25. Überfall
Während das Unheil sich über der Lichtung zusammen braute, und keines der Mädchen oder der Feen eine Ahnung davon hatte, saßen die Mädchen immer noch zusammen und beratschlagten sich, was sie nun tun sollten. Sie hatten gut gegessen, waren satt und momentan sogar recht glücklich - soweit sie tatsächlich in Anbetracht ihrer Situation glücklich sein konnten. Aber jeder von ihnen war klar, dass dies nicht mehr lange so andauern würde. Ihnen musste so schnell wie möglich etwas einfallen, wie es nun weiter gehen sollte: Was mussten sie als nächstes unternehmen? Sie konnten nicht ewig hier bleiben und die Rettung Alisarias musste nun auch irgendwie in Angriff genommen werden…
Schließlich war Taliya diejenige, die aussprach, was die anderen ebenfalls dachten: "Und was denkt ihr, sollen wir jetzt tun?" Die anderen blickten sie an und schüttelten die Köpfe; keine von ihnen hatte eine Ahnung, wie es nun weiter gehen sollte.
Doch dann kam Faelia zu ihnen. Sie kniete sich zu ihnen: "Nun, es gibt etwas, was ihr tun könnt: sehr weit von hier, liegen die Quellen der Weisheit. Geht dorthin und fragt diese nach eurem weiteren Weg. Sie werden es euch sagen."
Kida schaute erstaunt auf. Ja, die Quellen der Weisheit! Die hatte sie ehrlich gesagt vollkommen vergessen... Sie erinnerte sich, wie sie vor gefühlten ewigen Zeiten hinter Moira und Ava hergelaufen war, als diese sich auf den Weg zu den Quellen gemacht hatten - doch gesehen hatte sie die Quellen nie, denn beide mussten durch einen See und hatten einen Wasserfall durchquert, was für sie ein Ding der Unmöglichkeit gewesen war. Sie schauderte immer noch, als sie daran dachte. Hoffentlich gab es einen anderen Weg, dorthin zu gelangen; zumal sie den Weg ohnehin nicht mehr finden würde, zumindest nicht von hier aus.
Angel sah Faelia an. "Die Quellen der Weisheit?" fragte sie. Sie wusste zwar nicht, was das genau war, aber es kam ihr irgendwie bekannt vor. So ähnlich wie ihre Bücher, die sie jetzt an den dunklen Lord verloren hatte? Sie fröstelte, als sie daran dachte. Diese Bücher waren alles, was ihnen bis jetzt geholfen hatte, doch sie besaß sie jetzt nicht mehr. ER hatte sie ihr gestohlen; zusammen mit allem anderen, was sie von zu Hause mitgenommen hatte. Ihrem früheren Zuhause...
Angel musste sich zusammen reißen. Sie hatten die Bücher nicht mehr, also musste es eine andere Lösung geben. Und anscheinend gab es nun auch hier einen Ort, der ihnen, wie vorab die Bücher, die Zukunft aufzeigen würde. Und ihnen einen Weg weisen konnte, wie es für sie weiter gehen würde.
"Wie kommen wir zu diesen Quellen?" fragte sie erneut und Faelia schaute zu Taliya herüber. "Nun, ich denke, ihr wisst, wie ihr es dorthin schafft. Ihr habt es schon einmal geschafft, nicht wahr?" Taliya verstand die Fee und nickte. "Also gut, Mädels, ich denke, es wird Zeit, dass wir weiter ziehen. Wir müssen also als nächstes zu diesen Quellen, und dann sehen wir weiter, was die uns so erzählen werden. Ich hoffe nur, dass die wissen, was als nächstes zu tun ist... Also, kommt ihr?" fragte sie in die Runde und stellte sich erwartungsvoll hin.
Zuerst kam Yuna. Sie hatte langsam erneut so etwas wie Abenteuerlust und wollte weiter ziehen. Und sie hatte einen Rucksack bei sich, in dem sie die von ihr gesammelten Kräuter und andere Utensilien mit sich trug, die sie aus dem Wald gesammelt hatte. Sie lächelte. Ihr Wissen hatte sich mehr als verdoppelt, und sie war sich sicher, dass es für ihre Heilkenntnisse mehr als hilfreich sein würde.
