26. Die Quelle

Während sich auf der Lichtung das Elend abspielte, hatte Taliya es geschafft, sie alle zusammen in den Berg zu katapultieren, in dem sich die Quelle der Weisheit befand.
Zu Kidas Erleichterung tauchten sie nicht an dem Punkt auf, an dem sie zurück geblieben und auf Moira gewartet hatte, sondern tatsächlich IN dem Berg, allerdings auch nicht direkt an der Quelle, sondern direkt hinter dem Wasserfall, der dem Berg von dem See trennte.

Es war modrig dort im Inneren und Kida schauderte es, auch, wenn sie nicht im Wasser landete, was sie schon einmal sehr erleichterte. Dennoch fühlte sie sich alles andere als wohl, als sie bemerkte, dass sie wohl noch ein wenig zu laufen hatten - durch diese "Höhle". Yuna war auch die erste, die ihre Worte wieder fand, als sie alle nach der "Reise" wieder bei sich waren: "Na, die Quelle haben wir ja noch nicht erreicht"... maulte sie auch schon, doch Kida schüttelte nur leicht tadelnd den Kopf: "Vielleicht hat das einen Grund", sagte sie nur; dann fügte sie hinzu: "lasst uns den kleinen Fluss dort folgen, mir scheint, dass er schmaler wird, je weiter er führt... Eigentlich eher unwahrscheinlich, aber vielleicht führt er uns zu seiner Quelle"...

Die Mädchen nickten und dann liefen sie schweigend hintereinander den Weg entlang. Hintereinander, weil der Weg immer schmaler wurde, und sie keinen Platz hatten, um nebeneinander zu laufen. Auch der Fluss wurde immer schmaler, bis er zuerst zu einem Bachlauf wurde - und dann tatsächlich beinahe versiegte.
Und schließlich endete er ganz. Sie befanden sich in einer riesigen Höhle - und dann sahen auch sie den Ort, an dem vor ihnen Ava und Moira gewesen waren und sie identifizierten ihn eindeutig als die Quelle!

Zuerst sahen sich auch die Mädchen erstaunt bis beinahe erfürchtig in der Halle um. Es war beinahe zu groß für sie. Und so wunderschön... Überall funkelte es, und es wirkte wie bunte Sterne, die überall aus den Wänden blinkten.
Doch dann riss sich zuerst Angel von dem Anblick los und ging langsam auf die Quelle zu. Die anderen folgten ihr und so stellten sich schließlich alle um diese herum und schauten auf das spiegelglatte Wasser. Was würde die Quelle ihnen nun verraten? Was würden sie zu sehen bekommen?
Angels Herz klopfte bis zum Hals, als sie hinein starrte. Sie hatte gespaltene Gefühle: Auf der einen Seite wollte sie nicht hinein sehen, doch auf der anderen Seite wusste sie, dass sie keine andere Wahl hatte. Es musste sein - und so starrten sie schließlich alle nur auf das - noch - spiegelglatte und kristallklare Wasser der Quelle. Es sah noch aus wie eine ganz normale Quelle und die Mädchen wurden langsam nervös. Was sollte das? War das hier wirklich die richtige Quelle? Gab es vielleicht noch eine andere und dies war in der Tat eine ganz normale Quelle, ganz ohne Magie?

Yuna war schon nahe dran, diesen Gedanken, den sie eigentlich alle hatten, laut auszusprechen, als sich schließlich doch etwas tat: Das Bild veränderte sich, die Mädchen versteiften sich, als sie es bemerkten und sahen extrem angespannt hin, was ihnen die Quelle nun zeigen würde. Würde sie ihnen nun aufzeigen, was sie als nächstes tun sollten?
Doch das Bild, was sie nun sahen, verwirrte sie zuerst: Sie erblickten die Lichtung der Feen, die sie gerade erst verlassen hatten. Taliya wollte gerade fragen, was das nun zu bedeuten hatte, als das Bild sich schlagartig veränderte. Zuerst sahen sie eine Gestalt, die sich an Una heran machte. Es war keine Fee, aber anscheinend so etwas ähnliches, denn Una ließ sie heran treten.

