36. Menschenwelt

In der Menschenwelt waren mittlerweile zwei Tage vergangen, in denen Grace und John Harding die schlimmste Zeit ihres Lebens verbracht hatten. Nachdem sie sich mit Taliyas Eltern, den Margets, zusammen gesetzt und über Angels und Taliyas mysteriöses Verschwinden gerätselt hatten, waren sie zu dem Entschluss gekommen, dass sie die Polizei einschalten mussten. Keiner von ihnen konnte sich erklären, weshalb die Mädchen einfach so verschwunden waren. Sicherlich war sich Grace darüber im Klaren, dass es ein Schock für Angelina - Angel, wie diese ja ab nun genannt werden wollte - gewesen sein musste, zu erfahren, dass sie adoptiert worden war.
Dennoch konnte das doch nicht der einzige Grund dafür gewesen sein, einfach so, ohne ein Wort, ganz von der Bildfläche zu verschwinden. Einfach so abzuhauen. Noch dazu mit Taliya zusammen. Was hatte denn ihre beste Freundin damit zu tun? Oder war es sogar Taliyas Idee gewesen?
Als sie dies deren Eltern mitteilten, wären diese ihnen beinahe an den Hals gesprungen. Auch sie machten sich Sorgen um ihre Tochter; und auch, wenn sie wussten, dass diese manchmal etwas verrückt, unüberlegt und naiv handelte, einfach nach Gefühl und aus dem Bauch heraus, so wussten sie trotzdem, dass sie niemals einfach so verschwinden würde. Dafür gab es bei ihr auch überhaupt keinen Grund!
Und so kamen sie schließlich zu der Übereinkunft, dass sie die Polizei einschalten mussten, nachdem sie alle weiteren Freundinnen, die sie aus der Schule kannten, kontaktiert und sich davon überzeugt hatten, dass die Mädchen auch nicht bei ihnen waren. Andere Orte, an denen sie sich aufhalten könnten fielen ihnen nicht ein, und schließlich hatten sie jeweils eine Vermisstenanzeige für Angel und für Taliya aufgegeben. Zuerst versuchten die Beamten ihnen zwar einzureden, dass es noch zu früh war, und sie noch mindestens 24 Stunden warten müssten, doch John und Taliyas Vater hatten so einen Aufstand gemacht, dass diese sich schließlich dazu bereit erklärt hatten, die Anzeige aufzunehmen.

Und nun waren zwei Tage vergangen, in denen sie absolut nichts von den Mädchen gehört hatten und vor allem Grace wurde schier wahnsinnig vor Angst. Doch auch John hatte in der Zeit einige graue Haare mehr bekommen und sorgte sich um seine Tochter; dennoch versuchte er ruhiger zu sein als seine Frau, um ihr eine Stütze sein zu können. Er versuchte, sie zu beruhigen, doch mittlerweile wusste auch er nicht mehr, was er sagen sollte.
Er wusste nicht einmal mehr, ob er seinen eigenen Worten noch trauen konnte, wie sollte er da von seiner Frau erwarten, dass sie ihm glaubte? Er konnte es nicht. Er konnte sie nur in den Arm nehmen und selbst das ließ sie nicht immer zu. Immer häufiger zog sie sich in ihr Schlafzimmer zurück, während er im Wohnzimmer vor sich hin brütete. Oder es war anders herum und er ging vor ihr schlafen - während sie noch im Wohnzimmer saß und still weinte.
Ja, er hörte sie weinen, doch er wusste, dass er ihr nicht helfen konnte. Beide waren fertig mit den Nerven und die einzige, die sie aus diesem beinahe hoffnungslosen Zustand heraus holen konnte, war Angel! Doch keiner von ihnen wusste, ob sie ihre Tochter jemals wieder sehen würden. Taliyas Eltern erging es nicht anders.

