9. Erwachte Kräfte
Angel wusste nicht, wie lange sie schon liefen. Ihr taten die Füße weh und die Stille, die über ihnen lag, war kaum zu ertragen. Dennoch biss sie die Zähne zusammen und hielt mit den anderen stand, die vor ihr liefen. Ava ging immer noch voran, ohne sich groß umzuschauen oder auch nur einen Ton gesprochen zu haben.
Angel wusste nicht, ob sie noch lange durchhalten konnte. Am liebsten hätte sie alles hingeschmissen und wäre zurück gelaufen; doch sie wusste, dass dies unmöglich war. Also biss sie die Zähne zusammen und lief weiter, Taliya hielt ihre Hand in ihrer und drückte sie, um ihr zu zeigen, dass sie als beste Freundin immer an ihrer Seite sein würde. Angel war froh darüber.
Kida war zu Beginn ihrer Weiterreise mit Ava und Moira vorneweg gelaufen, doch dann hatte sich Yuna zu ihr gesellt, denn die beiden verstanden sich blendend. Yuna machte ohnehin einen wesentlich munteren Eindruck, als noch einige Zeit zuvor, vor allem, als sie noch in der Menschenwelt waren. Was dezent daran liegen konnte, dass sie hier nicht mehr die Puppe spielen musste… Und sie fühlte sich eindeutig wohl in dieser Welt, auch, wenn es natürlich nicht mehr ihr Alisaria war. Dennoch spürte sie nun die Nähe zu ihrem Land und Kida war das erste Wesen, das sie dort näher kennen gelernt hatte. Ja, sie verstanden sich, und so war Kida einige Meter hinter Ava und Moira zurück gefallen und die beiden liefen nebeneinander her.
Noch war sie in ihrer Gestalt als Löwin unterwegs und spähte ebenso wie Moira und Ava genauestens die Gegend aus, doch momentan schien es so, als würde keine Gefahr hier auf sie lauern. Doch jeder von ihnen wusste, dass die Hoffnung durchaus trügerisch sein konnte. Gefahr lauerte hinter jeder Ecke und alles musste genau unter die Lupe genommen werden. Dennoch machte es zumindest momentan noch den Eindruck, als wäre alles in Ordnung…
Schließlich kamen sie an ein Felsplateau, das etwas abseits vom Weg lag. Auch hier war bis jetzt keine Gefahr zu erkennen. Moira konnte in der Dunkelheit etwas weiter vorne Vertiefungen im Fels erkennen, die darauf schließen ließen, dass sie es mit Höhlen zu tun hatten. Sie ließ die anderen zu sich kommen und sagte: “Wir werden erst einmal auskundschaften, ob die Höhlen dort frei von Feinden sind. Wenn dies der Fall ist, würde ich sagen, haben wir unser Nachtlager gefunden. Kida, Ava, ihr beide seht nach - wenn es sein muss, wisst ihr was zu tun ist, ich bleibe mit den anderen hier. Gebt Bescheid, wenn die Luft rein ist!”
Kida nickte und schlich bereits in Richtung der Höhle, doch Ava folgte ihr nicht gleich. Langsam kam in ihr eine Wut hoch, wenn sie daran dachte, dass sie den Anweisungen dieser Frau noch weiter ausnahmslos gehorchen musste. War sie ihre Dienerin? Sie wollte gerade ansetzen, Moira zu widersprechen, als diese sie mit einem Blick ansah, der alle weiteren Worte bei ihr sofort zum Schweigen brachte. Sie presste die Lippen zusammen und folgte der Löwin.
Diese schwieg ebenfalls. Mit Yuna kam sie sehr gut klar, man konnte sie beinahe als Freundin bezeichnen, wenn man dies bei der kurzen Zeit, die sie sich erst kannten, so sagen konnte; die beiden Mädchen waren noch etwas fremd, aber das konnte man ihnen ja nicht verübeln. Aber Ava? Sie kannten sich zwar bereits am längsten, zusammen mit der Amme, aber sie war am schwierigsten zu durchschauen und sie war definitiv nicht ein Stück kooperativ! Kida seufzte und lief so leise und vorsichtig wie es ihr möglich war, durchs Dickicht.
Schließlich kamen die beiden an der Höhle an und brauchten nicht sehr lange um zu bemerken, dass sie leer und ungefährlich war. Es waren keine Feinde in ihr und so liefen sie zurück und riefen die anderen zu sich.
