21. Rettung und Flucht

… und tauchte wenige Sekunden später wieder in der Kammer auf, in der sie alle gefangen genommen worden waren. Ihr war ein wenig schummrig; anscheinend war dies eine Nebenwirkung ihrer Teleportation. Doch nach wenigen Sekunden war das Gefühl verschwunden. Taliya war froh; so wie es aussah, hatte sie es tatsächlich unter Kontrolle! Es lag ihr auf der Zunge, es ihren Freundinnen zu erzählen; auch, wie glücklich sie war, es endlich kontrollieren zu können und nicht mehr irgendwo in der Walachei zu verschwinden - doch dann riss sie sich zusammen. Sie war nicht hier um sich selbst zu feiern, sondern um ihre Freundinnen zu befreien - und dann zu schauen, wie sie es schaffen sollte, alle zusammen zu der Lichtung zu bringen… Viel Zeit hatte sie nicht dafür, und jeden einzeln herüber zu bringen würde doch viel zu lange dauern…

Während sie noch überlegte, sah sie sich kurz um. Obwohl es erneut dunkel war, konnte sie noch genug sehen, um erkennen zu können, dass auch Angel wieder an ihrem “Platz” hing. Sie war ohne Bewusstsein, doch sie lebte! “Gott sei dank…” flüsterte Taliya und wollte zuerst zu ihr gehen um ihr den ersten Schluck des Heilmittels einzuflößen - als sie wie versteinert stehen blieb. Sie dachte an eine Halluzination; das konnte doch nur Einbildung sein; das war nicht real, was sie nun sah!

Langsam drehte sie ihren Kopf zu einer Gestalt, direkt zwischen Yuna und Angel, die überhaupt nicht dort sein dürfte! Oder war sie jetzt selber wahnsinnig geworden? Taliya sah sich selbst. Die Gestalt, die dort hing, gefangen neben ihren beiden Freundinnen, sah genauso aus wie sie! Und dennoch konnte sie es nicht sein - oder hatte sie sich alles nur eingebildet und lag tatsächlich bereits im Delirium? Oder - die Vorstellung erschreckte sie tatsächlich zutiefst - war sie vielleicht doch tot? Gestorben, bei dem Versuch sich fort zu teleportieren? Vielleicht hatte es doch nicht funktioniert? Sie fröstelte. Sowohl Yuna als auch Angel waren bewusstlos und konnten ihre Fragen nicht beantworten.
Langsam trat sie auf die Gestalt, die so aussah wie sie selbst, zu und hob eine Hand - um sie zu berühren. Sie griff ins Nichts. Es war scheinbare Leere, und Taliya zog entsetzt die Hand zurück. Sie hätte beinahe geschrieen…

Plötzlich ertönte eine Stimme in der Dunkelheit, die sie zuerst nicht ausmachen konnte: “Hör mir zu; es ist nicht so wie du denkst! Dies ist nur ein Trugbild! Von mir aufrecht erhalten, solange bis du deine Aufgabe erledigt hast und deine Freundinnen retten kannst! Bitte, beeile dich! Ich werde das nicht mehr lange schaffen - und wenn der Dunkle Lord herein kommt, wird er die Halluzination direkt bemerken…”
Taliya wirbelte herum. Sie konnte zuerst niemanden sehen, doch dann bemerkte sie einen Mann, der genau in ihre Richtung starrte. An seinem Blick konnte sie erkennen, dass er sich zu konzentrieren schien… Sie trat langsam an ihn heran. “Du, du weißt, wer wir sind?” fragte sie leise;  sie wusste nicht, woher der Gedanke kam, sie wusste es einfach. Der Mann nickte. “Ja, ich habe euch zugehört; dir und deiner kleinen Freundin, die dir erklärt hat, was du zu tun hast…”

