30. Avas Chance I
Währenddessen beratschlagten die Mädchen und Faelia noch, wie sie es anstellen sollten, Una zu befreien. Niemand von ihnen kannte den genauen Ort, wo das Einhorn gefangen gehalten wurde; doch Yuna war beinahe dafür, es beinahe aufs Geratewohl zu versuchen: "Er wird niemals erfahren, dass wir dort wieder auftauchen, von wo wir gekommen sind!" sagte sie "und Taliya kann uns dorthin teleportieren - das kannst du doch mittlerweile!"
Die anderen sahen sie skeptisch an. "Also ich möchte nicht wieder in die Folterhölle zurück! Außerdem wissen wir nicht einmal - ob Una wirklich dort ist! Der Dunkle hat bestimmt noch mehr Gefängnisse; vielleicht ist sie ganz woanders? Und was ist, wenn er oder seine Schergen uns dort erwarten?" wandte diese ein und auch Kida war derselben Meinung."Es ist zu gefährlich, er könnte mittlerweile seine Mannen überall aufgestellt haben", wandte diese ein. Dann hörten sie Faelia, die sagte: "und was gedenkt ihr zu tun? Wir haben nicht mehr viel Zeit! Una wird von Minute zu Minute schwächer und verliert an Kraft - damit wird es für IHN immer leichter, sie zu töten und sich neuer Stärke zu bedienen!"
Angel hatte sich zurück gehalten. Auch sie hatte keine Ahnung, was sie tun sollten. Sie wollte auf der einen Seite natürlich zurück, um das Einhorn zu retten, doch auf der anderen Seite hatte sie vor nichts mehr Angst, als davor, wieder in SEINE Fänge zu geraten. Doch dann dachte sie an ihre Schwester, die sie ebenfalls retten wollte. Auch, wenn sie noch keine Ahnung hatte, wie sie dies anstellen sollte; doch sie wusste einfach, dass sie Ava nicht ihm überlassen konnte. Auch, wenn die anderen ihren Glauben nicht teilten, so glaubte sie fest daran, dass Ava zum Guten bekehrt werden konnte. Es war nicht alles schlecht in ihr, und sie würde diese Welt nicht verlassen, ehe sie es nicht wenigstens versucht hatte!
Während sie noch darüber nachsann, "hörte" sie plötzlich eine Stimme in ihrem Kopf. Und sie wusste instinktiv, dass es die Stimme ihrer Schwester war, noch bevor diese es ihr bestätigt hatte. Angel wusste ebenfalls, dass es keine Halluzination war, Die Stimme klang nur in ihr drin, doch sie war echt! Und dann entfernte sich Angel einige Schritte von den anderen und hörte genau zu, was Ava ihr zu sagen hatte: 'Angel? Ich bin es, Ava.. Bitte, ich weiß, ich habe dir vieles angetan, doch ich bin nicht mehr die, die ich einmal war. Das Einhorn hat mich verändert! Und ich habe Mutter gesehen.. Das klingt vermutlich verrückt, aber ich weiß, dass es real war! Bitte, wenn du mich hörst: Ich kann euch zeigen, wie ihr hierher kommt, welchen Weg ihr nehmen müsst, damit ihr nicht in eine Falle lauft! Bitte, glaub mir, ich bin auf EURER Seite! Wenn du mich hörst, dann antworte mir, Schwester! Bitte! Angel?!'
Angel durchfuhr ein Stich. Meinte ihre Schwester das wirklich ernst? Oder war das nur ein Trick von ihr, um sie erneut in die Falle des Dunklen zu führen? Sie wollte es so gerne glauben, Doch ein kleiner Stich des Zweifels durchfuhr sie. Und sie wusste nicht, was sie tun sollte. Die anderen würden ihr das niemals glauben..
Doch dann fiel ihr plötzlich etwas auf: Hatte sie sich verhört oder hatte Ava gesagt, dass sie ihre Mutter "gesehen" hatte? Angel schauderte, als sie daran dachte, dass auch ihr ihre tote Mutter einmal erschienen war - zu einem Zeitpunkt, an dem es ihr denkbar schlecht ging. Sie war halb tot gewesen und Arlea hatte ihr Kraft gegeben. Was für einen Grund mochte es hier und jetzt für Ava geben, dass sie ihre Mutter gesehen hatte? Ging es ihr nicht gut? Sie musste es probieren und ebenfalls mit ihr Kontakt aufnehmen. Doch wie? Da Ava nicht hier war, konnte es ja nur auf eine Art und Weise geschehen: Telepathie! War das wirklich möglich? Konnten Ava und sie auf so eine Distanz telepathischen Kontakt zueinander aufnehmen? Doch es war müßig, darüber nachzudenken. Sie hörte ihr Stimme in ihrem Kopf, die immer und immer wieder dieselben Worte sprach - und schließlich schloss Angel die Augen und antwortete: 'Ava? Ich, ich weiß nicht, ob du mich hören kannst... Wir sind geflohen, und uns geht es gut! Aber wir müssen das Einhorn befreien - du hast gesagt, du hast es gesehen und es geht ihm noch gut? Geht es DIR gut? Du, du hast Mutter gesehen? Ich, ich hab sie auch einmal "gesehen", als du.. Als es mir nicht so gut ging..."