Moira hatte in der Zwischenzeit Wache bei den Mädchen und Yuna gehalten, doch viel geredet hatten auch sie nicht gerade. Es lag immer noch eine gespenstische Stille über ihnen. Dann sahen sie Ava und Kida zurück kommen die ihnen bezeugten, dass die Höhlen sicher waren und so liefen sie schließlich alle zusammen in eine der Höhlen hinein. Sie schlugen dort ihr Nachtlager auf, machten sich ein kleines Feuer um das sie sich alle herum setzten, und würden bis zum Morgen dort verbringen.
Moira erklärte den Mädchen, dass sie ab nun alle einmal Nachtwache halten mussten. Nur, weil es jetzt sicher war, hieß das ja nicht, dass dies auch so bleiben würde. Die erste Schicht würde sie übernehmen, dann würde sie die Wache an Ava übergeben, und diese dann an ihre Schwester abtreten.
Ava sah mit glühenden Augen zu Angel herüber. Man konnte ihr geradezu ansehen, was sie von der Idee hielt… Gar nichts. ‘Vermutlich traut sie mir das auch nicht zu…’ dachte Angel traurig. Und genau so war es auch. Dennoch überlegte Angel nicht lange und legte sich, auf Geheiß von Moira, zusammen mit den anderen hin. Es dauerte nicht lange, dann waren sie alle, bis auf Moira, die die erste Nachtwache hielt, eingeschlafen…
Nach einiger Zeit wurde Angel hart geweckt, in dem sie jemand an der Schulter rüttelte - nicht gerade sehr sanft. “Du bist dran! Steh auf!” hörte sie die Stimme ihrer Schwester in einem rauen, unfreundlichen Ton. Anscheinend war deren Wachzeit vorbei und es war ihr wohl zuviel, sie nur ein wenig anzusprechen. Angel nickte nur und erhob sich. Ava rückte von ihr ab und legte sich auf die andere Seite der Höhle in die Nähe des Feuers an eine Wand. Angel sah ihr traurig hinterher, dann blickte sie zur Seite zu Taliya herüber. Diese schlief und sie musste schmunzeln. Kurz dachte sie darüber nach, sie zu wecken um mit ihr zusammen die Zeit bis zur Wachablösung zu überbrücken, doch dann schalt sie sich selbst dieser doch recht eigennützigen Gedanken. Immerhin war Taliya ja bald ebenfalls mit Wache dran und bis dahin sollte sie noch ein wenig schlafen. Allerdings überlegte Angel gerade, woran sie jetzt erkennen sollte, wann ihre Wachzeit vorüber war… Moira hatte ihr gar nicht gesagt, wie lange sie Wache halten sollte, und Ava schon gar nicht. Sie konnte auch nicht wirklich sagen, wie lange sie jetzt geschlafen hatte, denn sie hatte die Zeit aus den Augen verloren. Und zudem hatten ja Moira und Ava Wache geschoben…
Angel seufzte. Sie würde es darauf ankommen lassen, immerhin hatte sie ja gerade erst angefangen und dann konnte sie immer noch Taliya wecken, wenn sie meinte, dass es an der Zeit war. Und wenn sie etwas außergewöhnliches bemerken würde, musste sie ohnehin Alarm schlagen…
Plötzlich spürte sie ein kurzes Gefühl in sich, das sie nicht wirklich erklären, geschweige denn, beschreiben konnte. Sie schüttelte sich und musste sich zusammen reißen. ‘Nur nicht müde werden‘, dachte sie bei sich. Doch irgend etwas stimmte nicht so wirklich. Angel kniff einmal kurz die Augen zusammen und war dann der Meinung, dass die Unannehmlichkeit, die sie verspürte, fort sein müsste, doch was sie nun zu sehen bekam, war gelinde gesagt, noch merkwürdiger. Angel blickte erneut zu Taliya herüber - und sie bemerkte etwas, was zuvor noch nicht da gewesen war;
Taliya schien irgendwie zu schimmern… Angel konnte es nicht wirklich beschreiben, es war beinahe so, als ob ein bunter Film über ihrer Freundin hing; ein Flackern, das ihren ganzen Körper bedeckte… Angel kniff erneut die Augen zusammen. Doch das Flackern, Flimmern oder was auch immer es war, verschwand nicht. Langsam sah Angel auch zu den anderen herüber: Bei Kida und Yuna war es genauso: Ihre Körper wurden ebenfalls von einem bunten Flackern überzogen. Und langsam wurde Angel klar, dass dies keine Einbildung war! Was hatte das nur zu bedeuten?
