16. Dunkelheit - und Licht?

Moira ging zuerst noch etwas zögernd, dann aber schneller werdend, zuerst zu Ava. Sie hatte sich lange überlegt, wen sie sich zuerst vornehmen sollte, doch dann war ihre Entscheidung gefallen. Eigentlich war es auch keine Frage. Sie wusste es plötzlich instinktiv.
Im Raum war es noch hell, der Herrscher hatte sich etwas zur Seite gestellt, in eine Ecke, in der es dunkler war, doch er konnte immer noch alles gut erkennen. Moira spürte seine Blicke auf sich und sie wusste, dass sie von ihm beobachtet wurde. Also musste sie alles geben, sie musste es schaffen!
Moira konnte sehen, dass Ava wach war. Anscheinend hatte der dunkle Herrscher dafür gesorgt, dass diese - und auch das andere Mädchen - von der gröbsten Verletzung geheilt waren; dennoch war sie nicht in der Lage, sich zu bewegen. Ihr Gesichtsaudruck war nicht zu deuten. Moira schüttelte es ein wenig, als sie ihn sah; sie konnte deutlich den Hass in ihm sehen.

“Na los, mach schon…” knurrte Ava, als Moira neben ihr stand. Sie würde auf keinen Fall nachgeben, was auch immer Moira von ihr verlangte oder ihr jetzt antun würde. Denn dass diese etwas tun würde, war ihr klar. Sie hatte bereits beim Aufwachen aus der Ohnmacht registriert, wo sie hier waren.
Kida ebenso, doch diese hielt sich zurück. Was auch immer auf sie zukam, auch ihr war klar, dass sie alle in Moiras Fängen gelandet waren und von dieser abhängig waren. Würde sie tatsächlich so weit gehen? Oder war das ein Trick um den dunklen Herrscher hereinzulegen? Doch Kida ahnte, dass dies nicht so war. Moira hatte sie herein gelegt, und sie waren ihr auf Gedeih und Verderb ausgeliefert…

Auch Ava wusste es, und ihre Gefühle waren nicht zu beschreiben. Sie hatte noch nie wirklich enge Gefühle für ihre “Ersatzmutter” empfunden; dennoch war sie in der Tat so etwas wie eine Mutter für sie gewesen. Um so mehr enttäuschte sie ihre Veränderung in den letzten Tagen. Zuerst hatte diese sie vor allen anderen gedemütigt, in dem sie sie geschlagen hatte - und ihre vermaledeite Schwester, denn das war dieses Weichei leider unverkennbar, ihr beinahe schon vorgezogen. Und dann verriet sie sie alle an den dunklen Herrscher! Auch sie!
Ava blickte Moira in die Augen und es kam nur ein Wort aus ihrem Mund: “Warum?”

Moira antwortete nicht. Sie konnte nicht, ohne Gefahr zu laufen, schwach zu werden und dass konnte sie sich nicht leisten. Also fackelte sie nicht mehr lange und griff nach einem Folterinstrument, das griffbereit neben der Trage lag, auf der Ava gefangen war und sich nicht wehren konnte. Weder sie noch Kida konnten sich rühren, dafür hatte der dunkle Herrscher vorhin gesorgt, obwohl beide wach waren.
Moira hätte ebenfalls ihren Dolch benutzen können, doch mit diesem hatte sie andere Pläne. Außerdem wusste sie, dass dieser für Ava zu schwach sein würde. Diese war Angriffe durch Tiere und andere Bestien gewöhnt und würde es vermutlich durchstehen, wenn sie von ihr mit einem Dolch massakriert werden würde. Dieses Instrument, welches sie sich nun ausgesucht hatte, würde dagegen eine andere Wirkung haben - davon war Moira überzeugt.

