29. Avas Traum

Während Ava ihr einschneidendes Erlebnis mit dem Einhorn hatte, von dem glücklicherweise niemand etwas mitbekommen hatte - insbesondere der Dunkle Lord nicht - wartete Moira in ihrem Zimmer auf ihre Bestrafung. Noch hatte der Lord sich nicht gemeldet, oder sie abholen lassen, doch Moira ahnte, dass etwas auf sie zukommen würde. Sie wurde immer nervöser, je länger es dauerte, und sie hatte keine Ahnung, was sie nun erwartete.
Sie versuchte zwar, ihre Angst herunter zu fahren und sich nichts anmerken zu lassen, aber insgeheim zitterte sie. Ihre Handflächen schwitzten geradezu. Ihr war durchaus bewusst, dass sie nun auf Gedeih und Verderb den Launen des Dunklen ausgesetzt war - und sie ahnte, dass mit ihm nicht gut Kirschen essen sein würde, immerhin hatte sie ihm eine mehr als furchtbare Mitteilung zukommen lassen.. Dabei konnte sie doch gar nichts dafür! Moira wurde wütend, als sie daran dachte, dennoch konnte sie nichts dagegen tun. Alles, was ihr übrig blieb, war abzuwarten - und dann hörte sie die Tür, die aufging.

Moira ging davon aus, dass es der Lord war, und dass nun die Zeit gekommen war, vor der sie sich fürchtete. Sie spannte sich an und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Sie wollte hart sein! Doch ihre Gedanken und Gefühle wirbelten nur so durcheinander, während sie wie gebannt auf die Tür starrte - um dann zu bemerken, dass es sich lediglich um Ava handelte, die wieder in ihr Zimmer eintrat. Von woher auch immer.
Moiras Gefühle waren zwiespältig. Einerseits war sie erleichtert, andererseits fragte sie sich schon, wo ihre frühere Ziehtochter so lange abgeblieben war und was sie getan hatte. Sie beobachtete Ava, und erwartete beinahe, dass diese ihr etwas erzählen würde, doch diese ging einfach nur schweigend an ihr vorbei und legte sich auf ihr Bett. Scheinbar wollte sie nicht reden. Moira war enttäuscht - um nicht zu sagen, wütend. Dennoch sagte auch sie nichts, sondern legte sich ebenfalls auf ihr Bett. Immer noch abwartend, doch es geschah nichts. Außer, dass sie innerhalb weniger Minuten anhand von tiefen Atemzügen erkannte, dass Ava anscheinend eingeschlafen war. Moira runzelte die Stirn und schaute weiterhin gen Tür. Irgendwann musste auch für sie die Stunde der Wahrheit kommen - doch noch schien es so etwas wie eine Galgenfrist zu geben. Doch wie lange noch?

Ava hatte Moiras Blicke wohl bemerkt, als sie die Tür herein gekommen war. Auch sie hatte sich Gedanken darüber gemacht, was sie sagen oder tun sollte, wenn sie ihrer ehemaligen Ziehmutter wieder begegnen würde. Sie wusste, dass sie ihr nicht mehr vertrauen konnte. Auch der Lord war nicht mehr ihr Herr, doch sie musste alles daran setzen, ihn dies nicht merken zu lassen... Es würde schwer werden, dass wusste sie, und sie hatte keine Ahnung, wie sie es schaffen sollte. Und ihr war klar, dass weder ihre Schwester noch - beziehungsweise vor allem - die anderen Mädchen ihr jemals Vertrauen entgegen bringen würden, nach dem, was sie ihnen angetan hatte.
Ava ging einfach scheigend an Moira vorbei und legte sich auf ihr Bett. Sie wollte einfach nur schlafen. Aus irgend einem Grund hatte sie eine Müdigkeit erfasst, die sie so auch noch nicht wirklich kannte. Kaum hatte sie die Augen geschlossen, da war sie auch schon eingeschlafen...