Taliya musste schmunzeln, trotz der Situation, in der sie sich befanden, als sie daran dachte, dass Yuna diese Aussage besser nicht so hören sollte… Dann blickte sie den Mann vor sich erneut an: “Also, du hast ein Bild von mir an die Stelle projiziert, an der ich hing? - wieso?” fragte sie ihn geradeheraus und versuchte herauszufinden, ob irgend etwas an ihm “falsch” war. Irgend ein Trick, der sie ins Verderben bringen würde; vielleicht spielte er falsch und der Dunkle Lord würde sie gleich alle töten? Doch dann verwarf sie den Gedanken. Wenn dies so wäre, hätte er Zeit genug gehabt, ihn zu rufen, während sie weg war. Taliya hatte zwar keine Ahnung, wie lange sie fort gewesen war, aber einige Zeit war es schon gewesen;  immerhin war Angel anscheinend wieder zurück gebracht worden…

Sie starrte den Mann immer noch an und sagte: “Als Angel zurück gebracht wurde, hat er es nicht bemerkt?” Der Gefangene schaute zurück und schüttelte den Kopf: “Das war er nicht selbst. Er hat einen Untergebenen geschickt, der nicht in der Lage dazu war, Trug von Wirklichkeit zu unterscheiden. Der Lord ist es allerdings! Wenn ER hierher kommen sollte, müsst ihr alle verschwunden sein.. Was auch immer du für ein Heilmittel hierher gebracht hast - eile dich es anzuwenden und dann verschwindet! Ich werde euer Antlitz wahren, solange es mir möglich ist! Sobald ihr fort seid, werde ich euch alle dort hängen lassen, wo ihr jetzt seid, solange, bis der Lord die Wahrheit heraus findet”.. dann schwieg er.

Taliya starrte ihn an. Ihr war schwindelig. Auf der einen Seite wurde ihr jetzt klar, dass er alles gehört haben musste, was sie mit Yuna besprochen und diese ihr gesagt hatte. Er wusste bescheid! Doch er hatte ihnen geholfen… Also konnte er nicht schlecht sein. Sie schluckte. “Danke”… sagte sie, dann wandte sie sich ab und lief zurück zu ihren Freundinnen.

Es wurde Zeit, das Heilmittel anzuwenden und sie zu retten. Besonders Kida sah furchtbar aus, wie Taliya entsetzt feststellte. Sie lief zuerst zu ihr und ließ der Löwin - denn Kida war immer noch in ihrer Löwengestalt auf der Pritsche festgeschnallt - einen Tropfen des Heilgetränks auf ihr Maul tröpfeln. Wie von Geisterhand leckte Kida sich mit der Zunge über das Maul - und wenige Sekunden später verwandelte sie sich zurück in ihre menschliche Gestalt. Ihre Wunden waren mit einem Schlag verheilt, doch noch erwachte sie nicht… Taliya war drauf und dran ihr noch einen Schluck zu geben, da sie dachte, dass einer für sie nicht ausreichte, doch sie erinnerte sich an Faelias Worte. Jeder nur einen Schluck! Zudem brauchte sie noch weitere Tropfen für ihre Befreiung von den Fesseln… Also trat sie erst einmal von Kida fort und lief als nächstes zu Yuna. Zuerst lag ihr daran, als nächstes Angel zu befreien, doch sie erinnerte sich daran, dass Yuna ihr gesagt hatte, dass sie merkwürdige Zeichen in die Haut geritzt bekommen hatte - von ihren Schmerzen einmal abgesehen. Auch, wenn sie sich ein wenig zusammen reißen musste, nun erst einmal an Angel vorbei zu gehen, die immer noch ihr Bewusstsein nicht wieder erlangt hatte… “Gleich komme ich zu dir, liebe Freundin”, flüsterte sie, dann hob sie Yunas Kopf ein wenig zu sich hoch, kniete sich selbst auf den Boden und gab auch ihr einen Tropfen auf ihren Mund. Auch Yuna leckte sich über die Lippen - und Taliya sah mit Erstaunen zu, wie alle, von Ava in die Haut eingeritzten Zeichen wie von Zauberhand verschwanden. Yunas Haut sah wieder aus, als wäre sie niemals verschandelt worden… Taliya strahlte, als sie es sah, doch in den ersten Sekunden tat sich auch bei Yuna nichts weiter. Auch sie wachte nicht auf…

Taliya war besorgt. Sie schüttelte den Trog. Es schien noch genug von dem Getränk drin zu sein, dass sie es durchaus versuchen könnte, ihr und auch Kida, noch einen Schluck zu geben, doch sie riss sich zusammen.
Zuerst würde sie Angel ihren Schluck geben, dann würde sie weiter sehen…