Nach Yuna kam Kida. Sie hoffte inständig, dass sie nicht gezwungen sein würde, durch das Wasser um die Quellen herum laufen zu müssen. Sie war nie in dem Berg gewesen, in denen sich die Quellen befanden und wusste von daher nicht, wie weit sie noch bis dahin zu laufen hatten, und wo sie Taliyas Fähigkeit absetzen würde.. Trotzdem war ihr klar, dass sie die Mädchen nicht alleine lassen würde, was auch immer auf sie zukommen möge. Und wenn es bedeuten würde, dass sie durch Wasser schwimmen musste. Dennoch schüttelte es sie, bei diesem grausigen Gedanken...
Schließlich folgte als letztes Angel. Sie war traurig. Einmal, weil sie nun Una verlassen musste. Sie drehte sich noch einmal zu dem Einhorn um und dieses stand an einem Punkt der Lichtung, und sah zu ihnen allen herüber. Sein Blick war unergründlich, und Angel kam nicht umhin, sich Sorgen zu machen. Sie machte sich nur Sorgen. Sorgen um Una, Sorgen um die Feen, Sorgen um Marasi... Und sie sorgte sich sogar um Ava. Ja, sogar ihre Schwester ging ihr nicht aus dem Kopf, während sie sich schließlich ebenfalls zu ihren Freundinnen begab. Ihre Schwester war vom Bösen eingenommen worden, und noch konnte sie nichts daran ändern. Doch Angel nahm sich fest vor dass sie, wenn sie bei den Quellen der Weisheit angelangt waren, diese nach einem Weg fragen würde, wie sie ihre Schwester von diesem Bann befreien konnte. Es musste einen Weg geben!
Und so nahmen sie sich wieder alle bei den Händen und Taliya rief laut und deutlich aus, wohin es sie alle zusammen als nächstes verschlagen sollte: "Zu den Quellen der Weisheit!" - und wenige Sekunden später waren die Mädchen verschwunden.
Faelia und die anderen Feen, die hinzugekommen waren, schauten noch einige Sekunden auf die Stelle, an der die Mädchen kurz zuvor noch gestanden hatten. Das Lagerfeuer glühte noch und auch Una stand noch an ihrer Stelle. Sie alle hofften, dass die Mädchen es schaffen würden.
Zumal irgend etwas in der Luft lag, und das Einhorn spürte es. Doch noch konnte niemand wissen, was als nächstes auf sie zukommen würde. Weder die Feen noch Una sahen das Grauen nahen, und dennoch kam es mit großen Schritten näher...
Und zwar in Gestalt einer wunderschönen Elfe, die bereits mehr als die Hälfte des Weges hinter sich gebracht hatte. Sie war schnell und sie hatte die Wegbeschreibung in ihrem Kopf. Es würde nicht mehr lange dauern, dann war sie da. Und sie hatte bereits einen Plan, wie sie die Feen dazu bringen würde, ihr zu vertrauen. Wobei sie wusste, dass die Feen vielleicht nicht einmal das Schwierigste sein würde. Das Einhorn musste getäuscht werden. Sie hatte nach außen hin eine wunderschöne Gestalt, doch die Kreatur wusste, dass das Einhorn sich nicht so einfach täuschen lassen würde.
Sie konnte nur hoffen, dass ihr Trick, so wie sie ihn auszuführen gedachte, auch das Wesen täuschen würde. Und was war mit der Schwester ihrer Herrscherin? Dem Mädchen, das sie erschaffen hatte? Dem sie ihre Existenz verdankte? Ihre Meisterin hatte sie gewarnt, dass diese in der Lage sein könnte, ihre Aura zu erkennen. Doch darüber durfte sie jetzt nicht nachdenken. Wenn es sein musste, musste sie dieses Mädchen töten! Die Kreatur wusste, dass sie die Erlaubnis dazu hatte.
Also lief sie weiter - und nach weiteren Meilen hatte sie es schließlich geschafft. Die Kreatur war am Ziel angekommen, und kurz bevor sie sich zu erkennen geben wollte, fügte sie sich selber Verletzungen im Gesicht und an anderen Stellen ihres wunderschönen Körpers zu. Sie wusste, sie hatte nur wenige Augenblicke Zeit, doch sie war auch nur die Vorhut. Ihre Helfer folgten ihr bereits, die anderen Kreaturen des Lords und ihrer Meisterin. Sie war nur eine Ablenkung, um die Feen und das Einhorn in Sicherheit zu wiegen, so lange, bis diese da waren und es für sie alle keine Hoffnung mehr gab!
Und so geschah es. Die "Elfe" kroch die letzten Meilen auf allen Vieren und begann zu rufen. Sie bat um Hilfe, und dies so verzweifelt, dass niemand auch nur einen Zweifel daran haben konnte, dass es keine echten Schreie waren, die sie ausstieß.