Sie wusste nicht, was sie noch sagen sollte - im Grunde wusste sie nicht einmal, ob es funktionierte. Würde Ava sie ebenfalls hören? Und wenn ja, würde sie immer noch antworten wollen? Oder war das, was auch immer mit ihr los gewesen war, jetzt wieder verschwunden, und sie war wieder die "dunkle" Ava? Vielleicht war ja auch alles nur ein Trick... Aber tief in sich drin wollte Angel glauben, dass Ava sich geändert hatte! Und dann hörte sie ihre Antwort.
Ava wusste nicht, wie lange sie immer und immer wieder die selben Worte an Angel gesandt hatte. Sie war schon beinahe drauf und dran aufzugeben; es sein zu lassen und einfach einzuschlafen. Vielleicht hatte es ja keinen Sinn. Konnte sie ernsthaft glauben, dass Angel ihr vertrauen würde, nachdem was sie ihr und ihren Freundinnen angetan hatte? Doch während sie noch darüber nachgrübelte, "hörte" sie plötzlich Angels Antwort. Zuerst war sie beinahe erschrocken, ihre Stimme in ihrem Kopf zu hören, doch dann horchte auch sie auf den Inhalt dessen, was sie sagte.
Es ging ihnen also gut. Das war ja schon einmal eine gute Nachricht! Doch was sagte Angel noch? Sie fragte nach dem Einhorn und ob es IHR gut ging? Nach allem, was sie getan hatte, fragte ihre Schwester SIE, wie es ihr ging? Ava musste ihre Gefühle unterdrücken, denn ihr war durchaus bewusst, dass Moira mit ihr im Zimmer war. Diese durfte nichts von dem, was sie hier tat, mitbekommen. Und dennoch war ihr ganz anders. Sie hatte ihre Schwester immer verachtet, und sie für schwach gehalten, weil sie sich so viele Gedanken um andere machte; doch jetzt war ihr klar, dass dies keine Schwäche war. Es war Angels Naturell, und daran war nichts Schlimmes! Und dann sagte Angel noch, dass auch sie ihre Mutter einmal "gesehen" hatte, als es ihr nicht so gut ging. Und Ava erinnerte sich daran, dass Arlea ihr auch so etwas gesagt hatte. Sie konnte sich jetzt denken, wann dies gewesen sein musste: Vermutlich, als sie von ihr gefoltert wurde... Ava musste erneut gegen einen aufkommenden Wulst unterschiedlichster Gefühle ankämpfen. Schließlich zwang sie sich, wieder ruhiger zu werden und sich unter Kontrolle zu bringen, um Moira nicht misstrauisch werden zu lassen. Und sie antwortete Angel mit den Worten: 'Angel? Ich kann dich hören! Zuerst einmal: Dem Einhorn geht es den Umständen entsprechend. Es ist verletzt und ich kann nicht sagen, wie lange es noch durchhält...' Dass es von ihr gezeichnet worden war, verschwieg Ava erst einmal, sie wusste nicht, dass die anderen es in den Quellen der Weisheit gesehen hatten. Dann fuhr sie fort: 'Wir müssen uns treffen! Ich kenne einen Geheimweg durch die Katakomben; den könnt ihr nicht alleine gehen! Sag mir, wo ihr seid, dann komme ich so bald es mir möglich ist, dorthin.' Dann schwieg sie und wartete erneut Angels Antwort ab.
Diese befand sich in einem inneren Zwiespalt. Sollte sie Ava sagen, wo sie waren? Angel war sich bewusst, dass die anderen dies nicht wirklich gutheißen würden - und das war vermutlich noch geschönt.
