40. Neue Untergebene...
Als Moira den Abhang hinunter fiel, schien ihr Schicksal besiegelt. Sie hatte die Augen geschlossen und wartete einfach nur auf den Aufschlag. In Erwartung eines - hoffentlich - schnellen und schmerzfreien Todes. Doch aus einem ihr unerfindlichen Grund geschah dies nicht. Der Fall nach unten schien nicht aufzuhören, und irgendwann öffnete Moira doch die Augen. Sie konnte es kaum fassen; unter ihr war immer noch gähnende Leere, der Abgrund hörte scheinbar nicht auf?
Moira fröstelte. Es konnte doch nicht sein, dass es hier keinen Grund gab? Keinen Boden, auf dem sie aufschlagen würde? Wie lange sollte sie denn hier noch herab fallen? Etwa auf ewig?
Ihr wurde schlecht. Schweiß trat aus allen ihren Poren und alle anderen Gefühle, die sie eventuell vorab noch gehabt hatte, wie Wut oder Hass, waren mit einem Schlag verraucht, und einfach purer Angst gewichen. Sie wusste nicht, wie lange sie bereits fiel, es schienen Stunden zu sein.
Plötzlich hörte sie Geräusche, die sich anhörten, wie Schreie. Sie hatte keine Ahnung, woher diese kamen, noch konnte sie nichts sehen, außer abgrundtiefe Schwärze. Aber da war etwas, was selbst ihr eine Gänsehaut über den Rücken laufen ließ.
Und dann spürte sie einen Aufschlag. Nicht so extrem und hart, wie sie es befürchtet hatte - und auch definitiv nicht tödlich. Sie merkte, dass sie noch lebte, auch, wenn sie sich nicht erklären konnte, wie das möglich war. Und sie spürte, dass sie zu fliegen schien?! Das einzige, was sich geändert zu haben schien, war die Umgebung. Sie konnte zwar immer noch keinen Boden sehen, aber das Dunkle um sie herum hatte sich in milchiges Nebelgrau verwandelt. Sie schien tatsächlich durch eine Nebelwand zu fliegen! Doch bevor sie noch weiter darüber nachdenken konnte, was das zu bedeuten hatte, verlor sie ihre Sinne. Das Wesen, das sie auf seinem Rücken trug, bemerkte es, aber es flog einfach weiter, und mehrere Meilen und einige Zeit später, war es schließlich dort angekommen, wo es hingehörte: In seiner Welt, von der im Grunde beinahe niemand wusste, dass sie überhaupt existierte...
Die Wesen waren ein Überbleibsel aus ganz alten Tagen, noch bevor es den Dunklen gegeben hatte. Sie hatten ihre eigene Wildheit, ihre eigene Existenz. Dennoch hatten auch sie die Veränderung über ihrer Welt bemerkt, und dass es dort einen neuen Herrscher gab. Einen Dunklen, mit dem sie am liebsten überhaupt nichts zu tun haben wollten - aber wenn es doch einmal geschehen sollte, wollte niemand von ihnen es sich mit ihm verscherzen.
Und nun spürten sie, dass jemand in ihre Welt eingedrungen war, der erstens hier nicht hingehörte, und zweitens eben aus dieser dunklen Welt stammte. Zuerst stritten sie darüber, was nun geschehen sollte; die einen wollten den Tod der Fremden, die anderen waren eher dafür, erst einmal abzuwarten, was weiter passieren würde. Denn irgendwie ahnten diejenigen, dass diese Fremde noch wichtig für sie sein könnte.
Schließlich entschied das oberste Wesen, das es auch bei ihnen gab, dass sie "abgeholt" werden sollte, und gab seinem untersten Soldaten den Befehl, sie zu ihm zu bringen. Dieser tat wie ihm befohlen und so war Moira nun auf dem Weg zu ihm. Sie selber merkte nichts davon, sie war bewusstlos, doch das beeindruckte das Wesen nicht.
