10. Der Bibliothekar
Es war Abend geworden in der Menschenwelt. Die Bibliothek hatte mittlerweile geschlossen, so dass kein Mensch mehr dort war. Nun, keiner außer dem Bibliothekar; ein etwas älterer, untersetzter Herr von über 50 Jahren, der sämtlichen Schreibkram erledigte und bei dem Angel bereits mehrfach Bücher und andere Schriftsachen ausgeliehen hatte. Zumindest wirkte er so in seiner Menschengestalt...
Normalerweise schloss er die Bibliothek relativ schnell ab, nachdem er die letzten Schreibarbeiten durchgeführt hatte, doch dieses Mal hielt ihn noch etwas auf. Er wusste selbst nicht, was es war, doch dann führte ihn eine Ahnung genau in den Gang, in dem vor einiger Zeit Angel gesessen hatte. Langsam ging er an das Regal - und sein Herz schlug immer schneller. Er hatte es geahnt; es war geschehen - das Buch war fort! Das Buch, das über das Schicksal der gesamten Welt bestimmte, sowohl seiner, als auch der anderen.
Der Bibliothekar ging in ein Hinterzimmer, von dem niemand ahnte, dass es existierte. Er hatte überall versteckte Kameras angebracht und da er bereits eine Ahnung von den Geschehnissen hatte, die er gleich zu sehen bekommen würde, suchte er nach einer bestimmten Kassette und als er diese schließlich gefunden hatte, legte er sie ein.
Er brauchte einige Zeit bis er an die Stelle kam, die für ihn relevant zu sein schien. Als schließlich Angel auf dem Bildschirm erschien, stoppte er den Vorlauf und besah sich die Geschehnisse etwas genauer: Er konnte genau erkennen, wie das Mädchen das Buch aus dem Regal nahm, es genauer betrachtete, und sich dann, nach einigen Minuten des Überlegens, wie es schien, doch dazu entschloss, sich hinzusetzen.
Der Bibliothekar spürte die Präsenz der Macht geradezu. Irgendwie hatte er direkt geahnt, dass von dem Mädchen etwas besonderes ausging…
Dann konnte er weiter beobachten, wie Angel das Buch aufklappte und es las - und er sah ihren Gesichtsausdruck, ihren beinahe schockartigen Zustand und er ahnte es nicht mehr nur - er wusste es! Sie war die Auserwählte!
Und dann beobachtete er, wie das Mädchen das Buch nahm und es stahl. Ein gemeines Lächeln umspielte seine Lippen. Nun war es also angelaufen. Eines der Mädchen, die eigentlich bereits seit 16 Jahren tot sein müssten, beziehungsweise gar nicht existieren durften, war auf die Spur der Wahrheit gekommen. Ob ER das auch schon wusste?
Lianus war SEIN einziger Geselle in der Menschenwelt. Er war durch einen der letzten Spiegel hierher gelotst worden, kurz bevor der Herrscher auch diesen zerstört hatte. Doch es gab eine Möglichkeit der Kommunikation zwischen den beiden; dennoch benutzten beide diese kaum.
Jetzt blieb Lianus nichts anderes übrig, als genau dies zu tun. Weder er noch der dunkle Herrscher hatten es sich gewünscht, und es würde Raoul auch nicht wirklich begeistern, davon zu hören; dennoch war ihm beinahe klar gewesen, dass dies eines Tages geschehen musste. Und er war sich auch bewusst, dass es den Gegenpart dieses Mädchens irgendwo geben musste: Die Schwester. Auch, wenn keiner von ihnen dies wirklich gewollt hatte; dennoch war es nun einmal so. Die Prophezeiung nahm ihren Anfang - und Raoul, der dunkle Herrscher des Schattenlandes - musste nun dafür sorgen, dass diese vernichtet werden.