Doch was hatte sie zu verlieren? Im Grunde war der Ort hier kein Geheimnis mehr; Ava und der Dunkle hatten ihn ja bereits aufgesucht, um Una zu entführen... Doch dann dachte sie daran, dass es auch eine Gefahr für Ava sein könnte - einige der Feen lebten noch, und diese würden sich auf sie stürzen. Zudem es schwer genug sein dürfte, ihre Freundinnen zu überzeugen - und Faelia! Während sie noch überlegte, was sie tun sollte, "hörte" sie erneut Avas Stimme: 'Angel? Hörst du mich noch?' Sie beeilte sich zu antworten, denn in diesem Augenblick hatte sie eine Entscheidung getroffen: 'Ja, ich höre dich noch! Wir sind im Wald, dort, wo du das Einhorn geholt hast.. Aber es ist zu gefährlich für dich, dort aufzutauchen; die überlebenden Feen würden dich lynchen.. Außerdem muss ich vorher mit den anderen reden, sie müssen es ebenfalls erfahren! Ich würde vorschlagen, wir treffen uns an einem Ort in der Nähe des Schlosses vom Dunklen Lord, wenn dir einer einfällt - Taliya kann uns dorthin bringen..'
Angel wusste, dass sie sich auf heißem Eis befand. Die anderen würden ihr vermutlich die Hölle heiß machen, für das, was sie hier gerade tat, Doch sie hatte keine andere Wahl - abgesehen davon, dass sie Ava einfach vertrauen WOLLTE, kam noch hinzu, dass sie einfach nicht wussten, wohin sie überhaupt gehen mussten und sie selbst wollte nicht mehr in den Kerker zurück, aus dem sie gerade erst befreit worden waren. Wer wusste schon, wer dort auf sie wartete? Dennoch blieb auch bei ihr ein geringer Restzweifel, wie ein Dorn im Finger, ob ihre Schwester ihr nichts vormachte. Doch sie schüttelte ihn ab. Sie wollte ihr einfach vertrauen und die anderen würden ihr auch eine Chance geben - sie mussten einfach!
Ava hatte zugehört und über Angels Worte nachgedacht. Sie waren also auf der Lichtung... Zuerst hatte sie sich gewundert, immerhin hatte keiner von ihnen sie gesehen; als sie dort waren, um das Einhorn zu holen, waren sie definitiv nicht da gewesen. Doch wo auch immer sie zeitweilig gewesen waren, jetzt schienen sie wieder zurück gekehrt zu sein.
Im Grunde war es auch egal. Sie hätte zu ihnen kommen können, doch das hätte ebenfalls einige Zeit gedauert. Und sie konnte natürlich verstehen, dass die paar Feen, die anscheinend wohl doch überlebt hatten, sie dort nicht wirklich gerne sehen würden. Sie zweifelte zwar stark daran, dass diese gegen sie eine Chance hätten, aber wer wusste schon, wozu verzweifelte Feen in der Lage waren - zumal sie ihnen keinen Schaden mehr zufügen wollte - außer in Notwehr! Also entschied sie sich, dem Wunsch ihrer Schwester entgegen zu kommen. Sie kannte einen Ort in der Gegend, der nicht, bis kaum bewacht wurde und sie entschied sich, ihn Angel mitzuteilen. Dort konnten sie sich treffen und dann gemeinsam in die Katakomben, bis zu den Einzelkerkern, in denen sich, unter anderem, auch das Einhorn befand, gelangen. Ja, Ava stellte es sich einfach vor - ein wenig ZU einfach?
Und dies tat sie dann auch. Sie beschrieb Angel den Weg so deutlich, dass diese es sich beinahe bildlich vorstellen konnte. Ja, sie hatte beinahe das Gefühl, es so vor ihren Augen zu sehen, als hätte sie eines ihrer Bücher vor sich - es versetzte Angel einen Stich, als sie daran dachte, dass ihre Bücher noch beim Dunklen waren. Dann antwortete sie: 'In Ordnung, wir kommen dorthin. Taliya wird uns hin bringen; gibt es einen Platz, den sie sich als "Landung" vorstellen kann, damit es nicht schief geht?' Ava antwortete ihr umgehend: 'Ja, es gibt dort eine Klippe. Sie soll an die "dunkle Steilklippe" denken. Wenn ihr dort seid, versteckt euch hinter einer großen Statue; es ist die vom Lord. Sie ist riesig, wird also für euch alle ausreichen. Ich komme dorthin, sobald ich kann; am besten, wenn Moira eingeschlafen ist, und ich sicher sein kann, dass mich niemand verfolgt. Also, bis dann!' Damit brach die Verbindung ab.
