2. Angel: Wahrheiten

Angelina war auf dem Weg zur Bibliothek. Sie konnte eine gewisse innere Anspannung fühlen, die sie nicht mehr los ließ, obwohl sie eigentlich gar nicht wusste, weshalb. Im Grunde glaubte sie den Schwachsinn nicht, den sie in ihrem Tagebuch gelesen hatte, doch ihr schwirrte immer noch die Frage im Kopf herum, wie die Buchstaben dort hinein geraten konnten.
Doch dann versuchte sie, die Gedanken zu verdrängen, denn sie war angekommen. Vor ihr lag die Stadtbibliothek.
Angelina war oft dort, entweder um sich ein Buch auszuleihen oder etwas für die Schule nachzulesen. Und auch ab und an zum Vergnügen, denn am liebsten lieh sie sich Phantasieromane aus.

Nun betrat sie die Bibliothek, ohne genau zu wissen, wonach sie eigentlich suchte. Sie hatte den Wortlaut noch genau im Kopf, dennoch hatte sie keine Ahnung, wo sie hier ein Buch über Prophezeiungen finden sollte…
Nun, sie hatte sich vorgenommen, als erstes einmal in der Märchen- und Mythenabteilung nachzusehen. Wenn überhaupt, dann wäre doch dort am ehesten eine Möglichkeit, etwas herauszufinden, oder?

Schließlich hatte Angelina diese erreicht und besah sich ein Buch nach dem anderen. Sie fürchtete, dass es ein langer Tag werden würde, und immer wieder fragte sie sich, ob sie nicht doch irgend einem Unsinn nachging, den sie sich nicht einmal selbst erklären konnte, geschweige denn jemand anderem. Und dennoch folgte sie irgend einem inneren Drang. Immer weiter suchte sie und zog ein Band nach dem anderen heraus, besah sich den Einband, las die Inhaltsangaben, ab und an auch die ersten Seiten, und legte es dann wieder fort.
Nein, bis jetzt hatte sie nichts passendes gefunden. Sie konnte es sich ebenfalls nicht erklären, aber sie wusste einfach, dass sie noch nicht das richtige gefunden hatte - auch, wenn sie keine Ahnung hatte, was das “richtige” überhaupt war, beziehungsweise ob es überhaupt existierte. Doch eines wusste sie irgendwie: Wenn es existierte, würde sie es wissen, wenn sie es fand!

Und schließlich geschah etwas, womit Angelina definitiv nicht gerechnet hatte: Sie sah ein Buch, das sie aus einem unerklärlichen Grund magisch anzog. Es schien ebenfalls aus Leder zu sein, irgendwie machte es einen vertrauten Eindruck auf sie…

Angelina zögerte nicht lange, sondern zog das Buch aus dem Regal. Es war in der Tat aus Leder und nun wusste Angelina auch, weshalb es ihr so vertraut vorgekommen war: Es war aus dem selben Lederüberzug wie ihr Tagebuch, das sie von ihren Eltern geschenkt bekommen hatte. Und genau wie dieses zog auch dieser Einband sie in ihren Bann.
Langsam strich Angelina mit ihrem Finger über den Einband, so, wie sie es am gestrigen Tag bei ihrem Tagebuch getan hatte. Auch dieses Buch hatte Einkerbungen, doch sie konnte noch etwas anderes sehen: Auf dem Einband war ein wunderschönes Land zu sehen; Ein Tal, um genau zu sein. Mit Wäldern, Wiesen und einem Fluss - Angelina bemerkte, dass die Einkerbung, die sie vorhin gespürt hatte, genau dem Fluss nachgezeichnet war - und sie hatte das Gefühl, den Wind um sich zu spüren, die Vögel des Waldes um sich herum singen zu hören und das Flussrauschen zu vernehmen… - Was natürlich totaler Humbug war.