Dann war er an seinem Ziel angekommen. Mittlerweile hatte sich die Landschaft noch einmal verändert: Das milchige Nebelgrau hatte sich verflüchtigt und war einer wunderschönen Landschaft gewichen. Es gab Wälder, und Flüsse, und es sah beinahe so aus, wie Alisaria früher ausgesehen hatte, bevor der Dunkle es in eine schwarze Hölle verwandelt hatte. Und in der Mitte dieser wunderschönen Landschaft stand eine riesige Burg. Das Flugwesen landete auf dessen Innenhof, und warf Moira auf den Boden. Diese war immer noch ohne Bewusstsein, doch er wusste, dass sie bald aufwachen würde. Er war nicht befugt, weiter als bis hierher einzudringen, also stieß er vom Boden ab, kreischte, als Zeichen, dass er seine Aufgabe erfüllt hatte, und flog davon. Er wusste, dass sein Herr ihn vernommen hatte, und er wusste auch, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis die Fremde erwachen würde.
Dies geschah in der Tat wenige Augenblicke später. Zuerst wusste Moira nicht einmal mehr, was geschehen war; doch einige Sekunden später fiel es ihr wieder ein.
Gehetzt stand sie auf, als sie registrierte, dass sie tatsächlich Boden unter sich spürte. Sie war anscheinend nicht mehr auf einem Flugwesen, auf dem Weg - wohin auch immer - sondern sie war von diesem irgendwo abgesetzt worden... Doch wo war sie hier? War das wirklich die Realität? Oder war sie doch unterwegs irgendwo aufgeschlagen und hatte es nicht einmal bemerkt? Doch dann spürte sie Schmerzen, die von ihrem Arm herrührten, und die sie während des Fluges, eventuell vor Aufregung oder Adrenalinüberschuss, gar nicht bemerkt hatte. Jetzt kamen sie wieder, und Moira erinnerte sich auch daran, dass Ava sie, vor dem Sturz, noch an diesem Arm mit ihrer eigenen Waffe verletzt hatte.
Sie blickte an sich herunter. Ja, sie blutete, aber es schien nicht so stark zu sein und sie bemerkte, dass es bereits weniger wurde. Anscheinend lief sie nicht Gefahr, zu verbluten. Das war ja schon einmal gut...
Während sie noch ihren Gedanken nachging, hörte sie es neben sich kreischen. Ein unnatürlich hoher Ton, der sie zusammen zucken ließ. Und dann kam ein Wesen aus der Burg hervor, das sie noch nie gesehen hatte, und das sie zuerst einmal einige Schritte zurück weichen ließ.
Es war eines der Wesen, die sie nur aus Erzählungen kannte; die Art von Erzählungen, die man Kindern als "gute Nacht Geschichten" erzählte, nach denen diese allerdings nicht besonders gut schlagen konnten... Früher hatte sie tatsächlich auch Ava ab und an einmal solche Geschichten erzählt, auch, wenn diese sich nicht mehr daran erinnerte. Moira durchfuhr ein Stich, als sie an ihre frühere Ziehtochter dachte, die nun eindeutig die Seiten gewechselt, und es gewagt hatte, SIE zu töten - oder zumindest töten zu wollen. Wut durchrauschte ihren Körper, und das Gefühl überragte kurzfristig die Angst, die sie wenige Sekunden vorab noch vor diesem riesigen Wesen gehabt hatte, das jetzt direkt vor ihr stand.
Dieses tat erst einmal gar nichts, abgesehen davon, Moira einfach nur zu beobachten. Nach einigen Minuten, in denen sich Moira ihrer Wut hingegeben hatte, beruhigte sich diese schließlich wieder und bemerkte erneut die Umwelt um sich herum. Sie blickte zu dem riesigen Wesen herauf, das nun direkt vor ihr stand, und auf sie herunter blickte. Sein Blick war unergründlich, und Moira schauderte es leicht, denn sie wusste immer noch nichts mit der Situation anzufangen. Dennoch riss sie sich nun zusammen. Sie wollte nicht als ängstliches, kleines Mäuschen da stehen. Wenn dieses "Ding" dort vor ihr sie jetzt umbringen würde, dann wollte sie wenigstens erhobenen Hauptes aus dem Leben scheiden.