Angels Gefühle waren in Aufruhr. Hatte sie einen Fehler begangen? Sie konnte nur hoffen, dass es nicht so war. Im Grunde wusste sie genau, was nun auf sie zukam; sie musste die anderen darüber informieren, dass sie Kontakt zu ihrer Schwester gehabt hatte und was sie und Ava - ohne das Wissen der anderen - untereinander abgesprochen hatten. Sie würden wütend auf sie sein, dass konnte sich Angel denken. Und sie hatte Angst vor dem, was auf sie zukommen sollte. Während sie noch überlegte, und mit sich haderte, hörte sie Stimmen, die ihren Namen riefen - und es waren "reale" Stimmen, die ihrer Freundinnen und Faelia, die auf sie zukamen.
Diese waren, während ihrer Diskussion darüber, was sie als nächstes tun sollten, auf keinen grünen Zweig gekommen. Irgendwann war Taliya, die leicht genervt war, und die sich nach einem Gespräch mit ihrer besten Freundin sehnte, aufgefallen, dass diese gar nicht mehr in ihrer Nähe war. Sie hatte sich suchend umgesehen und Angel schließlich in weiterer Entfernung von ihrem Platz auf einem Stein sitzen sehen. Taliya hatte die anderen besorgt informiert und nun waren sie auf dem Weg zu ihr, um zu sehen, ob es ihrer Freundin gut ging. Auf die Neuigkeit, die sie nun bekamen, war keine von ihnen gefasst...
Angel hörte sie und versteifte sich innerlich. Sie hatte sich das ganze ausgesucht und eine Entscheidung getroffen und sie konnte nur hoffen, dass die Auswirkungen nicht allzu schlimm werden würden. Als ihre Freunde schließlich bei ihr waren und sie von Taliya und auch den anderen, besorgt gefragt wurde, ob es ihr gut ging, bejahte sie es zuerst - und dann nahm sie sich ein Herz und erzählte ihnen, was sie getan hatte.
Zuerst folgte das sprichwörtliche Schweigen im Walde. Angel spürte die Blicke auf sich, die sich in ihren Körper bohrten. Sie konnte zuerst niemanden anschauen und blickte einfach nur zu Boden; doch dann hörte sie Yunas Stimme, die sich wohl als erstes gefasst hatte und nicht mehr nur ungläubig, sondern auch hochgradig wütend bis erbost klang, als sie fragte: "DU HAST WAS GETAN??? Sag mal, bist du eigentlich noch ganz dicht im Oberstübchen?? Ohne uns zu fragen oder etwas zu sagen hast du alles Ernstes Kontakt zu der Person aufgenommen, die Una entführt und die meisten der Feen hier ermordet hat? Verdammt noch mal Angel - bis jetzt habe ich dich "nur" für übergeschnappt gehalten, da du immer noch der irrigen Auffassung warst, dass deine Schwester noch zu retten wäre; aber jetzt bin ich mir nicht mehr sicher, ob die dich nicht vielleicht in ihren Fängen hat! Vielleicht hat sie dich ja umgepolt oder so was?? Das kann doch nicht dein Ernst sein, dass du dieser Hexe vertraust - und ihr auch noch sagst, wo wir sind?!?"
Bevor sie sich weiter in Rage reden konnte, hatte Taliya das Wort ergriffen. Sie blickte Angel an, und als diese zurück blickte, konnte sie in ihren Augen etwas erkennen, das sie noch nie an ihrer Freundin gesehen hatte: Offenes Misstrauen. Das tat mehr weh, als Yunas Worte bereits getan hatten.
Angel wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Und nun ergriff Taliya das Wort bevor sie die Chance hatte, etwas zu sagen: "Warum, Angel? Ist dir dieses Kretin mehr wert, als wir - als ICH? Nur, weil du weißt, dass sie deine Schwester ist? Mein Gott, Angel - sie ist nur vom Aussehen her wie du! Ansonsten ist sie das genaue Gegenteil - das solltest du doch langsam mal begriffen haben!" Auch sie wurde immer lauter, als sie fort fuhr: "Hast du alles vergessen, was sie getan hat? Was sie DIR und auch uns angetan hat? Sie hat uns gefoltert - Dich, mich - und Yuna! Den Rest hat diese Moira erledigt, mit der dieses Miststück verbündet ist! Das ganze ist doch nur ein Trick, merkst du das denn nicht?!?" Ihre Stimme war brüchig und ein Klang des Misstrauens begleitete sie.
Angel war schlecht. Sie hatte mit Ärger gerechnet, ja, aber in diesem Ausmaß, dass hatte sie nicht erwartet. Vor allem Taliyas Misstrauen stach ihr ins Herz. Sie war dabei, ihre beste Freundin zu verlieren, und dass durfte einfach nicht geschehen!