Dennoch war es so intensiv gewesen… Angelina schüttelte den Kopf. Was war das hier? Sie sah sich in der Bibliothek um und registrierte die Wirklichkeit um sich herum. Menschen, die an den Tischen saßen und lasen, andere, die wie sie an den Bücherregalen standen und sich ihre Lektüre zusammen suchten - und selbstverständlich war es, wie es in einer Bibliothek üblich war, sehr leise und beinahe kein einziger Ton zu hören! Weder menschlicher noch tierischer noch sonst irgend einer! Sie musste langsam tatsächlich den Verstand verloren haben, anders war das doch gar nicht zu erklären! Vielleicht sollte sie doch weniger Romane lesen?
Und dennoch, es war einfach so intensiv gewesen!…

Angelina hatte keine andere Wahl - sie musste sich einfach erneut den Einband anschauen. Und wieder versank sie in der Landschaft, die sie darauf erkennen konnte - und nicht nur das; dieses Mal hatte sie tatsächlich das Gefühl, IN dieser Landschaft zu sein, das Vogelgezwitscher wurde noch intensiver, das Flussrauschen noch lauter.. Und sie hatte den Wald richtig vor ihren Augen… Und nicht nur das, irgendwie hatte Angelina plötzlich das Gefühl, dieses Land zu kennen. Es hatte eine gewisse Vertrautheit an sich, die sie sich einfach nicht erklären konnte…

Dann riss sie sich erneut zusammen und sah auf den Titel des Buches, den sie bis jetzt noch gar nicht richtig registriert hatte. Es hieß: “Alisaria, die verlorene Welt”.
Angelina war geschockt. “Alisaria”; das war das Wort, das auch in ihrem Tagebuch erwähnt worden war. Also anscheinend war Alisaria ein Land - oder eine andere Welt? Wie auch immer, diese Welt wurde in diesem Buch erwähnt… Und aus irgend einem Grund kam ihr diese Phantasiewelt - denn etwas anderes konnte es ja gar nicht sein - irgendwie so bekannt und vertraut vor… Aber das war doch Unsinn, verdammt noch mal! Dies war ein Buch! Von einem Autor geschrieben, ausgedacht von…

Dann fiel ihr noch etwas anderes auf: Sie konnte den Autor des Buches nirgends entdecken! Normalerweise hatten Bücher doch nicht nur Titel, sondern es stand auch der Autorname darauf… Doch sie sah ihn nirgends! Auch auf dem Buchrücken war kein Name zu erkennen. Jetzt fröstelte es Angelina tatsächlich.
Langsam nahm sie das Buch fester in ihre Hand und setzte sich auf einen der Stühle in ihrer Nähe. Bis jetzt hatte sie gestanden. Sie legte das Buch auf den Tisch und begann, die erste Seite zu öffnen. Es war beinahe, wie ein innerer Zwang.
Was sie las, faszinierte sie und hielt sie in seinem Bann:

“Es war einmal ein Land namens Alisaria, wunderschön und kraftvoll, voller Licht und Glück.” Wieder kam es Angelina so vor, als ob sie die Vögel singen und die Natur in sich hören und spüren konnte, doch sie las weiter: “Doch es sollte nicht lange so bleiben: Eines Tages durchschritten die Wächter eines der dunkelsten Kreaturen die Welt und zerstörten alles, was ihnen in den Weg geriet. Sie machten aus Alisaria ein dunkles Land, ein Schattenland, in dem nur noch Angst und Schrecken regierten…”

Angelina fröstelte es. Sie fühlte plötzlich, wie die Bäume, das Licht und alles, was sie vorhin so schön und faszinierend gefunden hatte, verschwand und stattdessen alles schwarz wurde. Bedrückend dunkel und schwarz… Angelina keuchte. Sie hatte beinahe das Gefühl, zu ersticken!
Dann war der Augenblick vorüber. Sie hatte sich an die Tischkannte gekrallt und ihr Blick war starr geradeaus gerichtet. Ihr Tischnachbar hatte kurz von seinem Buch aufgeschaut und fragte leise: “Ist alles in Ordnung mit dir?” Sie nickte nur. Eigentlich war gar nichts in Ordnung, doch wie sollte sie das erklären, noch dazu jemand fremdem? Der Mann schüttelte den Kopf, fragte jedoch nicht weiter und las wieder in seinem Buch. Auch Angelina begann erneut, weiter zu lesen, wenn auch mit deutlich schlechterem Gefühl im Magen.

