8. Trostlosigkeit
Angel hatte keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war. Yuna hatte es in der Tat relativ schnell geschafft, das Feuer anzuzünden, und weder Angel noch Taliya hatten eine Ahnung, wie sie es geschafft hatte. Doch zumindest Angel war es eigentlich auch egal. Sie fühlte sich so verloren, dass es kaum zu beschreiben war. Das hier war nicht ihre Heimat. Vielleicht war sie es einmal gewesen; doch so, wie sie nun aussah, so dunkel und bedrohlich, war sie es nicht und würde es vermutlich niemals werden. Und wie sollte sie nur dafür sorgen, dass sie wieder die großartige, wunderschöne Welt wurde, die sie einmal war und die sie in dem Buch gesehen hatte? Ausgerechnet sie? Ihre Schwester konnte sie auf den Tod nicht ausstehen, also wie sollten sie zusammen arbeiten? Dennoch setzte sie sich vor das Feuer, vor dem Taliya und Yuna bereits Platz genommen hatten, und wärmte sich ein wenig. Wenigstens gab ihr das Feuer etwas Wärme; dennoch fühlte sie sich nicht wirklich geborgen. Abseits der Helligkeit, die das Feuer ausstrahlte, war die Dunkelheit, die um es herum wirkte, umso bedrohlicher.
Angel fröstelte. Sie dachte an ihr früheres Heim. Am liebsten wollte sie zurück, zurück nach Hause - doch nein, es war nicht mehr ihr Zuhause. War es nie gewesen… Wieder musste sie gegen die Tränen ankämpfen, die hoch kriechen wollten. Sie schluckte sie herunter. Auch, wenn Ava und die anderen beiden - Moira, ihre Amme, wie sie sich erinnerte, und diese Tier/Menschgestalt, Kida - noch nicht wieder zurück gekehrt waren, wollte sie hier vor Taliya und vor allem vor Yuna nicht noch schwächer wirken. Zumindest hatte das Feuer den Vorteil, dass es ihnen allen wärmer wurde. Doch das war auch alles, zumal sich zu der verstörenden Finsternis noch eine bedrückende Stille über sie legte, die plötzlich von Taliya unterbrochen wurde…
Taliya merkte wohl, dass es Angel schlecht ging, doch wie bereits zuvor, wusste sie, dass diese das Schweigen von sich aus brechen musste, wenn sie ihr erzählen wollte, was sie bedrückte. Doch sie schien es immer noch nicht zu tun. Doch schließlich hielt sie die Stille ebenfalls nicht mehr aus und räusperte sich: “Das Feuer ist zumindest ein wenig angenehm, findet ihr nicht? Und langsam habe ich extremen Hunger! Hoffentlich kommen die anderen bald mit etwas Essbarem hier an, ich verhungere!” Wie zur Bestätigung ihrer Worte knurrte ihr Magen. Yuna lachte, doch Angel blieb ruhig. Auch Yuna bekam sich wieder ein und so saßen sie immer noch ruhig da, als die anderen drei wieder zurück kehrten.
Kida war immer noch in ihrer Löwengestalt und trug ein kleines, undefinierbares Etwas im Maul, das wohl eindeutig die erlegte Beute darstellte. Sie lief vorneweg und hinter ihr gingen Moira und Ava. Beide sahen nicht gerade erfreut aus und vor allem Ava war der Unmut ins Gesicht geschrieben. Doch auch Moira war anzusehen, dass sie über die Geschehnisse der letzten Minuten ganz und gar nicht zufrieden war.
Es hatte nicht lange gedauert, bis Kida auf die Spur eines Beutetieres gekommen war und dieses begonnen hatte zu jagen, während Moira und Ava sich auf die Suche nach eventuellen Feinden begeben hatten. Vor allem Ava hatte sich auf ihre Umgebung konzentriert, die sie ja nun seit geraumer Zeit besonders gut erkennen konnte. Moira gegenüber hatte sie dies immer noch nicht erwähnt - und hatte sich entschlossen, es auch nicht zu tun. Sie hatte nicht vergessen, dass diese sie vor noch nicht allzu langer Zeit vor diesem Schwächlingen aus der anderen Welt, von der eine auch noch ihre Schwester war, zurecht gewiesen hatte. Das würde sie ihr so schnell nicht verzeihen!
