17.

Währenddessen war Raoul mit Ava und Moira und seinem Gefolge in sein Schloss zurück gekehrt. Er musste etwas heraus finden. Ihm war klar, dass die Opfer nicht sterben würden, dafür sorgte sein Zauber. Also könnten sowohl Ava als auch Moira immer weiter dafür sorgen, sie zu zermürben, und das bis in alle Ewigkeit... Doch vorerst hatte er etwas anderes vor. Er hatte die Utensilien dieser kleinen Angel an sich gebracht und fühlte ein Prickeln in sich, als er die Bücher sah… Eines sah aus wie ein Tagebuch, doch Raoul wusste, dass es kein Tagebuch war. Es hatte Magie in sich, genauso wie das andere, das er als erstes aus dem Rucksack nahm. Ihm stockte der Atem, als er den Einband sah, er wusste sofort, was ihm dort entgegenblickte. Raoul knurrte. Er klappte das Buch auf - und las den Anfang. Natürlich wusste Raoul, von wem hier die Rede war - von ihm! Und dann sah er die Zeichnungen, doch im Gegensatz zu der ersten Begegnung mit Angel, als diese das Buch das erste Mal in den Händen gehalten hatte, geschah bei ihm gar nichts. Er spürte nichts und die Zeichnungen veränderten sich auch nicht… Sie blieben so wie sie waren, schwarz, und dunkel…

Raoul fluchte. Etwas stimmte hier nicht. Er spürte, dass das Buch voller Magie steckte, doch es schien bei ihm die Magie nicht freizusetzen… Er nahm als nächstes das Tagebuch - oder das Buch, das den Anschein machte, ein Tagebuch zu sein - in die Hand und schlug es auf. Außer der - anscheinend von ihren Zieheltern geschriebenen - Widmung war absolute Leere dort. Es war nichts zu sehen! Raoul knurrte. Etwas stimmte hier nicht. Dieses Buch war kein normales Tagebuch, dass wusste er! Und er war definitiv davon überzeugt, dass es bei Angel funktioniert hatte! Immerhin war sie auf ihn und seine Welt aufmerksam geworden, und dass konnte nur durch diese Bücher geschehen sein. Vermutlich zeigte ihr das Tagebuch etwas, was auch für ihn wichtig sein würde - die Zukunft, um genau zu sein. Er brauchte die Informationen! Und das bedeutete, dass er dieses Mädchen brauchte! Sie musste für ihn das Buch lesen. Dieses und auch das andere. Doch zuerst war dieses Buch hier wichtiger. Es schien eine Art Orakel zu sein, und er musste wissen, was es als nächstes anzeigte. Also nahm er sich vor, als nächstes Angel zu sich holen zu lassen. Sie würde für ihn das Buch lesen. Er grinste.

Doch bevor er sich Angel widmete, musste er noch etwas anderes erledigen. Es gab noch eine andere Kraft, die er gespürt hatte, eine Kraft, die stärker war, als alle anderen. Alle Mädchen hatten Kräfte, und durchaus welche, die ihm gefährlich werden könnten - doch eine war besonders stark - und Raoul wusste, dass er sich diese zu Nutze machen musste; denn wenn sie sich gegen ihn stellen würde, hätte er tatsächlich das Nachsehen. Sie musste für ihn arbeiten. Den Anfang hatte er gemacht, als Ava sich gegen ihre Schwester und deren Freundinnen gestellt hatte und er sie dazu bekommen hatte, sie zu foltern. Und er hatte gespürt, dass es ihr sogar Spaß gemacht hatte. Ja, es hatte ihr Spaß gemacht. Und das ließ ihm ein gefährliches Grinsen über das Gesicht huschen. Es war ein kaltes Grinsen, mehr ein Verziehen seiner Fratze, das jedem eine Gänsehaut des Grauens über den Rücken getrieben hätte, doch außer ihm war keiner in dem Raum in dem er sich jetzt aufhielt. Doch das sollte sich nun ändern. Er ließ seine Untertanen rufen und hielt sie an, Ava zu ihm zu bringen.