Dieses Mal waren es jedoch keine Buchstaben, die sie sah, sondern sie sah eine Zeichnung. Diese war auf der nächsten Seite abgebildet, und Angelina war sofort klar, dass es ebenfalls Alisaria war, doch es sah völlig anders aus als auf dem Einband. Die Zeichnung war in schwarz-weiß gehalten und die Wälder wirkten bedrohlich. Es war kein Grün mehr zu sehen, sondern nur noch Schatten und Schwärze.
Angelina hörte keine Vogelstimmen mehr, das Flussrauschen war nicht mehr zu hören, stattdessen meinte sie, so etwas wie ein Grummeln wahrzunehmen.. Wieder musste sie schlucken. Dieses Grummeln klang extrem bedrohlich; Angelina bekam Angst. Was war das um Himmels Willen? Wieder musste sie sich zusammen reißen und sich selbst erneut klar machen, dass dies nur ein Buch war, verdammt!

Dennoch schien es ein sehr, sehr mitreißendes Buch zu sein… Sie liebte ja Phantasie- und durchaus auch düstere Romane dieser Art, aber dieses hier war selbst ihr ein bisschen zu düster… Wieder dachte sie daran, es wegzulegen, doch etwas hielt sie erneut davon ab. Sie sah sich den Titel der Zeichnung an, der darüber geschrieben stand: “Die Schattenwelt”.. Ja, der Titel passte zu dem, was sie gesehen - und gespürt - hatte! Ja, Angelina musste sich eingestehen, dass sie sehr viel gespürt hatte, und das war keine Einbildung gewesen. Es war genauso wie bei der Ansicht des Einbandes gewesen: Genauso intensiv, nur, dass es dieses Mal furchtbare Ängste und schreckliche Gefühle in ihr ausgelöst hatte. Doch wie konnte das sein?

Langsam las sie weiter, auch wenn sie Angst vor dem hatte, was noch auf sie zukommen sollte. Nach der Zeichnung, die jetzt nicht mehr eine ganz so schmerzhafte Wirkung auf sie hatte, ging es mit dem Text weiter: “Der Herrscher unterjochte alles und jeden. Er mordete, folterte und hielt sich Gefangene. Hinrichtungen sollte das Volk, was er nicht abgeschlachtet hatte, noch gefügiger machen. Und es entstanden Kreaturen im Land, die es zuvor nie gegeben hatte: Werwölfe, Gargoles und anderes unaussprechliches Getier. Auch Gestaltwandler, die die Gestalt von Menschen annahmen, um sie zu täuschen und dem Herrscher vor die Füße zu werfen…
Doch genauso, wie es diese furchtbaren Kreaturen gab, so entstanden schließlich auch welche, die diese bekämpfen wollten. Solche, die sich zum Ziel gesetzt hatten, die Schattenwelt zu bekämpfen und ihren Herrscher zu bekämpfen - um die alte Welt wieder herzustellen: Alisaria. So, wie sie es kannten und liebten. Und diese Wesen gingen zu den alten Quellen der Weisheit, die lange vor der Zeit bereits existierten, und befragten diese, was zu tun war. Der Weg war schwer, und so mancher von ihnen verlor dabei sein Leben. Doch es gelang einigen dennoch, die Quellen der Weisheit zu befragen und so hörten sie das erste Mal von der alten Prophezeiung, die ihnen sagte, wie der Herrscher bekämpft und das alte Land wieder aufgebaut werden sollte…”

Angelina erstarrte erneut. Die Prophezeiung? Das war das nächste, was sie in ihrem “Tagebuch” gelesen hatte.
Mittlerweile war sich Angelina allerdings nicht mehr sicher, ob es tatsächlich ein “Tagebuch” war, was sie von ihren Eltern bekommen hatte.. Doch das würde warten müssen. Jetzt war sie langsam doch ein wenig neugierig geworden. Das konnte doch kein Zufall mehr sein… Dennoch fiel ihr wieder ein, was sonst noch dort gestanden hatte: Das mit ihrer “Schwester”.. Das war das letzte Geheimnis, was noch gelüftet werden musste! Sie hatte doch gar keine Schwester, verdammt noch mal! Und sie stammte doch nicht aus irgend einer Phantasiewelt! Das war doch immer noch Schwachsinn - oder etwa nicht??