Langsam blickte sie auch zu Moira und Ava herüber. Moira saß etwas weiter an der gegenüberliegenden Wand, und zuerst erschrak Angel etwas, da sie dachte, dass sie nicht schlafen, und sie stattdessen beobachten würde. Doch dann registrierte sie, dass sie durchaus schlief. Es war an ihren gleichmäßigen Atemzügen zu erkennen. Auch Ava war eingeschlafen, sie lag in Moiras Nähe. Angel konnte bei beiden keinen bunten Flimmer um sie herum erkennen. Doch auch bei ihnen schien etwas zu flackern; doch es ging mehr ins Grau-schwarze… was hatte das nur zu bedeuten? Anscheinend waren alle Körper von etwas umhüllt, doch sollte sie deswegen Alarm schlagen? Waren es fremde Wesen; und was war mit ihr? Hatte auch sie so ein Flackern um sich herum? Sie blickte auf ihre Arme und ihre Beine herab, doch sie konnte nichts erkennen…
Während sie noch überlegte, erwachte schließlich Taliya ganz von selbst. Sie setzte sich zu Angel und blickte sie skeptisch an: “Ist alles in Ordnung? Du schaust so merkwürdig… Hast du was entdeckt, während deiner Wache? Oder hast du nur dich selbst beobachtet?” fragte sie noch kichernd hinterher.
Angel blickte sie an. Sollte sie ihrer Freundin etwas davon erzählen? Sie haderte noch ein wenig mit sich, zumal sie ja selbst nicht wusste, was sie davon halten sollte. Und doch, jetzt wo Taliya genau neben ihr saß, konnte sie das Flimmern um sie herum noch deutlicher sehen! Es war kaum auszuhalten und tat auch noch in den Augen weh!
Angel kniff diese zusammen und Taliya blickte sie prüfend an. “Angel, ich mach mir gerade etwas Sorgen.. Soll ich die anderen wecken?” Angel schüttelte den Kopf: “Nein, warte… Ich, ich weiß nicht, was ich davon halten soll.. Ich, ich kann Dinge sehen, und ich weiß nicht, ob ich mir das nur einbilde oder nicht…” “Du sprichst in Rätseln…” gab Taliya zurück.
Angel seufzte. Sie sah sich zu den anderen um und flüsterte Taliya zu: “Ich sehe Dinge, um euch herum; um dich und die anderen flackert es so komisch…”
Taliya blickte sie an als hätte sie in der Tat gerade doch noch den Verstand verloren: “Es flackert?? Das Feuer flackert…” versuchte sie, es noch irgendwie logisch zu erklären, doch Angel schüttelte den Kopf und hielt sich einen Finger vor den Mund um ihr zu zeigen, leise zu sein. “Nein” antwortete sie flüsternd, “das ist nicht das Feuer! Es ist ein merkwürdiges Flackern oder Flimmern, bei dir ist es bunt und bei Kida und Yuna ebenfalls. Bei Moira und Ava kann ich die Farbe nicht so wirklich bestimmen, es scheint eher gräulich zu sein… Ich weiß nicht, was ich davon halten soll…”
Taliya wollte gerade dazu ansetzen, etwas zu antworten - obwohl sie gar nicht genau wusste, was - als sie eine andere Stimme hörten; Yuna. Sie hatten gar nicht bemerkt, dass diese aufgewacht war. Diese hatte sich neben sie gehockt und sah Angel ins Gesicht. Sie flüsterte ebenfalls, als sie ihr antwortete: “Das, Angel, ist deine Fähigkeit. Sie scheint endlich erwacht zu sein! Du bist anscheinend dazu fähig, Auras zu sehen… Die Auras anderer Wesen…”
Angel und Taliya starrten sie an. Woher wusste Yuna darüber bescheid? Doch bevor Angel sie das fragen konnte, herrschte Taliya diese noch an: “Hast du Angel und mich belauscht? Ich dachte du schläfst!”
Yuna blickte zurück. In ihren Augen funkelte es ein wenig. “Ich bin gerade aufgewacht und habe es mehr aus Zufall gehört! Aber wir sollten uns mal kurz außerhalb der Höhle weiter unterhalten, hier ist es mir zu heiß… Wenn ihr versteht was ich meine…” Sie blickte auf Moira und Ava herüber, die scheinbar immer noch ruhig schliefen.
Dann ging sie zum Höhlenausgang und Angel und Taliya folgten ihr. Als sie draußen waren, sagte Taliya grob: “Was ist los? Wieso sollten wir jetzt weg? Was genau geht hier eigentlich vor?”