Nach einigen Sekunden hörte sie es im Unterholz rascheln. Es kamen Wesen heraus, und die "Elfe" wusste, dass es die Feen waren. Sie konnte sie spüren.
In der Tat war Faelia die erste, die aus dem Wald hervor trat. Nachdem die Mädchen fort waren, hatten sie sich wieder ihren Aufgaben gewidmet. Sie mussten nun Pläne schmieden, was sie als nächstes tun sollten. Denn keine von ihnen hatte einen Ahnung, was die Quellen den Mädchen nun verraten würden und was für eine Aufgabe nun als nächstes auf sie wartete. Und ob sie zurück kommen würden.
Also mussten sie sich eine Aufgabe suchen, doch dies musste zuerst beratschlagt werden. Auch Una war wieder in den Schutz des Waldes zurück gegangen - bis sie alle einen erneuten Hilferuf hörten. Es klang nicht nach einem der Mädchen, und es hätte sie auch gewundert, denn sie waren ja von Taliya fort teleportiert worden. Dennoch klang es ernst, und Faelia wollte nachschauen, ob sie helfen konnte.
Sie sah eine Elfe, die langsam auf allen Vieren auf sie zugekrochen kam. Faelia lief auf sie zu. Feen und Elfen waren schon früher eng miteinander im Einklang gewesen und für sie war es so, als wäre eines ihrer eigenen Schützlinge verletzt...
Auch die anderen Feen kamen aus ihren Verstecken und schließlich sah die falsche Elfe auch das Einhorn aus dem Wald heraus lugen. Es stand noch weit entfernt, doch es beobachtete sie. Und es gab keinen Laut von sich, der darauf schließen ließ, dass es seine Hüterinnen warnen wollte.
Ja, sowohl die Feen als auch das Einhorn schienen auf sie herein zu fallen. Faelia ließ sich vor ihr nieder und legte eine Hand auf ihre Schulter: “Ihr seid verletzt. Kommt mit; Ihr werdet gepflegt. Wir haben Kräuter, die Euch helfen werden und Essen und Trinken. Habt keine Angst...”
Die “Elfe” musste sich beherrschen, um nicht loszulachen. Sie durfte - noch - kein Misstrauen aufkommen lassen. Noch waren die Kreaturen der Dunkelheit nicht bei ihr. Doch sie nahten, dass konnte sie fühlen.
Also tat sie wie ihr geheißen und ließ sich von Faelia und den anderen auf die Lichtung zu einem Feuer führen. Sie setzte sich und ließ es zu, dass sie ihr die frischen Wunden versorgten. Una stand immer noch da und blickte zu ihnen herüber. Sie rührte sich nicht; weder kam sie näher, wie bei Angel, noch machte sie Anstalten zu fliehen.
Faelia blickte zu ihr hinüber. Sie versuchte heraus zu bekommen, ob Una in irgend einer Weise misstrauisch sein würde, doch dies schien nicht der Fall zu sein. Dass das Einhorn nicht zu der fremden Elfe kam, war relativ normal. Es war nicht normal gewesen, dass Una Angels Berührungen zugelassen hatte, und das würde sicherlich nicht bei jedem Gast geschehen. Angel war etwas Besonderes gewesen.
Doch die Tatsache, dass das Einhorn jetzt dort stand und sie einfach nur ansah, war für die Feen Zeichen genug, dass sie der Elfe vertrauen konnten.
Und so tappten sie dem Bösen genau in die Falle...
Es dauerte nicht mehr allzu lange, dann geschah es. Plötzlich wurde Una nervös. Sie begann zu tänzeln. Faelia stand auf. Etwas war nicht in Ordnung! Auch sie und die anderen konnten es spüren. Jemand kam! Die fremde “Elfe” außer acht lassend, stellten sie sich in Positur. Niemand von ihnen dachte daran, dass diese ein Wesen des Feindes sein könnte, und so umstellten sie das potentielle Opfer, um sie zu schützen. Doch ihre Augen waren für den Moment weder auf Una, noch auf die “Elfe” gerichtet, sondern sie alle standen im Kreis um sie herum, mit Blick auf den Ort, aus dem sie den Feind spürten.
Doch der Feind war schon genau in ihrer Mitte.