Die Mädchen wunderten sich zwar etwas darüber, da ihnen die Gestalt nicht bekannt vorkam, dennoch fragten sie sich, weshalb ihnen die Quelle dies zeigte. Es musste ja etwas zu bedeuten haben.
Und dann war Angel die erste, der klar wurde, dass etwas mit dieser "Fee" - oder was auch immer sie war - nicht stimmte. Sie konnte durch das Wasser hindurch, trotz des Bildes, denn es war ja nicht mehr als ein Bild, die Aura dieses Wesens erkennen, und es war schwarz wie die Nacht. Trotz ihres feinen, beinahe reinen, Äußeren. Angel schrie auf. Die anderen Mädchen, die natürlich nicht wussten, was los war, fuhren auf und sahen Angel erschrocken an, und sowohl Kida als auch Taliya legten eine Hand auf Angels Schulter. "Was ist los, Angel? Was hast du?" doch Angel antwortete nicht. Ihr Körper war versteift und sie blickte angsterfüllt ins Wasser. Es war beinahe wie ein innerer Zwang, der sie nicht davon los reißen konnte. Sie MUSSTE weiterhin in das Wasser sehen, ob sie wollte oder nicht. Die Quelle hatte sie in ihrer Gewalt und auch die anderen Mädchen spürten die Macht der Quelle und konnten ebenfalls nicht anders, als hinein zu sehen.

Und nun änderte sich das Bild und was sie nun sahen, ließ sie beinahe ersticken. Ungläubig weiteten sich ihre Augen, als sie nun den Feind erblickten, der von überall und nirgends zu kommen schien, und über die Lichtung und damit über die Feen herfiel. Die dunklen Gestalten, geführt vom Willen des Dunklen Lords stürzten auf die Lichtung und es begann ein unbeschreibliches Gemetzel.
Angel musste sich wegdrehen. Sie konnte es nicht mit ansehen, und Kida presste sie für einige Sekunden an sich. Auch sie hatte Tränen in den Augen, als sie sah, wie beinahe alle Feen mit einem Schlag ausgelöscht wurden...

Dann ließ sie Angel los, denn sie erblickten noch etwas: Una! Das Einhorn stand einfach nur so da und beobachtete etwas. Sie schaute in eine bestimmte Richtung - und dann änderte sich das Bild und die Mädchen sahen Ava - gefolgt vom Dunklen Lord. Er lief hinter ihr her und blieb schließlich wie vor einer Art Mauer stehen, die ihn davon abzuhalten schien, weiter zu gehen. Angel hatte sich wieder der Quelle zugewandt und ihr Gesicht wurde kreidebleich, als sie ihre Schwester erkannte, die auf Una zuging - mit einem Messer in der Hand. Auch bei ihr erkannte sie die noch immer dunkle, grau-schwarze Aura, die ihren Körper umschloss. "Was hat sie vor?" flüsterte Taliya, die als einzige ihre Sprache wieder fand, doch keiner antwortete. Dann schwieg auch sie, doch alle Mädchen ahnten Schlimmes; und sie sollten Recht behalten. Kurze Zeit später wurden sie Zeugen, wie Ava in das Fleisch des Einhorns schnitt - und dieses mit Zeichen des Dunklen Lords befleckte.

Angel keuchte. Sie sackte zusammen und wurde gerade noch von Kida aufgefangen. Diese wollte sie davon abhalten, weiter in das Wasser zu sehen, doch Angel ließ sich nicht davon abhalten. Sie MUSSTE wissen, was weiter geschah. Das durfte nicht geschehen sein! Das nächste, was sie sahen war, dass Ava und ihr Wesen, das Einhorn, das sich nicht mehr rührte, aufhoben und es hinter dem Lord hertrugen. Die anderen Wesen hatten ihre "Arbeit" verrichtet und verließen ebenfalls die Lichtung. Ava und der Lord verschwanden mit Una, und langsam verblasste das Wasser und wurde wieder klar.

Die Mädchen starrten noch gefühlte Stunden in die Quelle, doch diese zeigte ihnen nichts mehr. Schließlich war Yuna die erste, die ihre Sprache wieder fand: "Was war das gerade? War das die Zukunft, die uns die Quellen gezeigt haben? Oder die Vergangenheit? Ist das bereits geschehen oder wird das noch passieren? Das kann doch nicht passiert sein; wir sind doch gerade erst von dort fortgegangen; so lange kann das doch noch nicht her sein... Wir müssen zurück! Wenn dies noch nicht geschehen ist, dann müssen wir jetzt zurück und zwar so schnell wie möglich, um dieses Menschenkind davon abzuhalten, das zu tun! Wir müssen diese Brut töten!"...