Plötzlich hörte sie ein Geräusch, das sich beinahe wie ein hustendes Lachen anhörte. Und sie vernahm eine Stimme in ihrem Kopf, von der sie auch zuerst nicht wirklich begriff, woher sie kam, doch dann wurde ihr klar, dass es das Wesen war, das zu ihr sprach: 'Wenn dich dich hätte tot sehen wollen, wärst du es längst! Ich habe dich gespürt, als du von der Klippe gestürzt bist! Normalerweise kommen keine Feinde in mein Reich - aber bei dir habe ich gespürt, dass du etwas besonderes bist... Abgesehen davon, merke ich, dass du mit dem Dunklen in Verbindung stehst: ich weiß nur nicht, ob er dich geschickt hat? Normalerweise sollte er nichts von diesem Reich wissen, aber wenn er es doch weiß, dann sag es! Wer bist du?'
Moira war erst einmal zu irritiert, um zu antworten. Hörte sie dieses "Ding" da vor sich tatsächlich in ihrem Kopf? Das würde ja bedeuten, dass sie telepathisch mit ihm verbunden war? Eigentlich dachte sie, dass dies nur wenigen vergönnt war; und sie hatte bis jetzt noch keine Ahnung gehabt, dass sie auch dazu gehörte... Doch sie hatte keine Zeit, um noch weiter darüber nachzudenken. Das Wesen, ein riesiger Flugsaurier aus ganz alten Tagen, die anscheinend doch nicht nur aus Erzählungen existierten, fauchte erneut: 'Nun rede endlich! Oder willst du, dass ich zu anderen Maßnahmen greife? So ein Leben mit nur noch einem Arm ist bestimmt nicht erstrebenswert, oder?'
Moira griff instinktiv zu der Stelle, an der sich ihr Dolch befunden hatte, doch dann entsann sie sich, dass Ava ihn ihr bei dem Kampf abgenommen hatte. Wieder überrollte sie ein Wutgefühl; dennoch ahnte sie, dass selbst, wenn sie ihre Waffe noch gehabt hätte, diese ihr vermutlich bei diesem Wesen dort garantiert nicht viel genutzt hätte. Abgesehen davon gab es garantiert noch mehr von denen hier irgendwo, auch, wenn sie jetzt gerade nur ihn sehen konnte. Also ergab sie sich ihrem Schicksal und antwortete: "Ich weiß nicht, ob mein Herr etwas über dieses Reich hier weiß. Er sagte mir nichts davon, und er hat mich auch nicht geschickt! Ich wusste bis jetzt ebenfalls nichts davon und bin davon ausgegangen, dass ich wohl sterben werde... Anscheinend ist dies nicht der Fall..." fügte sie noch hinzu, und schaute dem Flugtier in die Augen.
Dieser blickte immer noch mit starrem Ausdruck, der ihr erneut eine Gänsehaut bescherte, zurück. Dann erwiderte er: 'ich hoffe für dich, dass es stimmt, was du sagst! Wir leben hier seit Ewigkeiten; seit Anbeginn der Zeiten. Meine Welt ist die einzige, die noch nicht zerstört wurde, weil niemand etwas über sie weiß. Und das soll auch so bleiben!' Seine Stimme war dunkel geworden, noch bedrohlicher als zuvor. 'Noch einmal: es ist mir ein leichtes, dich zu töten! Du bist jetzt in meiner Welt! Vergiss das nicht!'
Moira schüttelte den Kopf: "Nein, das werde ich nicht. Allerdings frage ich mich schon, warum du es nicht schon getan hast? Anscheinend willst du doch etwas von mir? Oder ist der einzige Grund, dass du mich noch nicht getötet hast, oder hast töten lassen, tatsächlich der, dass du wissen willst, ob der Lord etwas über euch weiß? Wie gesagt, ich kann dir sagen, dass er es mir gegenüber nie erwähnt hat; aber ob er eventuell doch etwas ahnt, oder mittlerweile doch über euch Bescheid weiß? Davon habe ich keine Ahnung... Also, wenn du willst, dann töte mich - jetzt! Aber bitte schnell und so schmerzlos wie möglich; mein Schicksal ist ohnehin besiegelt, fürchte ich..."