Plötzlich ging alles ganz schnell. Avas Kreaturen und die des dunklen Lords waren angekommen. Sie fielen ohne weitere Vorwarnung direkt über die Lichtung her - und sie töteten ohne Gnade. Keiner der Feen hatte eine Chance. Die Biester, die in jeder erdenklichen Gestalt auf sie zukamen, zerfleischten alles, was ihnen in die Quere kam - auch, wenn die Feen bis zum letzten Atemzug alles daran setzten, ihre Lichtung - und vor allem Una zu verteidigen. Doch es war umsonst...
Während des Angriffs war die “Elfe” zu dem Einhorn gegangen und hatte sich neben sie gestellt. Merkwürdigerweise wehrte sich Una nicht, als diese sich neben sie stellte. Sie blickte das Wesen der Dunkelheit an, und es war diesem beinahe, als wüsste es, was es bezweckte, und wer es war. Doch wieso floh es dann nicht? Doch im Grunde war es der falschen Elfe egal. Sie drängte Una in eine Ecke, aus der es für das Einhorn kein Entrinnen mehr gab - und dann kam aus einem Hinterhalt der dunkle Lord! Ja, er war höchstselbst erschienen und neben ihm lief Ava.
Sie lächelte, als sie das Massaker um sich herum erblickte. Es machte ihr Freude, die zerfleischten Leiber der Feen zu sehen. Es gab zwar noch einige, die noch nicht tot waren, doch sie wusste, dass es nicht lange dauern würde, bis auch diese tot sein würden.
Schließlich war der Lord bei Una angekommen. Er blieb einige Meter vor dem Einhorn stehen. Dessen Anblick widerte ihn an. Es blendete ihn, und auch, wenn er es nicht gerne zugab, er konnte eine bestimmte Grenze nicht überschreiten. Deswegen sagte er mit rauer Stimme zu Ava: “Geh zu ihm! Hol es her und ritze ihm mein Zeichen in sein Fleisch!” Auch, wenn Ava dies Zeichen zuvor noch nie gesehen hatte, so wusste sie, was er meinte. Sie holte ihr Wurfmesser heraus und hielt es am Griff fest - dann lief sie zu ihm.
Una stand immer noch da und rührte sich nicht einen Zentimeter von der Stelle. Es wäre ein leichtes für sie gewesen, bereits vorab zu fliehen, spätestens, als sie die Feinde gespürt hatte. Ava war sich sicher, dass sie mittlerweile mitbekommen haben musste, dass die “Elfe” eine Kreatur der Dunkelheit war. Doch sie war nicht geflohen. Und nun blickte sie zu ihr. Sie blickte Ava direkt in die Augen und diese bemerkte ein merkwürdiges Kribbeln, das durch ihren Körper fuhr.. Doch sie riss sich zusammen. Sie spürte ebenfalls die Blicke des Lords auf sich, der sie beobachtete, und so schloss sie die Augen und stach das Messer in die Seitenflanken des Einhorns. Sie hörte sein Wiehern. Es schrie vor Schmerz auf und hob sich - dann fiel es herab. Es brach vor Avas Augen zusammen - doch es war nicht tot, dass konnte sie spüren. Es lebte noch, doch es war nicht mehr in der Lage, sich zu rühren. Ava war noch nicht fertig. Sie begann langsam, Linien in den Körper des Einhorns zu ritzen, so, wie sie es bei Yuna getan hatte; ebenfalls ohne zu wissen, was diese Zeichen genau bedeuteten. Doch es war ihr auch egal. Sie tat es einfach. Und sie fühlte sich gut dabei.
Als sie fertig war, ließ sie es los und wich mehrere Schritte zurück. Sie begutachtete ihr Werk - und war zufrieden, beinahe schon stolz. Dann hörte sie die Stimme des Lords: “Nimm das Einhorn und bring es zurück. Sag deinem Wesen, dass es dir helfen soll! Ich will es in meinem Kerker sehen!” Ava nickte. Dann blickte sie sich um und sah die leblosen Körper der Feen um sich herum: “Und was ist mit ihnen?” fragte sie noch. Der Lord drehte sich noch einmal zu ihr um und antwortetet: “Die meisten leben nicht mehr! Und die paar, die es noch tun, werden nicht mehr lange genug leben um Hilfe herbei zu rufen. Lass sie hier! Ich habe, was ich wollte! Und nun komm!” Und damit ging er voran. Ava und ihre Kreatur, die als Vorhut und Falle gedient hatte, nahmen zusammen Una auf und trugen sie hinter ihm her. Die anderen Kreaturen verschwanden heulend im Dunkel...