Weiter kam sie nicht. Angel erwachte aus ihrer Art "Trance", in der sie gesteckt hatte, und stieß Yuna zurück, dass diese beinahe auf ihrem Hosenboden landete. Was durch ihre "Größe" beinahe noch erleichtert wurde. Dann hörte sie Angel reden und dies in einer Stimme, die sie so noch nie bei dem sanften "Engel" gehört hatten: "Keiner von euch tötet meine Schwester, verstanden? Sie ist nicht böse, ich weiß es! Sie hat eine Chance verdient!"

Jetzt war sie es, die nicht weiter kam. Yuna hatte sich aufgerappelt und stieß nun ihrerseits Angel zurück, allerdings mit nicht halb so viel Kraft, wie anders herum. Dann fauchte sie zurück: "Nun mach mal halblang, du verkümmerter "Engel", Verdammt noch mal, merkst du es eigentlich nicht? Dein "ach so liebes Schwesterlein" hat gerade das letzte Einhorn dieser Welt gefangen genommen - vielleicht sogar getötet. Und selbst wenn nicht, dann hat sie es zusätzlich auch noch  beschmutzt - Una wird nie mehr rein sein - und das ist die Absicht des Dunklen gewesen! Und Ava hat es ausgeführt! Wieso denkst du immer noch, sie könnte wieder auf der richtigen Seite sein? Wenn sie es überhaupt mal war - was ich bezweifel - dann ist es jetzt definitiv zu spät! Du kannst doch ihre Aura lesen - wie sah sie aus, he? War sie weiß - oder schwarz?" sie blickte Angel herausfordernd in die Augen.

Bevor diese eine Chance hatte zu antworten, mischte sich Kida ein. Taliya hatte sich in eine Ecke gesetzt und angefangen zu weinen. Es war alles zu viel für sie und auch, wenn sie vorgab, stark zu sein, so schwand langsam ihre Kraft. Und nun fingen sie auch noch an, zu streiten.
Doch Kida stellte sich zwischen die beiden Steithennen und schob sie auseinander. Sie bleckte ihre Zähne und ließ ein leichtes Grollen hören. Und dann sagte sie: "So, und jetzt hört ihr beide MIR mal zu! Zuerst einmal Yuna: Wir töten niemanden, Es sei denn, es ist wirklich nötig. Im Kampf, wenn unser Leben davon abhängt, ist es eine Notwendigkeit, ansonsten ist es niemals die erste Option, jemanden zu töten - und Angel: Spar dir deine Kraft, die, wie ich sehe, durchaus in dir steckt, für unseren Kampf mit den Gegnern, der folgen wird, auf - WIR kämpfen nicht gegeneinander! Und was deine Schwester angeht: ich hoffe, dir ist bewusst, dass sie definitiv die Seite gewechselt hat, sie ist eine unserer Gegner; von daher kann es durchaus sein, dass wir sie bekämpfen müssen - und ich hoffe, du bist dann auf der richtigen Seite?!?" Sie blickte ihr genau in die Augen, und der Blick war durchdringend.

Angel wurde ganz schummerig. Sie hatte Tränen in den Augen, als sie schließlich zu Yuna herunter blickte und leise sagte: "Verzeih mir.. Ich, ich weiß nicht, warum ich das getan habe... Aber ich.. ich WILL einfach glauben, dass es eine Chance für Ava gibt - sie ist doch meine Schwester..." Dann sank sie in die Knie und legte den Kopf in die Arme; sie begann zu weinen.
Yuna ging langsam auf sie zu und hob ihren Kopf nach oben. Die beiden waren nun auf Augenhöhe, denn Yuna stand neben ihr. Sie sah ihr genau in die Augen und schließlich nickte sie, dann antwortete sie langsam und bedächtig: "Ich verzeihe dir - und bitte dich ebenfalls um Verzeihung, Angel. Ich habe mich ebenfalls hinreißen lassen. Es tut mir leid. Ich bin nicht wirklich scharf darauf, überhaupt jemanden zu töten - zumal ich eher die Heilerin bin, dennoch bleibe ich bei meiner Ansicht, dass ich nicht daran glaube, dass Ava noch zu retten ist. Der Dunkle Lord hat sie in seiner Gewalt, Angel! Und auch, wenn die Prophezeiung vorab etwas anderes gesagt hat, du hast doch auch gesehen, was sie getan hat, oder? Und du hast meine Frage noch nicht beantwortet: War ihre Aura weiß - oder schwarz?" sie blickte ihr erneut - oder immer noch - genau in die Augen.