Der Flugsaurier schwieg ein paar Sekunden, dann antwortete er: 'Nun, ich sagte schon, du wärst längst tot, wenn ich das wollte... Ich spüre, dass du mit dem Dunklen in Verbindung stehst und mit den schwarzen Mächten kooperierst... Normalerweise halten wir uns aus allem heraus, was über meinem Reich geschieht! Ich will es so, da mich das andere Reich nicht interessiert! Allerdings könnte sich - durch dich - nun etwas geändert haben. Der Dunkle wird dich vermutlich irgendwann vermissen und suchen, eventuell hat er auch Möglichkeiten, etwas über mein Reich heraus zu finden! Wenn ich zugelassen hätte, dass du stirbst, dann wäre vermutlich mein Reich in akuter Gefahr! Das kann ich nicht zulassen. Der Dunkle darf es nicht unter seine Kontrolle bringen!' Moira hatte nicht wirklich verstanden, worauf das Flugwesen hinaus wollte: "Und? Was denkst du, könnte ihn davon abhalten, es doch zu tun, sollte er wirklich über euer Reich Bescheid wissen, oder noch etwas darüber in Erfahrung bringen?" fragte sie. Die Antwort folgte auf dem Fuße: 'DU! Du wirst ihn davon abhalten!'
Moira starrte ihn einige Sekunden lang an, dann antwortete sie, immer noch extrem irritiert: "Wie, wie soll ich ihn davon abhalten? Ich bin doch hier?" Sie hatte nichts verstanden.
Das Wesen grummelte, und fauchte sie an: 'Dann höre mir jetzt genau zu! Wir werden dich nach oben begleiten. Ich gehe davon aus, dass der Dunkle unser Geheimnis mittlerweile kennt. Irgendwie habe ich es im Gespür. Und darauf kann ich mich verlassen! Also werden wir unser Reich verlassen und dich nach oben tragen. Du wirst zu ihm zurück kehren und ihn davon überzeugen, uns in Ruhe zu lassen! Und wenn du dies nicht tust, oder meinst, uns verraten zu können, dann wird dir das teuer zu stehen kommen! Glaub mir das!' und er fauchte erneut.
Moira überlegte kurz, was sie nun tun sollte. Sie ahnte, dass er es ernst meinte. Und sie war nicht stark genug, gegen ihn anzugehen; geschweige denn, gegen seine Untergebenen, die sicherlich in der Nähe waren und auf einen Befehl von ihm warteten. Schließlich nickte sie. Sie würde es zumindest versuchen, ob der Lord ihr allerdings zuhören würde, wusste sie nicht. Immerhin hatte sie keinen guten Stand mehr bei ihm, und sie wusste auch nicht, ob nicht noch eine Strafe ausstand, der sie dann auch noch ins Auge sehen musste. Aber wenn es erst einmal helfen würde, hier heraus zu kommen, dann würde sie alles tun, was dieses "Ding" ihr gebot.
Sie wusste auch nicht, ob er eine Ahnung von ihren Gedanken hatte, oder sie lesen konnte, immerhin hatte er telepathisch mit ihr kommuniziert. Dennoch versuchte sie, sich nichts anmerken zu lassen, und so kamen sie schließlich überein, sie nach oben zu tragen. Moira hörte erneut einen durchdringenden Schrei, der von dem Wesen ausgestoßen wurde, und wenige Sekunden später landete eins nach dem anderen neben ihnen auf dem Hof. Moira wurde noch kälter als ohnehin schon. Sie war umringt von mindesten zehn dieser riesigen Flugwesen, und auch, wenn sie ahnte, dass diese ihr - noch - nichts antun würden, so ging es ihr gerade nicht besonders gut.
Dann spürte sie, wie sie von einem von ihnen hochgehoben wurde, sie konnte seine Zähne an ihrem Körper spüren, und auf dessen Rücken geworfen wurde. Moira krallte sich dort fest und dann flogen sie alle zusammen hinauf. Es wurde ein langer Flug; genauso ewig, wie der Fall zu dauern schien, von dem sie nicht wusste, wann er enden würde, und ob überhaupt, so lange dauerte auch der Aufstieg. Sie konnte es kaum fassen, als sie sich die Veränderung der Gegend um sich herum ansah: Zuerst sah sie einige Minuten noch die wahnsinnig schöne Landschaft, von der sie wusste, dass auch Alisaria einst ähnlich ausgesehen hatte. Dann wurde es erneut milchig um sie herum. Sie schienen in Nebel einzutauchen, und diese "Wand" erstreckte sich ebenfalls einige Meilen, bevor es in Dunkelheit mündete. Merkwürdigerweise fühlte sich Moira tatsächlich dort wieder wohler. Ja, sie spürte, dass sie ihrer Heimat wieder näher kam, und das erleichterte sie regelrecht. Dann waren sie tatsächlich oben an der Klippe angelangt, von der Ava Moira vor gefühlten Ewigkeiten herunter gestoßen hatte. Moira wusste nicht einmal, wie lange dies gedauert hatte. Und wieder überfluteten sie die Wutgefühle Ava gegenüber. Doch bevor sie sich diesen erneut hingeben konnte, geschah etwas, womit sie überhaupt nicht gerechnet hatte...