Yuna seufzte: “Ich dachte, wenigstens das wäre verstanden. Also, wir alle haben irgendwelche Fähigkeiten. Ich habe euch meine ja schon mitgeteilt, nämlich, dass ich in der Lage bin, zu heilen und Pflanzen zu beeinflussen. Wenn es einmal gebraucht wird, werde ich es euch vorführen. Was viel wichtiger ist, ist dass endlich eure Fähigkeiten zum Vorschein kommen, und das scheint zumindest bei Angel jetzt angekommen zu sein!” Sie wandte sich direkt an Angel: “Angel, was du gesehen hast oder immer noch siehst; also das, was die Körper der Menschen und anderer Wesen umgibt, das nennt man die Aura. Jedes Lebewesen umgibt eine, aber normalerweise kann man sie nicht sehen. Doch du scheinst eine von wenigen auserwählten zu sein, die in der Lage sind, sie zu erkennen…” Angel unterbrach sie: “Aber wieso ist sie denn einmal so schrecklich bunt - dass es mir beinahe in den Augen wehtut - und einmal kann ich sie kaum erkennen, weil sie grau und trostlos ist?”
Yuna blickte sie an und ihr Gesicht wurde ernst: “Genau deswegen wollte ich nicht in der Höhle bleiben, als du gesagt hast, dass Moira und Ava diese graue Aura um sich haben… Angel, die bunte Aura bedeutet, dass der Menschen - oder das Lebewesen, was auch immer - gut ist. Er hat einen guten Charakter, meine ich. Was die Intensität des Flimmerns, Flackerns oder wie du es auch immer siehst, angeht, dass wirst du irgendwie noch einstellen können, glaub mir, dass wird mit der Zeit besser; aber die grauen Auras sind gefährlich! Die umgeben eigentlich nur Personen und Wesen, die es nicht gut mit einem meinen. Die falsche Absichten hegen, wenn du verstehst was ich meine…”
Taliya blickte sie geschockt an: “Also meinst du, dass Moira und Ava keine guten Menschen sind?”… Weiter kam sie nicht. Angel schüttelte den Kopf: “Nein! Dass ist völliger Unsinn! Es muss einen anderen Grund geben, weshalb ich dort kein buntes Flimmern sehe. Vielleicht… vielleicht irre ich mich ja auch und bin noch nicht in der Lage, diese Macht richtig zu erkennen. Oder es gibt noch einen ganz anderen Grund… Ava kann mich nicht ausstehen. Sie lässt es mich nur allzu deutlich spüren und dass ist sicherlich nicht schön. Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich bei ihr momentan noch Dunkel sehe… Ich muss mit meiner Kraft noch umzugehen lernen!” Sie versuchte, bestimmt zu klingen, so, als würde sie daran glauben, was sie sagte.
Yuna und Taliya sahen sie skeptisch an, dann zuckten sie die Schultern. “Kann alles sein, es ist deine Kraft, du musst damit klar kommen und lernen sie zu deuten… Allerdings erklärt das nicht, weshalb Moira so eine dunkle Aura um sich hat… Mit ihr bist du nicht verwandt, oder?” Angel schüttelte den Kopf. “Nicht dass ich wüsste…”
Weiter kamen sie nicht, denn plötzlich stand Kida vor ihnen und gähnte laut. Sie verwandelte sich in ihre Menschengestalt und fragte: “Alles in Ordnung? Was ist denn hier für ein Massenauflauf? Gibt es was umsonst oder habt ihr was zum Essen gefangen?” Dann sah sie sich misstrauisch um: “Oder gibt es einen Hinweis auf Gefahr? Ich hab nichts gespürt…”
Die Mädchen und Yuna nickten. Sie wussten nicht genau ob sie nun auch Kida einweihen sollten. Angel sah das bunte Flimmern um die Gestaltwandlerin herum, und war sich sicher, dass sie ihr vertrauen konnten. Dennoch wusste sie nicht genau ob es nicht irgendwie schlecht war, es so viele von ihnen wissen zu lassen.. Und dennoch…
Sie hatte sich gerade entschieden es doch zu tun, weil sie einfach das Gefühl hatte, Kida vertrauen zu können, als plötzlich etwas gänzlich unerklärliches geschah: Taliya verschwand von einer Sekunde auf die andere - sie war ganz einfach fort! Angel starrte auf die Stelle, an der ihre Freundin eine Sekunde zuvor noch gestanden hatte. Auch Yuna und Kida starrten dorthin. Sie war wie vom Erdboden verschluckt…