Diese war, zusammen mit Moira in ein Extrazimmer gebracht worden. Die beiden schwiegen sich an. Sie hatten sich nicht wirklich etwas zu sagen. Moira, weil sie immer noch nicht wirklich verstand, weshalb sie nicht direkt zu Raoul gerufen worden war. Sie hatte doch alles getan, was er ihr aufgetragen hatte; sie hatte ihre Schuld beglichen. Weshalb ließ er sie zusammen hier mit Ava in diesem Raum? Sie verstand es nicht. Und Ava wollte im Grunde nichts mehr mit ihrer ehemaligen Ziehmutter zu  tun haben. Ihre Gefühle für sie, sollte sie jemals welche gehabt haben, waren vollständig verraucht. Momentan war es ohnehin nicht wirklich zu beschreiben, wie Ava sich fühlte. Im Grunde fühlte Ava gar nichts. Sie spürte nur Schwärze in sich… Dunkelheit. Es war genauso schwarz in ihr, wie sie für Angel von außen ausgesehen hatte. Und während die beiden schweigend jeweils in einer anderen Ecke des gleichen Raumes standen, kamen heraus zu bekommen, was Raoul jetzt von Ava wollte.. Doch vorerst ahnte sie, dass dies jetzt noch nicht möglich war. Sie musste sich noch ein wenig in Geduld üben, dann kam bestimmt auch für sie noch die Stunde der Wahrheit. Moira ließ sich auf ihr Bett sinken und wartete auf ihre Stunde…

Währenddessen wurde Ava zum Lord geführt. Er hatte nach kurzer Zeit die Bücher wieder zurück gelegt, denn es war klar, dass diese bei ihm definitiv nicht funktionierten. Doch bevor er Ava ihre eigentliche Aufgabe aufzeigen würde, wollte er etwas ausprobieren. Immerhin waren die Mädchen Schwestern - Zwillingsschwestern um genau zu sein. Vielleicht konnte ja auch Ava etwas mit diesen Büchern anfangen? Dann bräuchte er dieses andere Mädchen nicht, dessen Wesen ihm genauso zuwider war, wie sein Name.. Angel… Raoul schüttelte es, wenn er nur daran dachte. Dennoch wäre er gezwungen, sich mit ihr auseinander zu setzen, wenn sein jetziger Versuch nicht funktionierte.

Dann war die Zeit der Überlegung vorbei. Ava betrat den Raum. Sie war so wunderschön… Die dunklen Haare… Ihre doch recht blasse Haut… Raoul schüttelte sich. Jetzt war der falsche Zeitpunkt, über so etwas nachzudenken. Er musste abwarten, wie sie sich machen würde; wenn sie ihre Aufgabe zu seiner Zufriedenheit erfüllen würde, könnte sie durchaus zu größerem geschaffen worden sein. Er hatte direkt beim ersten Mal, als er sie gesehen hatte, gemerkt, zu was sie fähig war. Nicht nur, dass sie seine Wesen sehen konnte, auch, die, die sonst niemand erkennen konnte; nein, sie war zu Höherem bestimmt! Sie würde sein Heer erschaffen! Sein persönliches Heer, das für ihn kämpfen und alles zerstören würde, was hier noch “lebte” - wenn man den Zustand so nennen konnte. Oder in seinem Auftrag alles unterjochte. Er brauchte Nachschub. Und sie war diejenige, die dafür sorgen würde. Es gab nicht viele, die dazu in der Lage waren - und Ava gehörte dazu.
Schließlich stand Ava vor ihm, die Diener hatten sie vor ihn geschoben, und er gab ihnen den Befehl, zu verschwinden, was diese auch so schnell wie möglich befolgten.
Ava stand vor Raoul und blickte ihm scheinbar ohne Angst in die Augen. “Ihr wünscht?” fragte sie, aus ihrer Stimme klang Trotz. Raoul musste grinsen. Ja, das Mädchen gefiel ihm. Auf der “richtigen” Seite war sie ein Goldschatz. Er musste dafür sorgen, dass sie auch dort blieb! Vorerst hielt er ihr Angels “Tagebuch” vor die Nase und sagte: “öffne es und schau, ob du dort was erkennen kannst!” Es war ein Befehl. Ava runzelte die Stirn und zog eine Augenbraue hoch. War das nicht eines von Angels Büchern? Sie hatte es in ihrem Rucksack gesehen. Ja, es war das Buch gewesen, was sie heraus geholt hatte, als Taliya verschwunden war, und was ihnen dann gezeigt hatte, wo es sie hin verschlagen hatte - kurz vor dem Tor in die Menschenwelt…

