28. Avas Bekehrung
Währenddessen waren Raoul und Ava zusammen mit dem Einhorn, das Ava zusammen mit dem von ihr erschaffenen Wesen getragen hatte, angekommen.
Er hatte in der Tat nicht vor, Una in den normalen Kerker, in dem zuvor die Mädchen gefangen gehalten und gefoltert wurden, zu stecken, dafür war sie ihm zu wertvoll. Es gab noch ein anderes Gefängnis, in dem nur Einzelzellen für "besondere" Gefangene zur Verfügung standen. Dorthin ließ er Una bringen und diese einschließen.
Er selbst konnte nicht mitkommen, da ihre immer noch vorhandene Reinheit ihn blendete. Daran änderten auch die von Ava in Unas Haut eingeritzten Runen - vorerst - nichts. Natürlich ärgerte ihn das, aber er konnte - noch - nichts daran ändern. Und so blieb ihm erst einmal nichts anderes übrig, als es Ava zu überlassen, die Aufgabe zu übernehmen, das Einhorn in seine Kammer einzuschließen. Das Wesen war mittlerweile ebenfalls verschwunden. Es würde wissen, wann es wieder gebraucht wurde, genau wie alle anderen Wesen, die Ava erschaffen hatte - und seine eigenen natürlich ebenfalls.
Raoul lachte böse, auch, wenn es momentan noch nicht soweit war, irgendwann würde er die Macht des Einhorns gebrochen haben, dann wäre er in der Lage, in seine Nähe zu kommen und sich seines Hornes zu bedienen - und wenn dies soweit war, dann würde das Einhorn sterben - und kein Wesen würde ihn mehr aufhalten können. Kein Wesen und kein Mensch! Denn dann wäre er tatsächlich unbesiegbar.
Ava war mittlerweile dabei, Una in ihre Zelle zu bringen. Sie hatte die ganze Zeit schon ein Gefühl in sich, das sie weder beschreiben noch einordnen konnte. Irgendwie schien es von dem Tier auszugehen, doch sie versuchte, es zu ignorieren. Was auch immer es war, sie durfte ihm nicht nachgeben.
Schließlich stieß sie Una in die Zelle - sie hatte keine Probleme es zu berühren - und wollte gehen, als sie einen Schmerz in sich spürte, der sie auf die Knie zwang. Ihr Herz schlug schneller und ihr wurde schwindelig. Sie hatte keine Ahnung, was hier gerade mit ihr geschah. Woher kam dieser Schmerz?
Dann blickte sie zu Una auf, die in einer Ecke der Zelle stand und auf die herab blickte. Ihr Fell war blutgetränkt, doch trotz der vielen Verletzungen, die hauptsächlich durch die von Ava eingeritzten Runen und Zeichen entstanden waren, konnte sie noch stehen. Und ihr Blick war durchdringend, mit dem sie Ava genau in die Augen blickte.
Ava konnte ihren Blick nicht von ihr abwenden, so sehr sie es auch versuchte. "Was tust du da, du verdammte Brut? Hör auf damit!" wollte sie anfangen, doch sie kam nicht weiter. Ava "hörte" Schreie. Sie wusste, dass die Schreie nicht real waren, doch sie klangen in ihr, als wären sie es.
Zuerst dachte sie, es wären ihre eigenen, denn die Stimme hörte sich beinahe an wie ihre eigene, doch sie wusste, dass das nicht sein konnte - sie hatte sich nie die Blöße gegeben, laut zu schreien oder um Gnade zu betteln. Und dann erkannte sie die Stimme - es war die ihrer Schwester, diesem "Engel"... "Was soll das?" fragte sie erneut. "Willst du, dass ich Mitleid mit dem "Engel" habe? Nur, weil sie das bekommt, was sie verdient? Vergiss es!!" fauchte sie in die Richtung des Einhorns, doch es reagierte nicht. Ava fragte sich, weshalb sie überhaupt ihre Schreie "hörte", soweit sie wusste, waren die Mädchen doch geflohen, obwhohl sie in der Obhut des Dunklen Lords gewesen waren. War es ihm gelungen, sie wieder einzufangen? Doch wenn ja, wann sollte das gewesen sein? Er hatte sich doch gerade erst von ihr getrennt? Aber vielleicht war es seinen Helfern und ihren Geschöpfen ja gelungen sie aufzuspüren? Auf der Lichtung waren sie jedenfalls nicht mehr...
Bevor sie dazu kam, weiter darüber nachzudenken, spürte sie den nächsten Schmerz, und sie musste sich krümmen. "Verdammtes Miststück, was soll das?" fauchte sie. Sie versuchte verzweifelt aufzustehen, in der Absicht, zu verschwinden, doch beides war unmöglich.
