dass du keinen einzigen Tag überleben wirst”, und sein Lachen wurde lauter. Auch die anderen Wachen lachten und Angels Angst wurde immer größer.
Taliya und Yuna bissen die Zähne zusammen. Was auch immer sie hier erwartete - und dass es nichts Gutes war, konnten sie sich alle denken - sie würden nicht klein bei geben! Sie alle fürchteten das Schlimmste, doch das, was sie tatsächlich erleben würden, würde alles in den Schatten stellen, was sie sich jetzt noch vorstellten. Die Wahrheit war schlimmer als ihre Vorstellungskraft…
Angel hing hilflos an die Decke gefesselt und fragte sich bereits zum hundertsten Male, wie es ihrer Schwester ging. Hier in der Dunkelheit konnte sie nichts erkennen und sie konnte nur hoffen, dass Ava noch lebte. Und selbstverständlich auch Kida.
Auch die anderen sorgten sich um Kida, und um sich selbst, während sie ebenfalls hilflos an die Decke oder an die Wand gefesselt waren und darauf warteten, was als nächstes mit ihnen geschehen sollte…
Währenddessen war Moira von den Wachen in ein anderes Gebäude geführt worden. Dieses war ebenfalls dunkel und bedrohlich und Moira spürte eine Präsenz, die einzigartig war und sie wusste sofort, dass dies der “Palast” des dunklen Herrschers war. Es war kein Palast, wie man ihn sich in der Regel vorstellt. Weder war er schön, noch prunkvoll geschmückt. Er war einfach nur dunkel und bedrohlich. Doch er war groß und durchaus einer Lordschaft würdig. Man konnte seine Macht gradewegs spüren und selbst Moira wurde immer flauer zumute.
Dann war es soweit. Die Wachen eskortierten sie zu einem Thron, auf dem eine schwarze Gestalt saß, deren Gesicht Moira nicht erkennen konnte, da diese völlig in ein Gewand gehüllt war. Er sagte nichts, sondern schien sie nur anzustarren - es wirkte beinahe so, als würde er durch sie hindurch schauen…
Moira wurde von den Wachen auf den Boden gedrückt und sie hörte diese sprechen: “Knie nieder vor unserem Lord!” Sie selbst verbeugten sich ebenfalls. Moira tat wie ihr geheißen. Sie wollte Absolution, also durfte sie nichts tun, was ihn noch zusätzlich erzürnen würde.
Zuerst erfüllte eisernes Schweigen den Raum, dann hörte sie eine Stimme, die sie an Donnergrollen erinnerte, oder an Stahl, das aneinander reibt. Es ließ sie erschaudern: “Du hast also eines der Mädchen die ganze Zeit lang versteckt? Und nun willst du von mir, dass ich dir vergebe? Womit denkst du, hast du das verdient? Wo du mir jahrelang den Feind vorenthalten und was noch schlimmer ist, beschützt hast? Vor meinen Dienern?” Seine Stimme war zum Schluss immer lauter und bedrohlicher geworden und schließlich stand er auf und verließ seinen Thron. Moira wusste nicht wieso, aber langsam wurde ihre Panik doch immer größer… Was hatte er mit ihr vor? Hatte sie sich umsonst Hoffnungen gemacht, dass es ihr möglich wäre, mit ihm zu reden oder über ihre Freilassung zu verhandeln? “Herr..” wollte sie ansetzen, doch er hob eine Hand und ihre Stimme war fort. Sie konnte nicht mehr sprechen… Nun klopfte ihr Herz tatsächlich ebenfalls bis zum Anschlag: “Schweig!” blaffte er sie an, obwohl es nicht mehr wirklich nötig war. Sie konnte ja nicht anders als schweigen…
“Du bist eine Verräterin und du weißt, was mit diesen geschieht?! Was sollte mich davon abhalten, mit dir dasselbe zu tun, wie mit meinen Gefangenen?” Moira fröstelte es; sie wusste, was mit den Gefangenen des dunklen Herrschers geschah, und sie wusste auch, wo ihre ehemaligen Schützlinge, die sie eigenhändig verraten hatte, jetzt waren und was mit ihnen geschehen würde…
Und dann kam ihr eine Idee. Eine Idee, die fürchterlicher und hinterhältiger nicht sein konnte. Doch es war ihre einzige Chance sich Vorteile beim Herrscher zu verschaffen. Sie zeigte auf ihren Hals und verbeugte sich erneut vor dem Lord.
Dieser zögerte kurz, dann hob er erneut seine Hand - und Moira war wieder in der Lage zu sprechen. Sie atmete erleichtert einmal durch und sagte dann, mit so viel Ergebenheit in der Stimme, wie sie erbringen konnte: “Vergebt mir, mein Herr - ich wusste nicht, was ich damals hätte anderes tun sollen. Ich weiß nun, dass es ein Fehler war. Ein Fehler, den ich nun wieder gut machen will; ich werde euch alles über die Mädchen erzählen, was ich weiß - und ich werde für Euch die “Befragungen” durchführen, wenn Ihr es mir gestattet!”