Ava sah den dunklen Herrscher erstaunt an, doch sie sagte nichts weiter, sondern öffnete das Buch. Auch sie sah nur die Inschrift von Angels “Mutter” - die aus der Menschenwelt - und nicht mehr. Alles andere, was sie vorher hatten lesen können, war anscheinend wieder verschwunden… Ava starrte sehr lange auf die leere Seite des Buches, doch es änderte sich nichts. “Und? Was nun?” fragte sie schließlich. “Nichts”, grummelte Raoul. Er hatte es befürchtet. Es waren anscheinend nur Angels Fähigkeiten, die das Buch - beziehungsweise beide Bücher - zum Leben erweckte.

Er nahm Ava das Buch aus der Hand und sagte: “du wirst jetzt etwas anderes tun” - Raoul zeigte in eine Richtung, in der eine Tür zu sehen war und fuhr fort: “Geh dorthin und wenn du dort bist, wirst du wissen, was zu tun ist! Es wird deine Prüfung sein…” Ava sah ihn irritiert an. Was sollte das? Was sollte sie tun? Doch sie kam nicht mehr dazu, zu fragen. Er blickte sie mit stählernen Augen an und seine Stimme wurde zu Eis, als er sagte: “GEH!”

Ava zuckte mit den Schultern und tat wie ihr geheißen. Sie hatte ohnehin keine andere Chance. Also trat sie auf die Tür zu und öffnete sie. Alles weitere geschah beinahe automatisch. Sie wurde in den Raum - oder was auch immer es wirklich war - hinein gezogen. Die Tür hinter ihr knallte zu - und Ava stand zuerst im Dunklen. Es war rabenschwarz um sie herum, doch sie spürte, dass sie nicht alleine war, auch, wenn sie absolut nichts sehen konnte…

Raoul wusste, was er von Ava verlangte. Doch nun würde sich herausstellen, ob sie wirklich so stark war, wie er meinte. Wenn sie diese Prüfung überlebte, war sie sein. Und sie würde wissen, wozu sie fähig war!
Er lachte. Doch nun musste er sich erneut dieser Moira widmen. Eigentlich hatte er vorgehabt, sie zu töten, wenn sie ihre Aufgabe erfüllt hatte, doch noch war es nicht so weit. Er brauchte sie noch - jetzt musste sie ihm erst einmal Angel bringen. Das Mädchen musste ihm zeigen, wie sie die Bücher unter ihre Kontrolle brachte - damit er in der Lage war, sie ebenfalls zu bedienen. Ja, er würde ihre Kraft in sich aufnehmen - und dann würde er sie nicht mehr brauchen. Genau wie ihre verdammten Freundinnen. Alle diese Mädchen waren eine Gefahr für ihn und er musste zuerst ihre Kräfte assimilieren, bevor er sie töten lassen konnte… Raoul ließ nach Moira rufen, denn nun begann der schwierigere Teil der nächsten Aufgabe…

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Christal, 31
Traumland