Doch bevor sie etwas erwidern konnte, ließ sich nun auch Faelia vernehmen, die sie ebenfalls anfunkelte. Ihr Blick sprach Bände. Ihr Augen sprühten Funken, als sie sagte: "Du glaubst nicht allen Ernstes, dass ich gemeinsame Sache mit derjenigen machen werde, die meine Feen getötet und Una entführt hat? Wer weiß, was sie ihr sonst noch angetan hat? Wer weiß, ob Una überhaupt noch lebt!?"
Weiter kam sie nicht, Angel griff ein. So schwer es ihr fiel - ihr schlug schon von überall offenes Misstrauen bis Hass entgegen - sie musste den Plan, der von Ava und auch ihr ausgetüftelt worden war, verteidigen. Auch gegen ihre Freunde! "Bitte! So glaubt mir doch - ich bin nicht verrückt oder von Ava "umgepolt" worden! Ich habe schon, als sie noch vom Bösen besessen war, bemerkt, dass sie nicht vollständig verloren ist. Etwas muss passiert sein, dass sie hat über sich nachdenken lassen. Sie hat gesagt, dass sie unsere Mutter "gesehen" hat - Arlea! Ich habe sie auch gesehen, als wir in seiner Gefangenschaft waren. Ich weiß nicht, weshalb sie Ava erschienen ist, aber ich weiß, dass es so war! Und wenn Ava in der Lage war, sie zu sehen, dann muss sich etwas in ihr geändert haben. Vielleicht hat unser Mutter sie sogar verändert?"
Angel wollte fort fahren, doch sie hörte nur verächtliches Schnauben von Yuna. "Das waren Halluzinationen, verdammt! Zumindest bei dir! Du warst doch halb tot, als du deine Mutter "gesehen" haben willst! Und wer weiß, vermutlich hat Ava das irgendwie heraus gefunden und benutzt um dein Vertrauen zu erschleichen. Scheint ja auch funktioniert zu haben - und du dummes Ding bist darauf herein gefallen und hast uns verraten!"... Yunas Stimme troff vor Zynismus und Verachtung. So hatte noch nie jemand von Angels Freunden mit ihr gesprochen und ihr Herz zog sich krampfhaft zusammen. Es tat weh.
Bevor Yuna weiter machen konnte, machte sich nun auch Kida bemerkbar, die sich bisher stark zurück gehalten hatte. Sie war die einzige, die selbst zwiespältige Gefühle hatte: Einerseits dachte sie so, wie alle anderen auch. Sie misstraute Angels Schwester aufs Äußerste, doch andererseits konnte sie spüren, vermutlich bedingt durch ihren tierischen Instinkt, dass an Angel nichts Falsches war. Sie war von dem überzeugt, was sie hier tat und auch davon, dass Ava zum Guten "bekehrt" worden war. Sollte dies wirklich so sein? Konnte dies tatsächlich geschehen sein, nach dem, was alles passiert war? Was Ava ihnen angetan hatte? Zuerst hatte sie mitgeholfen, sie zu foltern, hatte die Feen angegriffen und das Einhorn entführt - und nun war dies alles vergessen? Und auch der bis jetzt nur allzu offensichtliche Hass und die Verachtung ihrer Schwester gegenüber, die in ihren Augen schwach und weich war, sollte einfach so verschwunden sein? Auch Kida ertappte sich dabei, dass sie es nicht glauben konnte - wie die anderen auch. Und doch.. Angels Worte hallten in ihr nach, die gesagt hatte, dass sowohl ihr als auch Ava, deren Mutter "erschienen" sein sollte. Konnte dies wirklich sein? Auch Kida konnte sich denken, dass es bei Angel vermutlich in dem Augenblick der höchsten Qualen geschehen war; als sie von Ava gefoltert wurde und beinahe gestorben war. Es konnte also durchaus, wie von Yuna erwähnt, eine Halluzination gewesen sein, doch was, wenn nicht? Wenn es eine Erscheinung gewesen sein könnte? Kida wusste, dass es so etwas gab. Und dann konnte es durchaus auch möglich sein, dass dies Ava ebenfalls passiert war...
Sie befand sich tatsächlich in einem inneren Zwiespalt. Wohl als einzige, wie sie merkte. Alle anderen waren strikt dagegen, und es sah beinahe so aus, als wollten sie Angel lynchen, für das, was sie getan hatte; und auch, wenn es Kida ebenfalls nicht gefiel, dass Angel dies im Alleingang entschieden hatte, so empfand sie beinahe so etwas wie Achtung vor deren Mut. Denn es hatte sie bestimmt Mut gekostet, diese Entscheidung zu treffen. Und Kida war auch die einzige, die sich in diesem Augenblick an die Prophezeiung erinnerte: Sollte es tatsächlich so sein, dass nun der Zeitpunkt gekommen war, an dem die Schwestern gemeinsam kämpfen würden? Gab es tatsächlich doch Hoffnung? Sollte dies so sein, dann mussten sie Ava eine Chance geben, wenn sie gegen den dunklen Lord ankämpfen wollten. Alleine würden sie es nicht schaffen, dass wusste Kida - und auch, dass es aus sein würde, wenn sie nun in eine Falle liefen...
