38. Raouls Pläne
Raoul war seit geraumer Zeit unruhig. Er spürte, dass etwas nicht in Ordnung war, ohne genau zu wissen, was es war. Aber er ahnte irgendwie, dass es mit Ava zu tun hatte. Zudem hatte er schon länger nichts mehr von seinem Zögling gehört. War alles in Ordnung? Auch Moira hatte sich nicht mehr blicken lassen, allerdings war das auch kein Wunder, nachdem, was geschehen war. Er spürte immer noch Groll in sich, wenn er daran dachte, was diese ihm für "Neuigkeiten" mitgeteilt hatte.
Nun gut, an dem was geschehen war, konnte er nichts mehr ändern, und nun wollte er Ava holen, um mit ihr zusammen zu besprechen, wie sie bezüglich des Verschwindens ihrer Gefangenen verfahren sollten. Natürlich könnte er das auch alleine regeln, aber er wollte Ava dabei haben. Als aktiven Teil an seiner Seite.
Dann ging er los und erreichte wenige Augenblicke später Avas und Moiras Zimmer. An Moira war er im Grunde nicht interessiert, sie würde ihn bestimmt mit Fragen löchern, aber er war nicht ihretwegen hier. Außerdem konnte ihr ein klein wenig Strafe nicht schaden. Raoul grinste gehässig, dann trat er ins Zimmer ein...
Und das Lächeln gefror ihm Sekunden später. Beide Betten, auf denen er sowohl Moira, als auch Ava, erwartet hatte, waren leer. Raoul konnte sich nicht erklären, wo die beiden waren. Er hatte keine von beiden zu sich bestellt, und auch sonst niemand von seinen Untergebenen hatte direkten Kontakt zu ihnen. Was war hier los?
In seinem Inneren rumorte es immer mehr. Hier stimmte etwas ganz und gar nicht! Und dann spürte er Tumult in sich. Zuerst unbestimmter Art, die er nicht wirklich zuordnen konnte - doch seine Diener, die im Labyrinth acht geben sollten, schlugen Alarm!
Raoul hetzte zurück in seinen Raum. Er musste wissen, was vor sich ging! Aus irgend einem Grund schlugen seine dunklen Wesen zwar Alarm, traten aber nicht konkret mit ihm in Verbindung, um ihm mitzuteilen, was los war? Was ging hier vor sich?
Dann trat er ein und zögerte nicht lange. Er nahm sich das Buch hervor, das ihm bereits zuvor gute Dienste geleistet hatte, als er heraus gefunden hatte, wohin die Mädchen geflohen waren, und dass es noch ein Einhorn gab, was sich nun in seiner Gewalt befand, dachte er jedenfalls.
Es schüttelte ihn immer noch, als er den Einband sah, und so schlug er die nächste Seite auf, ohne die vorige groß zu beachten. Er konzentrierte sich, und wenige Sekunden später, bildete sich eine neue Zeichnung, die anfing "real" zu werden.
Was er sah, schockierte ihn zutiefst. Er konnte es kaum fassen. Er sah Ava, kurz nachdem er ihr den Auftrag gegeben hatte, das verhasste Einhorn, sein Todfeind, in die Einzelkerker, nahe der Katakomben, zu sperren. Eigentlich war er der Auffassung gewesen, sie hatte ihre Aufgabe erledigt, doch nun riss er entsetzt die Augen auf, als ihn die Bilder nahezu überrollten: Ava hatte Kontakt zu dem Tier!
Kontakt einer Art, wie sie es niemals haben sollte! Ihm wurde geradezu schlecht, als er es schließlich begriff, dass dieses Wesen Ava die Seele zurück gegeben hatte!
Raoul keuchte. Doch es wurde noch schlimmer. Als das Bild stehen geblieben war, hatte er die Seite umgedreht, und es bildete sich eine neue Zeichnung. Dann sah er sowohl Ava als auch Moira zusammen in ihrem Zimmer. Er konnte nicht erkennen, was die beiden dort taten, es sah beinahe so aus, als würden sie schlafen, doch ab und an schaute Moira zu Ava herüber - und Ava hatte zwar die Augen geschlossen, aber Raoul wusste, dass sie nicht schlief. Dennoch konnte er sich nicht erklären, was sie dort tat. Dann stand sie plötzlich auf und verließ den Raum. Einige Minuten später tat Moira dasselbe - und das Bild blieb erneut stehen.
Raoul knurrte ungeduldig. Wieder drehte er die Seite um, und erneut bildete sich eine Zeichnung; Ava lief auf eine Gegend zu, die er nur zu gut kannte, von der er sich aber nicht annähernd vorstellen konnte, was sie dort zu suchen hatte...
Und dann sah er sie: Raouls Augen wurden groß, er starrte einfach nur auf die Zeichnung, die ihm nun aufzeigte, wie Ava sich mit den geflohenen Gefangenen, unter denen sich auch ihre Schwester befand, traf - und Moira kurze Zeit später ebenfalls dort auftauchte. Dann sah er den kurzen, aber heftigen, Kampf, den Ava mit ihrer ehemaligen Ziehmutter führte, und er konnte fassungslos mit ansehen, wie diese von Ava ermordet wurde.