Währenddessen tauchten Taliya und Ava in der Seitengasse auf, in der einst Yuna das Tor geöffnet hatte und sie zusammen mit Angel in die Schattenwelt gelant waren.
Dieses Mal brauchten sie das Tor nicht. Taliya hatte es geschafft, sie direkt in die Menschenwelt zu teleportieren. Ava war tatsächlich beeindruckt, doch sie behielt es natürlich für sich. Taliya selbst war, gelinde gesagt, erstaunt, auch sie hatte vorher nicht gewusst, ob sie es überhaupt schaffen würde. Doch so wie es aussah, hatte sie es geschafft. Auch ihre Kräfte schienen stark angewachsen zu sein. Sie war stolz auf sich, doch sie versuchte, es nicht zu zeigen. Ava hatte ebenfalls einen sehr ausdruckslosen Gesichtsausdruck und so schwiegen die Mädchen, die nie wirkliche Freundinnen gewesen waren, eher das Gegenteil, wenn sie ehrlich zu sich selbst waren, und sahen sich erst einmal in der Seitengasse um. Sie war in der Tat sehr ruhig, es war niemand außer ihnen zu sehen. Ava spürte die Präsenz des Tores und wenn sie ehrlich zu sich selbst war, würde sie am liebsten durch eben dieses wieder zurück gehen. Doch sie wusste um ihre Aufgabe, und sie würde diese ausführen, um ihre Schwester zu retten.
Nachdem sie sich überzeugt hatten, dass niemand in der Nähe war, lief Taliya voraus und Ava folgte ihr. Sie fühlte sich unwohl in der fremden Umgebung, und hoffte darauf, dass es schnell gehen sollte. Nicht nur, weil sie sich um Angel sorgte, sondern weil sie hier weg wollte. Das war nicht ihre Welt, und auch, wenn ihre Welt dunkel und gefährlich war, so war es dennoch ihre Welt, in die sie gehörte.

Doch dann zwang sie sich, an etwas anderes zu denken und folgte Taliya, die so schnell sie nur konnte, zurück zu Angels Eltern lief. Zu John und Grace Harding, die sich nichts sehnlicher wünschten, als endlich ihre Tochter wieder zu haben. Taliyas Herz klopfte bis zum Hals, nicht nur, weil sie mittlerweile rannten, sondern weil sie Angst vor deren Reaktion hatte. Wie würden Angels Eltern wohl auf ihre Geschichte reagieren? Würden sie ihr überhaupt glauben? Die Tatsache, dass sie Ava mitbrachte, würde es vielleicht einfacher für sie machen; aber nur vielleicht! Ava sah Angel extrem ähnlich - aber genau darin könnte auch eine Gefahr liegen. Taliya wusste, dass Angels Eltern nicht gerade an Märchen und Mythen glaubten... Eventuell würden sie Ava tatsächlich für Angel halten? Und was sollten sie tun, wenn sie ihnen nicht glaubten? Taliya befürchtete beinahe, dass dies der Fall sein würde. Doch dann versuchte sie, die Gedanken zu vertreiben und rannte weiter. Es war nur noch ein kleiner Weg von der Seitengasse bis zum Haus der Hardings - und es würde nicht mehr lange dauern, bis sie da waren...

Grace stand, wie bereits des Öfteren in den letzten zwei Tagen, am Küchenfenster und starrte nach draußen. John hatte es sich abgewöhnt, seine Frau davon abhalten zu wollen, es hatte keinen Sinn. Sie war kaum noch ansprechbar, und er bemerkte mit Sorge, dass sie angefangen hatte, Beruhigungstabletten zu nehmen. Doch er konnte nichts tun. Was sollte er auch sagen? Er wusste ja selber nicht, ob sie ihre Tochter jemals wieder sehen würden, also konnte er es ihr wohl kaum versprechen. Zudem sie es ihm auch nicht mehr glauben würde...
Plötzlich hörte er einen Aufschrei von Grace, die ihn rief. Ihre Stimme klang aufgeregt, und er sprang von seinem Sessel auf. Grace kam auf ihn zugelaufen und schrie: "Sie kommen! Angelina und Taliya! Sie kommen zurück!!" Sie war beinahe hysterisch, und John dachte schon, dass sie jetzt völlig den Verstand verloren hatte, doch Grace machte auf dem Absatz kehrt und öffnete die Tür. Wenige Sekunden später standen tatsächlich die lang vermissten Mädchen vor ihnen...