Um Ava herum war ein merkwürdiges Nebelgrau. Sie befand sich darin, und wusste irgendwie instinktiv, dass es ein Traum war - und dennoch mehr als nur das.
Plötzlich sah sie - noch - aus weiter Entfernung etwas auf sie zukommen, von dem sie nicht realisierte, was oder wer es war. Sie konnte noch nichts erkennen, nicht mal, ob es ein Wesen oder eine Person war. Auch, wenn sie ahnte, dass es nur ein Traum war, so klopfte ihr Herz dennoch laut und wild.
Ava zwang sich zur Ruhe. Sie war doch kein Kind mehr! Hatte dieses verdammte Einhorn sie so verändert, dass sie sich selbst vor so etwas wie einer Traumerscheinung, oder was auch immer es sein mochte, fürchtete? Sie riss sich zusammen. Was auch immer jetzt auf sie zukommen mochte, sie wollte gewappnet sein! Ava griff an ihre Seite und war erleichtert: Auch in ihrem Traum hatte sie ihr Wurfmesser bei sich. Wer wusste, wozu es gut war...

Ava war tatsächlich auf alles vorbereitet, doch das, was nun folgte, hatte sie nicht erwartet.
Die Person - langsam konnte sie erkennen, dass es sich um eine Frau handelte - kam näher, und plötzlich erkannte Ava sie: Sie hatte die Frau schon einmal gesehen; es war in der Quelle der Weisheit gewesen, als sie mit Moira dort gewesen war und hinein gesehen hatte. Diese hatte ihr die Vergangenheit gezeigt, den Moment ihrer Geburt, als sie und ihre Schwester das Licht der Welt erblickt hatten und ihre Mutter ihren Vater mit Angel fortgeschickt hatte.
Und diese Frau kam nun auf sie zu - es war ihre Mutter, die sie sah!

Wenige Sekunden nach der Erkenntnis stand diese schließlich vor ihr. Sie sagte nichts, doch ihr Blick bohrte sich durch Avas Körper. Sie sank auf die Knie. Ava konnte das Gefühl nicht beschreiben, das sie durchfuhr. Es durchflutete sie, so ähnlich, wie in dem Augenblick, als das Einhorn sie angesehen hatte. Dennoch war es anders. Noch intensiver. Und Ava wusste, dass sie sich nicht damit heraus reden konnte, in einem normalen "Traum" zu sein - das hier war etwas anderes, auch, wenn sie sich im Moment nicht erklären konnte, was; dennoch war es so real, wie es nur sein konnte. Ihre Mutter war tatsächlich "hier" - hier bei ihr!...

Diese Erkenntnis ließ sie nach Luft schnappen. Was tat ihre Mutter hier? Soweit sie wusste - und auch in der Quelle "gesehen" hatte - waren ihre Eltern tot! Und nun war ihre Mutter hier bei ihr? Wie war das möglich? Doch sie konnte und wollte nicht weiter darüber nachdenken. Es gab ja auch nur einen Grund, weshalb sie hier war - um sie zu bestrafen. Sie hatte Grauenhaftes getan. Anderen Lebewesen Leid zugefügt, und vor allem ihrer eigenen Schwester und deren Freundinnen. Der einzige Grund, den sich Ava vorstellen konnte, weshalb sie ihr hier - wo dieses "Hier" auch immer sein mochte - nun erschien, konnte nur sein, dass sie sie bestrafen würde, für das, was sie getan hatte. Vielleicht würde sie ihr nun das Leben nehmen? Egal, was nun folgte, sie würde es akzeptieren, sie hatte es verdient!