Es dauerte einige Sekunden, bis die Bedeutung dessen, was das Buch ihm zeigte, in Raouls Gedanken vordrang. Anscheinend hatte Ava die Seiten gewechselt? Wieso sonst würde sie ihre ehemalige Ziehmutter töten? Weshalb traf sie sich überhaupt mit dieser Brut? Und woher wusste sie, wo sich diese aufhielten?
Irgendwie hatte er immer noch die Hoffnung, dass sich irgend ein Sinn dahinter verbarg, den er noch nicht verstanden hatte. Also schaute er weiter, wie sich die Zeichnungen erneut veränderten, und sich, Seite für Seite, neu bildeten.
Als nächstes zeigte ihm das Buch, wie die Mädchen, und ein Wesen, das Raoul als Fee des Waldes ausmachen konnte - wohl eins, das anscheinend den Angriff überlebt hatte, wie auch immer dies geschehen konnte - gemeinsam weiter gingen. Wohin konnte er sich auch nicht vorstellen, doch dann registrierte er auch hier, wo sie schließlich landeten.
Raouls Blut kochte. Er starrte nur noch völlig gebannt auf die "lebenden" Zeichnungen, die ihm nun haarklein das Eindringen ins Labyrinth, und die Suche der Mädchen und der Fee aufzeigten. Und auch, wenn er es nicht wahr haben wollte, er wusste, was sie dort wollten.
Und dann zeigte ihm schließlich das Buch auch das. Sie hatten die Kerkerzelle des Einhorns gefunden - und Ava tat tatsächlich das, was er ihr niemals zugetraut hätte, nicht einmal in seinen ärgsten Träumen, sofern er denn überhaupt welche hatte. Sie half, das Einhorn zu befreien!
Und zu guter Letzt sah er auch noch, wie sie versuchten, zu fliehen, und hinter ihnen plötzlich seine Geschöpfe auftauchten. Deswegen hatte er sie gespürt, doch warum hatte ihm niemand etwas derartiges mitgeteilt? Er würde sich um sie kümmern müssen, doch nun musste er erst einmal wissen, was weiter geschehen war. Es war ihnen doch wohl gelungen, das Einhorn wieder einzufangen? Und die Brut ebenso? Doch tief in sich wusste er, dass es nicht so war. Und dann sah er auch das. Sie waren geflohen. Es war ihnen tatsächlich gelungen, dank Avas Hilfe, seinen Kreaturen zu entkommen, und schließlich auch durch den Ausgang zu gelangen - und dann waren sie erneut verschwunden. Das Mädchen mit den Teleportationskräften hatte sie fort gebracht, wohin auch immer.
Raoul warf das Buch im Wutrausch von sich, es schlug in die nächste Ecke. Das konnte doch nicht wahr sein! Es hatte ihn so viel Kraft gekostet, dieses Mädchen für sich einzunehmen, er war so stolz auf sich gewesen, sie sein Eigen nennen zu können; er hatte ihr die Seele geraubt, sie schwarz wie die Nacht werden lassen - und diese Kröte von Einhorngestalt hatte in einem Augenblick alles zunichte gemacht. In ihm grollte es. Er wollte sie! Er wollte Ava, und dann würde er sich an ihr rächen! An ihr und der Schwester gleichzeitig, und in seiner Phantasie nahmen die Rachepläne bereits Formen an.
In diesem Augenblick klopfte es an die Tür. "Was willst du?", grollte er, und an seinem Ton wurde klar, dass es nicht ratsam war, einzutreten, wenn es nicht wirklich extrem wichtig war!
Langsam öffnete sich die Tür, und ein Wesen trat ein, mit dem Raoul nun überhaupt nichts gerechnet hatte. Die Elfe, die von Ava erschaffen worden war, als er diese ihrem ersten Test unterzogen hatte. Sie verbeugte sich vor ihm: "Herr? Verzeiht mir, bitte, aber ich habe ebenfalls gespürt, dass etwas geschehen ist, was mit meiner Herrin, beziehungsweise wohl eher ehemaligen Herrin, zu tun hat..." Weiter kam sie nicht, Raouls Augen blitzten, als er sie ansah und fragte: "Weißt du, wo sie ist? Dann sprich!" "Nun, ich weiß zwar nicht, wo sie sich jetzt aufhält, aber ich ahne, was sie als nächstes vorhaben könnte... Und es ist die Frage, was Ihr nun gedenkt zu tun, beziehungsweise, was das Vernünftigste wäre, Euer Lordschaft". Sie neigte erneut ihr Haupt vor ihm. Dennoch ahnte Raoul, dass sie ihm etwas sagen wollte, und so knurrte er sie an: "Sprich, habe ich gesagt! Was ahnst du, und was denkst du, was das "Vernünftigste" wäre?"