So langsam drehte sich bei Angelina alles in ihrem Kopf und sie wusste nicht mehr ein noch aus. Sollte sie weiter lesen?  Wollte sie die Wahrheit überhaupt wissen? Wollte sie den genauen Wortlaut dieser Prophezeiung überhaupt kennen? Sie wusste es nicht mehr. Auf der einen Seite nicht - aber auf der anderen Seite schon… Schließlich blätterte sie erneut um - und begann, weiter zu lesen:

“Die Quellen der Weisheit sprachen zu ihnen:
“Nacht ist es um Alisaria. Die alte Welt zerfällt in Schatten; doch es wird einen Tag geben, an dem das Schicksal sich erfüllen wird - aus der Hand zweier Kinder, die gleichen Ursprungs sind. Diese Mädchen werden sich treffen um gemeinsam den Herrscher zu bekämpfen. Sie sind gleichen Blutes, doch sie sind einander unbekannt. Das Schicksal wird sie zusammen führen; und nur, wenn es ihnen gelingt, zusammen gleich zu sein, wird das Licht über die Schatten siegen. Wenn nicht, wird Alisaria für immer im Schatten untergehen. Es werden Kräfte freigesetzt, die sie für den Kampf nutzen können - oder dafür, die Welt im Chaos versinken zu lassen.. Es liegt an ihnen, ihre Kraft zum Guten zu verwenden. Wofür auch immer sie, und ihre Verbündeten, sich entscheiden, es richtet unsere Zukunft…””

Die Seite war zu Ende. Um ehrlich zu sein war Angelina noch verwirrter als zuvor. Sie musste die Seite noch einmal lesen, und doch begriff sie gar nichts. Was bedeutete das? Zwei Mädchen, die geboren waren um diesen Herrscher zu bekämpfen? Dann dieses Gefasel von “Kräften”.. Was für Kräfte? Magische Fähigkeiten? Sie hatte keine solchen Fähigkeiten, das war doch alles Unsinn; ausgedacht von irgend einem unbekannten Autor, der nicht mal namentlich genannt werden wollte! Wieder war Angelina nahe dran, das Buch in die Ecke zurück zu stellen, aus der sie es geholt hatte und dann einfach zu verschwinden, doch wieder hielt sie etwas davon ab. Und dann riss sie sich erneut zusammen und blätterte die nächste Seite um… -

Und nun erstarrte sie vollkommen. Mit dem, was sie nun sah, hatte sie überhaupt nicht gerechnet und es haute sie sprichwörtlich aus den Socken: Sie sah erneut eine Zeichnung, wieder in Schwarz-Weiß, doch dieses Mal war das, was sie dort sehen konnte, zumindest zuerst, nicht bedrohlich.
Sie sah eine kleine Hütte, spärlich eingerichtet und dennoch hatte Angelina bei ihrem Anblick ein angenehmes Gefühl. Auch, wenn sie es sich - mal wieder - nicht erklären konnte. Sie hatte irgendwie das Gefühl, diese Hütte zu kennen, in ihr heimisch zu sein… Doch sie kannte diesen Ort definitiv nicht!
Was sie noch erkennen konnte, waren Personen; eine Frau lag auf einem Strohbett und zwei Frauen waren an ihrer Seite. Es war beinahe so, als ob sie einer Geburt beiwohnen würde.. Sie sah noch einen Mann an der Seite des Bettes stehen - und irgendwie kamen ihr sowohl der Mann als auch die Frau so merkwürdig vertraut vor, obwohl sie diese ebenfalls noch nie gesehen hatte…

Angelinas Blick wich nicht mehr von dem Bild und plötzlich schien es ihr so, als würde es sich bewegen! Dass auch dies unmöglich war, missachtete sie vorerst. Gebannt starrte sie auf das Bild, das begann, ihr haarklein und detailgetreu die Geschehnisse ihrer Geburt, und der ihrer Schwester, in dieser Nacht aufzuzeigen. Sie sah, wie die Frau auf dem Bett zwei Kinder gebar, wie sie diese noch liebevoll streichelte und sie an ihr trinken ließ - und sie hörte in ihrem Kopf, wie sie ihnen ihre Namen gab: “Ava” und “Angel”…