Langsam ging sie auch zu Angel. Ihre beste Freundin. Das Mädchen, mit der sie aufgewachsen war, in einer Welt, die sie beide als die ihre angesehen hatten… Ob sie diese Welt jemals wieder sehen würden? Taliya musste sich zusammen reißen. Hier und jetzt war der falsche Ort und die falsche Zeit für diese Art von Gedanken…
Sie nahm auch bei ihr die Flasche und setzte sie an um ihr ihren Anteil an der Medizin zu geben. Auch Angel leckte sich über die Lippen - und erwachte. Taliya hörte ein Stöhnen, dann schlug Angel die Augen auf - und mit ihr ebenfalls Yuna. Beide schauten zuerst verwirrt drein und machten den Anschein, als ob sie nicht wüssten wo sie waren, doch dann fiel es ihnen wieder ein. Angel lächelte, als sie Taliya sah, ihre Augen glänzten. “Taliya? Du bist frei? Wie hast du das geschafft?…” Yuna unterbrach sie: “Wir haben nicht viel Zeit! Taliya, wie ich sehe, hast du die Heilkräuter?” Sie hatte an sich herab gesehen und bemerkt, dass ihre Runen fort waren.

Taliya überlegte. Es würde jetzt zu lange dauern, alles zu erzählen, und zudem wusste sie, dass sie es auch nicht tun durfte. Noch nicht - und vor allem nicht hier! Wer wusste, wer hier alles zuhörte. Abgesehen von dem fremden Mann, der aber anscheinend auf ihrer Seite stand…
Plötzlich hörte sie einen spitzen Aufschrei von Angels Seite, noch bevor sie Yuna antworten konnte. Sie blickte sich gehetzt um, weil sie schon davon ausgegangen war, dass der Lord oder einer seiner dunklen Diener herein gekommen war - eventuell sogar Moira oder Ava - doch nichts dergleichen war geschehen. “Was ist los, Angel?” fragte auch Yuna besorgt. Doch Angel antwortete nicht, sondern starrte nur auf die Stelle neben sich - und Yuna… Und nun fiel auch Yunas Blick auf etwas - beziehungsweise jemanden - der neben ihr “hing” - und sie erstarrte. “Was zum Teufel”… sagte auch sie und blickte irritiert von der Taliya, die nun vor ihr stand, mit einem scheinbaren Wassertrog in der Hand, zu der Taliya, die immer noch gefesselt und blutüberströmt zwischen ihnen hing…

Yuna schluckte. Sowohl ihr als auch Angel war anzusehen, dass sie nicht mehr wussten, wem sie trauen konnten. Bevor die Situation eskalierte, beeilte sich Taliya zu sagen: “Ich bin es wirklich! Das da neben euch ist eine Halluzination! Ein Trugbild, von einem der Gefangenen” - sie schaute zurück und zeigte in die Richtung, in der ihr Helfer hing - “herauf beschwört um uns zu helfen!” Sie blickte Yuna an und fuhr fort zu erzählen: “Er hat wohl unsere Unterhaltung mit angehört und dann hat er, als ich mich fort teleportiert hatte, mein Bild hierher projiziert… Er ist auf unserer Seite, und nun muss ich mich beeilen, euch zu befreien und von hier fortzubringen - mehr kann ich momentan nicht sagen; ihr werdet schon sehen, wohin ich euch bringe…”

Sie blickte Yuna ins Gesicht, und diese verstand. Sie nickte. Jetzt fühlte sie, dass die Gestalt neben ihr nicht echt war. Doch derjenige, der dies bewerkstelligen konnte, war nicht gerade machtlos… “Gut, wenn du weißt, wie du uns befreien kannst, dann tu es!” sagte sie nur und Taliya nickte. Sie nahm den Trog erneut und tröpfelte jeweils einen Tropfen auf die Fesseln von Yuna und Angel. Ihre Hände fielen herab - und waren im ersten Augenblick völlig taub. Sie waren solange nach oben gehalten worden, dass beide Mädchen sie kaum noch spürten… Während sie noch damit zu kämpfen hatten, ihre Arme wieder zu spüren, lief Taliya erneut zu Kida. Sie sah mit Erschrecken, dass diese immer noch ohne Bewusstsein war… Taliya rüttelte an dem Trog - noch war Inhalt in ihm, und obwohl die Fee ihr gesagt hatte, dass sie nur einen Schluck für die Heilung verwenden sollte, entschied sie sich, es darauf ankommen zu lassen. Schließlich wusste sie, was zu tun war: Zuerst würde sie zwei Tropfen für die Befreiung von ihren Fesseln verwenden - und wenn dann noch etwas übrig war, würde sie ihr noch einen Schluck zu trinken geben. Sie musste doch aufwachen!