Taliya wusste immer noch nicht, was sie sagen sollte. Sie hatte sich die ganze Zeit etwas überlegt, wenn sie schließlich bei den Hardings ankamen und sie klingeln wollte - doch sie kam gar nicht mehr dazu, zu klingeln. Gerade, als sie vor der Tür ankam, Ava war dicht hinter ihr, öffnete diese sich beinahe von alleine - und Grace Harding, Angels Mutter in dieser Welt, stand im Türrahmen und starrte sie an. Ihr Vater war direkt hinter ihr und er sah ebenfalls aus, als könnte er nicht glauben, dass sie beide wirklich da waren.
"Taliya.. Angelina.. Wo, wo wart ihr nur?? Was habt ihr euch nur gedacht... Oh mein Gott, ihr seid wieder da..." Grace stammelte nur noch und dann schob sie sich an Taliya vorbei und zog Ava an sich, die stocksteif da stand und eigentlich einfach nur ihre Ruhe haben wollte. Doch vorerst verlief es anders. Grace presste ihre vermeintliche Tochter an sich und küsste sie, Tränen liefen ihr die Wangen herunter. Sie konnte nicht anders. Taliya wusste nicht, was sie sagen sollte; sie konnte sich denken, dass dies alles für Ava nicht sehr angenehm war, doch sie konnte hier im Türrahmen nicht mit der Wahrheit heraus rücken, noch nicht!
Doch schließlich nahm ihr Ava die Entscheidung ab, in dem sie sich von Angels "Mutter" fort zog: "Bitte entschuldigen Sie, aber ich denke, wir sollten in Ihrem Haus alles weitere besprechen. Nur soviel vorab: Ich bin nicht Angel!" und sie blickte Grace ins Gesicht.

Diese blickte sie ebenfalls an. Doch in ihrem Gesicht stand Erschrecken, bis tiefgründiger Schock geschrieben. Und auch Johns Ausdruck war anzumerken, dass ihn das eben gehörte, gelinde gesagt, erstaunte.
Taliya räusperte sich und sagte, leise: "Bitte, könnten wir rein gehen? Ich muss mit Ihnen reden. Aber das ist hier draußen wirklich schlecht..." John und Grace sagten nichts weiter, sie sahen sich nur an und ließen die Mädchen erst einmal herein. In Graces Augen stand große Sorge, und Taliya ahnte, was sie gerade über sie beide dachte. Das hatte sie ja beinahe befürchtet, doch sie musste es schaffen, Angels Eltern von der Wahrheit zu überzeugen.  Leicht würde dies nicht werden...
Schließlich waren sie im Wohnzimmer und John übernahm das Wort: "Was ist los hier? Zuerst einmal will ich von euch beiden wissen, wo ihr wart!? Ganze zwei Tage seid ihr fort gewesen! Wisst ihr eigentlich, was wir uns für Sorgen gemacht haben? Angelina, deine Mutter ist beinahe wahnsinnig geworden vor Sorge um dich! Und mir erging es nicht besser! Und deine Eltern ebenfalls, Taliya! Sagt uns jetzt sofort, wo ihr wart und was das ganze sollte!"

Bevor Taliya antworten konnte - wo wütend hatte sie Angels Vater noch nie erlebt - antwortete Ava, ebenfalls in ihrem, Taliya recht bekannten, neutralen und leicht abweisenden Tonfall: "Mr. Harding, ich habe es schon einmal gesagt: ich bin nicht Angel! Angel und ich sind Zwillingsschwestern aus einer anderen Welt. Diese hieß früher Alisaria, doch sie wurde zur Schattenwelt. Wie, ist eine zu lange Geschichte, die Zeit haben wir nicht! Angel ist in unserer Welt und schwer verletzt. Taliya und ich sind zusammen hierher gekommen, um einen Stein, der sich in Ihrem Besitz befindet, zu ihr zu bringen. Nur dieser Stein, verbunden mit Ihrer Liebe, kann sie noch retten! Wenn wir uns nicht beeilen, und schnellstmöglich zurück kehren, ist Angel verloren - und wird sterben..."