Er konnte ihm nur dahingehend helfen, dass er ihm die Informationen zukommen ließ, auf die er bereits so lange gewartet hatte. Doch wer das 2. Mädchen war, und wie die beiden vernichtet werden konnten, musste Raoul heraus finden…
Und so ging er schließlich zu seinem zweiten Hinterzimmer, von dem niemand eine Ahnung hatte, dass es existierte. Er holte eine kleine Kugel aus einem abgeschlossenen Schrank und stellte diese auf den Tisch, mehr war in dem Zimmer auch nicht wirklich vorhanden. Danach begann er, einige Formeln in einer uralten Sprache vor sich hin zu murmeln, die hier nicht bekannt war, und über deren Wissen auch in seiner alten Welt bereits nicht mehr allzu viele verfügten. Doch einer hatte das Wissen - das Wissen der alten Magie. Und dieser antwortete. Lianus konnte sein Gesicht nicht sehen, aber er sah einen dunklen Schatten in einer Kutte, der sich über genau den gleichen Palantir beugte, mit dem er ihn nun kontaktiert hatte. Die dunkle, furchteinflößende Stimme erklang und fragte: “Was willst du, Wesen aus der Menschenwelt - habe ich dir nicht aufgetragen, dass du mich nur dann kontaktieren sollst, wenn es einen Grund dafür gibt?” Lianus senkte seinen Kopf und antwortete: “Den gibt es, Herr - eines der Mädchen aus der Prophezeiung ist erschienen. Es hat das besagte Buch gefunden - und ich fürchte auch den Übergang zu Eurer Welt. Es hat begonnen!”
Auf der anderen Seite war es still. Beinahe zu still, fand Lianus… Dann hörte er erneut die Stimme, der dunkle Herrscher versuchte ruhig zu klingen, doch es gelang ihm nicht ganz. “Das ist unmöglich! DU warst der letzte, den ich durch das letzte Tor habe gleiten lassen - doch danach habe ich sämtliche Tore vernichten lassen. Es gibt keine Möglichkeit mehr, in unsere Welt zu gelangen!”
Lianus schüttelte den Kopf. “Herr, dies habt Ihr Euch gewünscht. Und Eure Diener haben es Euch sicherlich auch versucht vorzutäuschen. Dennoch habe ich Euch bereits mehrfach gesagt, dass dies nicht so sein muss! Die Prophezeiung lügt nicht, und mindestens ein Tor muss noch existieren. Ich habe die Beweise, dass eines der Mädchen das Buch gefunden hat und dass sie es mitgenommen hat. Mittlerweile weiß sie bestimmt, was sie damit zu tun hat… Ich kann für Euch versuchen, heraus zu finden, ob sie sich noch in dieser Welt aufhält, doch ich befürchte, dass dies nicht so ist.. Wenn ich Euch einen Rat geben darf, so möchte ich Euch aufs dringendste empfehlen, Eure Welt weiter nach dem Tor zu durchsuchen - und nach den beiden Mädchen… Irgendwo muss jemand gelogen haben, als er Euch vor 16 Erdenjahren sagte, dass alle Zwillingsmädchen ermordet wurden…”
Dann schwieg er. Er wusste, dass er bereits zu viel gesagt hatte. Raoul schätzte es nicht, wenn man zu intelligent war… Doch zuerst umfing ihn Stille. Dann antwortete der dunkle Schatten: “Such nach ihr! Ich möchte, dass du definitiv weißt, dass sie nicht mehr in der Menschenwelt ist! Was ich tun werde, lass meine Sorge sein! Und eile dich!”
Damit verdunkelte sich das Bild des Palantirs. Der Herrscher war verschwunden.
Lianus steckte die Kugel wieder weg und machte sich daran, den Laden abzuschließen. Er würde den Eltern des Mädchens heute Abend noch einen Besuch abstatten. Einen Grund hatte er ja, immerhin hatte das Mädchen ihm ja das Buch gestohlen… Und wenn sie da sein sollte, würde er sie zur Rede stellen und dem dunklen Herrscher berichten, dass alles ein Missverständnis gewesen war - wenn sie allerdings nicht da sein sollte, und die Eltern ihm nicht sagen konnten, wo sie war, dann wusste er, dass er sich nicht getäuscht hatte, und auch das konnte er Raoul mitteilen. Doch dann würde dieser extrem stolz auf ihn sein, und er hatte vielleicht doch eine Chance, auch ohne die Tore wieder in seine Welt zurück zu kehren. Eventuell gab es mit Hilfe der schwarzen Magie eine Möglichkeit? Der dunkle Herrscher würde es wissen…