Und auch Moira spürte die Kälte zwischen ihnen. Es war gar nicht gut, wie sich die Dinge entwickelt hatten. Sie wusste nicht, was sie erwartet hatte, wenn die beiden Schwestern das erste Mal aufeinander trafen; sicherlich nicht, dass die beiden sich um den Hals fallen würden - aber auch nicht so eine Spannung und Aggressivität zwischen ihnen, die nur von Ava ausging. Selbst, als sie versucht hatte, einzugreifen, war Ava nicht von ihrer Sichtweise der Dinge abgewichen. Und nun hatte Moira das Gefühl, dass sich ihre Spannung auch noch auf sie übertragen hatte. Sie seufzte. Was auch immer noch geschah, es musste alles daran gesetzt werden, die beiden einander näher zu bringen - und eventuell würde das gemeinsame Essen am Feuer etwas bewirken?
Doch zuerst mussten sie etwas brauchbares finden, bis jetzt waren sie nicht fündig geworden. Außerdem mussten sie auch die Gegend im Auge behalten, damit sie im Blick hatten, ob sich Feinde näherten. Sowohl Moira als auch Ava hatten ihre Hände an ihren Waffen.
Dann sah Moira Kida, wie diese nach vorne preschte, und etwas packte. Es war ein Miarjak, dass konnte sie sofort sehen. Moira war zufrieden. Die Tiere waren zwar nicht besonders groß, aber sie wusste, dass das Fleisch dieser Tiere trotzdem nährreich war und für sie sechs durchaus reichen würde - zudem machte es, trotz seiner geringen Größe, schnell satt. Zufrieden nickte sie der Gestaltwandlerin zu, ohne große Dankesreden zu schwingen und dann machten sie sich auf den Rückweg.
Sie sahen schon von weitem, dass ein kleines Feuer an der Stelle loderte, wo sie die anderen drei verlassen hatten. ‘Na, zumindest dazu sind sie fähig’, dachte Ava verächtlich, als sie sich etwas weiter von dem Feuer weg, auf einen Stein setzte und ihnen den Rücken zukehrte.
Angel hatte nichts gesagt, als sie ihre Schwester sah, die sich von ihnen fortbewegte. Traurig starrte sie ins Feuer und wusste nichts zu sagen. Wieder legte sich die bedrückende Stille über sie alle, während sich Moira zu ihnen setzte und Kida sich in ihre menschliche Gestalt zurück verwandelte. Um wenigstens ein wenig das Schweigen zu brechen, sprach sie: “Eigentlich esse ich mein Fleisch gewöhnlich roh, aber da ich mich in eurer Gemeinschaft befinde, werde ich es in dieser Gestalt und in gebratener Form zu mir nehmen.” Sie lächelte in die Runde und zumindest Taliya und Yuna lächelten zurück. Yuna schien Gefallen an der Formwandlerin aus ihrer Welt zu finden und setzte sich an ihre Seite. Kida ließ es geschehen und zumindest die beiden schienen die bedrückende Stille, die auf ihnen lastete, ein wenig aufzuhellen…
Dennoch war es grauenhaft. Taliya saß neben Angel und wusste ebenfalls nicht recht, was sie tun sollte. So einen Zustand hatte es in ihrer Welt vorher noch nie gegeben. Sie drückte kurz Angels Hand um ihrer Freundin wenigstens ein wenig Trost zu geben, doch diese saß in sich versunken da.
Sie presste nur die Lippen aufeinander - bis sie die Stimme der Frau neben sich hörte, die sagte: “So, nun ist das Essen warm und verzehrbereit. Jeder nimmt sich ein Stück - es ist genug für alle da und auch, wenn es klein aussieht, es ist nahrhaft und sättigend - Ava, kommst du bitte auch hierher und isst mit uns!” Ihre Stimme klang bestimmend und so, dass Angel es vorkam, als wäre sie gewohnt, Befehle zu erteilen. Irgend etwas an ihr missfiel ihr und sie musste frösteln. Dennoch hoffte sie insgeheim, dass Ava ihrem Befehl gehorchen und sich zu ihnen setzen würde, doch dies tat sie nicht. Stattdessen hörten sie eine raue Stimme, die von hinten, von dem Felsen, auf dem sie nun saß, herüber rief: “Ich habe keinen Hunger! Teilt euch meinen Happen untereinander auf, damit die Prinzesschen auch stark werden können!”