Weiter kam sie nicht. John und Grace hatten sie mit offenem Mund angestarrt und jetzt wurde John wirklich rot im Gesicht. Grace war nicht in der Lage, etwas zu sagen, doch ihr Ausdruck, mit dem sie ihre vermeintliche Tochter ansah, war immer sorgenvoller geworden. Beinahe so, als fürchtete sie um deren Verstand.
Schließlich brach es aus John heraus: "Sag mal Angelina, willst du uns zum Narren halten? Haben dich deine Phantasieromane, Geschichten und anderes Zeug, schon völlig aus der Bahn geworfen? Oder ist das ganze auf deinem Mist gewachsen, Taliya? Im Übrigen, wir sollten noch darüber reden, was du dir dabei gedacht hast, ein Buch aus der hiesigen Bücherei zu stehlen, mein Fräulein!" Er funkelte Ava an. Diese funkelte zurück. Taliya wurde heiß und kalt. Das drohte beinahe in einem Eklat zu enden. Sie musste etwas sagen, etwas tun, doch sie hatte keine Ahnung was.

Endlich schien Grace ihre Sprache wieder gefunden zu haben, denn sie sagte, leise zwar, aber verständlich: "Mein Gott, was ist nur mit euch geschehen, Kinder?.. Bitte, sagt mir beide, was euch widerfahren ist! Hat euch jemand etwas angetan? Wurdet ihr gefangen gehalten? Nun redet doch endlich!" Sie drohte beinahe, zusammen zu brechen, und das war es schließlich, was Taliya dazu brachte, ebenfalls zu reden: "Hören Sie bitte! Ich weiß, es hört sich verrückt an. Vermutlich würde ich es mir selbst nicht glauben, wenn ich es hören würde... Aber ja, es stimmt, was Ava" sie zeigte auf Angels Schwester, die neben ihr stand, "gesagt hat: Sowohl sie als auch Angel stammen aus eben dieser Welt. Und nein, es ist keine Welt aus irgend einem Phantasieroman! Ich weiß, dass Angel so etwas gerne liest, aber das jetzt ist etwas ganz anderes! Dieses Buch, das Angel gestohlen hat, hat ihr ihre ganze wirkliche Vergangenheit aufgezeigt - und mir auch! Als sie bei mir war haben wir beide es uns angesehen, kurz bevor sie hierher zurück gekommen ist und sich mit Ihnen gestritten hat, wissen Sie noch? Sie haben sich doch bestimmt gefragt, woher Angel wusste, dass sie adoptiert war. Das hat ihr eben dieses Buch "gesagt". Und noch vieles mehr. Ich kann Ihnen jetzt nicht alles erzählen - das würde zu lange dauern. Auch da hat Ava Recht, wir haben die Zeit nicht! Nur noch soviel: Auch das Tagebuch, das Sie Angel zum Geburtstag geschenkt haben, ist in Wirklichkeit so ein Zauberbuch..."

John unterbrach sie. Seine Stimme klang extrem beherrscht, doch man merkte ihm an, dass er wütend war. Mehr als wütend. "Taliya, ich will jetzt keinen einzigen Ton mehr von dir hören! Vermutlich ist dieser ganze verquaste Mist von dir ausgegangen! Du bist ja bekannt für deine manchmal etwas "launigen" Spielchen. Aber genug ist genug! Das hier geht eindeutig zu weit! Angelinas Mutter ist an der Grenze ihrer psychischen Belastbarkeit angelangt! Vermutlich sogar schon darüber hinaus! Wir beide haben die letzten zwei Tage Ängste ausgestanden, und deine Eltern ebenfalls! Und jetzt taucht ihr einfach so auf und wagt es, uns so einen MIST zu erzählen? Habt ihr sie eigentlich noch alle? Ich glaube, ich sollte einen Arzt rufen - für euch beide!"