“Angel”, hauchte sie… Sie hatte keine Ahnung wieso, aber plötzlich wusste sie, dass alles der Realität entsprach, was sie dort sah und bis jetzt gelesen hatte: Das Land, beziehungsweise diese fremde Welt, Alisaria, das zur Schattenwelt geworden war, der dunkle Herrscher, die Prophezeiung - und schließlich sie und ihre Schwester; ihr Name war Ava… Das alles war Wirklichkeit! Sie war nicht in der Lage, ihre Augen von der Zeichnung zu nehmen, die ihr immer weitere, furchtbare Details der damaligen Geschehnisse aufzeigte. Die Häscher, die kamen um sie zu töten; Angelina - Angel - musste schlucken, als sie die furchtbaren Kreaturen sah, die vor ihrer Tür standen.
Werwölfe, wie sie sie nur aus Horrorfilmen kannte… Zuvor hatte sie ihre Mutter - sie wusste nun, dass es sich hierbei um ihre wahren Eltern handelte - ihrem Vater in die Hand gedrückt, und dieser war durch die Tür verschwunden, bevor die Häscher und die Monster kamen.. Wohin wusste Angel nicht, doch da sie in der Menschenwelt aufgewachsen war, musste es ihm wohl irgendwie gelungen sein, sie dorthin zu bringen.. Doch wieso war er nicht mitgekommen? Wieso hatte er sie bei fremden Leuten gelassen?

Doch sie kam nicht mehr dazu weiter darüber nachzudenken, beziehungsweise sie schob diese Gedanken nach hinten.
Das Bild veränderte sich weiter, und sie sah mit Schaudern die Szene, in der eine der Ammen, um die es sich wohl handelte, von ihrer Mutter das andere Baby - ihre Schwester, wie sie sich in Erinnerung rufen musste - in die Hand gedrückt bekam und versuchte, zu fliehen, die zweite an ihrer Seite.

Mit absolutem Erschrecken sah Angel, wie ihre Mutter sich gegen die Häscher warf; sie konnte nur Bilder sehen, keine Worte hören, doch es reichte schon. Sie sah, wie ihre Mutter, die sie nie kennen gelernt hatte und nie kennen lernen würde, getötet wurde, und ihr wurde schlecht. Tränen traten ihr in die Augen, und es war beinahe so, als wäre sie selbst dabei; dennoch war es sogar erleichternd, dass sie kaum noch etwas sah, denn die nächste Szene war noch schlimmer: Sie konnte sehen, wie die eine der beiden Frauen, die vor den Werwölfen standen, sich vor diese warf, und von ihnen zerfleischt wurde.. Die andere zögerte kurz, dann rannte sie mit dem Baby im Arm davon… Wohin wusste Angel nicht, denn nun war das laufende Bild zu Ende. Sie wurde wieder zur einfachen schwarz-weißen Zeichnung, die diese Endszene aufzeigte.

Angel hatte genug. Ihr war schlecht. Tränen standen ihr in den Augen und sie wusste nicht, wie lange sie überhaupt schon hier in der Bibliothek verbracht hatte. Sie hatte völlig ihr Gefühl Zeit und Raum verloren.

Dann riss sie sich zusammen und klappte das Buch zu. Für ihren Geschmack hatte sie viel zu viel erfahren. Sie glaubte nun, dass es der Wahrheit entsprach, was sie gelesen und erfahren hatte, nein, sie glaubte es nicht nur, sie wusste es! Doch momentan war es einfach zu viel für sie. Abgesehen davon hatte sie keine Ahnung, was sie nun tun sollte. Wie sollte es nun weiter gehen? Ob ihr das Buch dies auch mitteilen würde? Doch sie war nicht mehr in der Lage, es noch einmal aufzuschlagen. Die Nachricht, dass sie aus einer anderen Welt kam, schockte sie mehr, als alles andere. Ihre ganze Vergangenheit, ihre Eltern - die, die sie jahrelang, ja Zeit ihres bisherigen Lebens, für ihre Eltern gehalten hatten, waren es nicht! Alles war eine Lüge gewesen.. Doch wie war sie überhaupt hier herein geraten? Wie hatte ihr Vater sie hierher bringen können und wieso hatte er sie alleine gelassen?