Also tat sie es genau so und schließlich lag auch Kida ohne Fesseln auf der Pritsche. Doch immer noch nicht bei Bewusstsein… Mit ihr musste Moira besonders grausam umgegangen sein, dachte sie traurig - und dann gab sie ihr noch einen Tropfen aus dem Trog auf ihre Lippen. Es war der Letzte. Sie fühlte es…

Kida leckte sich erneut mit der Zunge darüber - und dann erwachte auch sie. Mittlerweile hatten sich auch Yuna und Angel etwas erholt und waren zu ihr herüber gelaufen. Angel beugte sich zu dem Mädchen, und strich mit ihrer Hand über ihre Wange. “Kida? Kida, wach auf! Bitte…” flüsterte sie, und dann sah sie erleichtert, wie diese die Augen aufschlug und sie anblickte. Sie sah zuerst mit deutlicher Verwirrung von einer zur anderen - alle ihre Freundinnen standen anscheinend neben ihr und blickten sie lächelnd an.. War das Wirklichkeit oder bildete sie sich das nur ein? Lag sie im Fieberwahn? Oder war sie etwa… “Nein, du bist nicht tot! Glücklicherweise - Dank Taliyas Fähigkeiten, die sie gerade erfolgreich anwenden konnte! Aber nun müssen wir fort von hier!” antwortete Yuna, ohne dass Kida hätte fragen müssen - anscheinend lag ihr die Frage so eindeutig auf der Zunge, dass dies nicht nötig gewesen war.

Kida stand langsam auf. Auch, wenn sie keine Schmerzen mehr hatte, ein leichtes Gefühl des Unwohlseins war geblieben. Dennoch riss sie sich zusammen und sprang schließlich von der Pritsche. Sie wollte von diesem “Ding” runter, auf dem sie bis jetzt gelegen hatte..
Als sie neben ihr stand, sah sie plötzlich etwas, was sie an ihrem Verstand zweifeln ließ. Auch Angel und Yuna mussten kurz die Augen schließen, dennoch ahnten sie, was geschehen war. Die beiden blickten zu dem Mann herüber, den Taliya vorhin erwähnt hatte, und er nickte. Kida hingegen hatte keine Ahnung, was gerade geschah und sah mit großen Augen sich selbst immer noch in Löwengestalt auf der Pritsche liegen… Langsam glitten ihre Augen von diesem - eindeutigen - Trugbild zu dem Ort hinüber, an dem ihre Freundinnen vorab gehangen hatten - und sie hingen immer noch dort!

Kida jappste nach Luft. “Was, was ist hier los…?” fragte sie, doch Taliya legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter. “Keine Angst. Wir haben einen Helfer.” Sie zeigte zu dem Mann herüber, der sie ansah. Sie alle merkten, dass er einen angestrengten Eindruck machte… “Er hält unseren Anblick aufrecht… Als Trugbild, wenn wir nun verschwinden. Solange, bis jemand es bemerkt…” fügte sie noch hinzu, doch dass brauchte sie gar nicht. Angel war auf ihn zugetreten. Sie hatte begriffen, was er da gerade für sie tat - und was es für ihn bedeuten würde, wenn ER es erfuhr…
“Es kostet dich dein Leben! - Du musst mit uns fliehen”… sagte sie und blickte dann zu Taliya herüber. “Wir müssen ihn mitnehmen! Kannst du ihn auch befreien?”

