19. Neue Wege...
Angel hatte das “Tagebuch” vor sich auf dem Tisch liegen und es aufgeschlagen. Sie las in den ersten Sekunden immer wieder die Inschrift ihrer “Mutter”, beziehungsweise die Frau, die sie in der Menschenwelt über ein Jahrzehnt für diese gehalten hatte. Ihre Gefühle schlugen Rad. Sie wusste auf der einen Seite, dass diese Frau nicht ihre wahre Mutter war; beide Eltern waren es nicht; dennoch fühlte sie Schmerz in sich, als sie an sie dachte. Die Erinnerung an ihr wunderbares Leben überflutete sie, und sie hätte beinahe geweint. Sie waren so gut zu ihr gewesen, hatten sie aufgenommen, obwohl sie nicht ihre Tochter war und sie hatte sich so von ihnen getrennt… Angel wurde beinahe schlecht, als sie daran dachte, dass sie die beiden vermutlich niemals wieder sehen würde…
Dann fühlte sie einen Schlag in den Rücken. “Was ist nun? Ich will die Zukunft sehen! Mach, dass das Buch etwas zeigt, oder ich werde dich zurück in die Kammer bringen - und dich zusehen lassen, wie deine Freunde zu Tode gefoltert werden - willst du das??” fragte der dunkle Herrscher mit tiefer Stimme. Angel schüttelte den Kopf. Natürlich wollte sie das nicht! Sie blickte nun beinahe verzweifelt auf die erste Seite, auf der nichts mehr zu lesen war. Es war wirklich wie verhext; alles, was bisher dort geschrieben stand, war weggewischt…
Die ersten Sekunden geschah gar nichts. Angels Verzweiflung stieg, denn sie wusste im Grunde doch selber nicht, was sie getan hatte um das Buch dazu zu bekommen, ihr etwas zu zeigen. Hatte sie überhaupt etwas getan? Oder war die Magie ganz alleine aus dem Buch heraus gekommen? Wenn dies so war, dann konnte sie jetzt nur hoffen, dass das Buch ihnen etwas offenbarte - denn wenn nicht, waren sie alle verloren!
“Bitte… sag was als nächstes geschieht” flüsterte sie, mehr zu sich selbst und aus purer Verzweiflung - und ohne zu hoffen, dass wirklich etwas geschehen würde.
Doch kaum hatte sie etwas gesagt, schon tat sich etwas: Die erste Seite des Buches veränderte sich! Sie sah die Buchstaben, die sich zu Sätzen formten - und dann konnte sie lesen, was geschrieben stand: “Die Welt wird in Schwärze verfallen; die Hoffnung stirbt, mit einem Kind, das ursprünglich geboren ward, die Welt zu retten. Doch es vergeht in Dunkelheit - und mit ihr die Prophezeiung der alten Welt…” Dann verschwand der Text und das Buch sah wieder aus wie zuvor.
Angel starrte geschockt auf die leere Seite und wusste sofort, wen das magische “Tagebuch” gemeint hatte: Ava! Und auch der dunkle Lord wusste es. Er zog nun das andere Buch heraus, da er sich ebenfalls denken konnte, dass das Orakelbuch nichts mehr von sich geben würde und legte es Angel ebenfalls auf den Tisch: “Lies auch dieses Buch! Schnell! Ich will wissen, zu was meine Helferin in der Lage ist!” Er lächelte dabei diabolisch, denn im Grunde konnte er es sich bereits denken, doch er brauchte noch eine Bestätigung.
Angels Augen hatten sich mit Tränen gefüllt. Sie wollte nicht wissen, was nun auf sie zukam, denn sie hatte Angst vor dem, was sie nun sehen würde. Doch sie hatte keine Wahl. Erneut fühlte sie, wie sich ihr Hals zudrückte, und ihre Luftzufuhr abgeschnitten wurde… Sie öffnete das Buch an der Stelle, an der sie vorher aufgehört hatten zu lesen.