Sie spürte IHN, bevor sie ihn sehen konnte. ER kam, persönlich, und sie wurde blass. Auch die Flugsaurier wurden nervös, und einige wollten wohl bereits wieder die Klippe hinab gleiten, doch ihr Anführer stieß einen grollenden Ton aus, der wohl eindeutig eine Warnung sein sollte. Die Tiere blieben, doch Moira schien es beinahe, als wenn sie von Angst, oder zumindest Beklemmung, überschüttet würden. Doch dann trat ihr Führer nach vorne und stellte sich vor die anderen, so lange, bis Raoul zu sehen war. Moira spürte ebenfalls ein dumpfes Grummeln im Magen, als auch sie sich nach vorne, neben das oberste Flugtier stellte. Sie wusste nicht, was nun auf sie zukommen würde, und auch nicht, woher der Lord wusste, wo sie war. Doch das es irgendwann einmal so kommen würde, war ihr bewusst gewesen, und nun war der Augenblick da. Sie stellte sich ihrem Schicksal.
Raoul hatte weiter in den Büchern gelesen, und gesehen, was mit Moira geschehen war, und zusätzlich zu dem Wunsch, sie wieder zu sich zu holen, wurde noch ein zweites Verlangen in ihm geweckt. Anscheinend gab es tatsächlich noch ein Land, das vor IHM verborgen gewesen war? Das er nicht unter seine Kontrolle bekommen hatte? Das durfte doch nicht wahr sein! Er hatte tatsächlich keine Ahnung von diesen Wesen und ihrem Reich gehabt, so tief unten lebten diese, dass sie selbst vor ihm verborgen gewesen waren. Doch jetzt nicht mehr! Er wollte sich dieses ebenfalls einverleiben und sowohl Moira wieder bei sich haben, als auch diese Wesen auslöschen und ihr Reich zerstören und in Dunkelheit zerfallen lassen!
Doch womit er nicht gerechnet hatte war, dass er nun sowohl Moira als auch diese riesigen Flugwesen vor sich sah. Er hatte sich schon überlegt, wie er Moira dort heraus holen konnte, ohne selbst dort hinab steigen zu müssen. Immerhin kannte er - noch - zu wenig über den Feind, um ihn direkt angreifen zu können. Und jetzt standen sie direkt hier und warteten beinahe auf ihn?
Bevor er noch weiter vordringen konnte, "hörte" er ebenfalls die Stimme des obersten Tieres in seinem Kopf. Im Gegensatz zu Moira wusste er direkt, dass es Telepathie war, mit der dieses kommunizierte. Anscheinend waren auch diese Wesen mit Magie ausgestattet: Er wappnete sich auf einen Angriff und darauf, diesen sofort abzuwehren und alle Anwesenden - abgesehen von Moira - sofort auszuschalten. Doch stattdessen sprach das Wesen zu ihm: 'Wartet! Ich weiß, was Ihr wollt. Doch ich würde es mir an Eurer Stelle noch einmal gut überlegen, ob Ihr dies wirklich tut... Ich biete Euch meine Hilfe an. Deswegen sind wir aus unserem - bis jetzt - geschützten Reich gekommen und haben uns hierher in die Dunkelheit gewagt. Wir werden Euch helfen, Eure Herrschaft zu erhalten! Mit Euch zusammen gegen Eure Feinde kämpfen! Wir sind stark, das merkt Ihr bestimmt! Also, was sagt Ihr?'