Es war eine schwierige Entscheidung, doch schließlich hatte sie ihre getroffen. Sie trat auf Angel zu und hob ihren Kopf zu sich hin. Kida blickte ihr tief in die Augen und Angel hatte das Gefühl, in diesen zu ertrinken. Sie konnte sich kurzzeitig nicht rühren, und dann hörte sie Kida sprechen: "Angel, ich möchte dir glauben, wirklich! Doch ich weiß auch, was in der Vergangenheit geschehen ist - und ich möchte dich daran erinnern, dass du selbst gesehen hast, welche Farbe Avas Aura gehabt hatte, als wir sie das letzte Mal gesehen haben! Sag mir ehrlich - und ich glaube dir, dass du wirklich davon überzeugt bist, was du sagst und uns niemals wissentlich belügen würdest" die Worte gingen auch an die anderen, besonders an Yuna und Faelia - "sag mir, und uns, bitte wieso du meinst, dass du ihren Worten trauen kannst. Es waren nur Worte, Angel! Woher weißt du, dass sie echt waren? Dass deine Schwester sie nicht nur gesagt hat, damit du - und damit auch wir - erneut in eine Falle laufen? Dieses Mal nicht von dieser Moira, sondern von ihr höchstpersönlich? Sie war der Spielball des Bösen, Angel! Das weißt auch du ganz genau. Und ich bitte dich eindringlich, dich nicht nur davon leiten zu lassen, dass es deine Schwester ist! Ich möchte von dir Gründe hören, die mich überzeugen, wieso wir ihr eine Chance geben sollen, nach allem, was sie getan hat!"
Dann ließ sie sie los. Kida hatte ruhig gesprochen und aus ihrer Stimme klang eine Ruhe mit, die sie von den anderen unterschied. Selbst von Taliya, die zwar nichts mehr sagte, der man aber die Gefühle immer noch im Gesicht ablesen konnte. Bevor Angel antworten konnte, hörten sie Faelia noch einmal einwerfen: "Ich werde dieser Missgeburt kein Stück vertrauen! Ich frage dich noch einmal Angel - woher weißt du, dass Una noch lebt? Was hat deine Schwester ihr angetan? Sie werden etwas mit ihr gemacht haben, dass weiß ich einfach; und ich traue diesem Ausgeburt der Hölle nicht über den Weg... Und dir auch nicht, wenn du gemeinsame Sache mit ihr machst!" Ihr Blick war starr und dann trat sie einige Schritte von Angel zurück. Auch Yuna ließ sich erneut vernehmen und pflichtete ihr bei: "Ich auch nicht! Ich werde nicht mit ihr in irgendwelchen Gängen herum kriechen und mich erneut ins Verderben führen lassen! Wenn du das willst, dann geh!" und sie trat an Faelias Seite - ein eindeutiges Zeichen.
Angel schluckte schwer. Sie wollte etwas einwerfen, etwas sagen, doch das, was als nächstes geschah, warf sie völlig aus der Bahn: Taliya, ihre beste Freundin, der sie näher gestanden hatte als jemals jemand anderem, trat ebenfalls zu Yuna und Faelia. Sie sagte nichts mehr, doch es war ebenfalls eindeutig, auf wessen Seite sie nun stand.
Die einzige, die noch bei Angel stand, war Kida. Diese sagte nichts, sondern wandte sich wieder Angel zu und sprach weiterhin sanft zu ihr: "Du hast meine Frage nicht beantwortet, Angel: Sag mir, woher du weißt, dass Ava sich geändert hat. Ist es vielleicht doch nur Wunschdenken? Horch in dich hinein und sag es uns!" Ihre Stimme war immer noch warm und erinnerte Angel an den Klang der Stimme von ihrer und Avas Mutter.