Im gleichen Augenblick konnte sie wieder atmen. Keuchend sah sie, wie die Zeichnung, die dort zu sehen war, lebendig wurde. So, wie die anderen Zeichnungen zuvor auch. Sie sah Dunkelheit, tiefste Schwärze - und aus dieser Schwärze heraus hörte sie die grausamsten Geräusche. Ja, sie sah das Bild nicht nur, jetzt hörte sie auch noch etwas aus dem Bild heraus! Angel bekam Panik. Sie spürte, wie der dunkle Herrscher sich über sie beugte, auch er besah sich das Bild voller Spannung. Doch in ihm regte sich etwas: Er spürte Macht! Unglaubliche Macht! Es begann!
SIE war dafür verantwortlich! Und im Gegensatz zu Angel war er nicht nur in der Lage, die Gestalten zu hören, die dort aus der Dunkelheit zu ihm sprachen; er konnte sie auch sehen! SEINE Kreaturen - von Ava erschaffen! Sie würde es also schaffen. Sie würde seinen Test bestehen. Mit ihrer Hilfe würde er der ultimative Herrscher sein und auch die letzten Überlebenden und diejenigen, die immer noch versuchten, sich gegen ihn zur Wehr zu setzen, endlich vernichten können! Sein schallendes Gelächter gab Angel schließlich den Rest, die keuchend über dem Tisch zusammen brach. Kurz vorher sah sie noch die immer dichter werdende schwarze Masse, die aus seinem Körper drang und ihn umschloss. Seine Aura….
Ava war in der Zwischenzeit in tiefer Dunkelheit gefangen. Sie war nur mithilfe ihrer Kräfte überhaupt in der Lage, etwas zu sehen, doch viel war es nicht. Doch sie hörte etwas in der ziemlichen Dunkelheit um sich herum. Laute, Stimmen… auch, wenn sie nicht in der Lage war, die Wesen zu sehen, die sie ausstießen. Doch sie wusste, dass sie da waren und sie musste sie sehen können. Das gehörte doch zu ihren Fähigkeiten! Dinge zu sehen, die für andere unsichtbar waren! Deswegen hatte Raoul sie doch hier herein geschickt. Sicher nicht, um sie sterben zu lassen! Dessen war sie sich sicher…
Langsam wurde es heller um Ava herum. So, als hätte jemand ein Licht angeknipst, das erst langsam seine vollständige Helligkeit erlangt. Ava war zufrieden. Und dann sah sie das erste grauenhafte Wesen, das bereits zum Sprung ansetzte, um sie zu zerfleischen. Es war riesig und noch grauenerregender als die Werwolfsbrut draußen gewesen war. Es sah einem Bären ähnlich und doch war es völlig anders. Krallen und Zähne wirkten beinahe wie Messer! Im letzten Augenblick dachte Ava an ihr Messer. Sie griff an ihre Seite. Sie hatte es tatsächlich bei sich!
Ava konnte sich nicht erinnern, es in die Hand genommen zu haben; dennoch war es da! War dies Magie? Sie wusste es nicht, im Grunde war es auch egal. Furchtlos lief sie auf das Monster zu und stach ihm ins Fell. Sie hörte ein furchtbares Heulen und Kreischen - und dann traf sie ein Schlag. Nicht nur einer, sondern mehrere - ebenfalls von hinten, wo sie vorher noch gar nicht hingeschaut hatte! Ava nahm ihr Messer und warf es in alle Richtungen. Sie wusste, sie hatte nur eine Chance! Entweder sie schaffte es, diese Kreaturen zu vernichten oder sie würde jetzt und hier sterben. Zudem war außer ihr keiner in der Lage, diese Kreaturen zu sehen, denn sie bestanden aus purer Dunkelheit und waren dort zu Hause!