Raoul war zuerst sprachlos, was bei ihm äußerst selten vorkam. Dann fing er an zu lachen. Ein lautes, dröhnendes Lachen, das abrupt abbrach. Danach wurde seine Stimme rau, und dunkel, als er schließlich antwortete: "Ihr bietet mir eure Hilfe an? Doch bestimmt nicht ohne Gegenleistung?! Was wollt ihr? REDE!" Der Saurier antwortete: 'Ihr habt Recht. Ich sagte nichts davon, dass es ohne Gegenleistung geschehen soll. Ich habe schon länger geahnt, dass Ihr irgendwann etwas von unserer Welt heraus bekommen könntet. Natürlich habe ich gehofft, dass dies nicht so sein würde; aber nun ist es ja leider geschehen. Nun, um Eure Frage zu beantworten: Ich will Eure verbindliche Zusage, dass Ihr mein Reich in Ruhe lasst! Auf ewig! Niemand greift mein Reich an und es wird Euch nicht unterworfen. Wir werden Euch helfen, aber wir sind nicht Eure Sklaven! Und wir werden es auch niemals sein! Wenn Ihr Euch daran haltet, werdet Ihr es nicht bereuen - wenn nicht, werdet Ihr uns als Eure Feinde kennen lernen - und glaubt mir, niemand hat UNS gerne zum Feind!' und er ließ ein Geräusch von sich, das zumindest Moira einen Schauer nicht bekannten Ausmaßes über den Rücken laufen ließ.
Raoul war erst einmal geplättet. Damit hatte er nun definitiv nicht gerechnet. Er spürte Wut in sich, dass dieses verdammte Vieh es wagte, ihm gegenüber so aufzutreten, und zuerst wollte er ihm die passenden Worte entgegnen, oder ihn und die seinen sogar direkt auslöschen. Die Macht dazu hätte er, das wussten vermutlich auch die Wesen, doch aus irgend einem Grund hielten sie ihm stand.
Dann hörte er Moira sprechen, die neben dem Anführer stand und langsam auf ihn zukam. Sie hatte seine Wut durchaus registriert, und versuchte zu retten, was zu retten war: "Herr, bitte. Denkt darüber nach, sie könnten uns durchaus behilflich sein! Diese Wesen, die keiner kennt, die sicherlich ebenfalls große Macht besitzen, als Verbündete zu haben, ist doch besser, als sie sich zum Feind zu machen? Und wer weiß, diese sind sicherlich nicht die einzigen, die dort unten in ihrer Welt leben. Selbst, wenn Ihr sie jetzt und hier vernichten würdet, dann kommen die anderen her - und es wird schwer werden, sie alle gleichzeitig umzubringen, oder unter Eure Herrschaft zu bringen. Ich bin ganz sicher, dass Ihr dies könntet, Euer Lordschaft", fügte sie noch schnell hinzu, "aber wollt Ihr dies tatsächlich? Bitte denkt noch einmal genau darüber nach". Mehr sagte sie nicht, sie hoffte inständig, dass sie nicht schon zuviel geredet hatte...
Raoul blickte sie zuerst ziemlich undurchdringlich an, dann lächelte er. Sie schien mutiger geworden zu sein, wenn man es nicht beinahe schon selbstmörderisch nennen wollte...
Er hatte bereits darüber nachgedacht. Im Grunde war es so ähnlich wie seine "Unterhaltung" mit der Elfe gewesen, als er von Avas Verrat erfahren hatte. Diese hatte ihn auch von seinem ersten Impuls abgeraten, Ava zu suchen und sie zu vernichten. Denn das hätte er durchaus gewollt, so enttäuscht war er von ihr gewesen.
Im Grunde war es immer noch, aber sie hatte Recht gehabt. Es war besser, sie ihren Plan durchführen zu lassen, er wusste, dass sie falsch spielte, und wie es dann mit ihr weiter gehen würde, würde sich mit der Zeit zeigen. Und hier war es ähnlich: Diese Wesen hatten Macht, vermutlich unglaubliche - noch verborgene - Mächte, die sich erst später entfalten würden. Und es gab natürlich die Möglichkeit, sie jetzt und hier zu vernichten - auch ihre gesamte Welt, er wäre dazu in der Lage, dies jetzt und hier zu tun, und diese ebenfalls ins Dunkle zu stürzen - aber was wäre sein Vorteil, wenn er dies täte? Nun, er hätte ein Reich mehr, was zu ihm gehörte, und irgendwie ärgerte es ihn, dass ihm dies so lange entgangen war - aber das war auch alles. Diese Wesen konnte er nicht unterdrücken, das spürte er. Wenn, dann musste er sie auslöschen. Sonst könnten sie ihm tatsächlich gefährlich werden. Und wenn er sie - wie sie es ihm von sich aus anboten - gewähren lassen würde, hätte er mächtige Verbündete, die auf seiner Seite kämpften. Er zweifelte nicht daran, dass er auch so gewinnen würde, aber er wusste, dass auch die Mädchen stärker wurden, je mehr Zeit verstrich. Alle hatten magische Fähigkeiten, die mit der Zeit wuchsen - und leider hatten sie die Chance vertan, sie vorzeitig zu vernichten. Was im Grunde Moira zu verdanken war...