Diese Fragen spukten ihr im Kopf herum, und Angel ahnte, dass sie eventuell nur das Buch erneut aufschlagen musste, um mehr zu erfahren - doch sie hatte erst einmal definitiv genug! Dennoch wusste sie instinktiv, dass sie das Buch nicht hier lassen konnte. Sie brauchte es. Auch, wenn sie jetzt nicht weiter lesen konnte, ahnte sie, dass dort noch mehr Wahrheiten stehen würden, die sie wissen musste! Und so sah sie sich hektisch um. Der Mann, der ihr bis jetzt gegenüber gesessen hatte, und einmal nachgefragt hatte, ob es ihr gut ginge, war fort - sie hatte gar nicht gemerkt, dass er fort gegangen war, geschweige denn, wann - und sonst war es auch recht ruhig geworden. Was vermutlich daran lag, dass es Sonntag war..

Angel wurde mulmig, als sie daran dachte, was sie nun im Begriff war zu tun. Normalerweise war sie ein ehrlicher Mensch und hatte nie etwas verbotenes getan, doch dieses Mal würde sie eine Ausnahme machen. Sie hätte das Buch zwar ausleihen können, aber dann wurde sie registriert - und sie musste es zurück geben. Sie wollte es behalten! Sie brauchte das Buch! Und so gab es nur eine Art, daran zu kommen: Sie musste es stehlen! Als sie sich erneut davon überzeugt hatte, dass niemand in ihrer Nähe war, der sie beobachtete, steckte sie das Buch in ihren Mantel und lief so schnell und dennoch unauffällig wie möglich zur Tür. Sie rechnete beinahe damit, dass jemand sie aufhalten würde und hatte das Gefühl, dass alle hier sie anstarren würden, doch es geschah nichts dergleichen. Schließlich erreichte sie die Tür, und verschwand nach draußen…

Auch hier hielt sie keiner auf. Es war so einfach gewesen.. Sie hatte tatsächlich etwas gestohlen! Angel konnte es selbst kaum glauben. War sie wirklich so abgebrüht gewesen? Jetzt wo sie draußen war, konnte sie beinahe nicht fassen, dass sie so einen Mist glauben konnte… Da waren sie wieder, die Zweifel…
Angel wusste nicht, was sie jetzt tun sollte. Um das Buch zurück zu bringen war es jetzt zu spät. Das konnte sie nicht mehr, ohne sich in Schwierigkeiten zu bringen. Nein, anscheinend hatte es niemand bemerkt, was sie getan hatte, doch es würde nicht allzu lange dauern, bis jemand bemerken würde, dass das Buch fehlte. Ob es in der Bibliothek Kameras gab? Und wenn, auch in der Ecke, in der sie gesessen hatte?  Wenn ja, dann würde man früher oder später auf sie stoßen, denn unbekannt war sie dort nicht, so oft wie sie dort auftauchte…

Doch Angel musste sich jetzt auf etwas anderes konzentrieren.
Sie überlegte, was sie als nächstes tun sollte: Sollte sie nach Hause fahren und weiter in dem Buch lesen? Doch, was hieß jetzt “nach Hause” - es war nicht ihr “zu Hause”; das war es nie gewesen… Wieder wurde Angel traurig, als sie darüber nachdachte. Nein, zuerst zog sie nichts dorthin; außer vielleicht, dass ihr plötzlich ihr Tagebuch wieder einfiel. Es hatte sie direkt beim ersten Ansehen in seinen Bann gezogen, und nun wusste sie auch, weshalb. Sie hatte keine Ahnung, woher ihre “Eltern” - oder die, die sie all die Jahre für ihre Eltern gehalten hatte - dieses “Tagebuch” hatten, aber es stand in Verbindung mit ihr und ihrer Vergangenheit. Und vielleicht sogar mit diesem Buch, das sie nun gestohlen hatte?

Sie musste zurück und auch das Tagebuch mitnehmen, doch wohin? Sie wusste es immer noch nicht! Dann fiel ihr wieder ihre beste Freundin ein. Bevor sie zurück in ihr bisheriges Heim fahren würde, würde sie ihr einen Besuch abstatten. Wenn ihr jemand diese phantastische, unglaubliche, wahnsinnige Story glauben würde, dann am ehesten Taliya - sofern sie zu Hause war…
Angel hoffte es inständig, als sie sich schließlich auf den Weg zu ihr machte…

About Me

Christal, 31
Traumland