Die Elfe sah ihn an. In ihren Augen stand ein Glanz, den Raoul ebenfalls bei Ava erkannt hatte. Sie war Avas Geschöpf. Um so erstaunlicher fand er es, dass sie sich nun scheinbar gegen ihre Schöpferin stellte. Die Elfe bemühte sich, schnell zu antworten: "Herr, es geht weniger darum, wo sich meine Herrin nun aufhält, als vielmehr darum, was Ihr jetzt gedenken solltet, zu tun. Wenn Ihr meine Meinung, oder meinen - gut gemeinten - Rat annehmen wollt, dann würde ich es vorziehen, sie machen zu lassen, was sie ohnehin vor hat zu tun. Als sie mich erschaffen hat, hat sie mir einen Teil von sich geschenkt, mit dem ich in der Lage bin, nachzuvollziehen, was sie vermutlich als nächstes zu tun gedenken könnte. Ihr Plan wird sein, Euch in die Irre zu führen. Sie weiß nicht, dass Ihr über sie Bescheid wisst, Herr. Natürlich könnt Ihr sie einfangen, ich bin mir sicher, Ihr werdet früher oder später heraus finden, wo sie ist; natürlich könntet Ihr sie auch töten - doch wozu? Lasst sie doch einfach machen. Sie denkt, sie würde Euch etwas vormachen, wenn sie weiterhin Eure Dienerin ist. Und Ihr könntet sie auf diese Weise ausspionieren... Vielleicht bekommt Ihr sie so ja leichter wieder zurück auf die richtige Seite? Wenn Ihr sie zwingt, ist das sicherlich undenkbar; aber wenn sie keine Ahnung hat, dass Ihr derjenige seid, der falsch spielt? Und dann werde zudem noch ICH an Eurer Seite sein! Mich wird meine "Herrin" niemals als Falschspielerin erwarten, schließlich bin ich IHRE Schöpfung! Doch ich habe dazugelernt. Ich bin mein eigenes Wesen! Dazu hat sie mich gemacht, das stimmt!
Lasst sie machen, und sie wird ihr eigener Untergang sein; und zudem wird sie Euch dann sicherlich auch zu ihren neuen Verbündeten führen, mit denen sie jetzt sicherlich zusammen ist, wenn diese nicht sogar freiwillig kommen..."
Dann schwieg sie, und senkte erneut den Blick.
Raoul war erstaunt. Er wusste zuerst nicht, was er sagen sollte, und das ärgerte ihn. Musste er sich ernsthaft von einem untergebenen Wesen, zudem nicht einmal sein eigenes, sagen lassen, was er tun sollte? Doch dann überlegte er trotzdem. Sie hatte nicht Unrecht. Wenn er Ava mit Gewalt begegnen würde, könnte er sie töten. Er würde es sogar tun, genau wie die andere Brut auch. Doch trotz der unbändigen Wut, die er immer noch verspürte, tat es ihm immer noch weh, denn er hatte auch nicht vergessen, dass ER ihr Schöpfer war. Und die eigene Schöpfung zu vernichten, hieß zuzugeben, dass man etwas falsch gemacht hatte. ER machte keine Fehler!
Und so nickte er schließlich und antwortete: "Dein Vorschlag ist nicht übel! Dennoch ist es MEINE Entscheidung, ich hoffe, dass weißt du!" fügte er noch hinzu.
Die Elfe nickte. "Natürlich weiß ich das, Herr. Ich hoffe, Ihr verzeiht mir mein forsches Eindringen, oh Herr..." "Ja, und nun geh!" knurrte er, und zeigte auf die Tür. Die Elfe verbeugte sich, und beeilte sich, das Zimmer zu verlassen.
Als sie draußen war, überlegte Raoul. Er wusste immer noch nichts genaues über ihren Aufenthaltsort, und wollte erneut das Buch hervor holen, das er in seiner Wut in die nächste Ecke geschmissen hatte, als ihm etwas anderes einfiel. Er wusste nicht genau, weshalb ihm nun dieser Gedanke kam, eigentlich war Ava wichtiger, aber dennoch nahm er nun dsa andere Buch zur Hand, Angels Tagebuch.
Auch dieses widerte ihn an, dennoch öffnete er es, und dachte an Moira. Er hatte zwar gesehen, dass sie anscheinend beim Kampf mit Ava gestorben war, aber etwas ließ ihn plötzlich daran zweifeln, dass es wirklich so war.
Und dann wusste er auch, weshalb. Das Buch zeigte ihm etwas, was seine ersten Pläne komplett über den Haufen warf. Jetzt wusste er, was er zuerst tun musste, bevor er sich weitere Gedanken über Ava und die andere Brut machen konnte. Er brauchte wirkliche Hilfe, und er wusste auch, dass er diese bei Moira bekommen würde. Ava war für ihn verloren; dennoch behielt er sich den Plan, den diese Elfe ihm auf aufgezeigt hatte, vor. Sie war gar nicht so unintelligent gewesen. Und auch, wenn es ihm, und vermutlich auch Moira, extrem schwer fallen würde, sich daran zu halten; sie würden es tun müssen!
Und dann, irgendwann, wenn der Zeitpunkt erneut gekommen war, würde auch Ava bekommen, was sie verdiente - zusammen mit der gesamten Brut, die sie nun verband...