Er blickte zu ihr. Eigentlich stand ihre Strafe für dieses Versäumnis noch aus, aber nun ja, das konnte er später noch durchführen. Hier und jetzt musste eine Entscheidung getroffen werden, und schließlich blickte er erneut zu dem Riesenwesen und nickte: "In Ordnung, du hast mein Wort: Vor Zeugen! Ich werde dein Reich in Ruhe lassen - solange du und die deinen mir eure Treue beweist. Ein winzig kleiner Verrat, oder auch nur der Verdacht eines solchen - und ihr seid tot! Ihr alle! Nicht nur die, die hier oben bei dir sind! Ich weiß, dass sich da unten noch mehr befinden. Ich werde sie alle töten - und dein Reich wird erlischen! Das ist ebenfalls ein Versprechen!"
Schweigen legte sich über die Steilklippe, nicht ein Laut war in den nächsten Minuten zu hören, dann antwortete ihr Anführer: 'So sei es! Wir werden Euch nicht verraten - und Ihr uns auch nicht! Seid gewiss, dass auch wir nicht unnötig sein werden, wenn wir einen Verrat Eurerseits bemerken. Und das werden wir! Und glaubt mir, wir sind durchaus dazu in der Lage, uns zu wehren, und Euch gefährlich zu werden!" und er fletschte die Zähne.
Raoul lachte, und es legte sich über die gesamte Klippe. Dann hörte er unvermittelt auf und antwortete, ebenfalls mit klarer, dunkler Stimme: "Nun gut, ich denke, die Fronten sind geklärt. Solange keiner von uns den anderen verrät, haben wir so etwas wir einen Waffenstillstand! Kämpft gut, und euch wird nichts geschehen! Und nun werden wir sehen, was weiter geschehen soll!" Dass er sich im Hinterkopf behielt, erst einmal zu überprüfen, wie die Wesen wirklich kämpften, und daraufhin entscheiden würde, ob er sie eventuell doch vernichten würde, behielt er erst einmal für sich.
Er holte als nächstes Angels Tagebuch hervor, das er noch mitgenommen hatte, bevor er gegangen war, und blätterte die Seite auf, die er als letztes gesehen hatte. Dies war Moiras Schicksal gewesen das er ja nun kannte; also blätterte er einmal auf die nächste Seite. Dort konnte er wieder erkennen, was die Mädchen in der Zwischenzeit getan hatten, beziehungsweise er wusste, was diese - abgesehen natürlich von Ava - nun vorhatten. Sie wollten also zu der Quelle der Weisheit. Das musste dringend verhindert werden!
Er blickte die Flugsaurier an und sagte ihnen, was sie als nächstes tun sollten. Ihr Anführer nickte. 'Wenn es weiter nichts ist', sagte er nur, und die Saurier erhoben sich mit einem Male gleichzeitig in die Lüfte. Moira und auch Raoul konnten kaum fassen, wie schnell diese ihren Blicken entschwunden waren. Es dauerte kein Sekunde, da sahen sie diese nicht mehr.