Sie hörte den Lord lachen. Natürlich wusste er, was sie damit meinte. Schließlich ließ er sich erneut vernehmen. “Nun, du sollst deine Chance bekommen: So soll es sein. Erzähle mir, was du von ihnen weißt - und zwar ALLES!”
Zum Schluss war seine Stimme noch bedrohlicher geworden und Moira ließ sich nicht lange bitten. Sie erzählte wirklich alles, von Anfang bis zum Ende, und sie ließ auch die Fähigkeiten der Mädchen nicht aus, die langsam erwacht waren. “Sie haben sie alle noch nicht unter Kontrolle. Aber besonders Taliyas sind sicherlich von Eurem Interesse. Sie kann sich von Ort zu Ort teleportieren, doch noch kann sie es nicht steuern, so dass ich ihr nahe gelegt habe, es zu unterdrücken…” Weiter kam sie nicht. Der Lord starrte sie an. Hatte er sich verhört? Er hatte ein Mädchen unter sich, dass der Teleportation mächtig war? “Was können sie noch?” fragte er. “Das eine Mädchen, das verletzt ist, kann sich in eine Löwin verwandeln. Es ist eine Art Gestaltwandlerin. Und eines der beiden Zwillingsmädchen kann die Aura jedes einzelnen erkennen. Das hat sie relativ spät entdeckt…” “Und die andere?” fragte der Lord, dessen Stimme sich für Moira irgendwie so anhörte, als wäre er nervös geworden.. Doch das konnte nicht sein. Nicht ER.. Dennoch antwortete sie pflichtschuldig: “Was Ava kann, weiß ich nicht. Sie hat es mir nicht verraten. Wirklich nicht, Herr. Aber dass sie etwas kann, ist mir beinahe schon klar, auch, wenn sie mir aus einem mir selbst unerfindlichen Grund verschwiegen hat, was. Zudem hatte ich noch etwas vergessen. Das Mädchen, das die Aura erkennen kann, hat ein Buch bei sich - nein, zwei, um genau zu sein; diese Bücher zeigen anscheinend was geschieht, beziehungsweise was geschehen wird. Es scheinen magische Bücher zu sein, die ihr helfen. Sie trägt sie in ihrem Rucksack mit sich. Diese könnten hilfreich für Euch sein, Herr.”
Der Lord schwieg weiterhin, doch etwas an ihm war merkwürdig, er wirkte extrem angespannt…
Schließlich ging er an Moira vorbei und sagte: “Komm mit! Du wirst jetzt Gelegenheit haben, dein Wort einzuhalten. Dann werde ich entscheiden, was weiter mit dir geschieht!”
Moira folgte ihm. Sie ahnte, was sie nun zu tun hatte, und auf der einen Seite bekam sie so etwas wie Gewissensbisse, doch auf der anderen Seite war es ihre einzige Chance, heil aus dieser Geschichte heraus zu kommen. Sie musste ihre dummen Gefühle ausschalten - ein für allemal! Und so lief sie hinter dem Lord her, gefolgt von seiner Leibgarde, auf den Weg zu dem Gebäude, in dem ihre ehemaligen Schützlinge gefangen waren. Und Moira wusste genau, was sich dort tatsächlich verbarg. Ein wenig fröstelte es sie doch, während sie dorthin lief. Jetzt musste sie alles an Gefühl und Weichheit hinter sich lassen, für das, was sie nun tun musste, durfte sie kein Gewissen haben!
Schließlich waren sie da. Angel, Taliya und Yuna hörten die Stahltür, sehen konnten sie immer noch nichts. Und genau das war es, was sie alle mehr als nervös werden ließ. Die Ungewissheit, was nun auf sie zukam. Und dann diese Geräusche in der Dunkelheit, die sie immer wieder auffahren ließen…
Doch nun war die Stunde der Wahrheit gekommen. Beinahe zeitgleich mit dem Öffnen der dicken Tür, die sie zuerst nur hören konnten, erfüllte plötzlich gleißendes Licht den Raum. Alle mussten mit einem Mal die Augen schließen, denn das grelle Licht tat ihnen in den Augen weh. Doch dann hörten sie Schreie um sich herum, und alle öffneten langsam ihre Augen wieder - trotz einer inneren Stimme, die ihnen gebot, diese so lang wie möglich zu zu lassen…
Und alle wünschten sich, sie hätten auf diese Stimme gehört. Was sie sahen war grauenvoll. Sie waren in einer riesigen Folterkammer! Überall hingen Gefangene des dunklen Herrschers, blutüberströmt und verschiedene Waffen lagen vor ihnen auf dem Boden und auf Tischen und anderen Utensilien, die vor ihnen standen.