Ava hatte gesehen, was Moira sich ausgesucht hatte und schloss die Augen. Ihr war klar, was auf sie zukommen würde und sie nahm sich vor, auf keinen Fall zu schreien. Wie viel Schmerz sie jetzt auch immer fühlen würde - diese Frau, die einmal ihre Vertraute gewesen war, mit der sie 16 Jahre zusammen gelebt hatte, auf der Flucht vor den Feinden, diese Frau, die sie nun genau an DEN Feind verraten hatte - diese Frau würde sie nicht brechen! Niemals!
Und dann war es soweit. Moira fackelte nicht mehr lange und zerriss Avas Oberteil. Sie spürte, wie Ava sich versteifte, in dem Wissen, was als nächstes auf sie zukam. Moira zögerte nicht mehr, als nächstes rammte sie ihr den Brennstab, denn um nichts anderes handelte es sich, was sie in der Hand hielt, in die Seite. Ava schrie auf, obwohl sie sich vorgenommen hatte, es nicht zu tun; doch sie konnte nichts dagegen tun. Es kam wie automatisch aus ihr heraus und ihr Körper hob sich von der Trage ab. Man hörte ein dunkles Lachen aus der Ecke, in dem der Lord stand - und noch ein Geräusch war zu hören, ein schriller Schrei, der von einem der Mädchen ausgestoßen wurde - es war Angel.

Angel hatte den Schmerz ihrer Schwester geradezu in sich gespürt. Sie wusste nicht, ob das eine neue Fähigkeit war oder sich nur auf sie und ihre Schwester bezog. Bis jetzt hatte sie so etwas noch die gefühlt. Aber als Ava nun gefoltert wurde und sie diesen Schmerz erlitt, fühlte Angel es ebenfalls. Es war ein gleißender Schmerz, diese Hitze war kaum zu ertragen. Angel keuchte. Taliya sah besorgt zu ihr hin und flüsterte: “Was ist los? Angel, was ist mit dir?” Doch sie bekam keine Antwort.

Ava hatte Angels Schrei gehört, doch sie kümmerte sich nicht darum. Sie wusste nicht, dass Angel ihretwegen geschrieen hatte und dachte, dass sie nun ebenfalls gefoltert wurde. Ava fühlte kein Mitleid und auch sonst nichts, die anderen betreffend. Im Augenblick war sie mehr mit sich selbst beschäftigt und damit, ihre eigenen Gefühle und Schmerzen unter Kontrolle zu bringen. “Du Miststück”.. sagte sie durch die Zähne - und spürte, wie der Brennstab sich erneut in ihr Fleisch bohrte. Sie konnte das verbrannte Fleisch riechen, das einmal ihre Haut gewesen war. Dieses Mal war sie darauf vorbereitet. Sie biss die Zähne zusammen und außer einem kleinen Stöhnen verließ nichts ihre Lippen. Moira wusste, dass es noch lange nicht geschafft war. Sie musste weiter machen, denn noch war Ava nicht gebrochen. Doch nur, wenn es ihr gelang, ihre starke Hülle zu zerbrechen, konnte sie mit dem eigentlichen Zweck der Befragung anfangen.

Moira ging zu Avas anderer Seite und wiederholte ein- ums andere Mal die gleiche Prozedur: Wieder und wieder fuhr der Brennstab auf ihre Haut und brannte sich in ihr Fleisch - und immer wieder hörten sie Angel, die aufstöhnte und kreischte. Die anderen waren ruhig; doch der dunkle Herrscher lachte still in sich hinein, als er sah, dass besonders Taliya, aber auch Yuna, die Tränen in den Augen standen und die Wangen herunter liefen - auch, wenn beiden noch gar nichts passiert war - noch!

Währenddessen ging es mit Ava weiter. Moira ließ nicht locker, und langsam war ein Funkeln in ihren Augen zu erkennen, das darauf schließen ließ, dass sie Gefallen an dem fand, was sie tat. Ava ahnte, dass es ein Zeichen des Wahnsinns war. Ihre “Ziehmutter” war verloren. Ein Diener der Dunkelheit…
Und auch mit Ava ging langsam eine Veränderung vor sich. Sie hatte sich vorgenommen, sich nicht klein kriegen zu lassen, doch die Schmerzen waren beinahe auch für sie nicht mehr zu ertragen. Überall rauchte ihr Fleisch. Überall brannte es und Moira machte nicht den Eindruck, als würde sie in absehbarer Zeit damit aufhören wollen. Es schien ihr Spaß zu machen… Ava spürte, wie Blut aus ihrem Mund lief. Sie hatte sowohl äußere, als auch innere Blutungen und schließlich fragte sie, leise und kaum mehr Herr über ihre Kräfte: “Was willst du von mir? Warum tust du das?”