Angel konnte dem Blick nicht standhalten. Sie kniete immer noch und dann senkte sie ihren Blick: "Sie war dunkel" antwortete sie schließlich - doch dann setzte sie hinterher: "Aber nicht völlig schwarz, die von Moira war schwärzer; glaubt es mir oder auch nicht, aber ich habe das Gefühl, dass bei Ava noch etwas zu retten ist - sie braucht nur eine Chance! Bitte, die Prophezeiung kann doch nicht völlig falsch liegen - immerhin ist es eine Prophezeiung!" "Die schon seit geraumer Zeit nicht mehr im Raum steht. Es hat sich etwas geändert - Ava hat sich geändert!" antwortete Yuna prompt.

Schließlich ließ sich Taliya vernehmen, die die ganze Zeit schon länger nichts mehr von sich gegeben hatte, sondern für ihre Verhältnisse, still in einer Ecke gesessen hatte. Jetzt war sie wieder dazu gekommen und stellte sich neben sie. "Wir müssen als erstes einmal heraus finden, ob das, was wir gesehen haben, tatsächlich bereits geschehen ist, was ich nicht hoffen will, oder vielleicht erst noch passiert. Vielleicht war das die Zukunft, die uns die Quelle gezeigt hat, und deswegen würde ich vorschlagen, dass wir wieder zur Lichtung zurück kehren! Ich werde uns dorthin zurück transportieren, und dann werden wir sehen, was geschieht. Vielleicht haben wir die Chance, es zu verhindern! Wenn es noch nicht geschehen ist, können wir die Feen warnen - und auch Una - und dann können wir auch Angels Schwester davon abbringen, das Schreckliche zu tun - wie auch immer wir das dann schaffen. Was haltet ihr davon?"
Hoffnung lag in ihrem Blick und in ihren Worten und die anderen sahen zuerst Taliya und dann sich selbst an.

Dann nickten sie. "In Ordnung, wir machen es so. Kehren wir zur Lichtung zurück und sehen, ob wir etwas an dem ändern können, was uns gerade gezeigt wurde. Die Quelle hat es uns vielleicht gerade deswegen gezeigt. Los, lasst uns keine Zeit verlieren." Kida hatte eine Stärke in der Stimme, die einer Löwin würdig war, und so stand auch Angel schließlich wieder auf und sie umarmten sich alle gegenseitig. Nicht nur, weil sie in Taliyas Nähe sein mussten, wenn diese sich und die anderen zur Lichtung zurück teleportierte, sondern auch, weil sie die Nähe der anderen tatsächlich brauchten.

Nach einigen Sekunden, in denen Taliya die Augen einfach nur so geschlossen hatte, atmete sie einmal tief durch und konzentrierte sich auf die Lichtung - doch es funktionierte nicht. Sie standen einige weitere Sekunden später immer noch dort, ohne dass sie sich einen Meter gerührt hätten..
"Was ist los? Warum sind wir noch hier?" fragte Yuna schließlich, ihr Ton war wieder etwas gereizt. "Ich weiß es nicht", antwortete Taliya, tatsächlich etwas irritiert. "Es hat doch beim Hinteleportieren geklappt, warum nicht auch zurück?"
Sie wollte es gerade noch einmal versuchen, als Angel antwortete: "Moment, wartet - ja, es hat funktioniert, aber wir sind ja auch nicht sofort hier gelandet, sondern erst an dem Bachlauf.. Dort, wo der Fluss am Breitesten ist, und beinahe unten am Wasserfall... Vielleicht funktioniert es hier an der Quelle nicht, weshalb auch immer; oder die Quelle akzeptiert keine andere Magie als ihre...  Ich weiß es nicht, aber ich denke, wir müssen zurück zu unserem Ursprungsort, dort, wo wir angekommen sind, und von dort können wir dann zur Lichtung zurück. Also, gehen wir?"

Die anderen sahen sie an und nickten schließlich. Dann setzten sie sich in Bewegung und verließen die Quelle in Richtung des Wasserfalls, des Ortes, von wo sie aufgebrochen waren. Als sie schließlich dort angekommen waren, traten sie erneut alle zusammen und umarmten sich - und Taliya versuchte es erneut. Dieses Mal merkte sie direkt, dass etwas anders war, sie hatte es im Gefühl. Hier würde es funktionieren - und sie hatte Recht. Wenige Sekunden später waren sie verschwunden...

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Christal, 31
Traumland