Angel musste einen Würgereiz unterdrücken, doch den anderen erging es auch nicht besser. Selbst Yuna, die sich geschworen hatte, dem Feind gegenüber keine Schwäche zu zeigen, verlor im ersten Augenblick ihre Selbstbeherrschung. Der Anblick war zu grausam. Jetzt wussten sie, was sie da in der letzten Zeit gehört hatten, die Schreie der Opfer, die gefoltert worden waren…
Anscheinend wurden die Folterungen kurz ausgesetzt, als der Herrscher eintrat und alle verbeugten sich vor ihm. Er winkte ab und trat zuerst zu den beiden verletzten Mädchen - Ava und Kida - und begutachtete sie. “Ihr habt sie schwer erwischt” sagte er schließlich, und blickte zu den Wölfen herunter, die mittlerweile wieder zu ihnen getreten waren. Sie waren bereits vor Moiras Eintreffen beim dunklen Lord bei ihm gewesen und hatten ihm alles berichtet. Diese nickten und verbeugten sich erneut vor ihm: “Ja, Herr. Aber wir hatten keine andere Wahl. Die Schwarzhaarige, die Schwester aus der Prophezeiung, hatte ein Wurfmesser und konnte sehr gut damit umgehen. Und die andere verfügt über die Wandlungsgabe.” “Ah, die Löwin…” sagte er nur und dann legte er eine Hand über beide - jeweils eine nach der anderen und murmelte einige Worte. Keiner wusste, was genau er da tat… Schließlich war er fertig und sah zu seinen Knechten und zu Moira herüber, die stillschweigend einfach nur da stand. “Sie sind bereit… Und doch werden sie nicht sterben. Noch habe ich anderes mit ihnen vor… Besonders das Zwillingsmädchen kann noch extrem wichtig für mich sein, doch ihr Wille muss gebrochen werden. Du weißt, was zu tun ist..” Er sah Moira an und sie nickte.
Dann fuhr der Herrscher fort. Er ging von einem zum anderen und begutachtete sie alle: Zuerst ging er zu Angel, die vor Angst kaum in der Lage war zu atmen. Einmal vor Entsetzen über das, was sie gerade zu sehen bekommen hatte, das war um einiges furchtbarer, als das, was sie sich in ihren schlimmsten Fantasien ausgemalt hatte, und dann weil sie zum ersten Mal ihre Schwester und Kida gesehen hatte, die nicht wie sie alle an Wände und die Decke gefesselt waren, sondern auf Pritschen lagen, die an Totenpritschen erinnerten und sie an eine Leichenhalle erinnerten. Es hatte sie einigermaßen beruhigt, dass der dunkle Herrscher gesagt hatte, dass sie nicht tot waren. Doch was er dann gesagt hatte, ließ sie wieder erstarren und vor Angst zittern. Was hatten sie mit ihnen vor? Und jetzt, wo er vor ihr stand und sie seine ganze furchtbare und grauenhafte Gestalt vor sich sah, schnürte es ihr endgültig die Kehle zu. Die schwarze Schicht, die seine Gestalt umhüllte, war kaum zu beschreiben. Und Angel spürte die Bestie, die sich dahinter verbarg… Sie erstickte beinahe, alleine nur durch seine Anwesenheit.
Angel hörte sein Lachen. “Du siehst mein wahres Antlitz, habe ich recht? Oh ja, deine Fähigkeit kann mir tatsächlich schaden… Auch, wenn du noch nicht alles weißt, was du kannst… Moira wird dich deiner besonders annehmen müssen..; außerdem will ich die Bücher, die in deinem Rucksack versteckt sind! Ja, ich weiß davon.” Er winkte die Wachen zu sich, die Angel ihren Rucksack abgenommen hatten, bevor sie diese an die Decke gehängt hatten. Angel konnte nur hilflos mit ansehen, wie der dunkle Herrscher sich die beiden Bücher - das mystische Märchenbuch und ihr “Tagebuch” heraus zog und anfing zu lachen. Den Rest schmiss er erneut in die Ecke und lief weiter.
Und zwar zu Taliya und Yuna. Auch die beiden schwitzen Blut und Wasser, als er direkt vor ihnen stand, auch, wenn sie es sich nicht so anmerken ließen. “Da haben wir also die Teleportionskünstlerin… Ich werde dich noch brauchen, doch auch dein Wille muss noch gebrochen werden; Moira, du weißt, was das bedeutet!” Sie nickte nur. Dann war er bei Yuna angelangt und brach in schallendes Gelächter aus: “Oh eine Heilerin… Nun, hier wird es nicht viel zu heilen geben; vor allem, wenn Moira mit dir fertig ist! - und nun beginn!” Er hatte sich zu Moira umgedreht, die bis jetzt noch etwas weiter von ihnen entfernt gestanden hatte und sich erst einmal alles angesehen hatte: “Ich werde alles begutachten. Wenn du deine Sache gut machst, wird es dein Schaden nicht sein! Also, los!”
Keines der Mädchen wusste, was nun auf sie zukam, doch das es nichts Gutes sein würde, ahnte jede von ihnen. Doch das, was nun folgte, sprengte ihre gesamte Vorstellungskraft und ging noch darüber hinaus. Und dass es ausgerechnet Moira war, die ihnen dies antun würde, hätte auch keine von ihnen jemals erwartet…