Ava senkte das Haupt. Sie sagte nichts, sie wartete einfach auf ihre Bestrafung, von der sie einfach annehmen musste, dass diese nun folgte; und sie würde garantiert nicht um Gnade betteln, komme, was wolle. Wenigstens ihre Würde wollte sie behalten! Das, was davon übrig geblieben war!
Doch mit dem, was nun tatsächlich als nächstes geschah, hatte Ava definitiv nicht gerechnet. Die Frau, die wohl ihre Mutter gewesen war, kam noch einige Schritte näher - und stand nun direkt vor ihrem Körper. Sie konnte ihre Nähe geradewegs spüren, und wollte instinktiv einen Schritt zurück weichen, doch es funktionierte nicht. Ihr Körper versagte ihr den Dienst. War dies das Werk ihrer Mutter? Ava hatte keine Ahnung, doch sie musste ein gewisses Maß der Unruhe in sich verbergen und versuchte, weiterhin ruhig zu sein. Und dann fühlte sie die Hand ihrer Mutter an ihrer Wange, die langsam und zart durch ihr Gesicht fuhr. Und es machte nicht den Eindruck, als wäre sie in irgend einer Form wütend oder wollte sie bestrafen. Ava fühlte, wie ihr Kopf nach oben gehoben wurde, so sanft wie es nur irgend möglich war.

Arlea, denn nur um diese handelte es sich, blickte ihrer Tochter in die Augen. Ihr Blick war so voller Liebe und Zuneigung, dass Ava es kaum ertragen konnte. Und zuerst konnte sie kaum fassen, geschweige denn glauben, dass dieser Blick und diese Liebe tatsächlich ihr gelten sollte. Verwechselte ihre Mutter sie vielleicht mit ihrer Schwester?
Ava glaubte dies tatsächlich. Es konnte nur so sein! "Ich, ich bin nicht Angel..." begann sie, einfach, weil sie das Gefühl hatte, etwas sagen zu müssen. Zuerst war Stille, dann hörte sie die Stimme ihrer Mutter und sie klang wie Musik:
"Das weiß ich, mein Kind.. Ich weiß, welcher meiner Töchter ich beistehe.. Angel hat mich bereits "gesehen", als sie es am meisten brauchte, und nun bist du dran! Bis jetzt hast du mich nicht sehen können, dein Herz und deine Seele waren vergiftet - aber ich wusste es schon immer: Du bist nicht verloren. Genauso wenig wie Angel. Ihr beide seid mein Fleisch und Blut! Und ihr gehört zusammen! Ihr beide seid eins! Vergiss das nie, Ava! Nur zusammen könnt ihr es schaffen, das Böse zu vernichten und Alisaria wieder zu dem zu machen, was es einmal war - so, wie es in der Prophezeiung steht. Noch ist es nicht zu spät. Das Einhorn hat dir gezeigt, was in dir steckt. Es hat das Gute in dir hervor geholt, und du bist wieder rein!" Wieder streckte sie ihre Hand aus und berührte sie erneut und wieder spürte Ava ihre Liebkosungen als wäre es real.

Sie konnte es nicht glauben. Auf der einen Seite fühlte es sich so echt an - und dennoch konnte sie nicht fassen, dass ihre Mutter ihr vergeben konnte. Nicht das, was sie getan hatte!
Ava fasste sich ein Herz und fragte leise: "wie, wie kannst du mir vergeben, Mutter? Wenn du wirklich hier bist - wo dieses "Hier" auch immer sein mag - wie kannst du mir das, was ich getan habe, jemals vergeben?" Arlea blickte sie immer noch an und der Blick war unverändert. Nach einigen Sekunden antwortete sie: "Das sagte ich doch schon: Du bist meine Tochter, Ava! Ich spüre, dass Gutes in dir steckt. Du hast eine schreckliche Vergangenheit, die dich verändert hat. Ich weiß einfach, dass etwas völlig anderes aus dir geworden wäre, wenn du bei mir und deinem Vater aufgewachsen wärst und wenn Alisaria nicht dem Dunklen verfallen wäre..." Arleas Augen wurden matter, dann riss sie sich wieder zusammen: "Du hast nie die Möglichkeit bekommen, eine Alternative kennen zu lernen, du kennst nur die Dunkelheit, mein Kind. Und eine Frau, die dich nie wirklich geliebt hat - so wie ich es getan habe, als ich dich und deine Schwester in meinen Armen hielt. Euch beide, so klein und hilflos, und für so kurze Zeit eures und meines jungen Lebens..."