Taliya sah bestürzt von Angel zu dem Mann herüber. Daran hatte sie nicht gedacht. Natürlich würde er sterben, wenn der Lord bemerkte, was er hier tat… Er würde ihn umbringen; und wer weiß, was er ihm noch alles antat… Dennoch, sie konnte nicht. Sie wusste, was Faelia ihr gesagt hatte; niemand durfte etwas näheres über sie erfahren. Und über Una! Es reichte schon, dass er überhaupt etwas mitbekommen hatte, doch noch mehr durfte sie über das Geheimnis der Feen-Lichtung nicht erzählen. Nicht hier! Und dann blickte sie auf den Trog in ihrer Hand. Er war leer. Selbst wenn sie wollte, hätte sie keine Möglichkeit mehr, ihm noch etwas von dem Heilmittel zu geben. Weder ihm noch den anderen Gefangenen. Sie schaute zu Boden.

Doch dann ließ sich der Mann vernehmen, der auf Angel herab sah und mit sanfter Stimme zu ihr sprach: “Es ist gut… Ich weiß, was ich tue. Und ich tue es gerne.  Wenn es hilft, die Welt wieder so werden zu lassen, wie sie einmal war, dann werde ich euch auch weiterhin helfen - und wenn ich mein Leben dafür gebe, dann gebe ich es gerne. Ich weiß, was mich erwartet, wenn der Dunkle mein Trugbild heraus findet. Und dass er es wird, ist ziemlich sicher.. Früher oder später”..
Dann blickte er sie alle an: “Und genau deswegen müsst ihr nun von hier verschwinden! Ihr habt schon zu lange hier ausgeharrt. Es geht euch allen wieder gut, denke ich - was auch immer dies für ein Heilmittel war, dass du mitgebracht hast - bewahre es gut. Bewahre das Geheimnis, denn es könnte die Kraft sein, die uns alle rettet…”

Seine Worte berührten Taliya, und irgendwie hatte sie das Gefühl, dass er mehr wusste, als er ihnen sagen wollte. Wusste er vielleicht tatsächlich etwas über das Geheimnis der Feen-Lichtung? Wusste er etwas über Una? Sie wagte es kaum zu hoffen, denn wenn, dann war er auch eine Gefahr für sie… Doch sie konnte nur hoffen, dass er es für sich behielt, egal, was er wusste… Denn sie konnte ihn nicht mitnehmen, auch, wenn sie es durchaus gewollt hätte. Es gab keine Möglichkeit mehr. Schließlich wandte sie sich an ihre Freundinnen und sagte: “Wir müssen jetzt gehen. Ich weiß nicht, ob es wieder funktioniert; aber eben habe ich die Kontrolle über meine “Reise” gehabt - zumindest als ich alleine gereist bin… Jetzt muss ich euch mitnehmen… Ich hoffe, dass klappt genauso gut…”

Angel schüttelte den Kopf. Sie konnte - und wollte - es nicht akzeptieren, dass sie den guten Mann, der ihnen half und dabei sein Leben für sie riskierte, einfach hier zurück lassen würden: “Er stirbt für uns! Das können wir doch nicht zulassen!” rief sie beinahe unter Tränen und blickte von einem zum anderen. “Wir können ihn doch nicht für uns sterben lassen…”

Bevor er in der Lage war etwas zu sagen - man konnte seinem Gesichtsausdruck ansehen, dass auch er litt; kam Kida zu Angel und nahm ihr Gesicht in ihre Hände. Sie blickte ihr genau in die Augen und sagte mit sanfter, aber dennoch bestimmter Stimme: “Hör mir zu, Kleines: Wie Taliya bereits sagte: Er weiß, was er tut! Er hilft uns, Zeit zu gewinnen! Solange er dieses Trugbild aufrecht erhält, kann er zumindest Seine Diener trügen. Wer weiß, wie lange noch.. Keiner von uns weiß das - aber er tut es freiwillig. Ich weiß, er bringt ein großes Opfer, ein sehr großes…” Sie hielt kurz inne und blickte dem Mann in die Augen und verbeugte sich vor ihm. “Ich danke dir dafür; wir werden dir nie vergessen, was du für uns getan hast… Und das werden wir auch nie wieder vergelten können…” Angel schluchzte. Sie konnte es immer noch nicht akzeptieren - und doch würde es so sein. Es war sein Schicksal für sie zu sterben.. Nur ein Wunder würde das Unvermeidliche verhindern… Aber vielleicht gab es Wunder?