Dann begann sich ein Bild vor ihrem geistigen Auge zu formen: Sie sah sich selbst - dieses Mal wusste sie, dass SIE es war, die sie "sah" - wie sie auf einer Pritsche lag, und von Moira gefoltert wurde... Was war das jetzt? Sie erinnerte sich an den Moment, an dem Moira ihr den Brennstab in die Haut gerammt hatte, und die Erinnerung ließ sie kurz erschaudern.
Sie fragte sich, was das sollte. Dass es das Einhorn war, das ihr die Erinnerung übermittelte, war ihr klar, doch weshalb? Welcher Grund steckte dahinter?
Dann hörte sie erneut Schreie. Schreie, die von ihrer Schwester stammten. Und jetzt änderte sich das Bild: Sie sah Angel, wie sie an der Wand hing, ebenfalls gefesselt, und sie schrie sich die Lunge aus dem Hals, doch sie wurde nicht gefoltert! 'Weshalb schreit dieses kleine Weichei so?' fragte sie sich, denn sie konnte es sich zuerst nicht erklären.
Dann "sah" sie wieder sich selbst und Moira, die erneut den Brennstab in ihre Haut stieß - und genau in diesem Augenblick spürte Ava, dass dies miteinander in Zusammenhang stand. Sie wusste es plötzlich: Angel schrie ihretwegen! Sie konnte ihre Schmerzen spüren! Und Ava erinnerte sich an Taliyas Worte, als sie nach ihrer Folterung durch Moira, dieser geholfen hatte, die anderen zu drangsalieren: Sie hatte ihr gesagt, dass Angel ihretwegen so schrie, doch sie hatte Angels Freundin nicht ernst genommen, ja nicht einmal richtig zugehört.
Doch nun wusste sie, dass Taliya Recht gehabt hatte: Ihre Schwester hatte ihre Schmerzen gespürt und an ihrer Stelle geschrien, als würde sie selbst gefoltert. Und vermutlich war es auch so - Ava wusste es instinktiv: Moira hatte nicht nur sie mit dem Brennstab traktiert, sondern auch Angel.
Dieses Wissen ließ sie nach Luft schnappen. Vorab hatte sie wirklich geglaubt, das kleine Weichei wurde selbst gefoltert und hatte nicht den Mut und die Kraft, es stillschweigend hinzunehmen; doch nun spürte sie, dass nicht jeder so eine Kraft haben konnte, wie sie. Angel kam aus einer anderen Welt, da gab es vermutlich so etwas wie Folterung nicht, möglicherweise nicht einmal Leid; wie sollte sie dann wissen, wie man so etwas ertragen konnte?
Doch bevor sie dazu kam, weiter darüber nachzudenken, änderte sich das Bild erneut: Ava sah nun, wie sie vor Angel stand, diese war immer noch angekettet, und sie wusste, was folgen würde. Ava presste die Augen fest zusammen, doch es änderte sich nichts, das "Bild" erschien weiter vor ihrem Auge und zeigte unbarmherzig die weiteren Szenen, die folgten: Ava sah, wie sie das Messer nahm, das noch blutig war von den Folterungen an Taliya und Yuna, und es in Angels Körper stach - immer und immer wieder. Und sie sah Angels Blick - und hörte ihre Worte: "Warum hasst du mich so? Was habe ich dir getan?"
Das Bild änderte sich nicht - immer wieder sah sie ihre blutende Schwester, und sich selbst wie sie, einer Wahnsinnigen gleich, auf sie einstach. War das wirklich sie? Hatte sie das wirklich getan? Auch, wenn sie es nicht glauben wollte, sie wusste, dass sie es getan hatte. Und sie wusste auch, dass der Wahnsinn sich bei ihr eingestellt hatte, hervorgerufen durch den "Dunklen". Er hatte DAS aus ihr gemacht!?!
Ava hielt sich die Hände vor ihr Gesicht. Sie wollte nicht, aber Tränen liefen über ihre Wangen und sie ließ ihnen freien Lauf, was sie vor kurzer Zeit noch für Schwäche gehalten und es definitiv nicht zugelassen hätte, zu weinen. Jetzt war es ihr egal. "Hör auf, bitte!.. Es tut mir leid!... Ich weiß, was ich getan habe, war falsch! Bitte, hör auf -was auch immer du da mit mir machst, ich bitte dich, hör auf damit..."
Avas Stimme versagte. Es waren keine leeren Worte, die sie da sprach. Es tat ihr tatsächlich leid. Was sie getan hatte, war unverzeihlich. Sie hatte Menschen verletzt, ja beinahe getötet. Es war dem Einhorn zu verdanken, dass die Mädchen noch lebten; wobei es ihr ein Rätsel war, wie sie hatten fliehen können, vor allem bei ihren Verletzungen. Aber auch das Wissen kam plötzlich und instinktiv, dass Taliyas Fähigkeit etwas damit zu tun haben musste. Sie erinnerte sich, dass sie Raoul gefragt hatte, wie es ihnen gelungen war, zu fliehen; doch wirklich geantwortet hatte er ihr nicht. Doch sie wusste jetzt, dass Taliya sie wohl alle auf die Lichtung gebracht hatte, anscheinend waren auch ihre Fähigkeiten gewachsen.