Sie merkte wohl, dass sie Gefahr lief, abzuschweifen und riss sich erneut zusammen: "Hör mir zu, Ava: Es ist völlig egal, was in der Vergangenheit geschehen ist. Du kannst sie nicht mehr ändern. Aber du kannst die Zukunft verändern. Alleine die Tatsache, dass du mich sehen und hören kannst, bedeutet, dass du dich bereits geändert hast. Denn sonst wärst du dazu gar nicht in der Lage! Du fühlst die Liebe in dir, und die Fähigkeit, Gutes von Bösem zu unterscheiden. Und genau dies wird dir helfen, Kontakt zu deiner Schwester aufzunehmen; denn dies wirst du müssen, Ava. Nur ihr beide zusammen, mit der Hilfe eurer Verbündeten, seid in der Lage, den Herrscher zu stürzen und Alisaria zu befreien."

Arlea hatte sehr intensiv gesprochen und Ava musste schlucken. Sie hatte ja verstanden, dass sie irgendwie Kontakt zu Angel aufnehmen musste, die Frage war nur, wie? Sie wusste ja nicht einmal, wo ihre Schwester und deren Freunde sich aufhielten - und davon abgesehen, diese misstrauten ihr aufs Äußerste, was sie ihnen nicht einmal verübeln konnte, nachdem, was sie ihnen angetan hatte. Und was Angel von ihr hielt, konnte Ava nur erahnen. Vermutlich hasste sie sie...

Die Antwort ihrer Mutter erschreckte sie, vor allem, weil sie ihre Gedanken nicht einmal laut ausgesprochen hatte: "Nein, Ava, Angel hasst dich nicht. Im Gegenteil, sie glaubt an dich! Sie liebt dich, obwohl sie dich genauso wenig kennt, wie du sie. Dennoch hat sie die Hoffnung nicht aufgegeben, dass da noch Gutes in dir steckt. Und sie hat Recht! Und was ich mit "Kontakt" meinte, ist nicht realer Kontakt - jedenfalls noch nicht. Sie sind noch nicht nah genug, und das, was sie als nächstes tun wollen, ist gefährlich: Sie haben vor, das Einhorn zu befreien, wissen aber nicht genau, wie sie es tun sollen.
Noch beratschlagen sie, planen ihre nächsten Schritte. Doch du musst sie warnen, damit sie nicht in SEINE Fänge laufen! Und es gibt einen Weg, deine Schwester zu erreichen, Ava - du musst es mit Telepathie versuchen! Ihr seid verbunden. Du hast es doch gespürt, als das Einhorn es dir "gezeigt" hat - auch, wenn es schmerzhaft war, dennoch hat es dir gezeigt, dass ihr miteinander verbunden seid. Du und Angel, ihr habt eine empathische Verbindung zueinander, die vorerst nur Angel gespürt hat, aber nun wirst auch du sie fühlen können. Und da ihr ein Blut seid - mein Blut - werdet ihr auch in der Lage sein, eure Gedanken auszutauschen! Versuche es, Ava! Kontaktiere Angel und erkläre ihr, wie sie sicher in die Kerker gelangen können, wo das Einhorn festgehalten wird. Es ist nicht mehr viel Zeit! Seine Wunden sind groß. Es verliert viel Blut. Noch wird es nicht sterben, aber es wird immer schwächer, und wenn es dann so schwach ist, dass es dem Dunklen nicht mehr gefährlich werden kann, wird er es höchstselbst töten und sich seines Horns bedienen!"