Langsam wurde Taliya wirklich wütend. Was bildete sich dieses Biest eigentlich ein? Sie hatte schon bemerkt, dass diese Mistkröte mit ihrer besten Freundin nicht das geringste gemein hatte. Ihr lagen die Worte bereits auf der Zunge, die sie ihr entgegen schleudern wollte, doch dann merkte sie, wie Angel ihre Hand drückte und sachte den Kopf schüttelte. Sie hatte sie mal wieder durchschaut - wie früher eigentlich immer - und wollte sie davor bewahren, eine Dummheit zu begehen. Taliya seufzte und nickte nur. Für heute würde sie sich noch zurück halten und zusammen reißen. Aber sie hatte keine Ahnung, wie lange das noch andauern konnte…
Dann begannen sie zu essen. Das Fleisch schmeckte ungewohnt, aber durchaus lecker. Es war würzig und hatte einen leicht geräucherten Nachgeschmack. Weder Taliya noch Angel interessierte wirklich, was das für ein Tier gewesen war, sie hatten einfach nur Hunger und bissen das Fleisch von den Knochen. Die anderen taten es ihnen gleich und so blieb schließlich nur noch Avas Stück übrig.
Sie hatte ihre Drohung wahr gemacht und war dort sitzen geblieben, wo sie sich seit ihrer Ankunft hingekauert hatte. Schließlich stand Moira schweigend auf und hob das Fleisch auf, was bereits ein wenig kalt geworden war. Sie ging zu Ava und legte ihr das Stück in die Hand - Angel konnte erkennen, dass sie und Ava miteinander sprachen, doch sie konnte nicht hören, was sie sagten. Doch sie vermutete, dass es um sie und die derzeitige Situation ging. Vermutlich wollte Moira sie dazu bewegen, sich doch zu ihnen zu setzen, denn Angel konnte sehen, wie Ava den Kopf schüttelte.
Schließlich machte Moira unverrichteter Dinge kehrt und es war ihr unschwer anzusehen, wie wütend sie war. Ava hatte wieder ihren Rücken zu ihnen gekehrt und begann ebenfalls, ihr Fleisch zu essen.
Angel löste ihren Blick von ihrer Schwester. Es würde nichts bringen; sie würde sie niemals akzeptieren… Was machte sie eigentlich hier? Wieso war sie hier, was versprach sie sich davon? Wieder kreisten ihre Gedanken um das Buch, beziehungsweise um die Bücher, die sie in ihrem Rucksack mit sich trug: Einmal ihr Tagebuch, das ihre vermeintlichen “Eltern” ihr geschenkt hatten - Angel bekam erneut feuchte Augen, als sie an sie dachte, und beeilte sich, dies zu verbergen - und das Buch, was sie aus der Bibliothek gestohlen hatte. Sollte sie dies einmal heraus holen? Oder zumindest eines von beiden? Doch welches zuerst? Und war es überhaupt der richtige Zeitpunkt dafür? Sie konnte diesen Menschen hier überhaupt nicht vertrauen - der einzigen, der sie vertraute, war Taliya, aber sie war ja nun nicht mehr mit ihrer Freundin alleine. Wer weiß, was die anderen, einschließlich ihrer Schwester, mit den Büchern tun würden, sollten sie diese entdecken? Nein, sie würde sie noch nicht gebrauchen. Vielleicht gab es einmal den richtigen Zeitpunkt, doch nun war er noch nicht gekommen.
Dennoch war ihr nicht klar, wie es nun weiter gehen sollte.