Zuerst schluckte sie und sah mit Tränen in den Augen zu anderen hinüber. Sie verstand sie ja, wirklich! Wenn es sich nicht um ihre Schwester handeln würde, dann würde sie vermutlich genau so denken und handeln. Und sie war Kida dankbar, dass wenigstens sie noch nicht ganz die Seiten gewechselt hatte und so blickte sie ihr ebenfalls in die Augen und antwortete: "Ich kann das nicht wirklich erklären, Kida. Nicht so, dass ihr mir glauben würdet... Zuerst einmal: Sie hat mich nicht "umgepolt" wie ihr zu glauben scheint.." Sie wandte sich an die anderen, die weiter entfernt da standen und sie anstarrten: "Es macht mich traurig, dass ihr das denkt, wirklich. Glaubt ihr ernsthaft, dass ich euch verraten würde? Ihr seid meine Freunde! Ich würde lieber selbst durch die Hölle gehen, als euch dorthin mitzunehmen.. Wenn es sein muss, gehe ich alleine! Laut der Prophezeiung ist es meine Aufgabe, zusammen mit meiner Schwester, den Dunklen zu besiegen, und wenn ich mich wirklich irren sollte - was ich nicht glaube - dann sterbe ich auch alleine! Denn wenn ich etwas nicht ertragen könnte, dann wäre das, an eurem Tod schuld zu sein. Aber", fügte sie noch schnell hinzu "Ich weiß einfach, dass ich mich nicht irre! Ja Kida, du hast Recht, sie hatte eine schwarze Aura, als ich sie das letzte Mal gesehen habe - aber das wird sich geändert haben! Ich kann es fühlen. Auch, wenn ich sie jetzt nicht gesehen habe, ihre Worte waren echt! Aus ihnen sprach Ehrlichkeit, So, wie ich es noch nie an ihr gehört habe. Ich kann es wirklich nicht erklären, aber ich habe einfach gespürt, dass sie echt waren!..." Und ohne dass sie es wollte, kamen ihr die Tränen. Es war ihr unangenehm, auch, wenn keine Ava dabei war, die sie deswegen auslachen oder anderweitig niedermachen konnte. Dann schalt sie sich dieser Gedanken und riss sich erneut zusammen."Was das Einhorn angeht: Ava sagte, es ginge ihm - noch - gut. Auch das kann ich ihr nur glauben. Ich weiß nicht, was mit ihm geschehen ist, sie hatte vielleicht auch nicht viel Zeit, darüber zu reden. Was auch immer sie mit ihm gemacht haben, es lebt noch! Und wenn wir - wenn ich - es befreien soll, dann muss ich es jetzt tun. Ihr wollt nicht? Das ist okay! Wenn ihr hier bleiben wollt, dann werde ich es euch nicht übel nehmen. Doch ich werde gehen! Ava hat mir genau beschrieben, wie ich zu dem Platz komme und ich habe diesen so vor Augen, als würde ich ihn schon lange kennen! Natürlich würde es schneller gehen, wenn Taliya und hinbringen würde; aber ich finde ihn auch so. Und ich kann niemanden von euch zwingen, mitzugehen. Es tut mir leid, dass ich euch verraten habe, dass wollte ich nicht. Wirklich.. Aber ich gehe, und vielleicht..." sie schluckte bevor sie, dieses Mal wirklich mit Tränen im Gesicht, fort fuhr: "Vielleicht sehen wir uns wieder.. Ich liebe euch!"
Und Angel drehte sich um und ging von den anderen fort.
Die anderen waren perplex. Mit so einer Ansprache hatte keiner von ihnen gerechnet, schon gar nicht Taliya, die ihre recht scheue und eher zurückhaltende Freundin kannte. Als diese ihre Worte hörte, fühlte sie sich schuldig wie noch nie in ihrem Leben. Was hatte sie denn gerade getan? Hier standen sie alle und zeigten ihr offen, dass sie ihr misstrauten. Und sie stand bei ihnen! Jetzt wurde Taliya erst klar, was sie hier tat und wie dies bei ihrer Freundin ankommen musste. Und zu allem Überfluss merkte sie erst jetzt richtig, dass Angel ihre Worte wahr machte und dabei war, zu gehen. Womöglich in ihren Tod!