Ihr Blick wurde intensiver und Ava erschauderte. Es war beinahe zuviel, was sie hier hörte, dennoch war sie immer noch gebannt und lauschte ihrer Mutter weiterhin, während diese fort fuhr: "Sobald er das Horn hat, und das Einhorn tot ist, wird er die absolute Macht über alles haben, Ava - und er wird nicht mehr zu stoppen sein, von niemandem! Ihr müsst es schaffen, eure Aufgabe vor diesem Moment zu erfüllen. Gemeinsam! Alle zusammen. Ich weiß, dass es nicht einfach ist: Die anderen vertrauen dir nicht, das ist mir auch klar, aber wie ich schon sagte: Angel tut es! Und du bist eine andere, ich fühle es. Hier drin..." Sie legte ihre Hand auf Avas Herz und diese spürte es. Sie spürte ein warmes Gefühl in sich, das ihr beinahe den Atem nahm. Ava atmete kurz tief ein und aus, dann hörte sie weiter zu, was ihre Mutter noch zu sagen hatte:
"Unsere Zeit läuft bald ab, ich fühle es. Was auch immer geschieht Ava, denk immer daran, wie sehr ich dich liebe. Genau wie deine Schwester liebe ich auch dich. Nicht mehr, und nicht weniger. Ihr beide seid gleich! Vergiss das nie! Ich glaube an dich, Ava und ich weiß, dass du nun in der Lage sein wirst, das richtige zu tun. Nimm Kontakt zu Angel auf und sage ihr, wie sie und eure Verbündeten hierher gelangen, ohne in die Fänge des Lords zu gelangen. Tue alles, um ihn von ihnen abzulenken. Ich weiß, dass du es schaffst!"

Ava schluckte. Sie wollte ja  selbst daran glauben, doch sie konnte es nicht. "Und was ist mit den anderen? Sie werden mir nicht vertrauen, nachdem was ich getan habe!" fragte sie noch einmal. Arlea blickte sie erneut an und in ihren Augen stand ein Schmerz, den Ava vorab noch nicht gesehen hatte: "Du wirst dir das Vertrauen verdienen müssen, Ava. Das ist der Preis, für das, was du getan hast. Ich habe nicht gesagt, dass es einfach für dich sein wird, und du musst vorsichtig sein, dass du von niemandem enttarnt wirst; schon gar nicht von IHM! Dennoch ist es nicht unmöglich! Vergiss niemals, was ich dir gesagt habe, Ava: Du hast nun eine Seele, mein Kind. Und Angel wird dies erkennen. Sie ist in der Lage, die Aura eines Menschen zu sehen, das weißt du - frage sie, was sie bei dir sieht, wenn ihr euch wieder seht - sie wird es dir sagen!"

Und mit diesen Worten entfernte sich Arlea wieder von Ava, bevor diese noch in der Lage war, etwas darauf zu erwidern.
Doch sie wusste ohnehin nicht, was sie sagen sollte... Und dann war ihre Mutter fort - und Ava erwachte. Sie wusste zuerst nicht, wo sie war, doch dann realisierte sie ihr Zimmer - und Moira, die auf dem anderen Bett in der gegenüberliegenden Ecke saß und sie anstarrte: "Ist alles in Ordnung?" fragte sie nur, und Ava nickte. Was sollte sie auch antworten? Im Grunde wusste sie selbst nicht, ob alles in Ordnung war.. Was das real gewesen, was sie erlebt hatte?
Sie hatte geträumt, das war ihr eigentlich von Anfang an klar gewesen, doch der "Traum" war ihr so real vorgekommen... Und wie bereits zu Beginn dieses Traums wurde ihr auch jetzt bewusst, dass es mehr gewesen war als das. Es war wohl so etwas wie eine "Vision", wenn man es so nennen konnte. Sie hatte tatsächlich Kontakt mit ihrer toten Mutter aufgenommen, wie auch immer dies möglich war, und wenn sie deren Worte richtig verstanden hatte, dann war dies schon bei Angel der Fall gewesen?