"John, bitte!".. ließ sich Grace vernehmen, dann sackte sie zusammen. Sie weinte, und John ging zu ihr um sie in den Arm zu nehmen. "Da seht ihr, was ihr angerichtet habt. Geh auf dein Zimmer, Angelina, wir reden später - und du gehst jetzt nach Hause, Taliya, ich rufe gleich deine Eltern an, sie müssen erfahren, dass du wieder da bist!.."
Weiter kam er nicht. Ava war bisher recht ruhig gewesen, für ihre Verhältnisse, doch jetzt blickte sie John erneut in die Augen - und er stockte für einen Augenblick. Denn diesen Ausdruck kannte er von seiner Tochter nicht. "Jetzt hören Sie mir noch einmal genau zu, Mr. Harding! Wenn Sie Ihre Tochter, was Angel in dieser Welt ja wohl ist, wirklich so sehr lieben, wie Sie es sagen, dann zögern Sie es nicht mehr hinaus und geben uns den Stein, den wir benötigen! Angel ist tödlich verletzt! Und es ist mir ehrlich gesagt egal, ob Sie es mir glauben oder nicht, es ändert nichts an der Tatsache, dass sie sterben wird, wenn wir nicht so schnell wie möglich wieder zurück kehren! Ich gehe davon aus, dass Sie Ihre Tochter einmal wieder sehen wollen? Wenn dies so ist, dann helfen Sie uns! Und halten uns nicht auf! Denn sonst wird sie sterben! Und das ist eine Tatsache!"

Grace hatte aufgehört zu weinen und starrte mit entsetztem Ausdruck zu ihrer vermeintlichen Tochter. Es war nicht zu ergründen, was sie dachte. Hielt sie diese für verrückt? Taliya befürchtete es beinahe; und wenn sie Ava für verrückt hielten, dann vermutlich auch sie.. Sie überlegte verzweifelt, was sie noch sagen könnte, doch plötzlich fiel ihr etwas ein. Es war ihre einzige Chance, sie hatte keine andere Wahl.
Schließlich sagte sie: "In Ordnung, ich glaube, wir kommen nicht drum herum, es Ihnen zu beweisen.. Wissen Sie, in dieser Welt, aus der Angel und Ava stammen, gibt es eine Prophezeiung, auch diese wurde in den Büchern erwähnt, und diese besagt, dass die beiden Zwillingsmädchen und ihre Verbündeten, dazu auserkoren sind, einen dunklen Herrscher zu besiegen. Dazu werden diese mit Fähigkeiten ausgestattet - so etwas wie Magie. Ich gehöre zu diesen Verbündeten - und meine Fähigkeit ist es, mich und andere, von einem Ort zum anderen zu teleportieren. Ich werde jetzt Ava und mich in Ihr Schlafzimmer bringen. Wir sehen uns dort!" Mehr sagte sie nicht - sie blickte nur Ava an, und diese nickte.

Zuerst war sie gar nicht begeistert davon gewesen, dass Taliya dies alles ausplauderte; von den Geheimnissen einmal abgesehen, dauerte es ihr auch alles viel zu lange - doch schließlich begriff auch sie, dass sie keine andere Wahl hatten. Angels Eltern würden es ihnen sonst niemals glauben, denn in dieser Welt gab es Mystik und Zauberei anscheinend nur in Büchern... Und so umarmten die beiden sich - und eine Sekunde später waren Taliya und Ava vor den Augen von Grace und John verschwunden...

Grace schrie auf, als sie die beiden nicht mehr vor sich sah. Und auch John musste einmal kurz die Augen schließen, doch als er sie wieder öffnete, hatte sich das Bild nicht geändert; sie waren fort. Er musste schlucken und sein Mund war trocken. Langsam gingen die beiden in ihr Schlafzimmer - und da standen die beiden Mädchen und sahen sie an. Besonders Taliyas Blick war beinahe flehentlich: "Glauben Sie uns jetzt? Bitte, ich würde Ihnen das niemals abverlangen. Ich weiß, ich habe in der Vergangenheit öfters über die Stränge geschlagen. Aber in diesem Fall würde ich mir so etwas Perfides doch nicht ausdenken! Oder extra verschwinden - auch ich liebe meine Eltern! Angel steckt in Schwierigkeiten. Sie ist tödlich verletzt! Und nur ein Edelstein, der sich in Ihrem Besitz befindet, kann sie retten! Es ist ein Rosenquarz. Ein Stein der wahren Liebe, von ihren Eltern in dieser Welt. Wenn wir nicht schnell genug zurück kehren, können wir nichts mehr für Angel tun! Bitte, ich würde mir so etwas niemals ausdenken, so gut müssten Sie mich doch kennen..." Und plötzlich liefen auch Taliya die Tränen über die Wangen.