Das war der Moment, auf den Moira gewartet hatte. Sie spürte, dass sie den ersten harten Kern ihrer so starken Ziehtochter gebrochen hatte. Sie legte das Folterinstrument zurück auf den Tisch und sagte: “Was ich will ist einfach: Du wirst mir jetzt sagen, über was für Fähigkeiten du verfügst! Du hast es mir lange genug verschwiegen und unser Lord will es wissen! Und wenn du es mir jetzt verrätst, wird es dein Schaden nicht sein - wenn nicht…” Sie hob den Brennstab erneut auf und hielt ihn Ava vors Gesicht. Direkt vor die Augen…

Ava schluckte. Sie wusste, dass Moira es ernst meinte. Das war keine leere Drohung. Sie hörte den gellenden Schrei ihrer Schwester zwar, aber sie ignorierte ihn. Dann schluckte sie und hatte ihre Entscheidung gefällt. Was hatte sie noch groß zu verlieren? Wenn sie es sagte, war vermutlich auch alles aus, aber vielleicht hatte sie noch eine kleine Chance.
Doch wenn sie es verschwieg, war wirklich alles verloren!
Sie drehte ihren Kopf zu Moira und sah ihr in die Augen: “Ich kann Dinge sehen, die für andere unsichtbar sind! So wie die Monster, gegen die wir gekämpft haben. Du konntest sie nicht sehen, ich schon… und ich kann im Dunkeln generell gut sehen - wenn es eigentlich stockdunkel ist, ist es für mich taghell!”

Moira sah Ava geschockt an. Das erklärte einiges. Sie hatte es sich beinahe schon gedacht, als sie sich gefragt hatte, wie Ava so gut hatte kämpfen können… Und sie konnte den Blick des dunklen Herrschers auf sich spüren. Auch ihm gingen in diesem Augenblick Gedanken durch den Kopf: Dieses Mädchen war eine Bereicherung für seine Gruppe. Mit diesen Kräften würde sie mehr können, als jeder andere, der für ihn “arbeitete”…

Moira spürte, dass es nun an der Zeit war, ihren zweiten Plan in die Tat umzusetzen. Sie hatte nicht vorgehabt, Ava zu töten. Auch sie wusste, dass das Mädchen kostbar für sie war. Und sie spürte ebenfalls, dass der dunkle Lord dies ebenfalls so sah.
Jetzt war es Zeit für das “Zuckerbrot”, die Peitsche hatte sie bereits erhalten. Moira strich mit ihrer Hand durch Avas Gesicht, diese wollte sich zurück ziehen, doch es war wieder so, dass sie sich nicht rühren konnte; und dann spürte sie, wie Moira nahe an sie heran kam und in ihr Ohr flüsterte: “du kannst etwas dafür tun, dass dir nichts mehr geschieht.. Der dunkle Lord wäre sehr an dir interessiert… Es soll dein Schaden nicht sein, wenn du mir ein wenig “helfen” würdest…”

Avas Augen wurden groß; sie ahnte, was Moira von ihr wollte und was diese mit “helfen” meinte. Zuerst war ein innerer Drang in ihr, ihr ins Gesicht zu spucken, das so nahe an ihr dran war, und sie anzuschreien, dass sie dies garantiert nicht tun würde, doch dann überlegte sie es sich doch noch einmal: Wieso eigentlich nicht? Was hielt sie davon ab? Die Schmerzen, die ihr zugefügt worden waren? Wozu hatte sie das alles über sich ergehen lassen? Für eine “Schwester” mit deren Hilfe sie niemals in der Lage sein würde, die Welt, so wie sie einmal war, zu retten? Dass dies unmöglich war, war ihr klar. Ihre Schwester war eine Mimose, das hatte sie ja auch hier wieder bemerkt. So, wie sie hier herum geschrieen hatte… Ava konnte nur verächtlich lachen. Was auch immer sie mit ihr getan hatten, wenn sie DAS schon nicht aushielt.. Ava wusste immer noch nicht, dass Angel ihretwegen so gelitten hatte und immer noch litt. Doch selbst wenn sie dies gewusst hätte, wäre es ihr wohl in diesem Augenblick auch egal gewesen.