Ava lachte, während sie sich einmal um sich selbst drehte und das Wurfmesser dabei an ihrem Seil hielt. Die Monster hatten nicht damit gerechnet und wurden zerfetzt. Diejenigen, die nicht vernichtet wurden, waren so schwer verwundet, dass Ava sie einfach erstechen konnte…
Schließlich war es geschafft. Ava hatte sie alle vernichtet. “So einfach? So leicht machst du es mir??” brüllte sie in den leeren Raum hinein. Noch mehr Kreaturen kamen nicht auf sie zu, und Ava wunderte sich, gelinde gesagt, ein wenig darüber. Dann hatte sie eine Idee. Es kam wie aus heiterem Himmel. Darüber, ob es wirklich ihre Idee gewesen war, oder ob jemand im Hintergrund “nachgeholfen” hatte, wusste sie nicht, aber das war auch egal: Sie stand in einem leeren Raum! Einem Raum, in dem tiefste Dunkelheit herrschte und außer ihr niemand etwas würde sehen können… Die Kreaturen, die vorher hier drin gewesen waren, hatte sie vernichtet; sie hatte die Bestien des dunklen Herrschers vernichtet - einfach so! Und nun würde sie die neuesten Kreaturen herstellen! SIE würde die neue Herrscherin über neue Wesen sein - über Bestien, die selbst der dunkle Herrscher noch nie gesehen hatte!
Ja, Der Wahnsinn stellte sich bei Ava ein, und sie lachte. Es war dasselbe Lachen, das auch der Lord bereits mehrfach von sich gegeben hatte…
Ava stellte sich in die Mitte des Raumes und schloss die Augen: In ihrer Vorstellung erschienen Bilder von Kreaturen, die sie noch niemals in dieser Welt gesehen hatte. So grauenvoll, dass es selbst ihr kurzfristig einen Schauer über den Rücken trieb, als sie nur an sie dachte - und sie stellte sich auch vor, was sie tun würden, wenn sie ihre Feinde in die Finger bekämen. Sie würden sie nicht einfach töten. Diese Bestien würden sie brechen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Und zerfleischen, zerstückeln - bei lebendigem Leib. Die Kreaturen waren nicht alle gleich groß, die Ava sich ausdachte, mal waren sie genauso groß wie die Wölfe, aber dennoch schlanker und wendiger in der Gestalt. Und andere waren noch größer und sahen noch furchteinflößender aus. Und natürlich hatte sie auch genug Monster erschaffen, die für jeden - außer ihr selbst - nicht zu erkennen waren.
Und dann hatte sie die Idee, wenigstens eine Kreatur zu erschaffen, die nicht furchtbar aussah. Eine Kreatur, die in der Lage sein würde, Vertrauen zu erschleichen. Das Vertrauen ihrer Feinde - um sie dann hinterrücks zu erledigen. Mit einer Macht, die ihm keiner zutrauen würde! Ja, diese Kreatur musste anders sein. Sie durfte nicht widerlich aussehen, nicht abstoßend - und vor allem nicht unsichtbar sein! Und dann hatte sie die richtige Kreatur erdacht.
Lächelnd öffnete sie die Augen wieder - und erstarrte im ersten Moment: alle von ihr erdachten Kreaturen, Monster und anderes “Getier” - auch die Unsichtbaren - standen vor ihr. Und in der Mitte erblickte sie die einzige, wunderschöne Gestalt, die zugleich ihre stärkste Waffe sein würde…
Ava nickte dieser und auch den anderen zu und sagte: “Nun meine Freunde, beginnt die Zeit der Jagd! Ihr habt meinen Segen; geht hinaus und fresst - fresst alles, was euch in die Fänge kommt! Die Welt wird vollständig dunkel und dem Lord gehören! Und wir werden es besiegeln!” Dann lachte sie erneut und alle in dem Raum lachten mit ihr. Es hörte sich an wie ein dröhnendes Donnern! Und wenige Sekunden später war der Raum wieder leer - Avas Kreaturen hatten sich auf die Jagd begeben; sie waren frei! Nur Ava stand noch im Raum - und mit ihr die einzige Kreatur, die nicht abstoßend und hässlich war. Ava wusste, dass diese zu höherem berufen war und sie begann, ihr ebenfalls Befehle zu geben…
Währenddessen hing Yuna immer noch an ihren Fesseln. Sie konnte sich nicht befreien und langsam hatte sie es aufgegeben. Sie merkte, dass sie schwächer wurde und sie wusste, dass es etwas mit diesen Runen, die auf ihre Haut gezeichnet worden waren, zu tun hatte. Sie konnte sich nicht heilen; dass spürte sie. Irgendwie verhinderten diese verdammten Zeichen, dass ihre Selbstheilungskräfte einsetzten und ohne ein bestimmtes Kraut würde sie niemals wieder auf die Beine kommen. Und die anderen auch nicht!