Grace hatte sich auf ihr Bett gesetzt und auch John musste sich erst einmal setzen. Das gerade erlebte hatte ihn sprichwörtlich umgehauen. Doch nun wusste er nicht mehr, was er denken oder sagen sollte. War er verrückt? War DAS hier verrückt? Träumte er? Wie konnte das sein??
Seine ganze Welt war gerade dabei, in Scherben zu zersplittern. Er war nie ein Mensch gewesen, der an Mythen oder Märchen glaubte. Und die Spinnereien seiner Tochter gingen ihm auch ein wenig auf die Nerven. Dennoch hatte er es akzeptiert. Doch was er gerade gehört - und vor allem gesehen - hatte, war der pure Wahnsinn...

Grace dachte beinahe ebenso, doch dann stand sie langsam auf, und lief zu Ava. Diese wollte instinktiv einen Schritt zurück weichen, doch im letzten Moment blieb sie stehen. Grace strich ihr über die Haare und ihr Gesicht. Ava zuckte zusammen, doch sie ließ es geschehen. Grace hatte sich das Mädchen nicht wirklich genau angesehen, da sie es ja für ihre Tochter gehalten hatte - doch jetzt konnte sie erkennen, dass dieses längere Haare hatte, als sie es von Angel gewöhnt war. Es waren zwei Tage vergangen, in dieser Zeit konnte das Haar nicht so schnell wachsen. Und war es nicht auch ein klein wenig dunkler? Und dann ihre Augen... Auch sie schienen dunkler zu sein, als sie es von Angel kannte...
Sie schluckte, dann sprach sie: "Du bist nicht Angel... Jetzt wo ich dich von nahem sehe, spüre ich es auch.. Mein Gott.. Ihr seht euch so ähnlich... Dein Name ist..." "Ava, ich heiße Ava; und sicher sehen wir uns ähnlich, Angel und ich sind gleichen Blutes, beide in der selben Stunde und Minute geboren. Aber jetzt haben wir genug gesprochen. Geben Sie uns den Stein. Wir brauchen ihn!"

Auch John war mittlerweile aufgestanden und hatte sich direkt vor Ava gestellt. Auch er schaute sie sich an, und erblickte die selben Details wie seine Frau, die er zuvor nicht bemerkt hatte. Dann kamen ihm andere Gedanken in den Sinn. Langsam sprach er, seine Stimme klang belegt: "Ihr sagt, Angel ist aus dieser anderen Welt? Und sie ist jetzt dort, und... verletzt? Wie, ich meine, was ist passiert?"
Taliya antwortete an Avas Stelle: "Das würde jetzt wirklich zu lange dauern! Es tut uns leid, aber ich verspreche Ihnen, wenn wir es geschafft haben, Angel zu retten, und wir es schaffen werden unsere Aufgabe, die noch vor uns liegt, zu erfüllen, dann kommen wir wieder - und erzählen Ihnen alles, was Sie wissen wollen. Aber jetzt eilt es wirklich! Sie wollen doch auch nicht, dass Angel stirbt? Nur noch so viel: Angel ist vergiftet worden. Und dieser Stein ist das einzige, was ihr helfen kann. Wie weiß ich selbst noch nicht, aber es ist ihre einzige Chance!"

Grace war aufgestanden und öffnete eine kleine Schublade in einem Sideboard, das in ihrem Zimmer stand. Sie griff hinein und holte einen Rosenquarz heraus, der an einem Samtband befestigt war. Sie hielt ihn kurz gedankenverloren in ihrer Hand, dann ging sie zu Taliya und gab ihn ihr. "Hier, dies ist wohl der Stein, den ihr meint.. Woher auch immer ihr es wisst. Aber dieser Stein hat Angels Leben begleitet. Ich habe ihn gekauft, als wir Angel adoptierten - und ich wollte ihn ihr schenken, wenn sie volljährig wird.." Sie begann wieder zu weinen. John zog sie an sich. Er blickte Taliya an und fragte, mit heiserer Stimme: "Und dieser Stein wird ihr Leben retten? Wie?" "Wie ich schon sagte, ich weiß es nicht... Aber in der Schattenwelt gibt es nichts, was gegen dieses Gift, was Angel langsam tötet, helfen könnte... Nur dies hier... Und woher wir das wissen?"
Sie blickte Grace und auch John an und sagte, ebenfalls leise: "von ihrer wahren Mutter. Der Frau, die Ava und Angel geboren hat, und danach umgebracht wurde.. Sie ist uns allen erschienen und hat uns gesagt, wie wir Angel retten könnten. Und nun müssen wir zurück! Ich verspreche Ihnen, wir erzählen alles, wenn wir zurück kommen.. - Wenn..." fügte sie noch leise hinzu, in der Hoffnung, dass es niemand gehört hatte, doch John und Grace hatten es gehört.