Und die anderen? Nun ja, die waren ihr alle zuwider und sie interessierte sich einen Dreck für sie! Sie alle waren Schuld, dass ihr Leben nun völlig aus den Fugen geraten war und so nickte sie schließlich. “Ja, ich helfe dir”, sagte sie mit fester Stimme und Moira nickte lächelnd. Sie wusste, den ersten Kampf hatte sie gewonnen. Sie wandte sich an den Lord und dieser kam aus seinem Versteck, in das er sich vor der Helligkeit, die nun in dem Raum herrschte, verzogen hatte, und als er bei Ava war, hob er die Hand auf Avas Körper und deren Verletzungen verschwanden; zeitgleich war sie auch von den Fesseln erlöst; sie war frei. Dann verzog er sich wieder ohne etwas gesagt zu haben.

Ava hätte versuchen können zu fliehen, sie hätte sich auf Moira stürzen können, die direkt neben ihr stand, und versuchen können, sie zu bekämpfen; doch sie tat nichts dergleichen. Stattdessen sah sie kurz zu Moira und nickte; dann nahm sie ebenfalls eines der Folterinstrumente - es war ein stumpfes Messer, das ihr irgendwie direkt ins Auge sprang und ging damit direkt auf Taliya los. Sie war Angels beste Freundin und zudem war sie ihr bereits zu Beginn am meisten auf die Nerven gegangen…

Eigentlich hatte sie sich überlegt, mit ihrer Schwester anzufangen, doch etwas sagte ihr, dass die anderen wichtiger waren. Und so begann sie nun mit Taliya. Diese sah sie an und in ihren Augen funkelte es - doch es war nackte Wut, die aus ihnen sprach: “Du bist das letzte! Hätten wir doch niemals auf Angel gehört: Sie hat dich so lange verteidigt! Weil sie dich liebt! Und alles was du kannst, ist dich auf DEREN Seite zu stellen? Überleg doch mal, was du tust! Diese Frau hat dich gerade gefoltert! Angel hat es gefühlt! Sie hat deinetwegen so geschrieen, verstehst du das nicht?…” Weiter kam sie nicht, denn Ava stach zu. Mit dem stumpfen Messer mitten in Taliyas Schulter. Diese schrie keuchend auf; ein Zauber des Lords verhinderte, dass es Taliya gelang, sich - ob nun beabsichtigt oder unbeabsichtigt - von diesem Ort fort zu teleportieren.
Angel kreischte ebenfalls, als sie registrierte, was nun ihre Schwester mit ihrer besten Freundin tat. Doch all ihr Flehen nutze nichts; sie hörte nicht auf. In Ava war Dunkelheit eingekehrt, und Angel konnte es mit Tränen in den Augen erkennen: Daran, dass ihre Aura sich von grau zu pechschwarz verfärbt hatte; genau wie Moiras…

Diese war währenddessen zu Kida übergewechselt und hatte auch dort mit ihrer “Beschäftigung” angefangen. Kida hielt sich tapfer, als Moira bei ihr den Dolch herausholte und mit diesem ihr grausames Werk vollbrachte. Sie versuchte, sich zusammen zu reißen, nicht zu schreien, doch auch ihr wollte es schließlich nicht gelingen. Sie ahnte, dass es bei ihnen, wohl im Gegensatz zu Ava, nicht darum ging, etwas aus ihnen herauszuholen, oder sie zu ihren “Gehilfen” zu machen; bei ihnen war das Foltern eine reine Lust. Wenn es noch einen anderen Sinn hatte, konnte ihn Kida in diesem Augenblick nicht einordnen. Sie verlor langsam die Kontrolle über ihre Kräfte - und verwandelte sich ohne es zu wollen in ihre tierische Gestalt…

Doch bevor sie in der Lage war, dies zu ihrem Vorteil zu nutzen, hatte der dunkle Herrscher eingegriffen und die Ketten verstärkt, die sie fesselten. Sie hatte keine Chance mehr, sich zu bewegen und konnte nur fauchend die weitere Folterung über sich ergehen lassen…

Yuna war ebenfalls verzweifelt. Sie konnte nur hilflos mit ansehen, wie Kida und Taliya gequält wurden und sie wusste, dass sie die nächste sein würde. Und so war es auch. Als Ava schließlich mit Taliya fertig war, und diese kraftlos - aber noch lebend - an der Wand hing, kam Ava zu ihr und fuhr mit ihrem grausigem Werk fort. Yuna hatte sich ebenfalls vorgenommen, nicht schwach zu werden, aber die Schmerzen waren auch für sie grauenhafter, als sie es sich vorgestellt hatte. Bei ihr zog Ava beinahe ritenähnliche Kreise über die Haut, von denen sie selbst keine Ahnung hatte, was diese zu bedeuten hatten. Aber Ava ahnte, dass sie durchaus noch eine Bedeutung haben würden; also fuhr sie damit fort, Yuna zu “zeichnen”…