Dann blickte sie langsam, immer noch mit Tränen in den Augen, zu Una hoch: "Bitte.. Ich, ich weiß, ich kann es nicht wieder rückgängig machen, was ich getan habe... Aber ich schwöre dir, ich werde alles daran setzen, es wieder gut zu machen! Ich werde euch helfen, den "Dunklen" zu besiegen. Wie es in der Prophezeiung steht. Aber ich bitte dich: Lass mich diese schrecklichen Bilder nicht mehr sehen... Ich kann das nicht mehr ertragen!..." Zum Schluss hatte sie nur noch geflüstert und ihren Kopf erneut gesenkt.
Ava spürte immer noch den Blick des Einhorns auf sich - und dann verschwanden die Bilder, die Una ihr eindeutig gesendet hatte. Sie waren von einer Sekunde auf die andere verschwunden - und die Gefühle, welche damit einher gegangen waren, mit ihnen.
Ava verspürte Erleichterung. "Danke" sagte sie nur und stand auf. Jetzt war sie in der Lage dazu. Langsam lief sie auf Una zu - und diese sank vor ihren Augen zusammen. Anscheinend war es für sie anstrengend gewesen, die Bilder in Avas Kopf hervorzurufen. Diese stand neben ihr und kniete sich dann erneut vor Unas Körper. Langsam strich sie über ihren Körper und war entsetzt über deren Verletzungen, die sie ihr eigenhändig zugefügt hatte. Sie wusste ebenfalls instinktiv, dass sie nicht in der Lage sein würde, diese Runen wieder zu entfernen, zumal sie auch keine Ahnung hatte, was diese eigentlich bedeuteten, geschweige denn, die Verletzungen zu heilen. Sterben würde Una nicht, dass wusste sie ebenfalls, noch war es nicht soweit. Aus welchem Grund auch immer, der Lord brauchte sie - noch - lebend!
Aber Ava hatte einen Entschluss gefasst. Einen Entschluss, der sie ihr Leben kosten konnte. Doch dies war ihr egal. Im Grunde war es dies sogar wert, und sie war es sich selbst schuldig. Und nicht nur sich selbst, sondern in erster Linie auch ihrer Schwester und den anderen, denen sie all das Leid zugefügt hatte. Das Leid, das sie gerade am eigenen Leib erlebt hatte, "dank" Una.
Ava wusste, dass sie es tun musste. Sie musste den Mädchen helfen, den Lord zu vernichten, so wie es in der Prophezeiung stand. Doch sie wusste ebenfalls, dass er davon - vorerst jedenfalls - nichts merken durfte. Es würde schwierig werden, dass ahnte sie. Raoul durfte ihre wahren Absichten nicht erfahren, so dass sie vorerst noch auf seiner Seite stehen musste. Und das würde schwierig werden, denn er war in der Lage, in ihr wie ihn einem offenen Buch zu lesen.
Und genau deshalb war ihr auch klar, dass sie Una jetzt verlassen musste: "Ich muss jetzt gehen. Bitte glaub mir, ich bin auf eurer Seite! Leider kann ich nichts tun, was dich von deinen Verletzungen und Schmerzen zu befreien, aber ich schwöre dir, dass ich mir etwas einfallen lassen werde. Auch, wenn ich noch nicht weiß, was"...
Dies entsprach tatsächlich der Wahrheit; sie wusste zum ersten Mal in ihrem Leben nicht, was sie tun sollte; und sie war momentan ebenfalls das erste Mal zu schwach, um weiter darüber nachzudenken. Ava wollte einfach nur in ihr Zimmer. Langsam strich sie noch einmal langsam über Unas Hals, sanft, um das Tier nicht noch mehr zu verletzen, und flüsterte: "Danke, danke dass du mir meine Seele zurück gegeben hast!"
Dann stand sie auf. Unas Blick verfolgte sie, und durch Avas Körper fuhr eine Wärme, die ihr erneut Tränen in die Augen trieb. Doch dieses Mal waren es keine Schmerzen, sondern eher Tränen der Rührung. Sie nickte nur, dann wischte sie sich die Tränen ab, denn Raoul durfte sie nicht weinen sehen!
Und dann hatte sie sich wieder im Griff. Sie öffnete die Tür und stieg, so schnell sie konnte, die Treppen hinauf - und lief auf dem schnellsten Weg zurück in ihr Zimmer. Sie wollte jetzt erst mal in ihr Bett - und alles Weitere würde folgen...