Dann hörte sie, wie Kida sich wieder ihr zuwandte, als sie weiter sprach: “Wenn wir nicht endlich von hier verschwinden, wird er umsonst sterben… Willst du das vielleicht? Soll alles umsonst gewesen sein, nur weil wir hier miteinander diskutieren? Angel, bitte… Du musst es verstehen. Ich weiß, es ist hart. Aber noch einmal: Er tut es freiwillig - für uns - und er weiß, was er tut…”
Auch in ihren Worten lag Bedauern, doch Angel spürte eine Härte daraus, die wohl von ihrem Wesen als Löwin herrührte…
Sie seufzte. Es gefiel ihr nicht, nein; und sie wünschte es ändern zu können. Sie blickte noch einmal zu Taliya hin um sie zu fragen, ob sie vielleicht nicht doch noch einem Möglichkeit hätten ihn zumindest zu befreien; doch diese schüttelte den Kopf. Es war nichts mehr in dem Trog; und abgesehen davon - wohin hätte er fliehen sollen? Sie konnte ihn nicht an den Geheimen Ort bringen, dass wusste sie - und sobald sie alle dort waren, würden es auch die anderen verstehen.

Also war es besiegelt. Er nickte ihnen zu und sagte noch einmal, an Angel gewandt: “Deine Freundin hat Recht: Ich weiß, was ich tue - und ich tue es gerne! Und nun geht! Bevor der Lord euch findet - euch und die Trugbilder, die ihr immer noch vor euch seht…”
Angel wusste, dass sie keine andere Wahl hatten. Es zerriss ihr das Herz, jemanden, der sich für sie aufgeben würde, im Stich zu lassen. Sie fühlte sich mies. Doch Kida umarmte sie und flüsterte ihr ins Ohr: “Es wird alles wieder gut!”… Auch der Mann lächelte und sagte: “Was auch immer mit mir geschieht; es wird eine Erlösung sein… Alles ist besser als das hier!”

Angel blickte von Kida zu ihm herüber - und sie sah seine leuchtende Aura, die um ihn herum schwebte. Sie war hell und bunt, so wie bei Kida, Yuna und Taliya ebenfalls. Er war ein guter Mensch. “Danke”.. flüsterte sie erneut, dann wandte sie sich zu den anderen um nicht noch einmal in Reue zu versinken. Sie schloss die Augen. Wohin sie jetzt wohl “reisen” würden? Wohin das Schicksal sie nun brachte - doch plötzlich fiel ihr siedendheiß noch etwas anderes ein.  Sie hob die Hand: “Wartet! Wir können hier nicht fort ohne meine Schwester! Wir müssen Ava mitnehmen - sie darf nicht hier bleiben!” - Sie sah die anderen an - und in ihren Augen war das Flehen deutlich zu erkennen.

Yuna, Taliya und Kida sahen Angel an als wäre sie verrückt geworden. “Ava?” fragte Yuna schließlich mit gepresster Stimme. “Ava ist ein Teil des Dunklen geworden! Sie hat uns das alles hier angetan! Du hast doch noch mitbekommen, was sie Taliya und mir angetan hat, oder? Und dir - nicht zu vergessen!” Ihre Stimme war laut geworden, beinahe zu laut. Wieder machte sich Kida bemerkbar. Sie räusperte sich und sprach etwas sanfter zu Angel: “Hör mir zu, Kleines. Deine Schwester ist nicht mehr das Mädchen aus der Prophezeiung. Wenn sie es jemals war, dann ist sie nun verloren! Wir können nicht zu ihr, denn sie würde uns verraten. Sie hat es bereits getan, in dem Augenblick, in dem sie sich dem Dunklen Lord verschrieben hat! Bitte, du musst sie vergessen. Jedenfalls momentan!”