Wie auch immer, sie musste sich jetzt zusammen reißen. Und sich überlegen, was sie tun sollte. Sie hatte verstanden, was ihre Mutter ihr hatte sagen wollen, und was ihre nächste Aufgabe sein sollte, doch sie musste sich genau überlegen, wie sie es anstellen sollte. Würde es tatsächlich funktionieren? Ja, sie wusste nun, dass sie und ihre Schwester irgendwie miteinander verbunden waren. Zumindest Angel hatte die empathische Verbindung zwischen ihnen gespürt, sie war dazu nicht in der Lage gewesen. Aber dieses Einhorn hatte tatsächlich etwas mit ihr gemacht, etwas in ihr geweckt - vielleicht wirklich ihre "Seele", wenn sie tatsächlich eine hatte? Ihre Mutter war jedenfalls dieser Meinung. Vielleicht hatte sie tatsächlich so etwas wie eine Seele, doch diese war wohl sehr tief in ihr vergraben gewesen, durch ihre verfluchte Vergangenheit.. Doch nun war sie hervor gegraben, und sie würde alles daran setzen, sie zu behalten! Doch es gab eine Schwierigkeit: Niemand durfte es erfahren. Nicht Moira, kein anderer - und erst recht nicht ER! Und Ava war sich trotz allem nicht wirklich sicher, ob das mit der telepathischen Verbindung zwischen ihr und Angel funktionieren würde.. Doch sie musste es versuchen. Es war ihre einzige Chance!

Ava überlegte, wie sie es am Besten tun sollte. Und was noch dazu kam: Sollte das mit der telepathischen Verbindung tatsächlich funktionieren, musste sie Angel den Weg zu den Einzelkerkern so erklären, dass sie niemand sehen konnte.
Und natürlich kam zusätzlich zu der Frage, ob Angel sie tatsächlich "hören" konnte, noch das Problem, dass sie ihr eventuell nicht glauben, oder vertrauen würde. Ava konnte es sich immer noch nicht vorstellen. Und falls sie es doch tun sollte, waren da immer noch die anderen... Ava wusste, dass diese definitiv nicht gut auf sie zu sprechen waren - und sie konnte es ihnen nicht verübeln. Sie hatten allen Grund dazu...

Langsam schloss sie die Augen wieder und atmete so ruhig sie konnte. Sie hatte keine Lust, sich mit Moira zu unterhalten und diese hielt sich still. Dennoch ahnte, beziehungsweise spürte Ava, dass diese sie im Blick behielt. Doch sie versuchte, dies auszuklammern. Sie musste nun versuchen, so zu tun, als würde sie wieder schlafen. Ruhig und fest.
Bald hatte sie das Gefühl, dies auch geschafft zu haben und spürte auch Moiras Blicke nicht mehr auf sich. Zumindest hoffte sie das...
Und dann versuchte sie das, was ihre Mutter ihr in ihrer Vision aufgetragen hatte: Sie dachte mit voller Anstrengung an ihre Schwester. Immer und immer wieder "sprach" sie in Gedanken ihren Namen und fragte sie, ob sie sie hören konnte: 'Angel? Ich bin es, Ava... Bitte, ich, weiß, ich habe dir vieles angetan, doch ich bin nicht mehr die, die ich einmal war. Das Einhorn hat mich verändert! Und ich habe Mutter gesehen... Das klingt vermutlich verrückt, aber ich weiß, dass es real war! Bitte, wenn du mich hörst; ich kann euch sagen, wie ihr hierher kommt, welchen Weg ihr nehmen müsst, damit ihr nicht in eine Falle lauft! Bitte, glaube mir, ich bin auf eurer Seite! Wenn du mich hörst, dann antworte mir, Schwester! Bitte! Angel?!'
Sie wiederholte die selben Worte immer und immer wieder ohne zu wissen, ob es wirklich half. Mehr konnte sie nicht tun...

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Christal, 31
Traumland