Yuna war verzweifelt. Was sollte sie jetzt tun? Ihre Freundinnen waren immer noch ohne Bewusstsein, Angel war verschwunden - sie konnte nur hoffen, dass sie nicht tot war und hielt sich an der Hoffnung fest - und sie konnte weder sich noch irgend jemand anderes hier heilen. Gab es überhaupt noch Hoffnung für sie?
Doch plötzlich fiel ihr etwas ein. Wieso war sie nicht schon früher darauf gekommen? Sie rief nach Taliya. Sie brauchte sie dafür - sie musste es einfach schaffen, sie wach zu bekommen! “Taliya, bitte! Wach auf! Ich brauche dich! Wir alle brauchen dich! TALIYA!!”
Yuna rief so laut sie konnte. Natürlich wollte sie nicht zu laut brüllen um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Momentan war keiner ihrer Feinde in der Nähe - da hoffte sie jedenfalls - und sie konnte nur hoffen, dass dies so lang wie möglich so bleiben würde! Doch noch machte weder Taliya noch Kida den Eindruck, als würden sie gleich aufwachen…
Gerade als Yuna richtig verzweifelt zu werden drohte, regte sich bei Taliya etwas. Yuna bemerkte, wie diese ihren Kopf hob, langsam und vorsichtig, so wie es schien. Sie hörte sie stöhnen. Ihre Schmerzen waren vermutlich ebenfalls grauenvoll. Yuna wusste, was sie nun von ihr verlangte. Es war vermutlich barbarisch und ob es funktionieren würde, wusste sie nicht einmal - aber es war ihre einzige Chance! “Taliya”… flüsterte Yuna dieses Mal und diese sah zu ihr hin. Yuna sah mit Erschrecken, wie furchtbar Taliya aussah. Sie blutete am ganzen Körper und sie hatte Schwierigkeiten zu sprechen, als sie schließlich fragte: “Yuna, du lebst? Gott sei Dank… Was, was ist mit…” Sie sah sich um und erbleichte. Zuerst sah sie Kida, die immer noch auf der Pritsche lag, an ihrem Zustand hatte sich nichts geändert. Und dann bekam sie einen Schock, als sie realisierte, dass Angel nicht mehr da war! “Wo ist Angel?? Yuna, wo ist Angel?” fragte sie beinahe hysterisch.