Angel hatte keine Kraft mehr. Sie spürte von überall die Schmerzen ihrer Freunde, und das Schlimmste war für sie, dass es ihre Schwester war, die ihnen diese zufügte. “Warum tust du das?” fragte sie Ava, mit Tränen in den Augen; doch zuerst bekam sie keine Antwort.
Schließlich war Ava auch mit Yuna fertig, und kam langsam zu ihr. In der Hand hielt sie das blutige Messer, mit dem sie bereits ihre Freunde gefoltert, aber nicht getötet, hatte. Ava sagte nichts, sondern sah Angel nur an und es sprach so viel Verachtung aus ihrem Blick, dass es Angel durch Mark und Bein ging. “Warum hasst du mich so? Was hab ich dir getan?” fragte sie noch einmal, doch auch jetzt kam keine Antwort. Stattdessen stach Ava ohne Vorwarnung zu und auch Angel keuchte und schrie auf, dieses Mal von eigenen Schmerzen geschüttelt. Es war grauenhaft und sie wünschte sich zu sterben, während sie von ihrer eigenen Schwester massakriert wurde; der Schwester, von der sie sich so sehr gewünscht hatte, eine Verbindung mit ihr aufbauen zu können. Doch die Schwärze um diese herum, ließ alle Hoffnung wie ein Kartenhaus in sich zusammen fallen -
So wie Angel schließlich auch in sich zusammen fiel. Die Schmerzen, sowohl die körperlichen als auch die seelischen, waren zu viel für sie.

Ava steckte schließlich das Messer weg und sah sich um. Sie war angeekelt von der Weichheit ihrer Schwester. Dieses “Kind” war durch nichts mit ihr zu vergleichen! Sie konnte erkennen, dass auch Moira von ihrer Tat abgewichen war - Kida war ebenfalls ausgeschaltet und lag noch in ihrer tierischen Gestalt auf der Trage. Nun gingen beide zum Lord, der weiterhin in der Ecke stand, und auf sie zu warten schien. Sein Gesichtsausdruck schien darauf schließen zu lassen, dass er sehr, sehr zufrieden mit ihnen war. Mit ihnen beiden!

Angel konnte nicht mehr sehen, wie alle ihre Feinde die Folterkammer verließen. Ihre Kräfte waren verschwunden, und sie wünschte sich, tot zu sein. Völlige Dunkelheit umhüllte sie, Schwärze, und Angel wusste nicht, ob sie blind war, oder ob es tatsächlich so dunkel um sie herum war. Außerdem war ihr kalt. Sie stöhnte. Angel war der völligen Verzweiflung nahe und sie wollte nur noch aufgeben. Weshalb war sie hier? Sie hatte ihre beste Freundin in Todesgefahr gebracht… “Taliya”? fragte sie leise, kaum selbst in der Lage, zu sprechen, doch Taliya antwortete nicht. Auch Yuna gab keine Antwort, von Kida ganz zu schweigen. ‘Sie sind tot’… dachte Angel, und dann sank sie vollständig in sich zusammen - sie wurde ohnmächtig…

Und sah einige Sekunden später ein leichtes, hell-blaues Licht, in weiter Ferne, aus dem eine Gestalt auf sie zukam. Zuerst bekam sie Panik, sie hatte Angst, es könnte erneut Ava sein, die ihr grausames Werk vollenden wollte; doch je näher die Gestalt kam, desto mehr spürte sie, dass es eine gute Persönlichkeit war - sie spürte einen wohligen Schauer auf ihrer Haut und sie sah ein buntes Flimmern um die Person herum. Sie war eindeutig gut und obwohl Angel sie im ersten Moment nicht erkannte, ahnte - nein WUSSTE - sie, dass sie sie irgendwoher kannte -
Und dann wusste sie es. Mit einem Schlag erkannte sie die Person, als diese genau vor ihr stand: Es war ihre Mutter! Arlea, so, wie sie diese im Buch gesehen hatte, als er ihr ihre Geschichte vor Augen geführt hatte!