"Wartet! Könnt ihr nicht einfach zurück und Angel mitnehmen? Du könntest sie doch hierher bringen! Dann könnten wir uns hier um sie kümmern!" wollte John anfangen, doch Ava unterbrach ihn. Ihre Augen funkelten und Taliya kannte den Ausdruck. "Nein! Ich glaube, wir sagten schon, dass wir eine Aufgabe zu erfüllen haben. Wir alle! Bevor wir dies nicht getan haben, können wir nirgendwohin! Und im übrigen ist Angel zu schwach, um teleportiert zu werden. Sie würde die "Reise" nicht überleben.
Sie hörten einen Schluchzer von Grace. "Mein Gott... Es kann doch nicht sein, dass ich meine Tochter niemals wieder sehe.. Bitte, könnt, könnt ihr mich nicht mitnehmen? Wo dieses Land auch immer ist, ich möchte Angelina - Angel - beistehen! Ich möchte bei ihr sein. Sie ist doch meine Tochter, mein Liebling.."

Taliya brach es beinahe das Herz. Langsam kniete sich Taliya zu Grace und sah sie an: "Mrs. Harding, bitte.. Es tut mir wirklich leid, aber nein, wir können Sie nicht mitnehmen. Wir sind bereits eine Gemeinschaft - und das, was wir vorhaben ist schwierig.." Weiter wollte sie nichts erzählen. Allerdings war "schwierig" noch geschönt, das war ihr klar. Dann fuhr sie fort: "Ich verspreche Ihnen, dass wir, sobald wir unsere Aufgabe erfüllt haben, zurück kehren werden. Wir werden es schaffen! Und das nächste Mal wird Angel dabei sein!" Sie spürte Avas Blick, doch sie ignorierte ihn. Taliya wusste sehr wohl, dass dies ein durchaus gewagtes Versprechen gewesen sein könnte. Keiner von ihnen wusste, ob sie es überhaupt schaffen würden; doch was sollte sie denn Angels Eltern sagen? Die Wahrheit auf keinen Fall. Im Grunde hatten sie ihnen schon viel zu viel erzählt.

Und nun wurde es Zeit. Ava stand bereits in der Mitte des Raumes und sah Taliya an. Diese nickte und stellte sich neben sie. Sie hatte den Stein in der Hand und blickte noch einmal zu Grace und John zurück: "Wir werden wieder kommen. Verzagen Sie nicht! Und grüßen Sie meine Eltern von mir. Ich liebe sie. Bitte sagen Sie ihnen das!" dies waren Taliyas letzte Worte, bevor sie und Ava sich umarten - und im nächsten Augenblick erneut vor Graces und Johns Augen verschwanden.
Diese starrten wieder auf die Stelle, an der die beiden eine Sekunde vorher noch gewesen waren. Auch, wenn sie wussten, dass es sinnlos war, so schauten sie sich noch einmal im gesamten Haus um, doch die Mädchen waren tatsächlich verschwunden. Und langsam kam es sowohl in Graces als auch in Johns Gehirn an, dass es wohl Dinge auf Erden gab, die ihnen zuvor verschlossen gewesen waren. Und beide hielten sich in den Armen. Sie hielten sich fest und trösteten sich, in gemeinsamer Angst um ihre Tochter, vollkommen verwirrt und irritiert. Und dann kam ihnen die Frage in den Sinn, was sie Taliyas Eltern sagen sollten. Denn dass diese ihnen die Geschichte genauso wenig glauben würden, wie sie den Mädchen zuvor, war ihnen beiden klar. Dennoch mussten sie ihnen zumindest mitteilen, dass sie Taliya gesehen hatten, und dass es ihr - eben noch - gut ging. Doch wie lange noch? Beide wussten es nicht...

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Christal, 31
Traumland