“Ich weiß es nicht! Taliya, du musst dich beruhigen; bitte!” “Mich beruhigen? Ich will wissen, was mit Angel passiert ist! Sie kann doch nicht einfach verschwunden sein!!” “Taliya, es ist gut jetzt!” Yunas Stimme war lauter geworden; sie hörte sich beinahe ein wenig an wie Taliyas oder Angels Mutter: “Tut mir leid, ich, ich wollte dich nicht anschreien - es ist nur… Hör zu, anscheinend hat jemand Angel hier raus gebracht, als wir ohnmächtig waren - ich habe keine Ahnung wozu, oder was mit ihr gemacht wurde…” Weiter kam sie nicht, denn Taliya begann zu schluchzen: “Was ist, wenn sie getötet wurde? Der dunkle Herrscher hat sie bestimmt umgebracht…” Sie begann tatsächlich zu weinen. Yuna stöhnte. Ihre Schmerzen stellten sich wieder ein und sie musste sich beeilen, Taliya zu erklären, was diese jetzt zu tun hatte: “Hör mir zu, Taliya, bitte! Noch einmal: Ich weiß nicht, was mit Angel ist und ich kann nur hoffen, dass sie nicht getötet wurde. Ich halte mich mit dieser Hoffnung aufrecht und das solltest du auch tun! Aber jetzt hör mir genau zu! Es ist etwas mit uns geschehen. Zumindest bei mir wurden magische Riten angewandt. Woher Ava - ich nehme an, dass es Ava war - diese kannte weiß ich nicht; vielleicht hat der Herrscher sie ihr auch irgendwie zur Verfügung gestellt…” Wieder musste sie die Zähne zusammen beißen und sich konzentrieren um fortfahren zu können: “Es ist jetzt wirklich wichtig, dass du dir merkst was ich dir jetzt sagte, verstehst du?” Sie blickte Taliya an und diese nickte. Etwas sagte ihr, dass Yuna vielleicht gerade etwas eingefallen war um sie zu retten: “Also gut, du weißt, ich verfüge über die Kraft der Heilkunst…”
Weiter kam sie nicht, denn Taliya unterbrach sie: “Ja, stimmt, dass sagtest du ja bereits - dann heil dich doch, und dann kannst du uns heilen…” Jetzt war sie es, die nicht weiter kam, denn Yuna funkelte sie an, trotz des Zustandes in dem sie sich befand: “Sagte ich nicht, dass du mir zuhören sollst? Verdammt! Taliya, wie du siehst, bin ich gefesselt. Selbst wenn ich es könnte, wäre es mir nicht möglich - abgesehen davon, brauche ich Heilkräuter für den Vorgang der Heilung.. Und dann habe ich dir gerade gesagt, dass mir magische Runen in die Haut geritzt wurden. Ich bin so nicht mehr dazu in der Lage, mich zu heilen, dass spüre ich….” Yunas Stimme wurde leiser und sie stöhnte erneut auf. Auch Taliya stöhnte, denn sie spürte ihre Schmerzen erneut. Besonders ihre Schulter brannte. Sie schauderte, als sie daran dachte, wie Ava ihr mit dem Messer hinein gestochen hatte. Sie sah auf sie hinunter und realisierte das Blut, das aus ihr heraus strömte…
“Und was genau soll ich jetzt tun?” fragte sie dann, als sie sich wieder zusammen gerissen hatte und blickte auf Yuna hinunter. Diese blickte ihr genau in die Augen: “Es gibt da eine Stelle die noch nicht vom dunklen Lord beherrscht wird. Es ist eine verborgene Lichtung im Wald der Feen… Es ist ein magischer Ort, der zudem auch durch die Wesen dort bewacht wird.. Es wird nicht einfach sein, dort hin zu gelangen; aber es ist unsere einzige Chance; diese Wesen haben ebenfalls die Kraft der Heilung - und sie kennen Formeln und Riten die diesen Ritus, der über mich gesprochen wurde, aufheben können!”.. Taliya sah sie immer noch an. Sie hatte es immer noch nicht verstanden: “Und wie sollen wir da hinkommen? Du sagtest doch selbst, du kannst dich nicht befreien…”
Yuna unterbrach sie. Ihr Gesichtsausdruck war unergründlich, als sie es schließlich sagte: “Ich nicht, und auch Kida ist dazu nicht in der Lage, noch dazu, wo sie immer noch nicht wach ist… - Aber DU bist es, Taliya. DU bist die einzige, die von diesem Ort hier fort kann… Und du weißt wie…”