Moira antwortete ihr unbewusst, denn sie sagte: “So, nun haben wir gegessen, und ich halte es für angebracht, wenn wir nun weiter gehen. Es ist zu gefährlich, hier in der Nähe des Tors noch länger als nötig zu verharren. Wir sind gestärkt und werden uns nun einen weiteren Lagerplatz für die Nacht suchen.” Angel war erstaunt. So dunkel wie es hier war, hätte sie gedacht, es wäre bereits Nacht… Als hätte Moira ihre Gedanken gelesen, lächelte sie und sagte: “Auch hier gibt es Tageszeiten; doch wir fühlen sie mehr, als dass man sie erkennen kann. Es ist immer gleich hell - oder dunkel, wie man es auch immer sieht… Momentan ist es auf dem Weg zur Nacht und wir sollten uns einen Ort suchen, an dem wir sicher sind und ein wenig schlafen können, bevor wir uns darüber klar werden, was unsere nächsten Schritte sein werden.”
Taliya sah sie an und fragte: “Und wieso bleiben wir dazu nicht einfach hier? Ist doch ganz gemütlich hier und sicher scheint es auch zu sein. Also ich hätte nichts dagegen, gleich hier einzuschlafen…” Die Rüge folgte auf dem Fuße: Von hinten hörten sie ein bitteres Lachen, doch bevor Ava noch dazu kam, etwas falsches zu sagen, erklärte ihr Moira: “ich sagte doch schon, dass es mir hier zu gefährlich ist. Noch ist hier niemand aufgetaucht, vermutlich weil die Häscher des dunklen Herrschers diese Gegend noch nicht erkundet haben. Aber wir dürfen das Schicksal auch nicht allzu sehr heraus fordern! Das Tor befindet sich in unserer unmittelbaren Umgebung. Wenn sie uns finden, finden sie auch das Tor! Und dann ist alles aus - sowohl für uns als auch für die Welt. Und eventuell auch für die andere Welt” - sie blickte zu Angel.
Diese sah sie erstaunt und erschrocken an: “Wie meinst du das?” fragte sie, und musste sich zusammen reißen um einigermaßen vernünftig sprechen zu können.
Moira blickte zu ihr zurück. “Der dunkle Herrscher hat alle anderen Tore zerstört, aber wer sagt uns, dass er dies auch mit diesem zu tun gedenkt? Er könnte auch einen anderen Plan haben. Ich weiß nicht, aber ich könnte mir vorstellen, dass er das Tor auch dazu benützen könnte, in die andere Welt - dein ehemaliges Zuhause zu gelangen und dort sein Unwesen zu treiben. Möglich ist alles, mein Kind!
Also, packt alles zusammen, was ihr mitnehmen könnt, dann tretet das Feuer aus und hinterlasst keine Spuren. Ava, Kida, ich brauche euch hier, wir müssen sehen, dass niemand in unserer Nähe ist und wir von niemandem verfolgt werden! AVA!!”
Sie schrie in ihre Richtung, denn Ava hatte sich immer noch nicht einen Millimeter vom Platz bewegt. Schließlich stand sie doch auf und Angel fröstelte, als sie ihren Gesichtsausdruck sah, mit dem sie sie anblickte. ‘Warum hasst du mich so?’ fragte sie sich insgeheim und hätte es beinahe laut gefragt, doch sie behielt die Gedanken für sich. Yuna hatte in der Zwischenzeit damit begonnen, das Feuer zu löschen und es so auszutreten, dass keine Spuren mehr zu erkennen waren. Taliya half ihr und auch Angel riss sich schließlich aus ihrer Lethargie und versuchte, noch ein wenig zu helfen. Es gab nicht mehr viel zu tun, als sie schließlich fertig waren.
Moira blickte kurz zu ihnen herüber und sagte dann kurz und knapp: “Gut, und nun kommt. Wir müssen jetzt von hier fort, uns ein Nachtlager suchen. Ava, Kida…”
Sowohl Ava als auch Kida - erneut in ihrer Gestalt als Löwin - begaben sich an die Spitze, gefolgt von Moira. Angel, Taliya und Yuna folgten ihnen. Ava war froh, dass sie weiter entfernt von denjenigen war, die sie lediglich als Ballast empfand und legte noch einen Zahn zu. Moiras Stimme war zu hören, die ihr zähneknirschend befahl, etwas langsamer, und vor allem vorsichtiger zu laufen.
Doch Ava hörte kaum zu. Sie wollte definitiv mit den Wesen aus der anderen Welt nichts zu tun haben, zu denen auch eine Schwester gehörte, die sie nicht als solche akzeptierte…