Dass konnte sie nicht zulassen! Sie konnte sie nicht alleine lassen, sie war doch ihre beste Freundin, verdammt! Und beste Freundinnen ließen sich nicht im Stich. Auch, wenn sie Angels Schwester immer noch nicht vertraute, sie konnte Angel nicht alleine in die Gefahr laufen lassen! "ANGEL, WARTE!" schrie sie und lief ihr hinterher. Noch standen die anderen dort, wo sie waren und sahen zu, wie Angel stehen blieb und sich umdrehte. Taliya lief zu ihr und umarmte ihre Freundin: "Es tut mir leid, Angel, wirklich! Ich, ich hab mich hinreißen lassen... Also gut, du sagst, du vertraust ihr? Sei mir nicht böse, aber das tue ich immer noch nicht. Nicht, nachdem was sie getan hat! Aber ich kann dich nicht allein in dein Verderben rennen lassen. Es mag sein, dass du diejenige aus irgend einer Prophezeiung bist, aber auch Helden brauchen Verstärkung! Und es dauert vermutlich viel zu lange, bis du alleine bei diesem Treffpunkt bist! Wer weiß, was dich erwartet?! Mag ja sein, dass du den Weg kennst, wenn sie ihn dir so gut beschrieben hat, aber ich kann uns schneller dorthin bringen - wenn du mir sagst, wo es ist. Dann sind wir in wenigen Sekunden da! Und wir sind zu zweit! Zudem: Wenn uns dort jemand erwartet, kann ich uns direkt wieder zurück bringen! Verzeihst du mir?"
Angel antwortete nicht, sondern umarmte stattdessen ihre Freundin ebenfalls. "Danke", sagte sie nur, das war Antwort genug.
Die anderen sahen sich an. Kida blickte zu Yuna und Faelia herüber. Faelia hatte immer noch den selben verkniffenen Gesichtsausdruck. Kida konnte es ihr nicht einmal verübeln.
Sie war die Herrin des Waldes und des Einhorns. Was man ihm antat, tat man auch ihr an und die Verwüstung und Ermordung ihrer Landsleute konnte nicht vergeben werden. Dennoch brauchten sie Faelia, für die Rettungsmission.
Doch bei Yuna war es etwas anderes. Sie gehörte zu ihren Vertrauten, und es wäre undenkbar, sie nun zu verlieren. "Yuna, bitte!" ließ sich nun Kida vernehmen. "Es fällt mir auch nicht leicht, aber ich denke, wir sollten es auf einen Versuch ankommen lassen! Wenn es wirklich eine Falle sein sollte, sind wir darauf vorbereitet. Es ist anders als beim letzten Mal. Und wir können Angel nicht alleine gehen lassen; auch, wenn es keine Falle ist, und Ava es tatsächlich ehrlich meint. Den Dunklen können sie nicht zu zweit besiegen. Ihr kennt die Prophezeiung doch auch! Sie brauchen Verbündete - Freunde!"
Kida hatte so eindringlich gesprochen, dass Yuna schließlich, ohne etwas zu sagen, ebenfalls zu Angel und Taliya hinüber ging. Sie war immer noch dagegen, dass war nicht zu übersehen, und sie blickte an den beiden vorbei. Auch die beiden sagte nichts. Angel war dankbar, dass Yuna sich, obwohl sie gegen ihre Aktion war, dennoch dafür entschieden hatte, mitzukommen.
Nun blieb nur noch Faelia. Kida blickte erneut zu ihr herüber und diese sah zurück. Man konnte ihr ansehen, was sie dachte und fühlte. Sie war noch schlimmer als Yuna dagegen eingestellt. Doch nun war sie in der Unterzahl. Kida hatte sich ebenfalls zu den anderen gestellt und sie warteten auf Faelias Entscheidung. Lange hatten sie nicht mehr Zeit, dass spürten sie. Und schließlich sahen sie, wie diese sich ebenfalls in Bewegung setzte und auf sie zukam. Sie hatte sich entschieden, doch nicht, weil sie dieser Ava vertraute, sondern weil es die einzige Möglichkeit war, Una zu retten. Und noch etwas ging in Faelia vor: Sie würde Rache nehmen an diesem Miststück, die verantwortlich war für so viel Leid und Tote in ihren Reihen. Sie würde sie umbringen, wenn der richtige Moment gekommen war! Doch diese Gedanken behielt sie für sich, und so waren sie schließlich doch alle vereint.
Angel lächelte. "Danke", flüsterte sie und Taliya drückte ihre Hand. "Dir sollte klar sein, dass wir Ava einer Prüfung unterziehen, wenn wir dort sind, Angel. So einfach werden wir es ihr nicht machen", ließ sich Kida vernehmen. Angel nickte. Natürlich nicht. Das konnte sie ja verstehen. "Gut, und nun sag Taliya, wo es lang geht und diese bringt uns dann dorthin!" Genau dies tat sie nun auch, nachdem sie sich an Avas Worte erinnerte. Diese hatte ihr etwas von einer "dunklen Steilklippe" mit einer Statue erzählt, hinter der sie sich dann verstecken konnten.
Sie alle nahmen sich an die Hände und Taliya konzentrierte sich auf genau diese Steilklippe und die Statue - und wenige Sekunden später waren sie alle verschwunden...