Angel schüttelte den Kopf. Sie konnte doch ihre Schwester nicht vergessen - und schon gar nicht verraten! Denn es kam ihr wie Verrat vor, was sie hier tat. “Ich kann nicht ohne sie gehen…” versuchte sie es erneut. “Meine Schwester ist nicht verloren - noch nicht! Ich kann das nicht glauben; noch muss es Hoffnung geben, auch für sie!”
Erneut sprach Kida zu ihr, in ihrem sanften und dennoch bestimmten Tonfall: “Angel, bitte.. Ich weiß nicht, ob Ava für immer verloren ist - vielleicht hast du Recht: Vielleicht gibt es irgendwann und irgendwie noch eine Chance für sie; doch noch sind wir nicht in der Lage, sie aus dem Bann des Dunklen heraus zu reißen. Verstehst du das? Sie ist ihm hörig - und wir müssen uns nun beeilen, hier heraus zu kommen; ich fühle, dass es Zeit wird!”
Angel blickte in die Gesichter ihrer Freundinnen und erkannte, dass es so war. Sie mussten fliehen - jetzt - und sie konnten Ava nicht mitnehmen. Wohin das Schicksal sie nun auch immer führen würde. Sie senkte den Kopf und nickte. Tränen standen in ihren Augen und Kida nahm sie kurz in den Arm.

Sie ahnte, dass sie nicht mehr lange Zeit hatten, doch es war ihr wie ein innerer Drang, das arme Mädchen zu trösten, das ihr ganzes, bisheriges Leben verloren hatte und sich nun in einer Welt wieder fand, in der selbst sie, als Wesen dieser Welt, sich nicht mehr zurecht fand. Wie sollte dieses Kind es dann können? Und Kida wusste, dass Angel sich eine Schwester wünschte. Eine Schwester, die wie sie ein reines Herz hatte. Denn das hatte Angel. Angel war das reinste menschliche Wesen das Kida jemals gesehen hatte, und sie passte genau zu der Prophezeiung; doch Ava war das genaue Gegenteil. Kida hatte keine Ahnung, wieso Angel der Meinung war, dass sich das ändern würde; sie selbst glaubte nicht daran. Und die anderen genau so wenig; doch das machte es in der Tat für Angel nur noch schlimmer…

Schließlich löste Kida die Umarmung und strich Angel die Tränen fort: “Ich weiß, es ist nicht einfach. Aber wir müssen jetzt gehen! Sonst findet Er uns und dann ist es für uns alle zu spät! Dass weißt du, Kleines, oder?” Angel nickte. Sicher wusste sie das… Doch die Vorstellung, sowohl diesen tapferen Mann, ihren Freund, der hier sein Leben für sie geben würde, als auch ihre Schwester, die sie gerade erst kennen gelernt hatte, zurück lassen zu müssen - noch dazu ihre Schwester in den Klauen des Feindes - gefiel ihr überhaupt nicht. Und doch hatten sie keine andere Wahl. Sie atmete einmal tief durch und wandte sich noch einmal abschließend an den Mann: “Wie ist dein Name?” fragte sie ihn und alle Mädchen sahen ihn an. Er lächelte: “Marasi” antwortete er. “Danke, Marasi”, flüsterte sie und in ihren Augen funkelte es. Er nickte ihr zu. “Gern geschehen - und nun verschwindet! Die Zeit wird immer knapper - und ihr seid unsere einzige Hoffnung! Geht jetzt!”

Die Mädchen nickten. Taliya hatte sich die ganze Zeit bereits Gedanken darüber gemacht, wie sie es bewerkstelligen sollte; dann hatte sie eine Idee: “Kommt zu mir und umamt mich!” flüsterte sie ihren Freundinnen zu und diese folgten ihr. Sie alle legten ihre Hände umeinander und formten eine Art Kreis - und Taliya schloss die Augen: “Zu der Feen-Lichtung; wir alle zusammen!” flüsterte sie: Und innerhalb einer Sekunde waren alle Mädchen verschwunden…

Marasi schloss die Augen und konzentrierte sich auf seine “Arbeit“. Noch waren alle Mädchen an der Stelle, an der sie offiziell hängen, beziehungsweise liegen sollten: Kida auf der Pritsche, Angel, Taliya und Yuna an den Seilen an der Wand. Und alle waren schwer blutend und verletzt. Er würde den Schein wahren - so lange, bis es keine Möglichkeit für ihn gab; bis der Dunkle Lord seinen Trug durchschaut hatte…

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Christal, 31
Traumland