Taliya starrte sie an. Zuerst wollte sie fragen, wie sie das meinte, doch dann hatte sie es verstanden. In den ersten Sekunden konnte sie nichts sagen, dann antwortete sie leise und beinahe mit trockener Kehle: “Das kann nicht dein Ernst sein! Ich, ich bin dazu nicht in der Lage, Yuna! Ich kann das nicht! Du weißt, was da letzte Mal passiert ist; da hab ich mich beinahe ins Nirwana teleportiert! Und - und wenn das wirklich so wäre, dass ich das hier auch kann, wieso soll ich dann nicht einfach euch auch befreien - wir gehen einfach alle zusammen! Ich meine, wenn ich mich dadurch befreien könnte, dann…” “Hör auf, Taliya! Du bist verletzt! Genau wie wir alle! Vielleicht merkst du es im Augenblick nicht mehr so, weil Adrenalin durch deinen Körper pumpt; aber du blutest sehr stark - deswegen musst du dich beeilen! Du würdest nicht lange hier durchstehen, und uns befreien könntest du erst recht nicht. Wir würden alle sterben. Außerdem wissen wir nicht, wo Angel ist! Die einzige Chance, die wir haben ist, dass du es schaffst, dich zu den Feen zu teleportieren! Sie um Hilfe zu bitten, so dass sie dich heilen können. Und dann kannst du mit der Zauberformel und den Heilkräutern hierher zurück kehren, damit ich mich heilen kann und ich werde Kida heilen… So und nicht anders werden wir es machen - wir haben keine andere Wahl!”
Taliya hatte ihr geschockt zugehört. Es machte Sinn, was Yuna sagte, und doch… “Und was ist mit Angel?” flüsterte sie, ein letzter Versuch des Aufbäumens, das Unvermeidliche hinaus zu zögern. “Wir werden sie suchen, das verspreche ich dir; aber jetzt musst du gehen! Ich spüre, dass wir nicht mehr viel Zeit haben - sowohl meine als auch eure Kräfte schwinden immer mehr! Bitte.. Geh!”
Yuna konnte kaum noch reden. Taliya sah sie an. Auch ihre Schmerzen waren beinahe unerträglich; doch langsam wusste sie, dass sie tun musste, was Yuna ihr gesagt hatte: “Also gut, ich versuche es.. Aber ich habe noch eine Frage: Wie soll ich es schaffen, dorthin zu gelangen? Was ist, wenn ich wieder an einem mir völlig unbekannten Ort komme? Wo ich mich überhaupt nicht auskenne? Oder noch schlimmer - wieder kurz vor das Tor??”
Yuna sah sie an. Ihr Gesichtsaudruck war erschreckend, und selbst Taliya konnte sich ihr Leiden vorstellen. Mühsam und schmerzgepeinigt sprach sie schließlich: “Denk an dein Ziel! Beim ersten Mal hattest du kein genaues Ziel vor Augen, dass hast du selbst gesagt! Dieses Mal muss du an die Feen-Lichtung denken. Immer an die Lichtung der Feen - die einzige Quelle des Lichts, die es hier in der Dunkelheit noch gibt… Möge die Kraft mit dir sein…” Und Yuna fiel wieder in die Dunkelheit der Ohnmacht hinab…
Taliya schrie auf, doch Yuna hörte sie nicht mehr. Schließlich schloss Taliya die Augen. Es hatte keinen Sinn; sie musste es probieren. Es war in der Tat ihre einzige Chance…
Sie hatte sich zwar geschworen es nie wieder zu probieren, nach ihrer vorigen Pleite, doch jetzt war es in der Tat eine andere Situation. Sie musste es tun! Yuna hatte sie darum gebeten - nein, nicht nur gebeten; sie verlangte es beinahe von ihr! Sie musste es tun und langsam wollte sie es auch. Ja, sie wollte es, und dann versuchte sie es. Sie konzentrierte sich auf die eine Sache, fokussierte sich ganz genau auf die Lichtung der Feen - “Die Feen-Lichtung, ich muss zu der Feen-Lichtung!” flüsterte sie immer und immer wieder - dann war sie plötzlich verschwunden. Taliyas Fesseln waren leer…