“Mutter?” hauchte Angel und sie spürte, wie diese eine Hand ausstreckte und sanft ihre Wange streichelte. Sie wusste, dass es ein Trugschluss war, dass es nicht sein konnte, sie halluzinierte, träumte, was auch immer, doch es fühlte sich so real an… Dann nickte diese und sagte mit leiser, und sanft, melodisch klingender Stimme: “Es tut mir so leid, mein Kind.. Was hättet ihr beide nur für ein Leben haben können, wenn das Böse nicht über Alisaria gekommen wäre… Aber es ist nun mal leider so gekommen - und du darfst nicht aufgeben, Angel! Du darfst dich auf keinen Fall aufgeben - weder dich noch deine Schwester! Sie ist vom rechten Weg abgekommen, aber nur dir kann es gelingen, sie wieder auf diesen zurück zu führen. Deine Liebe, dein Glaube an sie können es schaffen! Und nur ihr beide - mit der Hilfe eurer Freunde - könnt Alisaria retten! Noch gibt es Hoffnung, doch du darfst nicht daran zweifeln!”

Angel sah sie zweifelnd an. Davon abgesehen, dass sie immer noch nicht glaubte, dass dies hier real war, kamen ihr nun tatsächlich Zweifel an dem, was ihre “Mutter” gesagt hatte: “Sie hasst mich, Mutter… Ava hasst mich bis aufs Blut. Sie wird mich nie akzeptieren, und nun ist sie auf die falsche Seite gewechselt; ich habe es “gesehen” - ich kann ihre Aura sehen, und sie ist schwarz…”

Arlea sah ihre Tochter an und in ihren Augen stand die Traurigkeit geschrieben, die Angel empfand. Nach einigen Sekunden Schweigen sagte sie schließlich: “Ich weiß, Angel.. Ich weiß, was ihr beide für Fähigkeiten habt; ich habe es gespürt, als ich euch in den Armen hielt: Die wenigen, kostbarsten Augenblicke meines Lebens, in denen ich euch beide bei mir hatte - die zwei wunderschönsten Mädchen, die ich jemals gesehen habe; bis sie mir aus den Armen gerissen und mein Leben genommen wurde… Ich kann nur immer wiederholen, wie sehr es mir leid tut, dass wir keine Chance hatten, eine glückliche Familie zu sein. Aber es ist nun mal leider so - die Vergangenheit können wir nicht mehr ändern, Ava - aber die Zukunft! DU kannst die Zukunft ändern; nur du alleine! Bitte, glaube an dich. Glaube an dich und deine Kraft - und an euch! Ava ist nicht so schlecht, wie es jetzt scheint. Ich weiß auch, was sie getan hat, und es ist grauenhaft; doch noch hat sie eine Chance! Sie muss es nur nutzen und DU musst ihr den Weg zeigen! Ihr seid ein Blut - MEIN Blut! Und ich liebe euch. Ich liebe euch so sehr…”

Wieder kam sie zu Angel und strich mit einer Hand über ihre Haare und ihre Wange - und Angel konnte ihre ganze Liebe fühlen - es war keine Einbildung;  sie wurde von der Liebe dieser Frau beinahe erdrückt; es nahm ihr für einige Sekunden beinahe den Atem. Doch es war ein schönes Gefühl; so schön, dass es ihr die Tränen in die Augen trieb. “Ich liebe dich, Angel - ich habe dich immer geliebt! Und deine Schwester auch. Sag es ihr, wenn sie bereit dazu ist!” Dann spürte Angel etwas, was sich wie ein Kuss auf die Wange anfühlte -
und gleichzeitig mit einer Art Windhauch verschwand die “Erscheinung” - oder was es auch immer war - wieder. Angel kamen Tränen aus ihren Augen. Sie merkte nicht einmal, wie diese ihre Wangen herunter liefen. Im Moment überkamen sie alle Gefühle auf einmal und sie konnte es kaum noch ertragen. Und sie wusste noch etwas: Es war ihre Mutter gewesen, die sie “gesehen” hatte. Ihr wahre Mutter, die gekommen war, um sie zu trösten; um ihr Halt zu geben - und Hoffnung! Und langsam erwachte in Angel so etwas wie Kampfgeist. Doch noch war sie zu schwach, um der Hoffnung Nahrung zu geben. Sie sank erneut in die Schwärze der Ohnmacht hinab…

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Christal, 31
Traumland