Schließlich wandte sich Raoul wieder Moira zu: "So, nun sind wir alleine.. Da hast du ja ganze Arbeit geleistet..." Moira schluckte. Kam jetzt nun doch die - verdiente oder auch nicht verdiente - Strafe, der sie die ganze Zeit bereits entgegen geblickt hatte? Doch Raoul schüttelte den Kopf: "Darüber reden wir später. Jetzt ist keine Zeit dafür! Ich werde dir jetzt etwas über deine ehemalige Ziehtochter erzählen. Aber im Grunde genommen weißt du schon, worum es geht, oder?", sein Blick wurde wieder stechend und Moira sah zu Boden. Sie wusste, dass es keinen Sinn hatte, zu lügen. "Ja, ich weiß, worum es geht. Es tut mir leid, Herr. Ich wusste es vorher nicht. Ich habe mir gedacht, dass etwas nicht stimmt, aber ich wollte Euch erst davon berichten, wenn ich mir sicher war. Deswegen bin ich ihr gefolgt.. Und dann sah ich sie hier, zusammen mit den anderen.." Raoul unterbrach sie: "Das habe ich alles hier drin und in dem anderen Buch gesehen! Darum geht es jetzt nicht! Es ist alles noch viel schlimmer! Nicht nur, dass diese kleine Missgeburt mich aufs übelste hintergangen hat, und gemeinsame Sache mit meinen Feinden macht, sie hat auch weiterhin vor, dies zu tun. Sie wird zu mir zurück kommen und plant, mich von inne heraus zu vernichten. Natürlich wird ihr dies nicht gelingen. Dafür werde ich sorgen - mit deiner Hilfe!"
Moira starrte ihn an. Was sagte er da? Das war ja schlimmer, als sie bereits befürchtet hatte. Irgendwie hatte sie immer noch die Hoffnung gehabt, dass alles nur ein Irrtum war. Dass Ava vielleicht doch ihren Freundinnen gegenüber falsch spielte, doch sie kannte auch Ava zu gut, um zu ahnen, dass dies nicht so war. Etwas hatte sie verändert, und auch, wenn Moira nicht wusste, was, so ahnte sie, dass Avas Schicksal besiegelt war. "Werdet Ihr sie töten?" fragte sie leise, mit beinahe brüchiger Stimme. Der Lord blickte sie an, dann antwortete er: "Nein! Und du auch nicht. Ich habe andere Pläne. Wir werden sie gewähren lassen. Und beide so tun, als würden wir ihr das Spielchen glauben. Ich will sie wieder unter mir haben! Wir brauchen sie als Verbündete, nicht als Feindin! Und tot nützt sie uns nichts, hast du verstanden?"
Moira schluckte zunächst, dann nickte sie. "Ja, Herr.." Verstanden hatte sie ihn schon, aber irgendwie begriff sie es nicht. Immerhin war Ava eine Verräterin - und sie wurde für wesentlich weniger bestraft, denn verraten hatte sie den Dunklen Lord nie! Und würde es auch niemals tun. Doch sie hatte sich seinen Anordnungen zu fügen.
Dieser merkte durchaus, dass Moira zweifelte, und er ließ auch offen, dass es im Grunde gar nicht seine Idee gewesen war, die er ihr gerade unterbreitet hatte. Das ging sie nichts an. Er war ihr auch keine Erklärung schuldig, es reichte, wenn sie sich an seine Anordnungen hielt! Und so waren die beiden auf dem Weg zurück zu ihrem Schloss, als Moira etwas einfiel, was sie erschrocken stehen bleiben ließ. "Was ist?" fragte Raoul. Moira sah ihn an: "Herr, Ava denkt doch, ich wäre tot... Wie erklären wir ihr, dass ich wieder da bin?" Auch Raoul blieb stehen. Daran hatte er jetzt auch nicht gedacht. Dann fasste er sich und antwortete: "Uns wird etwas einfallen! Ich habe dich gerettet - mehr braucht Ava nicht zu wissen... Du wirst es ihr schon glaubhaft versichern können, nicht wahr?" Moira nickte, und die beiden liefen weiter.
Zurück zum Schloss, um dort auf Ava zu warten, die sicherlich auch schon auf dem Weg dorthin war. Oder war sie bereits dort? Irgendwie hatte Raoul im Gefühl, dass Ava bereits dort sein könnte... Sie mussten sich beeilen.
Alles weitere würde sich zeigen, wenn sie angekommen waren; und um ihre verdammten Feinde kümmerten sich seine neuen Untergebenen, die vermutlich noch keine Ahnung hatten, dass sie sich ihm gerade unterworfen hatten. Auch diese ließ er in dem Glauben, sich mit ihm "geeinigt" zu haben. Weitere Pläne, auch diesbezüglich würden folgen...

